Willi Lips,

Vortrag zur Ortsgeschichte

und

der Kirche von Biebernheim



gehalten im Festgottesdienst zum 300-jährigen Jubiläum
der Wiedererrichtung der Biebernheimer Kirche,
am 23. Sonntag nach Trinitatis, dem 30.10.2005



Zusammenhang


Wir feiern heute das 300-jährige Jubiläum der Wiedererrichtung unserer um die Jahreswende 1692/93 zerstörten Kirche.

Der Wiederaufbau dauerte fast 12 Jahre.

Auf die näheren Einzelheiten und die Geschichte der Kirche werde ich noch später zu sprechen kommen.

Auch Biebernheim war bei den damaligen Kriegshandlungen, unter denen unsere Gegend im Laufe der Jahrhunderte immer wieder zu leiden hatte, fast vollständig zerstört worden.

Durch die schutzlose Lage im Vorfeld der Burg Rheinfels war unser Dorf von Kriegsereignissen immer hart betroffen; denn es war Aufmarsch- und Belagerungsgebiet der feindlichen Truppen.

Wenn die Zeit reichte, flohen die Biebernheimer unter Mitnahme ihrer beweglichen Habe auf die rechte Rheinseite. Bei ihrer Rückkehr fanden sie dann meistens ausgeraubte Häuser und manchmal nur noch deren rauchenden Trümmer vor.

Von Kriegen und Belagerungen wird 1255, 1301, 1322 und besonders während des Dreißigjährigen Krieges berichtet: Nämlich 1621, 1626, 1632, 1646.

Hinzu kam die Pest. 1635 starben in St. Goar, wozu auch Biebernheim gehörte, über 200 Menschen.

Ein Zeitzeuge, der Plebanus - also der Landpfarrer - von Miehlen im Taunus, schreibt unter anderem über den Dreißigjährigen Krieg: "So schwand in diesem schrecklichen Glaubenskriege, vor allem Deutsche gegen Deutsche, die Bevölkerung dahin. In einer Verordnung vom 17. April 1643 bemerkte Landgraf Georg, daß in der Niedergrafschaft Katzenellenbogen viele Dörfer ganz entvölkert, in den anderen von 100 Einwohnern noch 10, höchstens 30 übrig seien, die Zahl der Familien in der Vogtei Pfalzfeld schmolz von 46 auf 10 zusammen. Das Dorf Mühlpfad war bis 1653 ganz verlassen, dann wurden dort drei Familien aus Brabant angesiedelt. Ebenso viele Brabanter wanderten in Pfalzfeld ein; sie waren von der Leibeigenschaft befreit. St, Goar verlor während des langen Krieges etwa 500 Einwohner. 32 Häuser wurden zerstört ... .

Mit Laub, Leder und Wurzeln stillten die Menschen den nagenden Hunger; gefallenes Vieh, Ratten und Mäuse wurden teuer erstanden und verzehrt.

Dieser Jammer dauerte an bis 1648 als der westfälische Friede dem armen entvölkerten Deutschland endlich die heißersehnte Ruhe brachte."

Diese Ruhe dauerte kaum 40 Jahre. Dann begannen die französischen Raubkriege. Die ersten erfolglosen Angriffe auf die Burg Rheinfels fanden 1684 und 1688 statt ... .

Natürlich wurden selbst bei erfolglosen Angriffen die Festungsanlagen durch Artilleriebeschuß beschädigt. Diese mußten schleunigst wieder aufgebaut werden. In seinem Buch "Ein Rheinisches Heimatbuch" schreibt hierzu Peter Knab:

" Es mußten bei diesen Arbeiten eine Menge die Bevölkerung belastende Frondienste und freie Lieferung von Baustoffen, insbesondere Holz, geleistet werden."


Kirche und Dorf

Nun zur Zerstörung der Kirche und des Dorfes:

Den wohl härtesten und folgenreichsten Angriff unternahmen die Franzosen um die Jahreswende 1692/93.

Ludwig der XIV von Frankreich hatte sich in seinem 3. Raubkrieg vorgenommen die Festung Rheinfels zu erobern, um dann nach Koblenz und Mainz vorstoßen zu können. Eine Streitmacht von 28 000 Soldaten, ausgestattet mit Geschützen, Mörsern und über 1000 Wagen Munition und Proviant, standen dem Oberbefehlshaber Graf Tallard zur Verfügung.

Die hessischen Verteidiger, durch abgefangene Schriftstücke der Franzosen gewarnt, bereiteten die Festung auf eine harte Verteidigung vor. Munition, Lebens- und Futtermittel wurden eingelagert, Truppen stationiert und in Reserve gehalten, die Biebernheimer auf die andere Rheinseite gebracht und das Vieh der umliegenden Ortschaften nach St. Goar getrieben.

Die französische Vorhut traf am 16.12.92 über den Hunsrück kommend vor Biebernheim ein. Am nächsten Tag begannen die Kämpfe. Am 2. Januar mußten sich die Franzosen zurückziehen, da Landgraf Karl mit einem Ersatzheer anrückte. Die Franzosen sollen nach ihren Angaben 4000 Tote und 6500 Verwundete verloren haben. Die Verteidiger 564 Tote und 885 Verwundete.

Die Hessen feierten ihren großen Sieg. In der Stiftskirche fand ein Dankgottesdienst statt und auf dem Biebernheimer Feld eine Parade. Landgraf Karl ordnete den sofortigen Wiederaufbau der Festungsanlagen an.

Und die Biebernheimer? Dazu Knab:

"Die Franzosen verbrannten das Lager, das Dorf Biebernheim (auch die Kirche) sowie Schanz- und Belagerungszeug ... um drei Uhr zogen sie durch den Stadtwald nach Pfalzfeld ab ..."

Als die Dorfbewohner von der anderen Rheinseite zurückkehrten, fanden sie nur noch rauchende Trümmer vor.

In den folgenden Jahren mußten sie die Kirche, das Dorf und die Festungsanlagen mühsam wieder aufbauen.

Das ist jetzt alles 300 Jahre her.


Weitere Geschichte

Beim Wiederaufbau, der damals unter den Pfarrern Johann Andreas Kröckius und Gisbert Peter Frowein erfolgte, benutzte man die alten Grundmauern und stehengebliebene Mauerteile.

Das reich gegliederte, achitektonisch sehr ausgewogene Schieferdach, welches schon vor über 100 Jahren von Fachleuten als ein gelungenes Werk des Dachdecker- und Zimmerhandwerks bezeichnet wurde, sowie das den Innenraum überspannene, schöne Gewölbe aus einer Holzkonstruktion und verputztem Pliesterwerk wurden damals hergestellt. Die verputzten Mauern aus Schieferbruchsteinen verzierte man außen mit Quergesimsen und aufgemalten Eckquadern. Auch das Kirchengestühl stammt vorwiegend aus dieser Zeit.

Eine Orgel besitzt die Kirchengemeinde seit 1835. Damals erwarb sie ein gebrauchtes Instrument, welches 1858 durch die noch heute vorhandene Orgel ersetzt wurde. Aufgestellt war sie bis 1923 auf einer Bühne im Chor (hinter dem Altar), welche bei Anschaffung der ersten Orgel hergestellt worden war.

Der Glockenstuhl bedurfte im Jahre 1891 einer gründlichen Reparatur. Da die größere der 1720 aufgehängten Glocken gerissen war, ersetzte man beide durch neue Gußstahlglocken in den Tonlagen D und F. Die Glocken tun heute noch ihren Dienst.

Unter Leitung des bekannten Kölner Baumeisters Withase erfolgte im Jahre 1893 eine Geamtrenovierung der Kirche.

Zur Erhaltung dieser, in ihrer Gestaltung sehr schönen kleinen Dorfkirche bewilligte die damalige Rheinprovinz die für diese Zeit sehr hohe Summe von 4000 Reichsmark, und die Provinzialsynode weitere 500 Reichsmark. Die Gesamtkosten betrugen 5200 Reichsmark; die Restsumme von 700 Reichsmark brachte die Kirchengemeinde auf. Das Mauerwerk der Südwestseite lag ehemals ca. 2,50 m im Erdreich. Bei der Renovierung errichtete man eine Stützmauer und legte es frei.

Der Anbau des Sälchens, auf der Südseite, erfolgte im Jahre 1923. Darüber, hinter den Sitzplätzen der Männer, erhielt die Orgel ihren jetzigen Platz.

Nach dem Abbruch der alten Orgelbühne war nunmehr eine Neugestaltung des Chorraums möglich. Dessen Ausmalung und die des neuen Sälchens führte der bekannte Koblenzer Maler Oskar Raber im Jahre 1927 aus.

Die jetzt vorhandene, dekorative Deckenbemalung im ursprünglichen Renaissancestil stammt aus dem Jahre 1956.


Schlußwort

Seit dem Wiederaufbau vor 300 Jahren blieb die Kirche in weiteren Kriegen, besonders mit unserem westlichen Nachbarn, vor einer Wiederzerstörung verschont.

Inzwischen haben die Völker, besonders aus dem letzten Weltkrieg, gelernt. Sie schließen sich zusammen und haben neue friedliche und freundschaftliche Beziehungen. Wir haben 60 Jahre Frieden, einen Krieg mit unsern Nachbarn können wir uns - Gott sei Dank - nicht mehr vorstellen. - Willi Lips am 30.10.2005



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