Das Evangelische Rheinland

ein rheinisches Gemeinde- und Pfarrerbuch

im Auftrag der Evangelischen Kirche im Rheinland

herausgegeben von D. Lic. Albert Rosenkranz



I. Band: Die Gemeinden - 1956



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Vorwort & Eräuterungen

Wer Einblick in Entstehung und bisherige Geschichte der Rheinischen Kirche gewinnen will, darf aber nicht bloß 6—700 Einzelgemeinden kennen lernen, sondern muß auch wissen, zu welchem Kirchengebilde jede der älteren von ihnen einst vor der großen Umwälzung um 1800 gehört hat. Der Landesherr war ja seit 1555 reichsrechtlich befugt, seinem Herrschaftsgebiet das kirchliche Gepräge aufzudrücken. Darum wird den heutigen Kreisgemeinden eine Karte beigegeben, die möglichst anschaulich machen soll, wie bunt die Kleinstaaterei gerade auf rheinischem Boden gewesen ist. Aus Gemeindegeschichten und Pfarrer-Personalien wird spätere Forschung einmal aufzeigen können, wie mannigfach schon in alter Zeit die Beziehungen zwischen der oberen und der unteren Hälfte der „Rheinprovinz", zwischen Oberland und Niederrhein gewesen sind, auch ehe der preußische König das ganze Gebiet 1835 unter einheitliche Kirchenordnung brachte.

Der zweite Band wird noch weniger ein Buch zu behaglichem Lesen werden als dieser erste. In ihm wird man ja einfach in alphabetischer Folge alle evangelischen Pfarrer finden, die seit der Reformation im heutigen Rheinland amtiert haben. Dadurch wurde das Namensverzeichnis gespart, das sonst dem ersten Band hätte beigegeben werden müssen. Die Personalien bei jedem Pfarrer werden nur das für eine kirchliche Betrachtung Wichtige enthalten. Hätten wir auch Frau und Kinder namentlich anführen wollen, so wäre der Umfang des zweiten Bandes sehr gewachsen. Und wie sollte man sich gegenüber den literarischen Erzeugnissen der zahlreichen Pfarrer verhalten? Die Titel jedes Büchleins und jedes Aufsatzes anzuführen, wäre eine wahre Sisyphusarbeit geworden. Wichtiges aber von Unwichtigem zu scheiden, hätte eine Urteilsfähigkeit und -Sicherheit vorausgesetzt, die ich mir einfach nicht zutraute. Familienforschern aber, die gern über Frau und Kinder unserer Pfarrer Bescheid wissen möchten, steht eine Anfrage beim Rheinischen Kirchenarchiv frei, dessen Kartei weit mehr enthält, als hier hat abgedruckt werden können. Die series pastorum, die mit jeder Gemeindegeschichte verbunden ist, brauchte nur Anfangsjahr und Namen des Pfarrers zu enthalten. War die Stelle längere Zeit unbesetzt geblieben, so wird das durch — 0 —, ist ihr Inhaber zur betreffenden Zeit nur unbekannt, durch — ? — angedeutet. Erlosch die Stelle, so erkennt man das durch — 0 am Schluß der Reihe. Daß die Vornamen durch Abkürzungen wiedergegeben werden, hat den Vorzug, unter verschiedenen gleichnamigen im zweiten Band leicht und schnell den richtigen herauszufinden (gleichfalls ein Vorschlag Goeters'). Den Rufnamen zu unterstreichen war nicht immer mit Sicherheit möglich, wurde deshalb ganz aufgegeben. Völlig unbekannter Vor- oder Nachname wird durch Y angedeutet, das ja als Anfangsbuchstabe eines Vornamens nicht vorkommt. Ein Auflösungsschlüssel für alle Abkürzungen wird jedem der beiden Bände beigegeben.



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St. Goar

Der aus Aquitanien zugewanderte Mönch Goar, dessen Zelle im frühen Mittelalter den Ort zu einer viel besuchten Wallfahrtsstätte gemacht hat, wirkte hier um 560 als Missionar. Das der Abtei Prüm unterstellte Benediktiner-Priorat wurde um 1100 in ein weltliches Chorherrnstift verwandelt. Der Dechant des Stifts war zugleich Pfarrer von St. Goar, der Hauptstadt der seit 1479 hessischen Niedergrafschaft Katzeneinbogen. Als Landgraf Philipp 1527 in seinem ganzen



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Gebiet die Reformation einführte, fand Neujahr 1528 in der Stiftskirche der erste luth. Gottesdienst statt. St.Goar ist also eine der ältesten ev. Gemeinden des Rheinlands. Damals wurde das Stift aufgehoben und seine 12 Kanonikate und 9 Vikarien auf die Pfarrer der Gemeinde und die Lehrer der Lateinschule verteilt, abgesehen von dem, was für Hospitäler und für Beihilfen an unbemittelte Studenten verteilt wurde. Der Rektor oder ein Lehrer dieser Schule war zugleich Pfarrer von Biebernheim. Auch in der Schloßkirche der 1245 erbauten Burg Rheinfels fand Gottesdienst statt. Durch den übertritt des Landgrafenhauses zum Calvinismus 1605 kam vorübergehend das ref. Bekenntnis zur alleinigen Herrschaft. Im Verlauf des Erbfolgestreites zwischen den hessischen Linien Kassel und Darmstadt wurde die Niedergrafschaft unter darmstädtischer Herrschaft 1626 (fünfwöchentliche Belagerung und Beschießung St. Goars und der Burg Rheinfels) wieder luth. Während die Schweden 1632 die Stadt schonten, bedrückte Turenne sie 1645—46 hart. Von Hessen-Kassel zurückerobert, wurde das Gebiet durch den Vergleich vom 14. IV. 1648 wieder von Darmstadt an Kassel abgetreten. Auch als jetzt eine besondere Linie Hessen-Rheinfels eingerichtet wurde, blieben die kirchlichen Angelegenheiten dem Konsistorium zu Kassel unterstellt. Doch bestand nunmehr seit 1649 in St. Goar eine ref. und eine luth. Inspektion und Gemeinde, die beide ihren Gottesdienst in der Stiftskirche abhielten. Neben den beiden Inspektoren standen hier zwei Diakone: der luth. war zugleich Pfarrer von Biebernheim, der ref. von St. Goarshausen (wie denn auch die Gemeinden des ref. Inspektionsbezirks auf dem rechten Rheinufer lagen). Im Lauf von etwa 40 Jahren erholte sich St. Goar von den Heimsuchungen des 30-jährigen Krieges. Dadurch, daß Landgraf Ernst von Hessen-Rheinfels am 6.1.1652 kath. wurde, kam es in St. Goar zur Gründung einer kath. Gemeinde, sodaß vorübergehend hier ein Simultaneum für alle drei Bekenntnisse bestand. Die harte französische Belagerung der Burg Rheinfels vom 17. VII. 1692 bis Neujahr 1693 wurde zwar glücklich abgeschlagen, brachte aber der Gemeinde neue Not, wie auch kleinere Heimsuchungen im 7jährigen Krieg und 1794 beim Einrücken der Franzosen sie trafen (Rheinfels 1797/98 gesprengt). Während dieser französischen Herrschaft gehörte die ref. Gemeinde zum Lokalkonsistorium Stromberg, die luth. zu Kastellaun. Das Stift verlor damals seine rechtsrheinischen Besitzungen im Wert von 351 000 Franken. Um die Stiftseinkünfte, die der Landesherr zwischen ref. und luth. Gemeinde geteilt hatte, wurde im 18. und 19. Jahrhundert viel gestritten. Als 1817 zwischen den 321 luth. und den 322 ref. Gemeindegliedern die Union zustande kam, übernahm diese ev. Gemeinde die bisherige ref. Pfarrstelle als erste, die luth. als zweite Stelle. Als der zweite Pfarrer (Hegemann) 1888 starb, wurde seine Stelle nicht wieder besetzt, sondern mit dem Pfarramt Biebernheim verbunden. Vorübergehend wurde diese Personalunion gelöst, als in Oberwesel eine ev. Kirche entstand: so wählte man 1900 P Martin von Biebernheim nach St. Goar als zweiten Pfarrer. Seit l. VII. 1920 besteht aber die Verbindung mit Biebernheim wieder, damit diese kleine Gemeinde gesichert bleibt (KA 1920 S. 75). Für das 1789 abgebrannte Stiftsgebäude wurde 1790 das jetzige errichtet, damals die Dienstwohnung der beiden Pfarrer. Außerdem besitzt das Stift das heutige Pfarrhaus. 1724 war die erste Schule durch einen Neubau ersetzt worden. Im ehemals kurtrierischen Oberwesel siedelten sich erst unter preußischer Herrschaft ev. Familien an. Ihre Zahl nahm so zu, daß ihnen von St. Goar aus zunächst in Privathäusern Gottesdienst gehalten wurde. Großen



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Teils durch Stiftung der Familie von Osteroth auf Schloß Schönberg gelang der Bau einer Kirche, die am 26. III. 1899 eingeweiht wurde; einer der beiden Pfarrer von St. Goar hält dort sonntäglich Gottesdienst.



A. Grebel, Gesch. d. Stadt St. Goar, 1848.
Hegemann, Übersicht über die Gesch. von St. Goar (Handschrift). - Mo 1952 S. 53.



erste Pfarrstelle: 1528 GEug Ungefug 1542 Kd Schilling 1558 Mr Schott 1598 Cn Zindel 1613 Cf Hörn 1619 Hn Ewald 1626 Rrd Breidenbach 1634 Kd Greber 1635 Ert zur Wonung 1636 J Rencker.



zweite Pfarrstelle: 1535 Kd Schilling 1542 Ld Crispinus 1549 Mr Schott 1558 J Erlenbach 1587 J Gryphius 1604 Cf Hörn 1607 JGg Grobius 1617 Hn Ewald 1619 Rrd Nordeck 1626 Msl Sebastian! 1636 JKd Bachmann.



dritte Pfarrstelle (Schloßprediger): 1558 J Gryphius 1587—0—1602 Cf Hörn 1604 Gg Büttner.



ref. Pfarrstelle: 1648 HWe Candidus 1658 N Treviranus 1666 Kd Wiskemann 1708 N Kürsner 1715 JTn Stahlschmidt 1734 JKd Keßler 1747 JRId Grau 1768 HW Eskuchen 1776 K Bingel 1781 J Noite 1786 JW Bingel 1800 KF Bonnet II.



luth. Pfarrstelle: 1648 J Rencker 1652 An Forst 1659 Dd Christian! 1681 Lz Hartmann 1689 GuA Hildenbrand ± 1695 PhKr Schlosser 1707 JH Birkenhauer 1740 P Becker I 1767—0—72 PhKd Otto 1802 NJCn Otto.



zweite un. Pfarrstelle: 1817 NJCn Otto 1837 JDFLf Hegemann 1888—0—1900 P Martin II 1919—0.



erste un. Pfarrstelle: 1817 KF Bonnet II 1854—0—62 Hn Rehmann I 1907 FW Hartmann 1942—0—45 Gu Kays /* 1975 Manfred Bertram 1983 Michael Kluck 1993 Wolfgang Krammes (/* ergänzt 2008 - Pfr.H-D Brenner)



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