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Studienreise MAROKKO

Die Königsstädte - Begegnungen mit der Welt des Islam
außerhalb des nahöstlich-palästinensischen Konfliktgebietes

Leitung: Pfarrer Hans-Dieter Brenner

25.10.2010 - 04.11.2010

Seit einiger Zeit wird uns durch die Nachrichten-Medien der Eindruck einer zunehmend polarisierten Welt vermittelt, in der ein immanenter Konflikt zwischen christlicher und muslimischer Welt unüberwindlich scheint. Die Suche nach dem inhaltlichen und qualitativen Unterschied zwischen den aktuellen Nachrichten, die sich an den Ausnahmen "sensationeller" Ereignisse orientieren, und der alltäglich gelebten "Normal"-Welt war eines der Hauptkriterien zur Auswahl des Reisezieles unserer diesjährigen Studienreise.

Auf unseren früheren Fahrten im östlichen Mittelmeer, nach Russland und nach Malta sind wir immer wieder den Folgen der sich aus den unterschiedlichen Missions-Kampagnen der verschiedenen Konfessionen ergebenden Konflikte begegnet. Die historischen Hinterlassenschaften der Kreuzritter-Orden prägen mit ihren Schrecken das Bild vom "christlichen Abendland" bis heute in den Ländern des Nahen Ostens.

Hieraus entstand die Frage danach, wie es sich in und mit einer islamisch-orientierten Welt lebt, die sich unabhängig von diesem Konflikt entfalten konnte. Unter dieser Voraussetzung blieb zur Auswahl unseres Reisezieles als einziges Land am Rande Europas, in dem die Kreuzzüge keine nachhaltigen Spuren hinterlassen haben, nur Marokko, das durch seine periphere Lage eine besondere Postion einnimmt.

So haben wir uns in unserem Studienreisekreis für Marokko als Reiseziel unserer "Begegnungen mit einer islamisch geprägten Welt außerhalb des nahöstlich-palästinensischen Konfliktgebietes" entschieden und uns inhaltlich und organisatorisch auf unsere Reise vorbereitet.

Das Signifikante an Marokko ist die abseitige Lage - abseits der großen internationalen Konflikte, abseits rohstofforientierter Kolonialinteressen, abseits der internationalen Durchgangsrouten - allenfalls interessant im Tranist auf der Küstenstraße nach Dakar in West-Afrika - aber wer will da heutzutage wirklich noch auf dem Landweg hin?

Im Blickwinkel der antiken Hochkulturen am östlichen Mittelmeer spielt Marokko keine Rolle. Das Wissen darum, dass das Gebiet bereist werden konnte, war präsent. Es gab aber weder strategische noch wirtschaftliche Gründe dies zu tun. Für Phönizier, Karthager und Römer war Marokko ein abseitiges Gebiet am bedeutungslosen Rand der damals bekannten Welt - allenfalls erregte die Ansiedlung der Vandalen in den Wirren der Völkerwanderung historische Beachtung. Doch auch die Vandalenherrschaft blieb - außer ein paar blonden Haaren im Erbgut der Berber - im historischen Gefüge ohne weitere Konsequenzen.

Da Marokko auch abseits der Kreuzfahrerrouten lag, blieb das Gebiet westlich der Meerenge von Gibraltar von Kriegsauswirkungen verschont, wie sie die Feindschaft etablierte, die zwischen christlicher und islamischer Kultur durch die Kreuzzüge entstand. Lediglich betroffen von islamisch-christlichen Kampfhandlungen waren marokkanische Hilfstruppen in ihrem Einsatz während der spanischen Reconquista. Doch auch ihre Niederlage blieb im Bewusstsein der marokkanischen Bevölkerung ohne weitere Resonanz, weil sich die Marokkaner nach ihrem erfolglosen Auslandseinsatz in Andalusien aus dem spanischen Konfliktgebiet einfach in ihre Heimat zurückziehen konnten.

Dies hat zur Folge, dass in Marokko die Begegnung mit einer islamischen Welt möglich ist, die nicht vordergründig durch Jahrhunderte währender Kriegserfahrungen mit generationsübergreifenden "Erb"-Feindschaften belastet ist.

Nach zwei Vorbereitungsabenden ist es dann soweit: Am Montag, dem 25.10.2010, geht unser Flug vom Frankfurter Rhein-Main-Airport aus mit der Royal Air Maroc über Frankreich, Spanien und Gibraltar nach Casablanca in Marokko.

Nach der Landung nimmt uns unser Tour-Guide Mohamed Chamaly am Flughafen Casablanca-CMN in Empfang. Er spricht sehr gut Deutsch; es ist problemlos, mit ihm ein intensives Gespräch zu führen - "Inschallah" - was uns von ihm auch in der Bedeutung von "schau-ma-ma" erläutert wird und einen ersten Eindruck in die marokkanische Lebensweise eröffnet. Wir fahren mit "unserem" Bus - die ersten Eindrücke des uns fremden Landes aufnehmend - zum Hotel.

Am nächsten Morgen - Dienstag, 26.10.2010 - beginnen wir unsere Marokko-Tour mit der Besichtigung der zweitgrößten Moschee. Üblicherweise dürfen in Marokko Moscheen nur von Muslimen betreten werden.

Eine der Ausnahmen ist die Hassan-II-Moschee in Casablanca, die als repräsentativer Neubau Tradition und Moderne vereint und als ein Begegnungsort für Menschen aller Religionen konzipiert ist. Bei der Führung gewinnen wir den Eindruck, dass wir auch als deutsche Christen gerne willkommen sind, auch dann, wenn wir uns einmal für einen Aufenthalt in einem Sakralbau "unangemessen" verhalten, wie es Touristen bei der Besichtigung von Sehenswürdigkeiten tun: unaufmerksam und alles fotografierend, was auch nur annähernd interessant sein könnte. Gleichzeitig sind wir vom Flair des riesengroßen Raumes beeindruckt.

Das Gebäude steht zum Teil - die Koran-Sure aufnehmend, nach der "Gottes Thron auf dem Wasser war"- auf Säulen im Atlantik, bietet 25.000 Menschen Platz und hat das z. Zt. mit 200 m höchste Minarett.

Auf dem Vorplatz lassen wir den Eindruck des Gebäudes noch einmal in uns nachwirken. Schließlich begeben wir uns zum Stadtrand für ein kleine Erholungspause und brechen dann auf nach Rabat.

Hier besichtigen wir das Mausoleum König Mohammeds V. und fahren vorbei am Königspalast in die Kasbah, um dort das Tagesprogramm mit einem kleinen Spaziergang abzuschließen. Am nächsten Morgen - Mittwoch, 27.10.2010 - fahren wir weiter nach Volubilis.

An der römischen Garnisonsstadt war seinerzeit die Südwest-Grenze des Römischen Imperiums. Dahinter lag nur noch "die Barbaren-Welt", allenfalls als Passage für Störche und Vandalen von Bedeutung. Römische Einschränkungen ignorierend verlassen wir das Gebiet der antiken Welt und fahren weiter nach Moulay Idriss.

Der Blick in das Mausoleum des "National-Heiligen" ist leider durch einen gerade stattfindenden Renovierungsumbau beeinträchtigt. Trotzdem verweilen Einheimische dort im stillen Gebet, um so die vom Heiligtum ausgehende Segenskraft in sich aufzunehmen; auch hier können diejenigen, die nicht nach Mekka pilgern können, ihre Pilgerpflicht - zwar eingeschränkt, aber immerhin - erfüllen. Das wiederum schränkt unsere Fotomöglichkeiten ein, was wir aber gerne respektieren. Über den Fruchtmarkt begeben wir uns zurück zum Bus zur Weiterfahrt nach Meknes.

Beim Gang durch die Innenstadt von Meknes besichtigen wir das Mausoleum Moulay Ismails und verweilen anschließend noch eine Weile auf dem Vorplatz des Bab Mansour, bevor wir zu unserem Nachtquartier nach Fes aufbrechen.

Donnerstag, den 28.102010, verbringen wir ganztägig in Fes. Wir beginnen den Tag mit einer Fahrt zur Zitadelle.

Den Blick auf die Altstadt lassen wir erst einmal auf uns wirken.

Bevor wir uns in die Medina begeben, ist am Seitenflügel des Königspalastes noch Zeit für ein Gruppenbild mit der ganzen Reisegruppe "Groupe-Brenner" samt Tour-Guide. Dann spazieren wir - Einblick in die mittelalterlichen Koranschulen, die Medersa Bou-Inania und die Medersa Attarine nehmend - im "Gänsemarsch" durch den Souq und wenden uns dem einheimischen Handwerk zu. Zunächst besuchen wir die Leder-Gerberei.

Die Gerb-Bottiche, die auf den Postgarten immer mit strahlend buntem Inhalt beeindrucken, nehmen in der Realität unsere Aufmerksamkeit mit üblem Gestank in Anspruch. Mit dem Duft frisch gebrochener Mint-Blätter, die man uns beim Betreten der Dachterrasse überreicht, lässt sich der "Ab-Duft" zum Teil auffangen. Beim benachbarten Tuchweber wird allerdings noch die Anwendung "alternativer Verfahren" erforscht. Nachmittags besichtigen wir eine Töpferei, in der auch Mosaik-Arbeiten anfertigt werden.

Um 17:00 Uhr sind wir zum Gottesdienst in der Evangelischen Kirche von Fes verabredet. Die Gemeinde gehört zur EEAM, der "Eglise Evangélique Au Maroc" und ist von Hause aus französischsprachig, weshalb eine wirkliche Gemeindebegegnung nicht zu Stande kommt. In der Gemeindestruktur sind die zurückgebliebenen "Kolonial-Franzosen" längst in der Minderheit. Die Mehrzahl der Gemeindeglieder sind junge Leute aus Schwarzafrika, die sich zur Ausbildung in Marokko aufhalten. Dies hat zur Folge, dass die Gemeinde durch ständigen Zuwachs finanziell in Druck gerät.

Immerhin kommt Pfarrer Hansruedi Lehmann mit seiner Frau (Mitte hinten) aus der Schweiz. Beide sprechen deutsch, auch die Kirchmeisterin Sabine Brückner (Mitte vorne), die - selbst im Rollstuhl - die diakonische Arbeit leitet.

Den Gottesdienst gestalten wir selber, in der Predigt (Pfr. Brenner - rechts) reflektieren wir an Hand von 2. Korinther 11, 16ff unsere eigene Reisesituation und feiern ökumenische Verbundenheit mit den Repräsentanten der Gemeinde in Fes beim gemeinsamen Abendmahl (Pfr. i. R. Altpeter - links). Gerne widmen wir unsere Kollekte der Gemeindearbeit in Fes.

Im anschließenden Gespräch erläutert Pfr. Lehmann, dass die Kirchengemeinde eine reine "Auslandsgemeinde" ist, da es Marokkanern nicht erlaubt ist, zum Christentum zu konvertieren. Sofern Kirchengemeinden dies respektieren und auf Missionierung verzichten, gibt es weder von staatlicher noch von gesellschaftlicher Seite Schwierigkeiten. Beim Gottesdienst standen die Türen offen, jeder der vorbeikam, konnte sehen, was da vor sich ging. Gegen 19:00 Uhr verabschieden wir uns und ziehen uns ins Hotel zurück, um die Tagesereignisse zu verarbeiten.

Am Freitag, dem 29.10.2010, fahren wir früh morgens weiter über Ifrane und Beni-Melall nach Marrakesch.

Beim samstäglichen Stadtrundgang in Marrakesch sehen wir, dass die Störche ihre Flugüberwachung offensichtlich selbst organisiert haben, werfen einen Blick auf die Koutoubia-Moschee und besichtigen die Saadier-Gräber.

Auf unserem weiteren Weg stehen Bahia-Palast und Souq auf dem Programm. Hier fällt uns angenehm auf, dass die Händler ihre Ware zwar anpreisen, aber auch mit einem "No, merci" akzeptieren, dass wir nicht alles kaufen wollen, was wir sehen.

Auf dem "Gaukler-Platz", dem Diemaa el Fna, erwarten wir die Abenddämmerung.

Danach schließen wir den Tag mit dem Besuch eines "fakultativ-obligatorischen" Folklore-Abends mit dem "typisch marokkanischen" Abendessen und der Fantasia bei Chez-Ali ab.

Am frühen Vormittag des 31.10.2010 starten wir zur nächsten Tagesetappe unserer Rundreise. Reformationstag an einem Sonntag ist uns Anlass, die Bus-Andacht unterwegs etwas ausführlicher zu gestalten.
Dem reformatorischen Selbstverständnis entsprechend, eingespielte kirchliche Grundsätze hin und wieder zu hinterfragen, entscheiden wir uns, unseren Tour-Guide Mohamed, der selber praktizierender Muslim ist und bisher immer nur geduldig zugehört hat, zur Beteiligung einzuladen.
Immerhin ist das Lob des allmächtigen und barmherzigen Gottes ja gemeinsames Anliegen der drei abrahamitischen Religionen - Juden, Christen und Muslimen. Deshalb nehmen wir - uns der Unterschiede und Gemeinsamkeiten durchaus bewusst - die den Koran "Eröffnende“ Sure 1 gerne in die Reihe unserer Psalmlesungen, Gebete und Lob-Gesänge auf. Ohne gegenseitige theologische Berührungsängste spricht uns Mohamed die Sure in Hocharabisch, übersetzt und erläutert uns den Inhalt und kann sie uns abschließend auch vorsingen, da er die Melodie seines Lehrers aus seinem Koran-Unterricht noch präsent hat.
Die gemeinsame Andacht reflektierend ist uns im Nachhinein aufgefallen, dass in Marokko gegenüber Nicht-Marokkanern offenbar die alte andalusische Religionstoleranz bewahrt wurde. Auf dem Markt sind jüdische Händler, hebräisch zählend und rechnend, genauso selbstverständlich, wie eine israelische Reise-Gruppe, mit der wir das Hotel geteilt haben, ohne dass uns das zunächst besonders aufgefallen wäre. Erst in Nachhinein haben wir bemerkt, dass das ja in der arabischen Welt "nicht unbedingt selbstverständlich" ist.

Während unserer Fahrt haben wir für Marokkaner richtiges "Sonntagswetter", worüber sich hier alle freuen und es genießen - es regnet. Schließlich erreichen wir die ehemals portugiesische Festungsstadt El Jaddida. Hier besichtigen wir die Zisterne, bevor wir dann nach der Mittagspause über die Küstenstraße nach Safi fahren, um dort Quartier zu nehmen.

Am Montag, dem 01.11.2010, begeben wir uns auf die letzte Etappe unserer Rundreise. In der - auf eine karthagische Gründung zurückgehende - Stadt Essaouira haben wir nach der Besichtigung unsere Mittagspause. Schließlich machen wir uns - vorbei am Cap Rhir - auf den Weg zu unserem Zielort Agadir.

Unterwegs gibt es noch einmal eine letzte, abschließende Team-Besprechung (v.l.n.r.: Pfr. H-D. Brenner, Beifahrer Ismael, Busfahrer Munier und Tour-Guide Mohamed Chamaly).

Da wir in Agadir bewusst auf ein organisiertes Programm verzichtet haben, finden wir hier die Zeit, die "Seele nachkommen" zu lassen und die vielen Eindrücke, die wir unterwegs angesammelt haben, zu "verkraften".

Schließlich fliegen wir am Donnerstag, dem 04.11.2010 von Agadir aus über Casablanca zurück nach Frankfurt.

Rückblickend auf eine rundum schöne Tour gilt es für die erlebnisreichen Tage noch einmal herzlichen Dank zu sagen - Frau Eyting vom Reiseveranstalter für die umfangreiche Organisation, dem Tour-Team für die exzellente Betreuung und der Reise-Gruppe für das harmonische Miteinander. - Pfr. Hans-Dieter Brenner / Fotos: HDB/MAb/Leh

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