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Kleine Einführung

in die Funktionsweise einer Kirchenorgel am Beispiel der Orgel der evangelischen Kirche in Oberwesel

Dieses Dokument habe ich für eine Orgelführung mit den Kindergottesdienstkindern und Interessierten in Oberwesel erstellt.

Wenn man das Wort Orgel hört, bringt man es meist in Verbindung mit dem brausenden Klang des Instruments, wenn alle Register gezogen wurden. Oft habe ich die fragenden Blicke von Kindern gesehen, die das Instrument mit Staunen betrachteten. Da man sonst eigentlich nicht die Gelegenheit hat, die Orgel mal aus der Nähe zu betrachten, ergab sich aus einem Kindergottesdienst in Oberwesel die Gelegenheit für die dort anwesenden Kinder, die Orgel einmal ganz aus der Nähe zu betrachten und auch einmal in das Innere des Instruments zu schauen.



Woraus besteht denn eigentlich eine Orgel ?

Wenn man in der Kirche zur Orgel blickt, sieht man als charakteristisches Merkmal die vielen großen Pfeifen, welche in meist kunstvoll geschreinerten Holzgehäusen untergebracht sind. Dies ist aber nur eine kleine Zahl der in der Orgel insgesamt vorhandenen Pfeifen.



Eine Orgel besteht aus:

- dem Pfeifenwerk (1)
- der Windlade mit Windversorgung (2)
- der Traktur (Verbindung von den Tasten zu den Ventilen) (3)
- dem Spieltisch (4)

Wie kommt nun der Ton aus den Pfeifen ?

In die Windlade wird durch den Balg ständig Wind (blaue Farbe) hinein gedrückt. Daher entsteht dort ein Überdruck, wie z.B. in einem Luftballon, den man aufbläst und dann zuhält. Der Wind kommt so noch nicht an die Pfeife, weil das Spielventil (gelb in der Windlade eingezeichnet) noch zu ist.
(Die unter Druck stehende Luft wird in der Fachsprache der Orgelbauer als „Wind“ bezeichnet)

Drückt der Organist nun eine Taste/ein Pedal, wird durch die vielen Hebel (die nennt man „Abstrakten“) das Spielventil (gelb eingezeichnet) in der Windlade für die diesem Ton zugeordnete Pfeife geöffnet und der Wind (blau) kann durch die Pfeife ausströmen. Durch die besondere Konstruktion der Pfeife (sehr viele sind wie eine Flöte aufgebaut) entsteht dadurch der Ton.



Warum klingen die Orgelpfeifen so unterschiedlich ?

Bei den Orgelpfeifen gibt es verschiedene Formen, die durch ihre Bauart auch verschieden klingen. Das sind:

- Labialpfeifen und
- Zungenpfeifen.

Die Labialpfeifen sind wie eine Blockflöte aufgebaut und funktionieren auch so. Die Zungenpfeifen haben eine Metallzunge, die durch den Wind zum Schwingen gebracht wird. Im Prinzip funktionieren sie wie eine Kirmeströte (und klingen auch teilweise ähnlich). Beispiele für Zungenpfeifen sind z.B.: Trompete und Posaune.

Innerhalb dieser Hauptformen gibt es viele Unterformen, die jeweils für einen ganz bestimmten Klang gebaut sind. Da haben Pfeifen z.B. einen Deckel, sind oben zugespitzt und so weiter.

Alle Pfeifen einer Klangfarbe nennt man REGISTER und je mehr Register eine Orgel hat, um so voller klingt sie und um so mehr Pfeifen werden auch benötigt.

Viele Register haben Namen von Instrumenten eines Orchesters, da sie deren Klang nachahmen, wie z.B.:
- Blockflöte
- Posaune
- Trompete
- Spitzflöte,...

Aber es gibt auch sehr seltene und schöne Register an manchen Orgeln, die heissen zum Beispiel

- Vox humana (das ist lateinisch und heisst übersetzt: menschliche Stimme)
- Harmonica (klingt wie eine Mundharmonika)
- Gambe (klingt wie ein Streichinstrument)
- Trompete / Posaune
- Fagott etc...



Woraus werden Pfeifen gemacht ?

Die meisten Pfeifen einer Orgel sind aus Zinn, einem weichen Metall. Aus Kosten– oder Klanggründen gibt es aber auch Holzpfeifen (die klingen weicher und wärmer als Metallpfeifen).



Wie viele Pfeifen braucht denn eine Orgel ?

Für jede Taste und jedes Pedal braucht man eine eigene Pfeife. Für eine normale Klaviatur mit 56 Tasten wären das also auch 56 Pfeifen. Allerdings gibt es auch spezielle Basspfeifen – da braucht man natürlich nur soviel, wie Pedaltasten vorhanden sind. Die Zusammenstellung der verschiedenen Register für Manuale/Pedale nennt man Disposition.



Wie groß sind die Pfeifen ?

Je tiefer der Ton ist, um so länger ist die Pfeife. Viele Register haben als Zusatz zum eigentlichen Namen noch die Länge der Pfeife des tiefsten Tones dieses Registers. Also z.B. Rohrflöte 8' (der Apostrof bedeutet „Fuß“, eine englisches Längenmaß - ein Fuß sind ca. 30 cm). Hier wäre die tiefste Pfeife ca. 2,40 m lang. Viele größere Orgeln haben sogar Register mit 16 Fuß, d.h. da wären die Pfeifen dann schon bis zu 4,80 m lang. An Domorgeln gibt es sogar 32- bzw. 64-Fuß-Register!! Durch einen physikalischen Trick ist es allerdings möglich, die benötigte Pfeifenlänge zu halbieren – man verpasst ihnen einen „Stopfen“. Aber es gibt ja nicht nur große, sondern auch kleine Pfeifen – manche nur so lang wie ein kleiner Finger!



Was ist denn das Besondere an der Orgel in Oberwesel ?

Die Orgel wurde von dem Orgelbaumeister Gerhardt aus Boppard gebaut. Im Gegensatz zur im Text gezeigten Funktionsweise handelt es sich bei der Orgel in der ev. Kirche in Oberwesel um eine pneumatische Orgel. Diese Orgel hat keine direkte mechanische Verbindung von den Tasten zu den Spielventilen in der Windlade. Die Funktion der Abstrakten übernehmen Bleirohre, durch die beim Niederdrücken einer Taste Luft strömt. Und diese Luft bildet einen Überdruck im Bleirohr, der dann das zugehörige Spielventil aufdrückt, so dass der Ton klingen kann. Nun hat Luft aber die Eigenschaft, dass sie sich zusammendrücken (komprimieren) lässt. Und diese Eigenschaft führt dazu, dass nach dem Drücken einer Taste der Ton nicht sofort, sondern erst einen kleinen Augenblick später erklingt (wenn nämlich der Luftdruck stark genug ist, das Spielventil auf zu drücken). Bei ganz schnell gespielten Orgelstücken fällt das einem Organisten schon auf, dass er die Töne hört, deren Tasten er schon losgelassen hat.

Auf diesem Foto des Spieltisches mit geöffneter Klappe sieht man sehr gut die Bleirohre, durch welche die „Steuerluft“ von den Pedalen zu den Ventilen der Register für das Pedal gelangt. - Harald Mebus, 2004-Herbst/Winter



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