Alexander Ritter, Abschluss der Umbau- und Renovierungsarbeiten in der St. Goarer Stiftskirche

Zum 475-jährigen Jubiläum der Evangelischen Kirchengemeinde,
RZ-Frühjahr 2003


Verbum dei manet in aeternum – oder frei übersetzt: Gottes Wort steht bis in alle Ewigkeit. Unter diesem Motto führte Landgraf Philipp der Großmütige von Hessen um das Jahr 1528 in Hessen die Reformation ein – so auch in St. Goar, das als hessische Residenzstadt Sitz eines Superintendenten wurde. Deshalb kann die Evangelische Kirchengemeinde St. Goar in diesem Jahr ihr 475-jähriges Bestehen feiern.

Das in der Bibel offenbarte Wort Gottes unverfälscht zu predigen und die mittelalterliche Kirche von „theologischem Ballast“, von Ablasshandel und Reliquienkult zu befreien, war der Anspruch der ersten evangelischen Prediger, die 1528 mit der Seelsorge in St. Goar und den umliegenden hessischen Orten betraut wurden. Für St. Goar selbst hatte dies weitreichende, ja sogar wirtschaftliche Konsequenzen – war doch die Stiftskirche bis ins 16. Jahrhundert Zentrum der Verehrung des hl. Goar und Ziel vieler Wallfahrten, die mit der Einführung der Reformation verboten wurden. Bis 1552 wurden zahlreiche Versuche gemacht, die Differenzen zwischen den Protestanten – wie man sie nun nannte – und den Altgläubigen auszuräumen, doch ohne Erfolg. Mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 war die Glaubensspaltung im Deutschen Reich auch politisch festgeschrieben. Die Stiftskirche war nun Hauptkirche der Diözese Niederkatzenelnbogen, einer von damals sechs hessischen Diözesen. Inhaber der mit gewissen Einkünften verbundenen zwölf Stiftskanonikate waren jedoch nicht mehr geistliche Stiftsherren, sondern der Superintendent und die an der Stiftskirche beschäftigten Prediger und Lehrer. Die übrigen Kanonikate wandelte man in Stipendien um, um St. Goarer Bürgersöhnen ein Hochschulstudium zu ermöglichen.

Es dauerte nur wenige Jahre, bis selbst unter den Protestanten erhebliche Differenzen darüber bestanden, wie denn das Wort Gottes unverfälscht zu predigen sei. Über Abendmahlspraxis, Zählung der zehn Gebote, Anzahl der Feiertage kam es ab 1600 auch in St. Goar sogar zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Der lutherische Gottesdienst wurde verboten und der an der Theologie Calvins orientierte Heidelberger Katechismus eingeführt. Als im Jahre 1627 Landgraf Georg II. von Hessen-Darmstadt St. Goar mit Hilfe der Spanier zurückeroberte, wurde wieder der lutherische Gottesdienst eingeführt und der Calvinismus verboten. Versuche des Trierer Kurfürsten, Stift und Stadt St. Goar für die katholische Kirche zurück zu gewinnen, scheiterten jedoch.

Mit dem Westfälischen Frieden von 1648 und dem Regensburger Rezess von 1654 schuf man für St. Goar eine juristische Regelung der verworrenen kirchlichen Verhältnisse, die man mit Vorbehalt als „konfessionellen Ausgleich“ bezeichnen kann. Inzwischen hatte nämlich der 1652 zum Katholizismus übergetretene Landgraf Ernst von Hessen-Rheinfels in St. Goar neben dem lutherischen und calvinischen Gottesdienst auch die katholische Messe wieder eingeführt. Während die beiden evangelischen Konfessionsparteien das Schiff der Stiftskirche nunmehr gemeinsam nutzten, wurde den Katholiken bis zum Bau einer eigenen Kirche die Krypta zugeteilt. Im Sommer 1654 wurde daher der Zugang vom Kirchenschiff zur Krypta vermauert.

Im Jahre 1794 hatten die alten Religionsverträge mit der Besetzung des linken Rheinufers durch französische Revolutionstruppen ihre Gültigkeit verloren. Glaube wurde zur Privatsache erklärt. Als diese Gebiete nach 20-jähriger französischer Herrschaft an das Königreich Preußen fielen, wurde zwar die gesellschaftliche Stellung der Kirchen wieder gestärkt, der Abbau konfessioneller Schranken aber fortgesetzt. 1817 verfügte König Friedrich Wilhelm III. die Vereinigung der lutherischen und reformierten Gemeinden.

Die nunmehr vollendeten Renovierungs- und Umbaumaßnahmen in der Stiftskirche haben auch in diesem Sinne Akzente gesetzt. Längst verloren geglaubte Gemälde und Inschriften aus mittelalterlicher und frühreformatorischer Zeit, die im Sinne des calvinischen Bilderverbotes zum Teil überputzt und übermalt worden waren, kamen wieder zum Vorschein. Der 1654 vermauerte Zugang zur Krypta wurde wieder geöffnet und damit dem Kirchenraum viel von seiner ursprünglichen Gestalt und Schönheit zurückgegeben.