Abschied

Pfr. Hans-Dieter Brenner

Entpflichtung in den Ruhestand

Als ich mich vor nun 34 Jahren - am Sonntag, dem 03.07.1983 - mit Vorstellungsgottesdienst, Katechese und anschließendem Gemeindegespräch in der Werlauer Kirche für die 2. Pfarrstelle (Biebernheim-Urbar-Niederburg / Werlau-Holzfeld-Rheinbay) in der Evangelischen Kirchengemeinde St. Goar beworben habe, hätte ich jeden Gedanken daran, dass ich möglicherweise bis zum Ende meiner Dienstzeit hier bleiben würde, weit von mir gewiesen. Weil sich aber unsere Welt immer in ganz anderen Bahnen dreht, als wir es nach unserem menschlichen Ermessen vorhersehen können, schaue ich nun auf eine ungeplant lange Dienstzeit hier in der Evangelischen Kirchengemeinde St. Goar zurück.

Wie das nun einmal so ist, stellt sich im Laufe einer solch langen Zeitspanne manche Begebenheit ein, auf die ich - zumindest im Nachhinein - lieber verzichtet hätte. Vieles aber wird mir in guter Erinnerung bleiben, an das ich gerne zurückdenke.

Wenn ich die Anfangszeit 1983 in Blick nehme, kommt mir eine Zeit in Erinnerung, die mit den Selbstverständlichkeiten unserer heutigen Welt kaum noch in Einklang zu bringen ist. So ergab es sich beispielsweise, dass als erste besondere Veranstaltung eine Fahrt von St. Goar aus zum Friedensgottesdienst der Superintendenten in Jülich ins Programm genommen wurde. Kirchen- und Gemeindetage mit Friedensdemos standen damals auf der Tagesordnung; es war kaum möglich, sich durch die Rheinische Kirche zu bewegen, „ohne sich dabei in irgendeinem Friedensnetz zu verheddern“.Natürlich war ich mit dabei, als in Folge des Nato-Doppelbeschlusses bei den vom Hunsrück ausgehenden Protestaktionen gegen die Pershing-Stationierung mit einer Menschenkette von Hasselbach nach Duisburg demonstriert wurde. Und ebenso selbstverständlich habe ich mich damals auf Anfrage des Organisationskomitees gerne bereit erklärt, zusammen mit einer Mainzer Rockband am Stationspunkt in Ehr an der Hunsrückhöhenstraße von der Ladefläche eines dort abgestellten LKWs die Morgenandacht mit Friedensgebet zu halten.

Mit solch intensiven Eindrücken verbunden sind aber auch Schmunzelgeschichten der ganz anderen Art. So haben wir z. B. auf dem Kirchengemeindebüro überlegt, ob es Sinn machen kann, eine elektrische Schreibmaschine anzuschaffen, weil „die bei einem Stromausfall ja nicht funktioniert und dann nicht einmal mehr Briefe geschrieben und Akten bearbeitet werden können". Damals kam niemand auf den Gedanken, dass nicht einmal 10 Jahre später PCs zur Standardausstattung eines jeden Büroarbeitsplatzes gehören würden und bei Stromausfall überhaupt nichts mehr funktioniert, auch kein Telefon.

Unabhängig von vielen unvergesslichen Ereignissen werden mir auch manche persönlichen Begegnungen in Erinnerung bleiben.

Dabei überlagern sich Eindrücke aus der zunächst noch intensiv aufstrebenden Kirchengemeinde mit den Auswirkungen notwendiger Reduktionen, die sich in den permanent strukturschwächer werdenden Regionen unseres Landes ganz allgemein ergeben haben. Auch wurde es zunehmend erforderlich, Konzeptionsanpassungen vorzunehmen, weil sich manches nicht so entwickelt hat, wie es ursprünglichen Einschätzungen entsprach.

Neben der Pfarramtsroutine werden in meiner Erinnerung nicht nur viele Eindrücke bleiben von Leuten, mit denen ich gerne zusammengearbeitet habe, sondern auch von manchen Projekten, an denen ich mich beteiligen konnte, um Neues auszuprobieren.

Dabei sind mir neben den vielen interkonfessionellen Festgottesdiensten, die wir in den Festzelten der Vereine in den Höhenortschaften gefeiert haben, auch die Gottesdienste und Vespern mit besonderem musikalischen Akzent, die wir mit der Begleitung von Bläsergruppen, Chören und Rock-Bands feiern konnten, in Erinnerung geblieben, an die ich gerne zurückdenke.

Auch die "Reise-Projekte" schaffen ihre ganz eigene Akzentuierung, die sich vom gemeindlichen Alltagsbetrieb abhebt. Ursprünglich verankert in Kirchentags- und DDR-Partnergemeinde-Besuchen haben sich über eine Reise zu der Deutschen Evangelischen Gemeinde in St. Petersburg am Ende einer Russland-Tour Orientierungen an kirchengeschichtlichen Zusammenhängen ergeben, denen weitere Auslandsreisen folgten. Hierbei ist es mir immer wichtig gewesen, gottesdienstliche Verbindungen zu den Auslandsgemeinden zu suchen. So ist mir neben dem Besuch der Deutschen Gemeinde auf Malta ein spontaner Gottesdienst in der St. Pauls-Schiffbruch-Kirche unvergesslich. Ein Abendmahlsgottesdienst in der französisch-reformierten Gemeinde im marokkanischen Fes, die Gottesdienste und Andachten auf unserer Jordanien-Israel-Tour durch das Heilige Land, besonders am See Genezareth, und später im Baltikum sind mir bis heute präsent.

Neben meinen Erinnerungen an die Alltäglichkeiten und Besonderheiten im Dienst im 2. Bezirk der Kirchengemeinde, nehme ich viele Eindrücke aus der Gremienarbeit in unserem Koblenzer Kirchenkreis und in der kreiskirchlichen Süd-Region mit.

Durch meine "Nachbarschaftshilfe" im Laufe der 80er Jahre mit Vakanz-Vertretungen in den Nachbargemeinden Oberdiebach-Manubach, der Vakanz-Verwaltung in Bacharach-Steeg und einem Jahr Mithilfe im Religionsunterricht am Schulzentrum Oberwesel habe ich Einblicke in die Mittelrhein-Gemeinden gewonnen, die mir für meine eigene Orientierung eine große Hilfe waren.

Die
Einrichtung der Regionalstelle für Kinder- und Jugendarbeit im ländlichen Raum und der diese begleitende gemeinsame Jugendausschuss der Südgemeinden hat die Jugendarbeit über lange Zeit auch in unserer Gemeinde geprägt.
Damit verbunden war für mich das Engagement im Kreis-Synodalen Jugendausschuss, dem der "altersbedingte" Wechsel in den Kreis-Diakonieausschuss folgte. Die sich für mich hieraus ergebende Leitung der Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle hatte die letztendliche Umstellung zur Eingliederung in das Diakonische Werk unseres Kirchenkreises zum Ziel.

In den letzten Jahren war mein Einsatz maßgeblich durch die Kooperation mit unserer Nachbarkirchengemeinde Boppard und den dort angesiedelten Diakonischen Einrichtungen bestimmt. Hier ist mir besonders eindrücklich geworden, wie sich viele Verbindungen in der gesamten Mittelrhein-Region miteinander vernetzen, die man aus dem Blickwinkel nur einer Gemeinde gar nicht in ihrer ganzen Fülle erkennen kann.
Selbstverständlich habe ich in den letzten Jahren den mit großer Intensität tätigen Ökumenischen Arbeitskreis für Flüchtlingshilfe in der Verbandsgemeinde unterstützt.

Nach all den Erfahrungen, die ich in der Fülle der kirchlichen Arbeit gemacht habe, und mit den Eindrücken, die ich hieraus in unserer Kirchengemeinde, den kreiskirchlichen Gremien und den Kooperationsprojekten gesammelt habe, freue ich mich jetzt auf meine Entpflichtung im Gottesdienst am 27.08.2017 um 16:00 Uhr in der St. Goarer Stiftskirche.

Natürlich ehrt es mich, wenn ich bereits jetzt hie und da angefragt werde, ob ich denn nach meinem Ruhestandseintritt noch dies oder jenes tun könnte.

Ich habe mich aber dazu entschieden, dies nicht tun. Denn nur so kann ich mit dazu beitragen, dafür zu sorgen, dass der in der evangelischen Kirche im Mittelrheintal nötige Strukturwandel auch wirklich umgesetzt wird.

Darüber hinaus freue ich mich, nun am Ende meines Dienstes auf eine Zeit der persönlichen Neuorientierung, in der ich nicht mehr zuerst danach fragen muss, was nun als nächstes gebraucht wird und was unbedingt nötig getan werden muss. Ich möchte nun erst einmal für mich in Anspruch nehmen, dass ich jetzt für mich selber in Ruhe überlegen kann, was ich denn gerne für mich und von mir aus möchte, um nun vor allem auch erst einmal privaten Vorhaben Vorrang einzuräumen.

Rückblickend auf meine Tätigkeit in St. Goar bedanke ich mich bei allen, die meine Arbeit begleitet und mit mir zusammen das "Schiff, das sich Gemeinde nennt", nicht nur am selben Strang, sondern auch gemeinsam in dieselbe Richtung über den "Leinpfad" unserer Evangelischen Kirche im Rheinland und im Kirchenkreis Koblenz gezogen zu haben.
Ich verabschiede mich mit dem biblischen Wort aus Kolosser 3, 16 - 17: Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn - und hinterlasse meine guten Wünsche für Gottes reichen Segen in der Evangelischen Kirchengemeinde St. Goar.

Pfr. Hans-Dieter Brenner

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