Kirchen im Mittelrheintal

Herbert Gräff, Bernhard Jakobs und Wolf­gang Krammes (Hg),

Die Kirchen im Mittelrheintal - Führer zu den Bauten des UNESCO-Welterbes Mittelrhein - Michael Imhoff-Verlag, 2008 - S. 53 - 55

ST. GOAR

St. Goar, das von 1816 bis 1969 Kreisstadt war, bildet geographisch die Mitte des Welter­bes Mittelrheintal. Der Name der Stadt geht auf den hl. Goar zurück, der um 520 im heutigen St. Goar eine Einsiedelei, eine Kapelle und ein Hospiz errichtete. Er missionierte die Landbe­völkerung, speiste die Armen und kümmerte sich um Reisende und Kranke. Er konnte in St. Goar besonders wirken, da hier eine große Zahl von Reisenden vorbeikam. Denn aufgrund der gefährlichen Stromschnellen des Rheinab­schnitts bei St. Goar waren die Schiffsreisen­den dazu gezwungen, hier an Land zu gehen. Wohl um 575 verstarb Goar. Er gehört zu den Trierer Einsiedler-Missionaren, die sich auf­machten, heidnischen Aberglauben in den länd­lichen Gebieten zu vertreiben. Er ist damit eine wichtige Gestalt für die Religions- und Kulturge­schichte des Mittelrheintals.


STIFTSKIRCHE ST. GOAR

Im Ortskern am Marktplatz steht, nur wenige Meter vom Rheinufer entfernt, die Stiftskirche St. Goar. In ihrer Krypta befand sich das Grab des hl. Goar, das im Mittelalter viele Wallfahrer anzog. Die Deckplatte ( um 1340) des ehem. Grabmals des hl. Goar befindet sich seit 1658 in der kath. Pfarrkirche von St. Goar. Gefördert wurde die Stiftskirche im Mittelalter vor allem durch die Grafen von Katzenelnbogen, die auf der Burg Rheinfels oberhalb von St. Goar resi­dierten. Ihr letzter Vertreter Graf Philipp von Katzenelnbogen (reg. 1444–79) stiftete das Langhaus der Stiftskirche. 1527 wurde in der Gemeinde St. Goar die Reformation eingeführt. Sie ist damit die älteste evangelische Kirchen­gemeinde der heutigen Evangelischen Kirche im Rheinland. Den ältesten Teil der Stiftskirche bildet die romanische Hallenkrypta, Ende 11. Jahrhundert erbaut, die aufgrund der Hanglage wie das Untergeschoss für den spätromanisch-frühgotischen Chor, um 1250, wirkt. Neben dem Chor stehen die Flankentürme, ebenfalls um 1250. Das Langhaus ist eine spätgotische, dreischiffige Emporenhalle von 1444–70 mit ei­nem eingebauten Westturm (13. Jahrhundert und um 1469). Bemerkenswert ist der Reich­tum der erhaltenen spätgotischen Wandmale­rei.

Frühgotischer Chor, Mitte 13. Jh., über der Hallenkrypta, kurz vor 1100.

Turm, 13. Jh., um 1470 spätgotisch verändert und erhöht, Langhaus, 1444–70 unter Werkmeister Hans Wynant erbaut.

Schlussstein mit der Darstellung des hl. Goar im 2. Joch des nördlichen Seitenschiffs.

Kanzel, um 1460, mit der Darstellung Jesu, der Evangelisten und des hl. Goar.

Südliches Seitenschiff mit Wandmalerei, 1469–89, umfangreichste erhaltene spätgotische Farbfassung im Rheinland. Es handelt sich vorwiegend um Heiligendarstellungen ohne inhaltliche Konzeption.

Grabdenkmal für Landgraf Philipp II. von Hessen-Rheinfels († 1583), 1592 von Wilhelm Vernuiken geschaffen, ...

... und das etwas jüngere Denkmal für seine Gemahlin Anna Elisabeth von Bayern († 1609) von Gerard Wolff aus Mainz.

Krypta nach Osten, Ende 11. Jh.

Ansicht nach Osten mit erhöht gelegenem Chor, Mitte 13. Jh., dem Zugang zur Krypta und dem breiten und hohen Langhaus mit Kreuzrippengewölbe von 1444–70.