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Die Geschichte der Orgel in der Stiftskirche St. Goar

Nach den großen Neubauarbeiten, die 1444 begonnen wurden, stiftete Graf Philipp von Katzenelnbogen im Jahre 1460 eine Orgel für seinen Hausaltar in der Kirche. Dies geschah in Zusammenhang mit einer Vikarie, die nur von einem Vikar besetzt wurde, der Orgelspieler war. Mehr als 150 Jahre lang gibt es kaum Aufzeichnungen über das gemeindliche Leben. Immer wieder war das Rheinland Schauplatz der Auseinandersetzungen deutscher und fremder Heerscharen - zumal die einflussreichen Fürstenhäuser ausgestorben waren. Nach 20 jähriger französischer Herrschaft wird schließlich im Jahre 1815 das Rheinland durch die Regelungen des Wiener Kongress eine preußische Provinz und allmählich kehrt Ruhe ein. Noch 1821 ist in einem Schreiben des St. Goarer Bürgermeisters an die preußische Verwaltung zu lesen, dass zwar im Jahre 1692 die Franzosen unter Marschall Tallard vom Turm der Kirche erfolgreich abgewehrt wurden, nun aber die Kirche durch Soldaten in ein Heulager verwandelt worden sei. Seit 3 Jahren bitte man um Unterstützung um den Verfall dieser „geschichtlich merkwürdigen Kirche“ abzuwenden. Leider gehörte zu dem beschädigten Inventar der Kirche auch eine kleine Orgel.

Spärlich sind die Angaben über weitere Orgeln, doch werden auch die Namen einiger Organisten genannt. Es ist auch die Rede von zeitweise zwei Orgeln. Dieses Instrument wurde 1818 nach den Wirren der Besatzungszeit bei der Orgelbaufirma Franz Heinrich und Carl Stumm in Auftrag gegeben. Allerdings verzögerte sich die Anfertigung bis zum Jahre 1820; man hatte zunächst vor eine Orgel für eine Garnisonkirche in Koblenz zu bauen. Der damalige Pfarrer und Synodalassessor Bonnet bezweifelte zwar im Hinblick auf die vielen Reparaturarbeiten, die nach 20 jähriger französischer Besatzung notwendig waren, die Bezahlbarkeit einer Orgel, doch meint Pfarrer Bonnet in einem Schreiben: „Eine für unsere Kirche gespendete und an einem schicklichen Ort derselben aufgestellte Orgel würde nicht nur unsere Kirche zieren, sondern unseren Versammlungen mehr Demuth geben und unseren Gesang befördern“. So werden Verhandlungen mit der Orgel- baufamilie Stumm geführt und ein Vertrag wird abgeschlossen. Eine zweimanualige Orgel mit 21 Registern, von denen drei Register dem Pedal zugeordnet sind, ist geplant. Aufgestellt werden soll die Orgel im Chorraum wegen des besseren Kontaktes zwischen Chorsängern, Organist und Prediger. Zur Finanzierung der Orgel, die 2350 Gulden kosten soll, wird um Spenden der Gemeindeglieder gebeten und Anleihen werden aufgenommen. Die alte Orgel wurde für 300 Gulden an die Gemeinde Pfalzfeld verkauft.

Zur Herstellung des Gehäuses lieferte der Stiftswald 2 Eichenstämme. Sämtliche Rechnungen sollen der Gemeinde einsichtig sein. Pfr. Bonnet, der wohl eigene Klangvorstellungen hatte, wollte gerne eine „Vox Humana“ und ein „Harfenregister“, immer wieder beklagt er die fehlende Spendenfreudigkeit. Am 19. Oktober 1820 ist dann endlich die Orgelweihe und erst am 2. Juli 1822 wird die letzte Rate (250 Thaler) für den Bau der Orgel an die Fam. Stumm bezahlt. Nach gut 20 Jahren (1842) werden in der Kirche größere Reparaturearbeiten durchgeführt; dabei wird der Zugang zum Chorraum von den seitl. Treppen neben den Chorflankentürmen zu einer großen Treppe in der Mitte verlegt - über der ehemaligen Verbindung zwischen Langhaus und Krypta. Mit Unterstützung der Königl. Regierung wird nun die Orgel auf der dem Chorraum gegenüber liegenden Westempore aufgestellt. In 5 wöchiger Arbeit - für 170 Thaler - geschieht dieser Umbau unter Wiederverwertung der gut erhaltenen Bälge, mit Reinigung des Instruments und Erweiterung des Pedals mit chromatischen Tönen. Es muss ein gelungenes Werk geworden sein, reizte es doch die beiden Organisten Herrn P. und Herrn B. zum Spiel „unangemessener Musik“, nämlich Tanzmusik, wie in einem Schreiben tadelnd vermerkt ist. 1876 stellen sich größere Mängel ein, so dass Superintendent Rehmann von dem Orgelbauer Weil in Neuwied Gutachten erstellen lässt, die in sehr eingehender Weise Änderungsvorschläge enthalten; u. a. auch zur Verstärkung der abgenutzten Mechanik, der verbrauchten Blasebälge und des „nichtsnutzigen Salicional“, sowie der „Mixtur im Positiv“. Statt dessen wird nun der Einbau eines Harmonika-Registers vorgeschlagen. Da Herr Weil selbst keine Arbeiten mehr durchführt, empfiehlt er seine beiden Schüler Stumm und Mayer in Herford. Der Auftrag geht an den Orgelbauer Mayer und wird im Herbst 1876 ausgeführt. Leider sind keine Unterlagen über die damals ausgeführten Arbeiten mehr zu finden.

Im 1. Weltkrieg werden - wie bei fast allen Orgeln - die wertvollen Pfeifen durch minder wertige ersetzt. 1925 erhielt die Gemeinde einen Zuschuss für die Reparatur der in „Unstand Befindlichen hart mitgenommen Orgel“ und 1927 erhielt man eine kleine Beihilfe aus dem Gesangbuchfond. Es gibt keinen Bericht über größere Arbeiten an dem Instrument.

Gegen Ende des 2. Weltkriegs (1945) beschädigen amerikanische Soldaten das Instrument. Der damalige Pfarrer, der sich bei den Besatzungsoffizieren beschwerte, konnte einen sofortige Behebung des Schadens durch die Fa. Klais in Bonn erreichen. Dabei wurden im Positiv an Stelle der Quint 3“ eine Aeoline und statt des Salicional 2“ eine Harmonika eingebaut.

1956 erfolgte eine umfassende Restaurierung der Orgel durch die Orgelbauwerkstätten W. Peter (Köln) in Verbindung mit dem Orgelsachverständigen vom Landesamt für Denkmalpflege in Mainz, Herrn Dr. Bösken. Das Ziel der Arbeit war die möglichst getreue Wiederherstellung des orginalen Zustandes - dabei blieben Anlage, Aufbau, Gehäuse und Prospekt des Werkes unangetastet. Man fügte zu den noch vorhandenen Orginalregistern noch einige neue Register hinzu, die dem barocken Klangbild des Instruments entsprechen. Die Erweiterung des Pedals um je neun Töne, sowie eine zusätzliche Pedalkoppel und die äußerst präzise Renovierung des ganzen Werkes wird von Herrn Dr. Reindell, dem Orgel-Sachverständigen der Landeskirche, in seinem Abnahmegutachten als „klangprächtige Kostbarkeit aus alten Tagen“ besonders gewürdigt.

1974 erfolgte neben einer notwendigen Reinigung der Austausch der seit dem 1. Weltkrieg immer noch vorhandenen minderwertigen Prospektpfeifen gegen 75% ige Zinnpfeifen. Außerdem wurde auf Empfehlung von Herrn Prof. Eppelsheimer aus akustischen und optischen Gründen das ganze Werk an den Rand der Empore verschoben. Es wurde der Spieltisch, die Registratur und die Registerzüge erneuert. Durch den Einbau eines Basson 16' im Hauptwerk, eines Choralbass 4' und eine Rauschpfeife 4f 2' im Pedal ermöglichte man ein triomässiges Spiel. Seitdem sind wieder 30 Jahre vergangen und eine Reinigung des gesamten Werkes ist dringend erforderlich. Dem ist anzumerken, dass die notwenige Reinigung im Jahre 2001 erfolgte. Neben den Spenden der Bürger u. a. soll eine CD zum Erhalt der schönen Orgel beitragen, damit auf ihr noch lange mit Freude musiziert werden kann, zum Trost und zur Freude der Menschen - aber vor allem „Soli deo gloria“„Diese Orgel sollte Gott alleine, zu seinem Lob gewittmet sein“. „So braucht sie denn in der Absicht, dazu sie hier ist aufgericht“. - Inschrift auf der Stumm-Orgel in Sulzbach, 1746 - Ruth Kays



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