Meiner lieben Gemeinde zur Erinnerung an die Einweihung der Kirche gewidmet.



0. Vorwort.

Zur Feier der Einweihung der neuen Kirche überreiche ich Dir, liebe Gemeinde Werlau, dieses Büchlein. Wehmütig hat mancher von der alten Kirche Abschied genommen. Diese Seiten werden uns an sie erinnern. Über dem Neuen soll das Alte nicht vergessen werden; vielmehr soll ein Blick in die Vergangenheit uns die Gegenwart recht verstehen lehren. Und wenn uns die Geschichte der Gemeinde manche ernste Lehre giebt, so mag auch das zum Segen wirken, indem wir lernen, die eine Gemeinde erhaltenden und belebenden Kräfte recht zu beachten und zu pflegen. Dem freundlichen Entgegenkommen der Verwaltung des Kgl. Staatsarchiv's zu Koblenz verdanke ich zum großen Teile den reichen Stoff und spreche derselben daher auch hier meinen herzlichen Dank aus. Dir aber, liebe Gemeinde, rufe ich zu: Lasset uns rechtschaffen sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken an dem der das Haupt ist, Christus. Eph. 4, 15 und 16.

WERLAU, den 8. August 1907 - W. OVER, Pfarrer.

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1. Teil. Herrschaftsgeschichte der Gemeinde Werlau

Von Werlau hören wir urkundlich zum ersten Male im Jahre 1256. Am 13. Juni dieses Jahres belehnte Gerlach, Herr zu Limburg a. d. Lahn, den Ritter Conrad v. Schoneck auf dem Hunsrück aus Anerkennung für seine treuen Dienste mit der Hälfte des Dorfes Werlau (Urkundenbuch zur Gesch. der mittelrhein. Territor. Nr. 1353). Aus dem Jahre 1263 ist uns sodann eine Urkunde erhalten, (Wenk Urkunden S. 31) welche berichtet, daß »sich der Ritter Conrad v. Schöneck mit dem Herrn Heinr. v. Eysenbergk umb das Dorf Werle dermassen vertragen haben, daß der Herr v. Eysenbergk die Hälfte um 100 Mark innerhalb 5 Jahren lösen muoege, und will Herr Chunrad darum Güter kauffen und die von Herrn Heinrichs v. Eysenbergks Bruder (d. i. Gerlach v. Limburg) zu Lehen tragen«.
Diese Grafen von Isenburg und Limburg leiteten ihre Ansprüche auf Werlau aus ihrer Verwandtschaft mit dem Hause Arnstein ab. Der letzte Arnsteiner Graf Ludwig III., welcher 1185 starb, verwandelte sein Schloß in ein Praemonstratenserkloster, in das er selbst eintrat. 72 Kirchen standen unter seinem Patronat, er war der Vogt von Boppard, Wesel, St. Goar, Ober-Niederlahnstein, Coblenz etc. und hatte auch Hoheitsrechte über Werlau.
Die Grafen von Isenburg teilten sich in die Isenburger (Gerlach) und Limburger (Heinrich) Linie, von denen die ältere Linie die Herrschaft derjenigen arnstein'schen Gebiete übernahm, welche unter der Oberhoheit des Kurfürsten von Trier standen. im Jahre 1220 war nämlich der Erzbischof von Trier Theodor von Wied durch Kaiser Friedrich II. mit der Landeshoheit über das ganze Erzbistum belehnt. Die limburger und isenburger Herren scheinen nun gemeinsam die Lehnshoheit über Werlau besessen zu haben. Sie hätten somit gemeinsam den Ritter Conrad v. Schöneck belehnen müssen. Statt dessen kaufte der Isenburger dem Ritter die von ihm zu belehnende Hälfte ab. Conrad behielt die andere Hälfte als limburger Lehen, nahm auch die für jene 100 Mk. gekauften Güter von dem Limburger als Lehen an. (Vgl. S. 7.)
Die Grafen von Isenburg haben dann ihren Anteil an Werlau im Jahre 1276 oder 77 durch Heiratsvertrag dem Grafen von Katzenellenbogen abgetreten. Nach diesem Vertrag sollte Irmengard, die Tochter Ludwigs v. Isenburg, welche mit Wilhelm dem Sohne Dieters III. v. Katzenellenbogen verlobt wurde, die Dörfer

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Hausen (St. Goarshausen) Bornig, Padersberg, Ossenthal und Werlau - d.h. nur die Isenburger Hälfte - erhalten. Durch Vollzug dieser Heirat 1284 kam Werlau in den Besitz des Grafen von Katzenellenbogen. Der Name dieses Geschlechtes rührt von der im Eynert, einige Stunden vom Rhein gelegenen Burg her. Da es schon einige Besitzungen am linken Rheinufer hatte, - 1190 wurde es mit der Vogtei von St. Goar belehnt und kam später auch in den Besitz der Vogtei von Pfalzfeld und Biebernheim, - so stammt seit dieser Zeit die Zusammengehörigkeit jener Besitzungen.
Schon 1245 und 46 hatte Graf Dieter III. von Katzenellenbogen das Schloß Rheinfels erbaut und so wurde Werlau dem Bann der Burg zugefügt. Dieser Graf Dieter III. war ein ritterlicher Herr, nimmt man doch sogar an, daß er als »Heinrich der Vogler« von Walter von der Vogelweide gefeierte Held sei.
Um aber der isenburger Besitzungen nicht wieder verlustig zu gehen, ließ sich am 11. August des Jahres 1303 Wilhelm von Katzenellenbogen noch einmal durch den Erzbischof Diether von Trier mit den Dörfern Bornig und Hausen belehnen. Auffälliger Weise wird in dieser Urkunde Werlau nicht genannt, denn das Ossenthal und Padersberg unerwähnt blieben erklärt sich daraus, daß diese Filiale von Hausen waren, doch zeigt uns eine Belehnung des Erzbischofs Balduin v. Trier aus dem Jahre 1314, daß Werlau kurtrierischer Lehen war, denn dort wird neben jenen Orten auch Werlau »villa dicta Werle« genannt. Wenk S. 299.
Um eine Zersplitterung zu vermeiden ordnete Wilhelm am 19, Juli 1331 an, daß die Güter an seinen ältesten Sohn übergehen sollten. Diesen Schritt tat er aber nicht, ohne vorher die Schöffen des Gerichtes zu Werlau um ihre Meinung gefragt zu haben. Das Gutachten derselben ist vom 25. März 1331 datiert. Wenk S. 129. Derselbe Graf Wilhelm erhielt auch am 26. Juli 1330 von Kaiser Ludwig dem Bayer (1314 - 47) »durch der getreuen Dienste willen, dy er uns gethan hat und fürbaß doyn soll und mag und van besunderer Gnade verliehen fir und zwanzig Juden, dy sie in yrem Gebiet haben sollent und mögen von uns und dem Reiche, mit allen Nutzen, Rechten und Dynsten, dy sie einem Reiche thun sollent.«
Am 18. November 1331 starb Wilh. I. Sein Nachfolger ward sein ältester Sohn zweiter Ehe Wilhelm II. Dieser vereinigte im Jahre 1381 das Dorf Werlau unter seiner Herrschaft, indem er

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die noch im Besitze des Herrn v. Schöneck befindliche Hälfte (vgl. S. 5) für 1150 Gulden erblich erwarb. Im Zusammenhang mit diesem Kaufe steht wahrscheinlich die Sendung seiner Freunde, der Herren Johann Pyner ein Ritter, Junker Hilderich, Heinz Molener und anderer nach Werlau ans Gericht zu erfragen und zu erforschen von den Schöffen daselbst, was rechtens daselbst sei. Das Gerichtsweistum aus dieser Zeit. (im Staatsarchiv zu Coblenz aufbewahrt) giebt uns über die damaligen Verhältnisse genaue Auskunft. Das Stift St. Castor zu Coblenz war Grundherr. Deshalb genoß es den Zehnten und andere Abgaben, setzte den Schultheiß und die Schöffen ein. Die Herren v. Katzenellenbogen waren die Schutzvögte und ernannten den Vogt; oder wie es abschriftlich aus einem alten Weistum, durch Pfarrer Gryphius überliefert ist: sie waren Herren »zu richten über Hals und Haupt, ein gewaltiger Herr über alle Gewaltsachen und über Gewalt-Wetten (-Strafen);« von denen sie 1/3 bekamen. Schließlich waren sie die Schirmherren über Wasser, Weide und Wald, über Wege und Stege über die Gräben und über das Gericht. Die Herren von St. Castor waren die Grundherren soweit die Gerechtigkeit von Werle geht und hatten den Zehnten von Wein und Korn und etliche Hauszehnten, was Acker und Weingärten vormals gewesen seint, und nit, was vormals Wiesen gewesen seint. Sunst haben die Herren etzliche Güter zu Werlau, die ihr eigen gewest sein und die zur Pfarrei gehört haben. Von den Wetten am Gericht hatten sie 2/3 zu erhalten. Später setzte der weltliche Herr den Schultheißen ein.

Wilhelm starb kinderlos und sein Bruder, Eberhardt V., der ihm nachfolgte, hatte auch nur eine Tochter. Deshalb machten die Brüder mit dem Grafen Diether VI. von Neukatzenellenbogen 1384 einen Heiratsvertrag, nach welchem der einzige Sohn desselben Johann, die einzige Tochter Eberhardts, Anna, heiraten sollte. Zugleich wurde bestimmt, daß der aus dieser Ehe hervorgehende älteste Sohn die Grafschaft Alt- und Neu-Katzenellenbogen erben sollte, während die anderen Kinder mit je 300 Mark abgefunden werden müßten.

Eberhard V. übernahm 1384 oder 85 die Herrschaft. Von ihm berichtet die Limburger Chronik unter dem Jahre 1393. »In dieser Zeit war ein edler Graf von Katzenellenbogen, der hieß Eberhard, der hatte große Ding und Ritterschaft gethan und beweiset in großen Streiten in diesen Landen und über Meer in dem hei-

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ligen Land. Der hat gebaut Schalbach, an der Aarde und das thäte er vor dieser Zeit mehr denn 30 Jahre.«
Er war auch der Erbauer der Burg Katz bei St. Goarshausen, welche 1393 fertig gestellt wurde.
Vielleicht hat sich in der Begleitung dieses Grafen auch der Ritter Brand von Rhense befunden, von welchem berichtet wird, daß er seine Güter in Werlau an das Stift St. Castor in Coblenz verpfändet habe, um das Geld zur Ausrüstung für den Kreuzzug zu erhalten. Er soll nicht zurückgekehrt sein und seine Gemahlin Lucretia solle alle Güter der Brande in Werlau dem Stifte St. Castor vermacht haben. Dafür habe dieses ein jährliches Seelenamt an ihrem Todestage dem Sonntag
Misericordiae domini in der Kirche zu Werlau zu halten. Diese Frau soll auch die Stifterin der Kirche gewesen sein. So berichtet der Pfarrer, welcher sich auf Mitteilungen einer Stiftsherren von St. Castor beruft. Ein alter Grabstein aus dem Jahre 1337, welcher jetzt in der Wand des Seitenschiffes eingelassen sit, stellt eine Frauengestalt dar, welche als Lucurdia uxor Domini Bredili de Wele bezeichnet wird.
Daß das Geschlecht der Brande in Werlau ansässig war, bezeugt noch der Name Brandswald, wo ihre Burg gestanden haben soll, und in einem Kaufvertrag aus dem Jahre 1454, den der Enkel EberhardtV. Philipp (seit 1444 im Besitz dfer Herrschaft Alt- und Neukatzenellenbogen) mit dem Castorstifte machte, heißet es, daß das Stift im Besitze des Boxberger Hofes, zwischen Werlau und Holzfeld war, und zwar infolge eines Kaufes von Herrn Heinrich vom Walde, den man nennet Brand von Rhense. (Wenk Urkunden S. 254, 55)
Der Sohn Philipps wurde 1454 in einem Aufruhr erstochen. Seine einzige Tochter Anna wurde 1446 mit Heinrich dem IV., dem Sohne des Landgrafen Ludwig von Hessen verlobt und 1458 verheiratet. Da in dem Heiratsvertrage bestimmt war, daß die Katzenellenbogenschen Lande an Hessen fallen sollten, kam mit dem Tode Philipps des Älteren 1479
Werlau in den Besitz der Landgrafen von Hessen.

Landgraf Heinrich der IV. lebte nur bis 1483. Von seinen 4 Söhnen überlebte ihn nur Wilhelm III., welcher zur Sicherung seiner Rechte von Kaiser Maximilian mit Katzenellenbogen belehnt wurde. Als er 1500 starb folgte ihm sein Vetter Wilhelm II.,

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dessen Nachfolger wiederum der durch die Einführung der Reformation bekannte Philipp der Großmütige war.
Während der Gefangenschaft dieses Fürsten nach dem Schmalkaldischen Kriege ward Philipp auf dem Reichstage zu Augsburg 1548 der Katzenellenbogenschen Lande für verlustig erklärt, und diese kamen an die Nassauer. Philipp ruhte aber nicht, bis er 1557, am 30. Juli, durch Vergleich mit seinen alten Gegnern wieder in den alten Besitz kam.
Bei der Teilung, welche Philipp vornahm, kam Werlau mit der Grafschaft Niederkatzenellenbogen, deren Hauptstadt St. Goar war, an seinem Sohn Philipp; und 1584 nach dessen Tode mit Rheinfels an den Landgrafen Wilhelm v. Cassel. Zwar versuchte 1623 der Landgraf von Darmstadt (Oberkatzenellenbogen) die Gebiete an sich zu reißen, aber die damals verwitwete Landgräfin Elisabeth griff zu den Waffen und gewann 1647 diese Gebiete für ihren unmündigen Sohn Wilhelm III. von Cassel zurück.
Die Landgrafen von Cassel behielten aber nur die Oberhoheit über die Lande, denn in dem 1648 mit Darmstadt geschlossenen Vertrage traten die Landgrafen von Cassel ihren Teil der Niederen Grafschaft an den Landgrafen Ernst, den Stifter der Hessen-Rheinfeldischen Linie ab. Bis zum Jahre 1794 blieb Werlau in dem Besitze dieses Geschlechtes.
In diesem
Jahre kam Werlau in die Gewalt der Franzosen. Am 23. Oktober war General Jourdan in Coblenz eingezogen und am 24. rückte General Vincent über den Hunsrück gegen Rheinfels vor. Am 30. Oktober wurde Werlau besetzt. Mit den eroberten Landen wurde es der französischen Republik einverleibt. Es stand unter der Verwaltung des Generaldirektors der eroberten Lande zwischen Rhein und Mosel, der engere Bezirk war das Arondissement Simmern. Bis zum Jahre 1814 blieb die Herrschaft der Franzosen. Erst der Friede und die durch den Wiener Congress festgesetzte Neuordnung brachte Werlau unter die Herrschaft des Königreiches Preußen.
Es wurde nach Aufhebung der provisorischen Regierung dem oberen Teile der Rheinprovinz und dem Kreise St. Goar zugeteilt.



2. Teil. Geschichte der Kirchengemeinde

Wann nach Werlau das Christentum gekommen, läßt sich nicht genau feststellen. Es ist möglich, daß zur römischen Kaiser-

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zeit schon das Evangelium hier gepredigt wurde, jedoch haben die Stürme der Völkerwanderung und die fränkische Eroberung die Spuren desselben verwischt. Die hier ansässigen Franken werden wohl von dem heiligen Goar oder seinen Begleitern, am Anfang des 9. Jahrhunderts dem Christentum wieder gewonnen sein.
Von einer christlichen Gemeinde in Werlau hören wir urkundlich zuerst im Jahre 1341 durch ein Weistum. In demselben heißt es: »Daß die Herren Kanonischen von St. Gewehr schuldig sein, alle Jahre zu gehen mit der Prozession zu Werle vor Pfingsten und sollen auf alle Dienstage Messe lesen zu Werle und das Gut, das sie hant von denselben Brüdern (2 Ritter v. Brande) und von ihren Altfürdern«. Dasselbe Weistum redet auch von dem Verhältnis zu dem Castorstift in Coblenz, indem es berichtet, daß die Herren Brand von Walde Güter in Werle von dem Probsthofe zum Lehen haben. Auch ein Erbpachtbrief vom Jahre 1343 ist von dem Probste von St. Castor ausgestellt.
Genaueres erfahren wir durch eine Urkunde vom 20. September 1347. Nach derselben inkorporierte der Erzbischof Balduin v. Trier dem Capitel von St. Castor in Coblenz die dasige Probstei und die Kirche zu Werle mit allem Zubehör zur Verbesserung der täglichen Distributionen. Zugleich wird durch ein Weistum bestätigt, daß der praepositus (Abt) allein den Zehnten beziehe, welcher von dem Teil des Pfarrers abgenommen wird und nicht die Brüder.
Die Gemeinde in Werlau gehörte zu dem Erzbistum Trier, stand unter dem Archediakonat Carden und dem Diakonat Boppard. Das Stift St. Castor, dessen Chorherren eigentlich hätten den Dienst verrichten müssen, , stellte zur Versehung des Gottesdienstes einen Leutpriester (plebanus)an und zog dem entsprechend die Mehrzahl der Einkünfte an sich. Der gesamte Zehnte an Korn, Wein, sowie etliche Hauszehnte kamen ihm zu. Die Einkünfte des Leutepriesters erscheinen daneben sehr gering. Aus einem alten Visitationsprotokoll des Archidiakonates Carden erfahren wir auch, daß der Priester auf dem Widdenhofe wohnte, in welchem er die Visitation zu bewirten hatte. Der Küster oder der Meßner mußte bei der Visitation Wein, junge Hühner und die Wachslichter stellen.
Die Kirche, welche dem St. Georg geweiht war, muß wohl von einem Patron, oder der Gemeinde erbaut worden sein, jeden-

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falls hatte die Gemeinde das Kirchengebäude zu unterhalten, während die Chorherren von St. Castor den Chor zu erhalten hatten.
Das für die Kirchengemeinde wichtigste Ereignis ist die
Einführung der Reformation. Der Landgraf Philipp von Hessen hatte sich schon früh der evangelischen Bewegung zugewandt. Im Jahre 1524 war er, wahrscheinlich auf der Reise nach Heidelberg, auf welcher er mit Melanchton zusammentraf, in Werlau gewesen. Das Werlauer Gerichtsweistum berichtet darüber.
»Als aber 1524 der Hochgeborene Fürst und Herr Philipp von Hessen, der Großmütige genannt, nach Werlau die Pfarrei zu visitieren kommen und sobald umbfragen lassen, was einem Pfarrer jährlich zur Besoldung gebührte, der Vorsteher samt ganzer Gemeinde verantwortet, daß ein Pfarrer jährlich an Besoldung von St. Castorherren Einkommens hätte 2 Fuder Wein, Werlauer Gewächs, 2 Fuder Stroh aus der Zehntenscheuer der Gemeind vom (?) zehnten Stroh zu leisten und dreizehn Malter Korn aus der Zehntenscheuer«.
1527 schichte Philipp den Magister Adam Krafft zur Kirchenvisitation nach St. Goar um festzustellen, ob die Reformationsbeschlüsse der Synoden zu Homberg 26 und Cassel durchgeführt wären. Auch in Werlau fand diese Visitation statt. Dort war der katholische Geistliche nicht im Amte geblieben, weil er nicht mit zur evangelischen Lehre übertreten wollte. Sein erster evangelischer Nachfolger Heinrich Sprengel berichtet darüber: »Es habe die Gemeinde zu Werlau im 28. Jahre nach der Geburt Christi (?unleserlich) Zahl eines papistischen Pfaffen gebraucht, welcher nach vollbrachter Uebeltat und Abgunst des Evangeliums und nach erlangtem Geleite seinen Hausrat hinweggebracht hat«. Sein erster evangelischer Nachfolger Heinrich Sprengel berichtet darüber: »Es habe die Gemeinde zu Werlau im 28. Jahre nach der Geburt Christi (? unleserlich) Zahl eines papistischen Pfaffen gebraucht, welcher nach vollbrachter Uebeltat und Abgunst des Evangeliums und nach erlangtem Geleite seinen Hausrat hinweggebracht hat«. Derselbe berichtet von der Übergangszeit: »Bevor man dem paapistischen Pfäffen, welcher nach vollbrachter Uebelthat entlaufen, zur Abholung seines Hausrates freies Geleit bewilligte, habe derselbe bei Eid und Pflicht verlobt der Gemeinde zu Werlau die Pfarregister zu Handen zu stellen und doch nit gethan«.
Aus diesen Bemerkungen können wir ersehen, daß auch in Werlau der Reformation durch Mißstände in der kirchlichen Bedienung vorgearbeitet wurde. Die Einführung derselben ist weniger aus dem religiösen Bedürfnis der Gemeinde, als aus den Bemühungen des Landesherren zu erklären. Wenn wir lesen, daß von ca. 300 Einwohnern des Dorfes ungefähr 15 katholisch blieben, so gehen wir wohl nicht fehl, wenn wir diesen die vom Castor-

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stift abhängigen Zehntenknechte und Pächter sehen. Bei einer aus der Gemeinde hervorgehenden Bewegung würde auch mehr Opferfreudigkeit und Dank für die Segnungen des Evangeliums hervorgetreten sein; hat es doch große Schwierigkeiten gemacht, die von dem katholischen Priester mitgenommenen Pfarr-Register wieder herzustellen und das Einkommen des Pfarrers so zu erhöhen, daß die Familie davon unterhalten werden konnte.
Nach der Flucht des Priesters konnte nicht gleich ein evangelischer Pfarrer eingesetzt werden. Daher übernahm der Pfarrer Gerhardt Ungefuge, gen. Eugenius, von St. Goar die Versorgung der Gemeinde, bis in Heinrich Sprengel eine geeignete Kraft sich fand. Freilich wird in dem alten Verzeichnis des Pfarrer Sprengel nicht genannt, wahrscheinlich deshalb, weil er nur als Gehülfe des Mag. Eugenius angesehen wurde. Mit dieser ersten Versorgung von St. Goar aus hängt auch die Verbindung mit Holzfeld zusammen. Denn Holzfeld gehörte vorher zu St. Goar, mußte die Gemeinde doch dorthin ihre Toten bringen, - daher noch jetzt der Totenweg, welcher in das Gründelbachtal führt - und hatte das Gitter an einer Seite des alten Kirchhofes in St. Goar zu unterhalten. - Als nun dem St. Goarer Pfarer ein Gehülfe in Sprengel gestellt wurde, war es natürlich, daß diesem Holzfeld mit übertragen wurde.
Wie schon erwähnt, machte die Beschaffung eines ausreichenden Einkommens für die Pfarrei Schwierigkeiten. Den Stiftsherren wurde bei der Visitation 1527, welche von Krafft und einigen hessischen Regierungsbeamten abgehalten wurde, auferlegt, einen Zuschuß von 4 Malter Korn, Bopparder Maß, aus dem Werlauer Zehntgefälle zu gewähren. Das Stift tat das nur mit Widerwilen und nach 1533 mußte der Pfarrer Sprengel klagen, »es läge der Dechant des fürgemeldeten Stiftes zu St. Castor, Junker Johannes Ortscheid (früher Abt des Stiftes zu St. Goar) ammt seinem Kapitel in Wehr solches zu hindern, und habe es auch eine Zeitlang gehindert.« Dazu kam, daß durch die Flucht des kath. Priesters die Pfarregister abhanden gekommen waren. Um dem abzuhelfen, fand auf dem Gericht zu Werlau eine Gemeindeversammlung statt, bei welcher jeder Eingesessene seine Verpflichtungen angeben mußte. So wurde die erste Kompetenz (Einkommennachweisung) ausgestellt, welche wir freilich nur noch in einer Abschrift besitzen. Vgl. Seite 14.
Für das Auskommen des Pfarrherren war gesorgt. Trotzdem ziehen sich durch die ganze Werlauer Geschichte Kompetenzstreitig-

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keiten zwischen dem Stift und der Pfarrei resp. der hessischen Regierung. Besondere Schwierigkeiten ergaben sich, als infolge des dreißigjährigen Krieges die Weinberge und Äcker zum Teil unbestellt blieben, ja sogar Wald oder Brachland wurden. Der Ertrag des Zehnten ging dadurch natürlich zurück und das Stift suchte dementsprechend auch den Anteil des Pfarrers zu kürzen. Besonders heftig und lang war der Streit um die competenzmäßg zu liefernden 2 Fuder Wein, welche das Stift garnicht liefern, oder mit einer durchaus unzureichenden Abfindungssumme ablösen wollte.
Als erster selbständiger Pfarrer
augustanae Confessionis (augsburgischen Bekenntnisses) wird der Magister Justus Gryphius (Greif) genannt. Er war der Sohn des Superintendenten Greif aus St. Goar. 1598 machte er einen Vertrag mit Castorstift über den zu liefernden Wein und noch 1604 wird er von Werlau nach St. Goar zitiert, um bei Beilegung eines Streites zwischen seinem Vater und dessen Amtsgenossen Zindel mitzuwirken.
Sein Nachfolger war Philippus Intelius. Bei seinem Namen ist der Zusatz gemacht: »
sed Calvinista« d. h. ein Anhänger Calvins. Wir sehen, daß auch nach Werlau der Streit um das lutherische und reformierte Bekenntnis getragen ist, der um die Wende des 16. Jahrhunderts in den hessischen Landen entbrannte. Wahrscheinlich ist der Pfarrer Intelius durch Einfluß des, der reformierten Lehrauffassung zuneigenden, Landgrafen Moritz nach Werlau gekommen. Es handelte sich vor allem um das Brotbrechen beim Abendmahl, die biblische Zählung der Gebote, die Ubiquitätslehre und einige Äusserlichkeiten. So wurde z.B. als unstatthaft angesehen, beim Begräbnis drei Schaufeln Erde auf den Sarg zu werfen, eine Anschauung, die sich bis heute erhalten hat. Der Bekenntnisstand der Gemeinde ist hierdurch kaum beeinflußt worden; vielmehr blieb derselbe lutherisch.
Schnell aufeinander folgten die Pfarrer Paulus-Langius und Heinrich Spygelius, denn schon 1637 wird Magister Nicolaus Breidenbach genannt. Ihre Amtsführung fällt in die schwere Zeit des Dreißigjährigen Krieges, der auch unserer Gemeinde mancherlei Not brachte. 1618 bestand das Haus aus 45 Häusern, deren Zahl 1667 auf 27 zurückgegangen ist. Auch die Besitzverhältnisse waren unklar und verwirrt geworden, sodaß 1664 am 5. Juli auf dem Rathause zu Werlau eine genaue Aufstellung gemacht werden mußte. Von Breidenbachs Hand rührt auch die älteste Pfarrkompetenz her, welche eine Abschrift der ca. 1550 aufgestellten

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Nachweisung ist. Am 27. Januar 1670 starb Breidenbach und Magister Christophel Werner wurde sein Nachfolger. Er war der Sohn des Oberschulteißen und Oberwegemeisters zu Ruppertshofen. Die Gemeinde hätte lieber einen Magister aus St. Goar gehabt, aber das Stift präsentierte Werner. Im Jahre 1673 legte er das noch vorhandene »Sahl und Kirchenbuch« für die Gemeinde in Gegenwart der Senioren (Presbyter) und Censiten (steuerpflichtige Gemeindeglieder) an. Als Werner im Jahre 1688 seinen Bruder, der Pfarrer in Singhofen an der Lahn war, besuchte, brannte während seiner Abwesenheit, am 4. August das ganze Dorf sammt Kirche und Pfarrei infolge eines Gewitters ab. Nur 7 der schlechtesten Häuser und 3 Scheunen blieben stehn. Bei dem Brand kamen auch die Obligationen und Schuldbriefe der Gemeinde um.
Auch Werner mußte über Zurückhaltung der Weinlieferung durch das Stift klagen. 1675 gab das Stift zum ersten Male Antwort auf seine Beschwerde. Obwohl sich die hessische Regierung für den Pfarrer verwandte, zog sich der Streit bis in das Jahr 1681 hin, bis schließlich der Reservatskommissar in St. Goar den Zehnten in Beschlag nehmen ließ. Da endlich scheint die Zahlung erfolgt zu sein. Das Stift rächte sich dadurch, daß es den Neuaufbau der verbrannten Kirche und Pfarrgebäude möglichst in die Länge zog. Im Dezember 91, also nach fast 4 Jahren mußte Werner sich beklagen, daß er ins 4. Jahr den Gottesdienst unter dem freien Himmel, in Hitze und Frost, Kälte, Regen, Schnee, Wind und Ungestüm ohne jeglichen Schutz abhalten mußte. Dazu war er selbst ohne Haushaltung und verlangte, daß das Stift für Logiment sorge. Aber selbst die Drohung der hessischen Regierung den Zehnten mit Arrest belegen zu wollen, konnte die Stiftsherren nicht veranlassen, etwas zu tun. Sie fanden einen guten Entschuldigungsgrund in den inzwischen ausgebrochenen Kriegsunruhen, welche einen Bau unmöglich machten. 1695 wurde nämlich das Dorf von den Truppen Ludwig XIV. von Frankreich besetzt und von dort, sowie von Biebernheim aus die Feste Rheinfels belagert. Wiederum neue Drangsal kam über die Gemeinde, welche durch Fouragen und Frohnden schwer gedrückt wurde. So können wir es wohl verstehen, wenn der Pfarrer klagt, daß ihm von den Censiten keine Bezahlung geleistet wurde.
Um das Elend des Armen voll zu machen, ward er auch noch von dem Kommandanten der Burg Rheinfels, General Götz

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in die belagerte Feste befohlen »zur Aufmunterung der Kämpfenden und zum Trost der Verwundeten und Sterbenden.« Dort ward er bei einem Gang zum Lazarett durch eine Stückkugel an Haupt und Schulter verwundet und lag lange krank. Eben geheilt machte er sich im Mai 1695 auf den Weg nach Schwalbach, wo der Landgraf Karl gerade sich aufhielt und überreichte demselben persönlich eine Bittschrift, für seine Gemeinde. Der Erfolg war, daß er am 2. Juni die »gnädige Resolution erhalten, daß die Stiftsherren bei gegenwärtigen Kriegszeiten nicht wohl zur Wiedererbauung von Kirch und Pfarrhaus angehalten wären.« *)

*) Das Schicksal des Christ. Werner ist in einem Volksstück gleichen Namens vom Verfasser bearbeitet und im Jahre 1903 von Gemeindegliedern aufgeführt worden.- Druck von J. Wilbert, St. Goar.-

Den Erfolg seiner Bemühungen erlebte Werner nicht mehr; 1696 starb er, während der Bau 1697 endlich begonnen wurde.
Sein Nachfolger Heinrich Ebenau konnte ins Pfarrhaus einziehen. Gebaut hatte das Stift zwar, aber wie es gebaut hatte, zeigt uns eine Rechnung, die Ebenau schon 1700 den Stiftsherren über notwendige Reparaturen am Pfarrhaus schicken mußte. Die Kirche war 1698 fertig gestellt. Der Bauplan war vom Zimmermeister Gauck entworfen, die Bausumme betrug 220 Thlr 22 Alb. 5 Pfg. Noch im Jahre 1707 hatte die Gemeinde einen Rest der Bauschuld von 29 Thlr. 12 Alb. 5 Pfg. zu zahlen. Das Stift scheint wiederum nur den Chor hergestellt zu haben und es bestätigt sich unsere früher geäußerte Meinung, daß das Schiff Eigentum der Gemeinde war. Aus den Rechnungen ergiebt sich, daß die Kirche einen Turm, wahrscheinlich einen Dachreiter mit einer Glocke, hatte. Auch Ebenau war wider den Willen der Gemeinde nach Werlau gekommen und scheint nie das volle Vertrauen seiner Gemeindeglieder besessen zu haben. Im Jahre 1723 bat er infolge einer Erkrankung, daß ihm sein Sohn, Georg Anton, als Adjunkt beigegeben werde, aber schon im August desselben Jahres starb er. Von seiner Hand ist das Sahl- und Kirchenbuch der Herrschaft Holzfeld angefangen und in Gegenwart der Senioren und Censiten rektifiziert. Wohl mit Rücksicht auf die Familie des Verstorbenen wurde sein Sohn und Adjunkt Georg Anton Ebenau zu seinem Nachfolger ernannt. Derselbe starb schon am 25. Mai 1729. Bis zum Jahre 1730 blieb die Pfarrstelle unbesetzt. Der Grund war, daß der zum Pfarrer ausersehene Kandidat Matthias

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Wagner auch nicht den Beifall der Gemeinde fand, sondern von einigen Gemeindegliedern verdächtigt worden war. Dagegen protestierten der Gerichtsschöffe Reinhard Michel im Namen des mehrsten Teils der Gemeinde Werlau und der Kirchenälteste Joh. Geord Lang im Namen der Gemeinde Holzfeld. Sie wiesen auf die notwendige, so lange versäumte Unterweisung der Jugend und die nahbevorstehende Osterzeit hin, welche eine baldige Besetzung nötig machten. Ihrem Antrag wurde nachgegeben und am 17. März 1730 fand die Einführung Wagners statt.

Hierbei hören wir zum ersten Male von einem Vergleich, den Wagner mit der Witwe seines Vorgängers in betreff des Stelleneinkommens machte, und erkennen daraus, daß schon damals die Witwenversorgung in etwa geregelt war.

Johann Matthias Wagner war der 1703 geborene Sohn des Pfarrers Abraham Wagner von Pfalzfeld. Auch er hatte allerlei Schwierigkeiten mit dem Stift St. Castor, sowohl wegen der Unterhaltung der Gebäude, als wegen der vom Stift zu leistenden Beiträge zur Pfarrbesoldung und mußte die Hülfe der hessischen Regierung anrufen, um die seit dem Jahre 1746 ausstehende Besoldung zu erhalten. Er beschwerte sich, daß die Pfarrscheune so schlecht und klein sei, daß das Stroh und Korn verdürbe, oder gegen Mietzins in anderen Scheunen untergebracht werden müsse. Nach 4jährigem Prozesse setzte er es durch, daß das Stift am 19. Februar 1750 angehalten wurde, die Gebäude besser zu observieren, ihm den Scheunenzins mit 1 Thlr. zu ersetzen und den Wein mit 10 Thlr. das Ohm zu vergüten. Das Stift kümmerte sich nicht um den Bescheid. Da wurde am 24. Okrober 1750 auf eine Exekution gegen dasselbe erkannt und Leutnant Meyer requirierte 2 Mann der bewährten Landmilize, dem Hofmann des Stiftes einzulegen. Das Stift antwortete mit einer großen Rechtfertigungsschrift und hielt auch die ausser Streit stehenden Abgaben an den Pfarrer zurück, bis ihm schließlich 1752 am 29 Juli eine 14tägige Frist gestellt wurde, während derer es seinen Verpflichtungen nachkommen mußte.
In die Zeit Wagners fällt der siebenjährige Krieg, den Hessen auf Seiten Preußens mitmachte. infolgedessen kamen wiederum französische Truppen unter dem Oberbefehl Soubise's in's Dorf. Dabei spielte sich folgende Episode ab, über die Wagner selbst berichtet:

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»Ew. Hochwohlgeborenen, Hochverehrtestem Herrn Rath habe gehorsamtst berichten sollen, welcher Gestalt am 29. des Mittags nächstverflossenen Monats allhier zu Werlau von dem franz. Regiment Cavallerie du Korps 4. Compagnie sambt dem staab eingerückt, welche 160 Pferdte ohne die Maulesel, Bagage, Wagen und Karren ausmachten, wovon bey mir als zeitlichem Pfarrer zum aller ersten der Major mit 4 Knechten und 6 Pferdten einquartiert worden, nach Verfließung etlicher Stunden kam der Regimentspater mir als dem Pfarrer anzusprechen, bey wlchem ersten Besuch derselbe sich nicht sonderliches merken laßen. Des Abends ohngefähr nach 6 Uhr in der Nacht kam der Regimentspater wieder und sagte in lateinischer, aber sehr unvernehmlicher Sprache - teutsch konnte er nicht - morgen haben wir das festum Sancti Andrae (30. Nov.) so wolle er eine Meß zelebrieren, propter commodidatem regimenti aber wolle er solche in der Kirch lesen, wie er das auf der Reiße ahn mehreren Orten gethan hätte. Ich antwortete die Kirche könnte ich ihm dazu nicht gestaten, dazu müßte ich höheren Ortes deßhals zuerst Befehl haben, zu dem glaubte ich nicht, daß auf dieser Reyse er in evangelischen Kirchen eine Meß gehalten. Darauf replicierte er; wenn der Pastor es nicht erlauben wolle oder können, so wollte er es vor sich thun - pro me faciam waren seine Worte - darauf nahm er Abschied.
Des Morgens zwischen 9 und 10 Uhr des anderen Tages kam er wieder in Begleitung einer Menge der Herren Offiziers, welche bey dem Major ansprachen: Die erste Worte und Ansprache waren:
clavem volohabere ad templum (ich will den Schlüssel zur Kirche haben) clavem volo. Ich gabe zur Antwort, daß mich sein Annsinnen wundere, indem der Herr Marchal Prinz de Soubise und zuletzt der Herzog von Broglio solches untersagt, gar mißbilligt und nicht Dulden wollten, antwortete er mir, davon wüßten sie nichts, und wäre nicht. Clavem volo ad templum, welches mit einem zornigen Gesicht und erhobenem Thon außgesprochen worden. Ich replicierte des Herrn Regimentspater sein Ansehen und Befehle reichten nicht hin. Darauf ging er fort und redete mit den Officieren auf französisch, welches aber nicht verstehen konnte. Sogleich nach einer Viertelstunde kam der Obrist in Begleidung des Regiementspaters - die übrigen Offiziere waren indessen auf dem Kirchhof stehen geblieben - forderte den Schlüssel zur Kirchen: »Kirchenschlüssel her, Kichenschlüssel her.«
Der Schuldiener antwortete, er hätte solchen nicht sondern der

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Pfarrer; darauf wollte er das extremum nicht erwarten, ließ denselben folgen, (zumahlen da alle Anzeige gaben, daß es von hiesigen Katholiken möge angestellt worden seyen.) Der Trompeter hatte schon zweymal geblaßen und war in dem 11 Uhr, da der Schlüssel hergegeben worden.« So ist damals die letzte Messe in der Kirche gelesen worden. Wagner hatte auch Schwierigkeiten mit der kurpfälzischen Regierung, weil dieselbe sich verschiedentlich Eingriffe in Holzfelder Kirchenangelegenheiten erlaubte. So im Jahre 1733 als aus der dortigen Kirche die eben neugekaufte Glocke unter Beihülfe des kurpfälzischen Amtsverwalters mit bewaffneter Hand aus der Kirche geholt und nach Hirzenach auf's Amtshaus gebracht ward, weil die evangelischen Eigentümer der Kirche und der Glocke nicht gestatten wollten, daß die Katholiken dieselbe mitbenutzten. Auf des Pfarrers Vorstellung hin ward die Herausgabe der Glocken von Hessen erzwungen.
Ein heftiger Streit brach 1753 aus, als der Kurfürst von der Pfalz als Territorial Herr eines Teils von Holzfeld verlange, mit in das Kicrchengebet eingeschlossen zu werden. Mit äußerster Zähigkeit hielt Wagner an seiner Weigerung fest, die er seinem hessischen Landesherrn schuldig zu sein glaubte und ließ sich weder durch die Beschlagnahme der Holzfelder Einkünfte, noch durch die Anweisung seiner eigenen Behörde, die 1761 an ihn erging, zur Nachgiebigkeit bewegen. Bis zu seinem im Jahre 1772 eintretenden Tode betete er nur für den hessischen Landgrafen.
Zur Zeit Wagners im Jahr 1766 wurde auch die Kirche umgebaut. Es wurde der Turm vor die Kirche gestellt und eine 2. Glocke auf der Messe in Frankfurt gekauft. Im Inneren der Kirche wurde an einer Seite die Empore angelegt. Schon seit dem Jahre 1767 war dem Pfarrer sein Sohn Christian Georg Wagner adjungieret, doch
citra spem succedendi ohne (Anspruch sein Nachfolger zu werden.) Als aber 1772 der Vater starb, ward dem Sohn doch die Pfarrstelle übertragen.
Als Erbstück ward ihm von seinem Vater der Widerstand gegen die kurpfälzischen Ansprüche hinterlassen. Auch er weigerte sich die Herrenrechte des Geschlechts über die Kirche anzuerkennen und noch 1788 konnte er nach Cassel berichten, daß keine der von der Kurpfalz erlassenen Verfügungen beachtet sei.
Im Jahre 1790 ward eine eingreifende Umgestaltung der inneren Kirche vorgenommen. Der den Chor gegen das Schiff abschließende Bogen ward abgebrochen. Die Steinpfeiler an den

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Seitenwänden der alten Kirche bezeichneten noch seinen Platz und der in Stein gehauene St. Georg, jetzt in der Orgelempore, bildete sicher den Schlußstein des Bogens. Eine neue Tür, welche beim Abbruch sich deutlich abhob, zugemauert. Der Boden wurde mit Steinplatten belegt und auf dem Chor das Gestühl sowie die Orgelempore angebracht, auch eine zweite Seitenempore eingebaut. Die früher an der Kirche gelegene Sakristei, - die Fundamentmauern neben der kleinen Tür bezeichneten ihre Lage - wurden auch abgebrochen, nachdem die Gerichtsschöffen und der Pfarrer ausdrücklich erklärt hatten, daß sie ihre Wiederherstellung niemals fordern würden. Zu diesem Bau erhielt die Gemeinde 1791 am 1. Januar eine Beihüle von 70 Gulden aus dem Überschuß des Kirchenkastens. Ein Gesuch um weitere Unterstützung wurde abgelehnt. Der Kostenaufwang belief sich für die Schreinerarbeiten auf 202 Thlr. 86 Kreuz.,für die Maurerarbeiten auf 103 Thlr. und für die Zimmerarbeiten auf 170 Thlr. 60 Kreuz. Erstere führte Johann Balthasar Fuchs aus, letztere Gerhardt Newehr. Für die Umgestaltung des Chores bedurfte es wiederum der Genehmigung und Beihülfe des Stifts, welche nach einigem Sträuben gewährt wurde.
Wagner machte mit seiner Gemeinde die schwere Zeit der französ. Invasion durch. Anfang October des Jahres 1797 waren die Revolutionsheere unter Jourdan in Coblenz eingerückt und zogen über den Hunsrück nach Süden. Am 30. Oktober besetzten die Franzosen Werlau. Harte Tage voll äußerer Not und innerem Weh brachen über die Gemeinde herein. Wie schwer die Kriegslasten auf ihr lagen, mag man aus der Bemerkung des Pfarrers schließen, daß vom 1.- 30. Nov. 76 Personen im Pfarrhaus einquartiert oder zu verpflegen waren. Es waren meistens die höheren Offiziere mit ihrem ganzen Troß. Wie dieselben gelebt zeigt die Bemerkung am Ende der Zusammenstellung: »Dazu haben sie 2 1/2 Ohm von meinem Wein getrunken.« Die Gemeinde selbst war durch die schlimme Zeit »alle Tage ärmer aber auch zugleich leichtsinniger, sittenloser und verwildert.« Die Pfarreinkünfte flossen sehr dürftig. Sowohl das Holz, das die Gemeinde zu liefern hatte, als auch die Abgaben einzelner wurden teils aus Armut, teils aus Unverstand oder Habsucht verweigert. Die Schlagworte der Revolution von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit spukten auch in den Köpfen unserer Leute und man war zu dem Glauben gekommen,

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daß nach Aufhebung der Klöster und Stifter man auch aller kirchlichen Lasten und Verpflichtungen ledig sei. Wir brauchen uns deshalb nicht zu wundern, wenn wir lesen, daß der Pfarrer sein ganzes Einkommen vom Jahre 1800 auf 5 Malter Korn, 3 Malter Gerste, 17 leichte Gulden an Geld und 20 Bauchen oder Gebund an Stroh angibt. Aus allen diesen Gründen wünschte Pfarrer Wagner sehnlichst in andere Verhältnisse zu kommen, und bat wiederholt in Cassel um seine Versetzung auf das andere Rheinufer. Als Antwort erhielt er die Erlaubnis sich einmal um eine erledigte Stelle dort bewerben zu dürfen.
Noch andere Nöte hatten Pfarrer und Gemeinde zu ertragen. Schon 1796 wurde den Gemeindegliedern durch eine Verordnung des Generaldirektors der Verwaltung der eroberten Lande zwischen Rhein und Mosel jegliche Abgabe an die Bischöfe, Geistlichen, Domherren, Pfarrer etc. verboten und wenn man auch bemüht war durch eine möglichst genaue Aufstellung der Pfarreinkünfte und durch Staatbeihülfen für eine ausreichende Besoldung zu sorgen, so haben wir doch gesehen, in welche Not die Geistlichen gerieten. Sehr schmerzlich mußte es der Geistliche empfinden, daß ihm 1799 mit Einführung der franz. Civilstandslisten sämtliche Kirchenbücher der Gemeinde genommen und dem Maire von St. Goar übergeben wurden. Dadurch verlor der Pfarrer nicht nur eine beträchtliche Einnahme durch Ausfall der Stolgebühren, viel größer ist der Verlust für die Gemeinde selbst, und es ist bitter zu beklagen, daß auf dem linken Rheinufer diese wichtigen Dokumente des Gemeindelebens den Gemeinden noch immer vorenthalten werden.
Wie viel und oft wurde auch das nationale Empfinden verletzt. So z.B. als bei dem 1802 abgeschlossenen Frieden zwischen der Republik und England der Maire von St. Goar, Lazarus Wolff an den Pfarrer schrieb:
»An den Bürger Wagner, lutherischen Pfarrer zu Werlau. Bürger! Den 18. dieses Monats, Jrumaire oder den nächsten Montag wird in Gemäßheit eines Beschlusses der Konsule im Umfang der ganzen französischen Republik das Friedensfest zwischen der Republick und England gefeiert.
Sie werden daher auf Befehl des Präfekten ersucht, auf diesen Tag in dem zum Gottesdienst geeigneten Gebäude den Universalfrieden feyerlichst zu proklamieren. Bürger, Sie haben die beste Gelegenheit, Ihre Kirchenkinder am Herzen zu legen, wie sehr die jetzige Regierung alle unsere Wünsche entsprochen hat, und ich zwei-

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fele nicht, daß Sie durch Ihre Beredtsamkeit die leeren und lächerlichen Hofnungen der Zurückkunft der alten Herrschaft, welche sich die Eitelkeit und Leichtgläubigkeit noch schmeichelt, gänzlich verschwinden machen werden.«
Selbst zum Chausseebau sollte der Pfarrer mit Schüppe und Hacke zur Frohnde antreten, oder 15 Frcs. Strafe zahlen, ein Ansinnen, das derselbe allerdings unter Hinweis auf seine Stellung und sein Alter scharf zurückwies.

Aus diesem Elend rief ihn im Jahre 1803 am 13. April der Herr durch den Tod ab. Er war 59 Jahre 10 Mon. 25 Tage alt geworden. Die Not seiner Familie war groß, hinterließ er doch 9 unversorgte Kinder. Der älteste Sohn lag noch seinem Studium ob. Da bat dann die Mutter ihr bis zur Beendigung derselben das Einkommen der Pfarrstelle zu überlassen und das Amt durch einen Vikar versehen zu lassen. Es wurde ihr gewährt und so ward Vikar Krämer nach Werlau berufen. Ob er allein, oder noch andere Vikare dort waren, ist nicht klar ersichtlich. Jedenfalls kam Karl Christian Wagner erst im Jahre 1807 in sein Amt. Er war, da er am 22. Dez. 1786 geboren, erst 21 Jahre. Seine Amtszeit fällt in die Tage der schwersten Demütigung unseres Vaterlandes. Besonders schmerzlich muß es uns berühren, wenn wir lesen, daß der Konsistorial-Präsident Jakobi nach der Schlacht bei Eylau an den Kaiser Napoleon ein Glückwunschschreiben im Namen aller Evangelischen der eroberten Provinzen sandte und den Gemeinden dann mitteilen ließ, wie »sich unser allergnädigster Herr, der Kaiser Napoleon so huldreich über seine protestantischen Unterthanen äußerte.«

Glücklicher Weise kam bald Preußens Wiedergeburt und die von dort ausgehende siegreiche Erhebung. Wie wenig man den Bewohnern der linksrheinischen Lande damals traute, zeigt der Umstand, daß alle Standespersonen und so auch der Pfarrer Wagner den Verbündeten folgenden Eid schwören mußten: »Ich Endes Unterschriebener ... schwöre, daß ich weder öffentlich noch im geheimen, weder mittelbar noch unmittelbar, irgendetwas nachtheiliges für die Sicherheit der verbündeten Armeen thun, schreiben, oder berathen will, daß ich die mir ferner übertragene Verwaltung nur nach der Anweisung und für Rechnung der verbündeten Mächte führen, überall mich den Anordnungen der mir vorgesetzten Behörden, insbesondere des Generalguverneurs ohne Weigerung mich fügen werde, so wahr mir Gott helfe und sein heiliges Wort.«

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Nun brachen bessere Zeiten an. Die materielle Lage der Pfarrer wurde durch feste Regelung des Einkommens verbessert. Als dann mit dem Frieden die hessischen Lande endgültig an Preußen kamen und so auch Werlau, wurde die Gemeinde nach interimistischer Verwaltung durch die weltlichen Behörden dem Kgl. Konsistorium zu Coblenz und dem Superintendenten der Synode Coblenz unterstellt.
Bei Einführung der Union in Preußen 1817 schloß sich die Gemeinde an. In Werlau waren 1/8 Reformierte und 7/8 Lutheraner. Zum Zeichen der Vereinigung verwandte man vom Jahre 1818 an beim heil. Abendmahl Brot, an Stelle der bis dahin gebrauchten Hostien. Im übrigen behielt die Gemeinde ihren lutherischen Bekenntnisstand. Auffälliger Weise ist damals über die Union keine Urkunde ausgestellt. Das wurde am 1. Sep. 1845 nachgeholt. Dieselbe lautet: »Darüber, daß im Jahre 1817 die bis dahin lutherische Gemeinde Werlau, deren Presbyterium und Repräsentation wir bilden, der Vereinigung der reformierten und lutherischen Kirche beigetreten ist, den Namen evangelische Gemeinde angenommen und den Abendmahlsritus der vereinigten Kirchen eingeführt hat, und daß wir mit unserer Gemeinde der Kirchenvereinigung immerdar treu bleiben wollen, ist gegenwärtige Urkunde von uns ausgestellt und unterzeichnet worden.«
Am 28. Mai des Jahres 1830 ward die 300jährige Gedächtnisfeier der Übergabe des Augsburgischen Konfession auch in Werlau festlich begangen.
Im Jahre 1831 ward das noch jetzt stehende Pfarrhaus erbaut und bezogen. Bis zum Jahre 1855 blieb Pfarrer Wagner im Amte. Am 14. März jenes Jahres starb er.
Die Gemeinde wünschte nun den Pfarrer Noel von Biebernheim zum Nachfolger des Verstorbenen zu erhalten, aber das Kgl. Konsistorium, auf das die Rechte des Castorstiftes übergegangen waren, schlug den Pfarrer Carl Adolf Pfender vor und da die Gemeinde nichts gegen denselben einzuwenden hatte, ward dieser im October dieses Jahres eingeführt. Er war am 4. März 1810 als Sohn des Pfarrers Andreas, Friedr. Pfender in Drulingen im Elsaß geboren. Nachdem sein Vater später nach Simmern unter Dhaun, im Kreise Kreuznach versetzt war, besuchte er das Gymnasium zu Kreuznach und studierte in Bonn. Nach Ableistung seiner Dienstpflicht verwaltete er ein Jahr als Rektor die lateinische Schule in Simmern und war von 1835 - 55 Pfarrer der Gemeinde

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Kellenbach (Synode Simmern) und von 45 an auch Schulinspektor im Nebenamte. Neben seiner pastoralen Wirksamkeit arbeitete er namentlich an der socialen und wirtschaftlichen Hebung der Gemeinde. Bei Pflanzung und Veredelung der Obstbäume und anderen landwirtschaftlichen Anlagen, bei Flurvermessungen, sowie Anlage und Verwaltung der Ersparnisse stand er seinen Gemeindegliedern mit Rat und That zur Seite. Durch Anlegung des Thalwegs und Verbesserung des St. Goarer Wegs hat er sich ein bleibendes Denkmal in der Gemeinde gesetzt.
In der Kirche traf Pfender eine genaue Einteilung der Sitze nach Geschlecht und Alter, sowie eine feste Ordnung für das Verlassen der Kirche. Die Pfarrgüter wurden vermessen und mit Grenzsteinen versehen. Die nördliche Grenze des Pfargartens wurde durch Umtausch mit den Nachbarn gerade geführt (1865), auch wurde im Jahre 1861 die jetzt noch in Gebrauch befindliche Orgel - allerdings durch die Civilgemeinde - angeschafft. Die Gebrüder Stumm und Schaunen lieferten dieselbe.
In die Zeit der Amtsführung des Pfarrers Pfender fiel auch der Beginn der Arbeit des Elberfelder Brüdervereins in unserer Gemeinde. Im Jahre 1862 kamen die ersten Sendboten desselben nach Werlau und hielten unter großer Beteiligung der Gemeinde, in dem ihnen bereitwillig zur Verfügung gestellten Gemeinde- oder Schulsale Versammlungen ab. Etwa 10 - 12 Familien schlossen sich ihnen besonders an und hielten biblische Besprechungen und kleinere Versammlungen in ihren Häusern ab. Anfangs schien dieses keinen nachteiligen Einfluß auf das Gemeindeleben zu haben, vielmehr giebt der Pfarrer diesen Leuten das Zeugnis, daß sie den öffentlichen Gottesdienst fleißig besuchten und sich gegen ihr Leben nichts einwenden lasse. Zwar kamen auch darbistische und baptistische Prediger nach Werlau und sprachen in der Versammlung, aber ohne Boden zu gewinnen.
Der Pfarrer hielt sich der Bewegung gegenüber neutral und abwartend, dagegen sprach sich in einer Gastpredigt ein auswärtiger Geistlicher deutlich gegen die Versammlung aus und warnte die Gemeinde vor ihren Leitern. Dadurch wurde die Gemeinschaft stutzig und zu engerem Zusammenschluß veranlaßt. Sie suchten allerdings durch öffentliche Versammlungen, zu denen sie Pfarrer und Gemeinde einluden, ihren Einfluß auszudehnen. Als der Pfarrer ihnen nach der Seite hin im Jahre 64 eine deutliche Absage gab, mit der Begründung, daß er wegen seines Amtes und seiner Gemeinde sich nicht an Sonderbestrebungen beteiligen könnte, und

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auch selbst Gelegenheit genommen hatte, in Predigt und Gespräch auf die Gefahren solcher Bestrebungen hinzuweisen, zogen sich die Anhänger des Brudervereins vom öffentlichen Gottesdienst zurück, ja einer sogar, - ein junger Mann von 25 Jahren, - äußerte öffentlich, daß in der Kirche das Wort Gottes nicht lauter und rein verkündet werde. Das erbitterte die Gemeinde und die Gemeindevertretung drängte den Pfarrer, der die Sache auf sich beruhen lassen wollte, um der Gemeindewillen gegen diese Anklage Beschwerde zu führen. Seitdem besuchte dieser junge Mann die Kirche garnicht mehr, die anderen nur noch selten. Dazu kamen sie aber nicht nur durch den äußeren Gegensatz, vielmehr kamen innere Bedenken dazu.
Namentlich an der Verwaltung der Sakramente nahmen sie Anstoß. Mit »Ungläubigen« wollten sie das Abendmahl nicht feiern und hielten dasselbe deshalb abgesondert in den Häusern hin und her. So feierten sie es anfangs in der Weirichs Mühle bei Pleitzenhausen. Auch die Zulässigkeit der Kindertaufe erschien einigen unter ihnen zweifelhaft, und die rechte Durchführung einer geistlichen Zucht in der Gemeinde vermißten sie sehr. Andere Zwischenfälle verschärften den Gegensatz und schließlich bildeten die kirchlichen Beiträge das einzige Band zwischen Gemeinde und Versammlung. Ihre Zahl nahm aber auch infolgedessen nicht zu, sondern hat eher abgenommen, da nicht nur der Pfarrer, sondern die Mehrzahl der Gemeindeglieder an der Sonderstellung dieser Leute Anstoß nahm.
Am 17. Aug. des Jahres 1966 trat Pfarrer Pfender in den Ruhestand. Bis zu seinem Tode im Jahre 1891, den 5. Januar, lebte er in der Gemeinde, ihr und seinem Amtsnachfolger auch fernerhin mit Rat und Tat dienend. Ein nichtordinierter Kandidat Milner versah das Pfarramt, dessen baldige Besetzung vom Kgl. Konsistorium betrieben wurde. Die Gemeinde hätte am liebsten Milner behalten, aber die Behörde übertrug dem Pfarrer Anton August Günther die Pfarrstelle. Derselbe war am 4. Juli 1819 zu Paderborn als Sohn des dortigen Pfarrers geboren. Er besuchte das Gymnasium zu Minden und studierte in Halle a.d.Saale. Er war Pfarrer der Gemeinde Niederdorf a.d holländ. Grenze. Obwohl die Gemeinde gegen Wandel und Lehre des Ernannten nichts einzuwenden hatte, sträubte sie sich doch denselben anzunehmen; einmal weil sie Milner gerne behalten hätte, dann aber auch, weil ihm der Ruf voran ging, er hielte es mit der Versammlung. Tatsächlich nahm diese Anfangs wieder regen Anteil am Gottesdienst

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und Gemeindeleben, zog sich aber, weil sie das gewünschte Entgegenkommen nicht fand, später wieder vom Gemeindeleben zurück. Der im Jahre 1875 vollzogene gerichtliche Austritt von 4 Familien trug nur zur Klärung der Verhältnisse bei. Es sei hier gleich hinzugefügt, daß sich diese Zahl nicht vermehrt hat. Die gottesdienstlichen Versammlungen hielten die Ausgetretenen in einem Hause ab, bis es ihnen im Jahre 1892 möglich wurde, einen schlichten Betsal zu bauen.
Am 7. Januar 1867 wurde Pfarrer Günther in sein Amt eingeführt. Der Anfang seiner Wirksamkeit war sehr schwierig. Nicht nur daß man ihm bei seinem Einzug - er kam mit seiner jungen Frau - keinerlei Hülfe und Handreichung gewährte, es hielt sich auch noch ein Teil der Gemeinde aus den oben erwähnten Gründen eine Zeitlang dem Gottesdienst fern und ging lieber nach St. Goar zur Kirche. Das gleichmäßige -wesen und Stille Wirken des Pfarrers überwand aber bald diese Zeit des Mißtrauens.
Pfarrer Günther durchlebte mit seiner Gemeinde die Tage des großen Krieges von 1870 - 71. An dem vor dem Kriege ausgeschriebenen Bußtage brach während des Gottesdienstes ein furchtbarer Wolkenbruch über das Dorf und die Flur herein. So stark kamen die Regengüsse, daß in kurzer Zeit das Wasser des Baches in Keller, Scheunen und Ställe drang und der Gottesdienst abgebrochen werden mußte um die notwendigen Rettungsarbeiten zu tun. In diesem Jahre am Trinitatissonntag, den 26. Mai, erlebten wir ein ähnliches Unwetter, nur daß demselben noch ein 3/4 stündiger Hagelschlag voran ging.
Es ist keiner der Werlauer Krieger im Kampfe gefallen, trotzdem mehrere manche schwere Schlachten mitgemacht haben.
Kurze Zeit nach dem Kriege ward das Dorf von einer schlimmen Typhus-Epidemie heimgesucht. Ganze Familien wurden von der Krankheit ergriffen und hingerafft.
Pfarrer Günther nahm sich besonders der Holzfelder Schuljugend an; diese mußte die Schule in Werlau besuchen. Dem Pfarer wurde 1868 das Abhalten einer Privatschule in Holzfeld gestattet, welche von Präparanden versehen wurde, bis 1875 durch Errichtung einer öffentlichen Schule und Anstellung eines Lehrers und im Jahre 18 durch den Bau eines schulhauses mit Lehrerwohnung allen Bedürfnissen Rechnung getragen wurde.
Im Jahre 1892 wurde auch bei Anlegung des Grundbuches der Besitzstand der Gemeinde amtlich festgelegt. Leider ging ihr

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dabei der Kirchhof durch Eintragung auf die Civilgemeinde verloren.
An Pfarrhaus und Kirche mußten größere Reparaturen vorgenommen werden. Das Pfarrhaus mußte an der unterkellerten Seite neu unterwölbt werden, der Krichturm mußte von innen verstrebt und von außen neu gedeckt werden. Dieses sollte der Anfang einer durchgreifenden Kirchenreparatur sein. Dieselbe ist aber nicht fortgesetzt worden. In körperlicher und geistiger Rüstigkeit konnte Pfarrer Günther bis in sein 70. Lebensjahr der Gemeinde dienen. Nur der Weg nach Holzfeld machte ihm bei Winterwetter Beschwerde. Er erbat sich deshalb bei der Pastoralhülfsgesellschaft einen Vikar. Diese sandte am 1. Nov. 1897 den Kandidaten Over.

Als am 1. Oktober des Jahres 1898 Pfarrer Günther sein Amt niederlegte, trat für die Gemeinde zum ersten Male das ihr vom Könige gewährte Wahlrecht in Kraft. Die Wahl fiel auf den bisherigen Vikar. Derselbe war am 14. März 1871 als Sohn des Lehrers Ewald Over zu Essen geboren, besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt und studierte in Halle, Berliln und Bonn. Nach dem 2. Examen war er ein Jahr im Predigerseminar zu Soest und nahm nach seiner Entlassung von dort die von der Pastoralhülfsgesellschaft ihm angebotene Vikarstelle in Werlau an. Am 16. Januar 1898 wurde er in Essen ordiniert.
Am 31. Sept. schied Pfarrer Günther von seiner Gemeinde und zog sich nach Neuwied zurück. Dort war ihm ein kurzer Feierabend beschieden. Am 16. März 1899 rief ihn der Herr in die Ewigkeit.
Sein Nachfolger wurde am 16. Oktober in sein Amt eingeführt. Auf seine Anregung wurde der Plan der längst beschlossenen Renovierung der Kirche wieder aufgegriffen. Den äusseren Anstoß dazu gab das Zerspringen der kleinsten der 3 Glocken, des sog. Bimmelchens. Es wurde ein völlig neues Geläute von 3 Glocken, a, cis, e, angeschafft. Dieselben wurden von der Firma Schilling in Apolda aus Bronze gegossen und am 18 Sptember 1900 eingeweiht. Sie tragen die Sprüche: Ehre sei Gott in der Höhe - Und Frieden auf Erden - und den Menschen ein Wohlgefallen. Obgleich dieselben nur einige Zentner schwerer als die 3 alten Glocken waren, zeigte sich doch, daß die Verstrebung des Turmes nicht stark genug war und man sah sich gezwungen, den Bau eines neuen Turmes zu beschließen. Das Gutachten des

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von der Kgl. Regierung gesandten Bauinspektors riet aber aus wirtschaftlichen Gründen von einem bloßen Turmbau ab, und empfahl den völligen Neubau der Kirche. Die Höhe der Kosten ließ aber diesen Plan zurücktreten. Erst als beim Abbruch des Turmes und der damit verbundenen Giebelwand der Architekt Bernhard erklärte, daß er den Umbau nicht ausführen könne, wurde der völlige Abbruch der Kirche beschlossen. Die Opferwilligkeit der Gemeinde stellte zu den bereits gesammelten 2000 Mk. noch 15000Mk. zur Verfügung und durch Bewilligung aus dem Hauskollektenfonds, in Höhe von 11150 einer Kirchenkollekte, welche 3172 Mk. ergab und die Unterstützung des Oberkirchenrates, welcher 3000 Mk. beisteuerte, wurde die Bausumme von rund 36000 Mk. aufgebracht. Die im Jahr 161 angeschaffte Orgel und die Glocken wurden zu dem neuen Bau verwandt. Am 12. März des Jahres 1907 als dem 300jährigen Geburtstag Paul Gerhardts wurde der Grundstein gelegt. Die in denselben eingeschlossene Urkunde hat folgenden Wortlaut:

Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.

Am heutigen Tage, dem 12. März im Jahre des Heils neunzehnhundertundsieben, am 300jährigen Geburtstage Paul Gerhardt's, im zwanzigsten Jahre der gesegneten Regierung Sr. Majestät des Kaisers und Königs von Preußen, Wilhelm II., wird in Gegenwart des Pfarrers und der Gemeindevertretung, des Moderamens der Synode und der benachbarten Pfarrer, des Bürgermeisters und des Gemeinderates, sowie unter Teilnahme der Gemeinde dieser Grundstein gelegt.
Mit dieser darüber gefertigten Urkunde sind in den Grundstein eingesenkt:
1) Das Verzeichnis sämtlicher Pfarrer der Gemeinde seit Einführung der Reformation. 2) Das Verzeichnis der Gemeindevertretung. 3) Eine Skizze und Grundriß der alten Kirche, sowie 4) die Gesamtansicht und der Grundriß dieser Kirche. 5) Ein Festspiel aus der geschichte der Gemeinde, das im Februar 1903 von Gemeindegliedern aufgeführt wurde.
Die alte Kirche, an deren Stelle diese neue gebaut wird, stammt aus ihren ältesten Teilen aus dem ersten Drittel des 14. Jahrhunderts. Sie wird zum ersten Male urkundlich 1341 in einem alten Weistum erwähnt. Sie hat bis zum Jahre 1906 mancherlei Umbauten und Erweiterungen erlebt. Die Baufälligkeit und

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der Raummangel ließen im Jahre 1902 die größere Gemeindevertretung einen Umbau und die Erweiterung der Kirche beschließen. Nach mancherlei Entwürfen sollte Architekt Bernhard aus St. Goar den Turm neu ausführen und das Innere umbauen. Beim Abbruch des Turmes und der vorderen Giebelwand zeigte sich aber das Gemäuer so schlecht, - es war nur mit Lehm verbunden - daß der völlige Abbruch und Neubau nötig wurde.
Die Opferwilligkeit der Gemeindevertretung, welche eine Anleihe von 15000 Mk. einstimmig beschloß und die tatkräftige Unterstützung der Provinzial- und Landeskirche machten den Bau möglich.
Nach den von den hohen kirchlichen und staatlichen Behörden genehmigten Entwürfen des Architekten Bernhard, St. Goar, soll diese Kirche an der Stelle der alten Kirche, mit einem Kostanaufwand von 35000 Mk. gebaut werden. Die im Jahre 1861 angeschaffte Orgel und die im Jahre 1900 neubeschafften 3 Glocken der alten Kirche sollen, wie auch die Kanzel, beim Neubau verwandt werden.
Wie die alte Kirche zum St. Georg hieß, so soll auch die neue Kirche diesen Namen tragen und damit die Erinnerung an unser altes Gotteshaus wach erhalten.
Er aber, der lebendige Gott und unser Heiland, Jesus Christus, der hochgelobte König und herr seiner Kirche, lasse diesen Bau emporwachsen und durch Jahrhunderte Stehen, daß er sei eine Stätte der Anbetung im Geist und in der Wahrheit, ein Ort der Verkündigung des reinen Evangeliums von der Erlösung der Welt in Christo Jesu, zur Ehre seines heiligen Namens und zum Heil vieler Geschlechter.
Ihm, dem Dreieinigen Gott, dem Vater, dem Sohne und dem Heiligen Geiste sei Ehre und Preis von nun an bis in Ewigkeit. Amen!



3. Teil. Verfassung und Einrichtungen der Gemeinde

1. Abschnitt. Verfassung der bürgerlichen Gemeinde.

In der fränkischen Zeit waren die einzelnen Gebiete in Gaue geteilt, welche unter Gaugrafen standen. Ihnen waren die Centgrafen untergeordnet, deren Gebiet wieder in Dekurien zerfiel. Eine solche Dekurie scheint Werlau mit seinem Gebiete gebildet zu haben, denn aus den alten Dekurien sind meist die Gerichte entstanden, und ist schon erwähnt, daß in Werlau ein Gericht war. Dasselbe wurde gebildet aus 7 Schöffen, und war vom Schulteiß

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geleitet, Die Rechte der Lehnsherren vertrat der Vogt von Rheinfels, welcher auch bei dem Gerichte den Vorsitz führte. Der Schulteis hatte folgenden Eid zu schwören:
»Ich schwöre zu Gott dem Allmächtigen einen leiblichen Eid, daß nachdem ich zum Schuteiß zu Werlau aufgenommen, ich unserer Herrschaft allzeit getreu und untertänigst, dero nachgesetzte Kanzlei und vorgesetzte Beamte gehorsam sein will. Daß ich meinem gnädigsten Fürsten und Herrn Gerechtigleit will helfen handhaben und wissen, auf deren Waldung und Gräben und Wiesen nach meinem besten Vermögen Achtung geben, dero keinen Schaden zufügen lassen, wenig selbst tun, wie denn auch die hiesige Gemeinde, der ich itzo vorgestellt wurde treulich und redlich dienen, derselben nichts unbillig tun oder zumuten, die herrschaftlichen Gelder undf Introde und Zinsen treulich eintreiben auch gehörig -?- (abliefern) solches nicht fälschlich unterschlagen, auch sonsten was strafbar nicht verschweigen oder darin die Person ansehn, sondern alles das tun zu zulassen, was einem frommen, ordentlichen, unparteiischen Schulteißen sowohl von Rechten und Gewohnheiten, wie eignet und gebühret, alles getreulich und ohne Gefährde, so war mir Gott helfe. Amen.« (Kgl. Staatsarchiv zu Coblenz. In der Orthographie geändert.)
Der Schulteiß führte das Gemeindesiegel, dasselbe stellte den Ritter St. Georg im Kampfe mit dem Drachen dar und trug soweit sich nach den alten Abdrücken feststellen läßt, die Umschrift »Sigillum ... (vielleicht) des Dorfes ... Werlle.«
Die zur Gemeinde gehörigen Dorfbewohner werden die Hubner genannt. Schulteiß und Schöffen hatten über Recht und Ordnung in der Gemeinde zu wachen. Sie mußten die Ansprüche und Rechte der Lehnsherren und Zehntherren, sowie deren Pflichten der Gemeinde gegenüber, welche sie in den Weißtümern niederlegten. Das älteste Weißtum stammt aus dem Jahre 1341 und handelt von der »Gerechtigkeit und Freiheit Brandts Gütern zu Werle.« Die beiden Brüder Tillmann und Brendlin vom Brande (letzterer ist sicher der auf dem Grabstein in der Kirche genannte Gemahl der Lucardis) wurden in demselben als die besten und obersten Merker über Wald, Wasser und Waide genannt.
Ein Weißtum von 1394 giebt des genaueren an, daß der oberste Vogt von Werlau über Frevel zu richten habe, auch die Wetten, - d. i. Strafgelder - empfangen. Als solcher wird Graf Wilhelm von Nassau genannt. Die Zehntherren waren die Stiftsherren von St. Castor. Ihnen war der Zehnte von allen

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Erträgnissen der Werlauer Flur zu liefern, sowohl von Korn und Wein, als auch etliche Hauszehnten. Dazu waren die Hubner zu Frohnden und Fuhren beim Schneiden, Einfahren und Abliefern des Zehnten und der Bearbeitung des Stiftsfeldes verpflichtet. Die Stitfsherren hin wiederum mußten dem Dorfe von ihrem Hofmann einen Eber, Widder und Farren halten lassen. Für jedes Lamm, vom Widder hatten die Hubner einen Heller, für jedes Zugkalb drei Heller dem Stifte zu zahlen. Auch den Weinbergsschützen, den Büttel und Förster hatte das Stift mit zu unterhalten. So erhielt der Büttel z.B. 1 1/2 Malter Korn und einige Äcker zur Benutzung. Zur Wahrung seiner Rechte hatte das Stift den Hofmann und die Zehntknechte, welche das Stiftsgut bewirtschafteten und auf dem Stiftshofe, dem jetzigen Arend'schen Besitztum wohnten. Dort war auch die Zehntscheune. Der Dorfeingang durch den der Zehnte eingebracht wurde, heißt noch heute die Zehntport.
Der kostbarste Besitz der Gemeinde war neben dem Waideplatz für Rinder, Schafe und Schweine (Säuwasen) der Wald. Auf diesen hatten die Kastorherren keinen Anspruch. Das Holz wurde gemeinsam gemacht und dann verlost. Auch dem Pfarrer stand ein Los zu. Der Überschuß wurde zur Deckung der Gemeindelasten verwandt. Auf die Waiden trieben der Kuh-, Schaf- und Schweinehirte das Vieh. Nach der Anzahl der Tiere hatte jeder Hubner zur Besoldung des Hirten beizutragen. Der Pfarrer hatte freies Waidrecht für 2 Schweine und alles Vieh. Beim Bauen bekam jeder Bürger auch das Bauholz aus dem Wald geliefert und zwar 8 Stämme zur Scheuer, 7 zur Kelter neben dem Baum oder Docken 2 Stämme.
Nur der Dorfeingesessene hatte an diesem Rechte Anteil. Man versuchte deshalb zu verhüten, daß durch Zuzug derselbe geschmälert wurde. Es war bestimmt, daß niemand zur Bürgerschaft zugelassen wurde, »er habe denn 50 Batzen der Gemeinde erlegt.« Als später durch das Bergwerk die Fremden mehr herangezogen wurden, beschwerte sich die Gemeinde beim Landgrafen und bat solch unbemittelten Tagelöhnern das Bürgerrecht zu verweigern.
Dreimal jährlich fanden in Werlau die Gerichts- oder Dingtage statt. Sie wurden in dem der Gemeinde gehörenden Rathause auf dem Gemeindesaal abgehalten. Dasselbe schein schon früh mit dem Backhaus verbunden gewesen zu sein, denn bei einem Neubau 1604 wird die Verbindung der beiden als selbstverständlich angenommen. Neben dem Backhaus enthielt es damals einen Schulsaal, und darauf die Lehrerwohnung und den Gemeindesaal.

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Letzterer wurde auch, namentlich bei Hochzeiten als Tanzsaal benutzt.
Zu dem Dingtag kam der hessische Vogt als Vorsitzender. Schulteiß und Schöffen bildeten das Gericht. Jeder Dorfeingesessene mußte erscheinen. Der Vogt eröffnete den Dingtag durch folgende Frage: »Ihr Schöffen des Gerichts, ich frage euch, ob die Zeit vom Jahr und die Höhe vom Tag sey, daß man im Namen und von wegen des durchlauchtigen etc. Landgrafen zu Hessen etc. seinen gewöhnlichen Dingtag besitzen und halten mag.« Die Schöffen antworteten:
»Herr Vogt dünket es euch die Zeit vom Jahr und die Stunde zu sein, unserem Grafen etc. Dingtag zu halten, so dunket es uns auch zu sein.« - Dann gebot der Vogt die Schöffen zum Schöffenstuhl, gab Bann und Frieden, daß keiner den anderen den Schöffenstuhl besitzen und in sein Wort kiese ohne Erlaubnis. Es wurde gefragt, ob einer von der Gemein Gott mit Worten oder Werken gelästert, sein Wort verachtet, die Predigt versäumt, ob jemand den Herren oder die Gemein überfahren hätte, es wäre im Feld, im Haus, oder sonst wo das geschehen.
Man forschte nach falschem Maß sey in nasser oder trockner Waare, nach falsch Gewicht und Geld, nach Verletzung oder Mord, Geschrei oder Unruh auf den Gassen, Straßen und im Haus, ja ob einer im Wirtshaus oder Straßen mit Kannen, Steinen oder dergleichen geworfen habe, er habe getroffen oder nicht; thätliche und mündliche Beleidigungen und Verläumdungen, unerlaubter Weinverkauf. Zu langes Verweilen in den Wirtshäusern, Versäumnis der Frohnden, Dingtage oder deren vorzeitig Verlassen, Verrückung von Termsteinen, Diebstahl, unvorsichtiger Umgang mit Feuer oder Licht, wurden bestraft. Ja, sogar wenn einer Most nach auswärts verkauft habe, ohne es vorher der Gemeinde anzubieten, oder eine Kelter, wurde bestraft. »In Summa es soll ein jeglicher Rufen und Vorbringen alles, was dem heil. Gotte und seinem Wort zu wieder und von unserem Grafen und Herren ausgegangene Ordnung und Reformation, auch wider den gemeinen Nutzen geschehen und gehandelt ist, hierin vorangesetzt es sei groß oder klein, reich oder Arm, Freundschaft noch Feindschaft, Gift oder Gabe, auf daß die so verbrochen gestraft, die Frommen aber beschützet und bei dem ihrigen verunhindert und männiglich erhalten werden möge. Amen.«
Wir sehen, alles war geregelt. Auch die Arbeiten der Handwerker und der Lohn dafür wurden von der Gemeinde festgesetzt.

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Diese entschied, ob ein Handwerker sich niederlassen durfte. So lesen wir z.B. über den Schmied Folgendes:
»Demnach nunmehro die Gemeinde der Dorfschaft Werlau unterstanden einen Schmied, so sich dieser locus (Ort) setzen würde in allem zu befragen wird ihm folgender Preis gesetzt:
Im Gedinge nebst zwei Kannen Wein 20 Batzen für einen alten Wagen, 13 Batzen für einen neuen Wagen. So der Schmied alles stellet 1 Gulden 6 Batzen. Ein neues Eisen für ein Pferd 1 Batzen, 2 Pflugeisen 4 Batzen, neue Schar 3 Batzen etc.
Es waren ein Zimmermann, Maurer, Schmied und Steindecker im Dorf.
Für den Fall eines Brandes waren für jedes Jahr 2 Brandläufer bestellt, und »soll einem jeden Brandläufer jedesmal, so oft er läutet, eine halbe Kanne Wein und 1/2 Batzen Brots gestattet sein.«
Auch von Gemeindefesten hören wir. Am Ostermontag traten die Gemeindeschützen an. Es wurde dann, wohl auf der Osterwiese, ein Schießen mit nachfolgendem Ostertanz abgehalten. Die Gemeinde versammelte sich an dem Tag auf dem Rathause, wo ihr vom Pfarrer, wohl als Gegengabe für seine Waidfreiheit, Schinken, die dazugehörigen Speisen und zum Trunk 2 Kannen Wein (wohl für die Schöffen) und Bier (für die Hubner) gespendet wurde. Am Osterdienstag kam man wieder zusammen und jede Person, so des Bürgerhellers contentierte, hatte eine halbe Kanne Wein und 1/2 Batzen an Brot zu verzehren.
Als die Zeiten der feindlichen Einquartierungen kamen, hörte das auf, denn jetzt reichte der Gemeindesäckel nicht aus. Was die Gemeinde damals für Lasten zu tragen hatte, mag ein Beispiel aus der französischen Zeit zeigen. In einer Urkunde aus dem Jahre 1801 ist zusammengestellt, was die vier Hofbeständer (Erbpächter) Heinrich Dietrich, Wendel Franck, Balthasar Brück, Casper Frank auf ihrem Erbbestandhof an Kontributionen, Requisitionen, Einquartierungen für Diensten in diesem Krieg haben zahlen müssen.
Dasselbe ist amtlich vom Municipal-Agenten beglaubigt und ergiebt in den Jahren 1796 -1801 an barem Gelde 1758 frcs.78ct.
Da brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn die Gemeinde eine Schuld von 1000 Thlr. aufnehmen mußte. Dieselbe wurde durch die Überschüsse aus den Gemeindeeinkünften allerdings gegen den Widerspruch der ärmeren Gemeindeglieder abgetragen.

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Die Zahl der Einwohner wird im Jahre 1808 auf 506 angegeben von denen 387 lutherisch, 64 reformiert und 55 katholisch oder jüdisch waren. Nach der letzten Volkszählung 1905 waren 529 Protestanten, 316 Katholiken und 32 Juden in Werlau ansässig. - Zu Werlau lagen auch mehrere adelige oder herrschaftliche Güter.
Die Herren von Brandt, welche auch den Boxbergerhof besaßen, hatten im Dorfe selbst einen Freihof, der vom Probst zu Lehen rührte. Derselbe war eine Freistatt für allerlei Vergehen. »Vortmehr geschehe es, daß jemand in dem Dorfe zu Werlau oder anderswo gethan hat einen Mord, einen Totschlag oder dieberei, oder einen Raub begangen hätte und fluge in ihrem Hof zu Werlw, dem je mag noch je soll der Richter, noch der Vogt, noch der Kläger, noch kein Mann antasten noch fahen.«
Die Tempelherren besaßen den Tempelhof, welcher wahrscheinlich südlich vom Kirchhof bis zum Bach gelegen hat. Die dazu gehörigen Felder gaben 80 Malter Korn. Im 17. Jahrhundert kam die Besitzung in die Hände eines Nicolaus v. Bingen, der darüber mit der Gemeinde in Streit geriet.
Dann hören wir von einem Peckwinkelischen oder Wagnerischen oder Goldnerischen Gut. Dasselbe war dem Kammerschreiber Ludwig Zöllner von Peckwinkel, der in hessischen diensten stand, 1582 durch den Landgrafen Philipp v. Hessen zur Belohnung für treue Dienste von allen Lasten und Abgaben befreit.
Der Nordeckische Hof, im Besitze der Wilhelmine von Bodenstein wurde im 18. Jahrhundert an den kurpfälzischen Oberstallmeister Carl von Bodenhausen verkauft.
Noch jetzt redet man von dem Seitelshof. Dieser wurde 1589 von Nicolaus von Bingen für 2200 Goldgulden gekauft und später in kleineren Teilen verkauft. 2/5 waren im Besitz der hessischen Capitäns Seitel, das andere besaßen mehrere Familien. Es ist der Hof gegenüber dem Backhaus.
Schließlich wären da noch die schon erwähnten fürstlichen Hofgüter, welche die hessischen Landgrafen mehreren Familien in Erbpacht gegeben hatten, zu nennen.


2. Abschnitt. Verfassung u. Einrichtungen der Kirchengemeinde

Vor der Reformationszeit wurde die Kirche in Werlau von einem Plebanus, oder Leutpriester, der das Amt für die eigentlichen pastores, die Stiftsherren von St. Castor, versah, bedient. Er wurde von dem Stifte eingesetzt und selbst nach Einführung der

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Reformation blieb das Recht bestehen, nur daß darnach dem Landesherr, die Institution, oder Bestätigung zustand.
Aus den Zehnten mußte das Stift den Pleban besolden, die Pfarrgebäude und den Chor der Kirche unterhalten. Dem Pfarrer diente der Widdem oder Pfarrhof als Wohnung. 6 1/2 Morgen Ackerland, ein Weinberg, sowie einige Wiesen und Wald gehörten dazu. Das Gesamteinkommen des Pleban wurde zur Zeit der Reformation auf 51 Gulden eingeschätzt, und bei der Visitation 1527 erhöht. Das damalige Einkommen setzte sich aus folgenden Bezügen zusammen.
Ahn Korn: 13 Malter Bopparder Maßung aus dem Zehnten und der Gewannen, wan der Pfarrer will und wie er's begehret in der Scheuer und müssen ihnen die Zehnten Knechte auf den Speicher tragen, anderthalb Bopparder maßung liefern Diejenige, so die Ganspecher (?) Güter zu verlosen haben.
Ahn Geld: Zehn Gulden empfängt der Pfarrer jährlich von dem Werlaer Kastenmeister, vierzehn Gulden, so ein Pfarrer selbsten kolligieren muß.
Ahn Wein: Zwen Fuder Wein liefern die Herren collatores jährlich für das Kelter ahn gutter, schmackhafter Kaufmannswürts in des Pfarrers Faß, und auf jede Ohm ein Viertel, wie auch solches in alten Competenzbuch sub Anno 1532 zu finden. Was hieran mangelt muß ein Pfarrer das Ohm mit 9 Thlr. Bopparder Währung zu zwei Kopfstück laut Vergleich, so hierüber zwischen Trier und Hessen gemacht und soll derselb, wie der Herr Amthmann zu der Zeit berichtet, bezahlt annehmen.
Zu Wellmich werden von den Ackerleuthen alle Jahre 2 Ohm und 6 Viertel den Herren zu St. Castor wegen des Zehnten und Theilß aus den Weingärten in -Werler Gemark zu hollen von den Zuhabern eingesamlet und müssen dann solche Ackerleuth selbigen Wein bis an die Gründelbach von dannen der Castorhofmann auf seine Kosten dem Pfarrer in sein Haus schaffen, geschieht aber, wan er zu Werle ahn Wein nicht bezahlt wird.
Ahn Holz: Zwen Fuder Holz alle Jahre fest aus dem Werler Wald.
Ahn Stroh: Zwen Fuder geben jährlich die Castorherren einem Pfarrer aus dem Zehnten.

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Diese Einnahme blieb bis zur Zeit der französischen Eroberungen bestehen. Die Not in welche der Pfarrer durch die Unsicherheit der Kriegsjahre kam, suchte die französische Regierung durch Regelung des Einkommens zu beseitigen. Im Jahre 1806 wurde dasselbe auf 971 frcs. 68 ct. abgeschätzt.
Außerdem gehörten zu den Einkünften des Pfarrers die Stolgebühren. Dieselben wurden in folgender Höhe angegeben. 1 1/2 Thlr. für eine Copulation, dazu ein Taschentuch. 15 Alben oder 1 1/2 Thlr. für eine Taufe. 1/2 Thlr. für eine Trauung. Auch die katholischen un d reformierten Einwohner waren zur Zahlung der Stolgebühren verpflichtet, selbst, wenn die Amtshandlung von einem anderen Geistlichen vollzogen wurde. Zwar suchten dieselben sich dieser Last zu entziehen, aber sie wurden von der hessischen Regierung unter Androhung schwerer Strafen zur Bezahlung, resp. zur Benutzung des zuständigen Pfarrers gezwungen. So ward z. B. folgendes Reskript erlassen:
»Es wird nochmals im nahmen des durchlauchtigsten Fürsten und Herrn, Herren Carl, dieses Nahmens des ersten Landgrafen zu Hessen, hiermit Peter Carbachs Wittib zu Holzfeld bei Ihrer Durchlaucht höchster Ungnade und zwar bey 20 Thlr. Straf anbefohlen, ihre Tochter in ihrer Durchlaucht Lande und Filial Holzfeld copulieren zu lassen, gleichwie sie auch daselbst von ihrem ordentlichen Pfarrer proklamiert und aufgerufen ist, danach sich zu achten und nochmals für Schaden und Schimpf zu hühten. Signatum zu St. Goar, den 3. May 1680.«
1762 beschwert sich der Pfarrer, daß ein auf der Schmelzhütte im Gründelbach wohnender Bergwerksinspektor sich in St. Goar habe trauen und sein Kind vom Biebernheimer Pfarrer habe taufen lassen, sowie daß die Katholiken in Werlau anfingen ihre Kinder in St. Goar von den Jesuiten taufen, und ihre Verstorbenen dort beerdigen zu lassen. Derselbe berichtet 1776, daß bei den nach Werlau eingepfarrten reformierten Einwohnern alle Taufen, Copulations und Beerdigungsakte der bisherigen Observanz gemäß dem
pastore loci verrichtet worden wären.
Auch einige Opfer, oder sog. Oblationes waren in Werlau Sitte. So erhielt der Pfarrer zu Ostern für 10 Alben Weißbrot und am Gründonnerstag von jedem confirmierten Gemeindeglied Beichteier. Außerdem legte jeder Abendmahlsgast nach dem Abendmahle bei dem Rundgang eine Gabe auf den Altar. Als 1725 die hessische Behörde statt dessen eine feste Abgabe von einem Groschen, der am Neujahrstag an den Pfarrer zu zahlen sei, ein-

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richten wollte, erklärte der Pfarrer, daß man in der Gemeinde an dieser Einrichtung keinen Anstoß nehme, sondern eine solche Gabe lieber bringe, als eine feste Steuer zahle.
Die bürgerliche Gemeinde gab dem Pfarrer außer einem freien Weiderecht jährlich 3 Klafter Holz.
Auch die Kirche hatte ihre festen Einkünfte zur Bestreitung der Unkosten beim Gottesdienst, Unterhaltung der heiligen Geräte etc. Es waren das meist nur Erträge aus Stiftungen, welche zu diesem Zwecke, z. B. zur Beschaffung des Öls in der ewigen Lampe, oder des Wachses für die Altarkerzen, gemacht waren. Da die meisten dieser Ausgaben bei Einführung der Reformation fortfielen, wurden die Erträge zur Instandhaltung der Kirche verwandt. Etwaige Überschüsse aus dem Kirchenkasten wurden gegen Obligationen oder Schuldbriefe auf Zinsen ausgeliehen. Zu dem Zwecke wurden die Sahl- oder Kirchenbücher angelegt, in welchen Kapital, Schuldner und die Zinsen verzeichnet waren.
Auch sonst waren diejenigen Bürger zu Abgaben an die Kirche verpflichtet, welche für überlassene Kirchengüter besondere Zinsen zahlen mußten; z. B. 3 Malter Roggen für Überlassung eines Ackers (13. Jan. 1343) oder 12 Gulden für eine Hofstatt. (1358).
Die Verwaltung der Einkünfte und Güter lag vor der Reformation in den Händen der Sendschöffen, deren es 4 in Werlau gab. Sie waren bei der Kirchenvisitation zugegen und erhielten bei der Gelegenheit vom Pleban ein Frühstück.
Nach Einführung der Reformation übernahmen die Senioren die Leitung der Gemeindegeschäfte. 1539 sollten dieselben in allen Katzenellenbogenschen Landen eingesetzt werden. In Werlau erfahren wir, daß bei einer Kirchenvisitaiton im Jahre 1601 ihre Zahl um 2 vermehrt wurde. Sie sollten aus den Verständigsten, Bescheidensten, Eifrigsten und Frömmsten genommen werden und wurden durch Handauflegung in ihr Amt eingeführt. Nicht nur Leiter u. Führer der Gemeinde, sondern auch Wächter über Zucht und Ordnung, gute Sitte und kirchlliches Leben, sollten sie sein. Es gingen deshalb während des Gottesdienstes 2 Senioren durch den Ort, um zu sehen, ob keiner während der Kirchzeit im Wirtshaus, oder auf der Gasse sich herumtreibe, oder zu Hause arbeite.
Alle Monate an den Bettagen, oder später am Sonntag darnach versammelten sie sich im Pfarrhause zu gemeinsamer Beratung und erhielten dann den Auftrag sich der Gefallenen und Schwachen anzunehmen, ihnen zu recht zuhelfen und so die Arbeit

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des Pfarrers zu unterstützen. Daß sie auch treulich ihres Amtes walteten zeigen mancherlei Beschwerden, die sie einreichten, so z. B. daß die Müller am Sonntag Mehl führen oder die Juden ihr Vieh trieben, und die Sabbatbußen, welche sie wegen unnötiger Arbeit am Sonntag verhängten.
Für ihre Bemühungen nehmen sie aber auch an dem, auf die Visitaiton folgenden Essen teil. Daß sie da ihren Mann stellten, zeigt uns eine Rechnung aus dem Jahre 1769, nach welcher man 1 1/2 Viertel Eier, 8 1/2 Pfd. Butter, und 1/2 Baum verbuck. Dazu verzehrte man 4 Pfd. Käse, für 8 Thlr. Fleisch und an Getränke 12 Krüge Sauerbrunnen und 24 Maß Wein.
Die eigentlichen Geldangelegenheiten u. d. Vermögensverwaltung lag in den Händen des Kastenmeisters. Das Amt desselben wechselte jährlich unter den Senioren. Er hatte die Einsammlung der kirchlichen Almosen. Das Erheben der Zinsen und Abgaben sowie die Deckung der Ausgaben zu besorgen. Das bei Collekten eingegangene Geld wurde von den Senioren gezählt, in ein Buch eingetragen und dann in einen mit 2 verschiedenen Schlössern versehenen Kasten im Pfarrhause aufbewahrt. Am Sonntage Laetare wurde dann von den Senioren Rechnung abgelegt und der Kastenmeister ernannt. Natürlich schloß sich auch an diese Sitzung eine »Imb'ß« (eine Mahlzeit) an, bei welchem für 1 Thlr. verzehrt wurde. Der Kastenmeister erhielt für seine Arbeit 5 Batzen. Im Jahre 1773 wünschte die Behörde einen ständigen Kastenmeister, welcher neben den Geldgeschäften auch noch die Beaufsichtigung der Gebäude übernehmen mußte. Dafür wurde derselbe von allen Personallasten befreit und erhielt zur Vergütung 2 Gulden.
Auch die Armenpflege ward durch die Senioren geübt. Sie bestand vor allem in der Verabreichung des Brotallmosens. Dasselbe muß wohl aus den Zinsen einer Stiftung hergerührt haben, dfenn wir finden immer die gleiche Summe 1 Gulden, später 1 Thlr. 3 Silbergroschen 4 Pfg. Auch fehlt die Aufführung desselben in den Kirchenrechnungen. Bis zum Jahre 1866 finden wir auch stets einen genauen Bericht über die Verteilung im Protokollbuch. Seit der Zeit wird es nicht mehr erwähnt.
Jetzt wird die Armenpflege vom Diakon und Pfarrer geübt in der Weise, daß von dem bei kirchlichen Sammlungen eingegangenen und in die Kirchenkasse abgeführten Gelde je nach Bedarf an Arme gegeben wird.

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Im Jahre 1836 wurde die am 5. März 1835 genehmigte Kirchenordnung für die evangelischen Gemeinden der Provinz Westfalen und der Rheinprovinz bei uns eingeführt, danach erhielt die Gemeinde am 2. Febr. 1836 eine Repräsentation von 16 Mitgliedern und ein Presbyterium von 6 Mitgliedern.
Mit der Neuregelung der Gehälter während der französischen Zeit wurden auch die Stolgebühren geändert. Im Jahre 1821 wurden für eine Taufe 30 Kreuzer, Confirmation 24 Kreuzer, Proklamation 30 Kreuzer, Copulation 1 Thlr. 30 Kr. und Beerdigung eines Konfirmierten 1 Thlr. 30 Kr. festgesetzt, während die Kosten für die Beerdigung eines Kindes 1 Thlr. betrugen. Jetzt sind Taufen und Trauungen frei. Es ist aber leider noch nicht möglich gewesen, auch die Beerdigungen abzulösen.



4. Teil. Das kirchliche Leben

Wie in allen hessischen Landen fand in Werlau sonntäglich 2 mal Gottesdienst statt, wobei der Nachmittagsgottesdienst allerdings für die Unterweisung der Kinder im Katechismus bestimmt war. An jedem 2. Sonntag mußte der Pfarrer entweder Morgens (im Winter) oder Nachmittags (im Sommer) in Holzfeld Gottesdienst abhalten. Dann hören wir noch von den Bettagen, welche an jedem Mittwoch nach dem Neumond abgehalten u. durch einen Gottesdienst gefeiert wurden. Derselbe trug den Charakter eines Bußgottesdienstes.
Der Besuch des Gottesdienstes wird verschieden gewesen sein; doch hören wir daß bei einer Visitaiton im Jahre 1601 über schlechten Besuch der Christenlehre und des Gottesdienstes geklagt wird; sodaß verfügt wurde, um solchem Unfleiß abzuhelfen, »daß wer künftig die heiligen Versammlungen ohne Erlaubnis und Ehehaften negligiere, habe, so oft er dessen überführt werde, 6 Alben in den Gotteskasten zu erlegen. Mit der Zeit änderte sich dieser Übelstand, sodaß eine feste kirchliche Gewöhnung bei uns heimisch wurde.
Neben den gewöhnlichen Gottesdiensten wurden die Feiertage besonders ausgezeichnet. Die drei Hauptfeste wurden 3 Tage gefeiert. Am 1. Tage war heil. Abendmahl und 2 Gottesdienste, an den anderen Tagen je ein Gottesdienst. Als aber 1770 die Katholiken den 3. Tag nicht mehr feierten, un an demselben arbeiteten, ward denselben bei Strafandrohung befohlen, »daß sie bei den evangelischen Festen, Feiern und monatlichen Bettagen sich der-

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gestalt mit Arbeit moderieren sollen, damit sie die Evangelischen dadurch in ihrem Gottesdienst nicht verhindern noch turbieren, noch Ärgernis geben mögen.« Daneben wurde das Neujahrs- und Epiphaniasfest, der Gründonnerstag (in der Weise der Bettage) der Charfreitag, das Himmelfahrts- und das Trinitatisfest gefeiert. Erst 1817 ward die Feier des Reformationsfestes und 1848 das Erntedankfest eingeführt. Im Jahre 1857 beschloß man in der Passionszeit an 2 Mittwochen in Werlau, an einem in Holzfeld um 10 Uhr Vm. einen Gottesdienst zu halten. Dieser Gottesdienst wurde später auf 12 Uhr Mittags und seit 1899 auf den Abend verlegt. Seit diesen Jahre finden auch gewöhnlich 3 Adventsgottesdienste in Werlau, einer in Holzfeld statt. Ebenso hat sich eine Kinderfeier am Heiligen Abend und eine liturgische Feier Sylvester eingebürgert. Dazu kommen jetzt noch die im Winterhalbjahr allwöchentlich abgehaltene Bibelstunden.

Die Gottesdienste wurden vom Jahre 1657 an nach der in dem Jahre entworfenen »Agende d. i. Kirchenordnung wie es im Fürstentum Hessen mit Verkündigung des gottlichen Wortes etc. gehalten werden soll,« gefeiert. Dieselbe blieb bis zur preußischen Zeit im Gebrauch.

Darnach kam die 1834 erschienene Agende für die evangel. Kirche in den Kgl. preußischen Landen in Anwendung, bis im Jahre 1895 »die Agende für die Evangelische Landeskirche« aufgenommen wurde.

Das heilige Abendmahl wurde 6 mal, nämlich an den 3 großen Festen und an dem Sonntag nach Peterstag, Jakobstag und Michaelis gefeiert. Es hatte sich im Lauf der Zeit eine bestimmte Ordnung für die Besucher eingelebt, sodaß einmal die Burschen, dann die Mädchen, dann die Männer oder Frauen besonders zahlreich kamen. Im 19 Jahrhundert wurden durchschnittlich 350 Abendmahlsgäste gezählt; sodaß man wohl von einem sehr guten Abendmahlsbesuch reden kann. Entsprechend der Zunahme der Gemeinde ist jetzt der jährliche Durchschnitt 550 Personen.
Entsprechend dem lutherischen Karakter der Gemeinde wurde das Abendmahl nach lutherischem Ritus mit Hostien begangen. Seit dem Jahre 1818 kam aber infolge der Union das Brotbrechen in Aufnahme. Die reformierten Gemeindeglieder waren bis dahin, wenn sie auch sonst an allen kirchlichen Feiern teilnahmen, nach St. Goar zum heiligen Abendmahl gegangen.
Alle Amtshandlungen, wie Taufen, Trauungen etc. wurden,

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wenn eben möglich in der Kirche vollzogen; ja um die Feiern im Hause zu erschweren, wurde auf dieselben eine besondere Abgabe von 3 Gulden für eine Hochzeit und 1 Guld. 30 Kreuz. für eine Taufe festgelegt.
Im Jahre 1720 führte die hessische Regierung noch eine besondere Kopulationssteuer ein, zur Unterhaltung eines Zuchthauses. Dieselbe - 4 Alben hoch - mußte von Braut und Bräutigam zusammen bezahlt werden. 1734 wurde aber, »in Ansehung der christlichen Hochzeiten« diese Steuer nur von sog. Schank u. anderen Hochzeiten, bei denen getanzt wurde« erhoben. Die Steuer entsprach daher der Zahl der Gäste, - 12 Personen zahlten 8 kasselsche Weißpfennige, - dann stieg die Summe, entsprechend dem Besuch. Der Pfarrer durfte erst nach Vorlage der Steuerquittung trauen. Bei uns mag mancher Pfennig bezahlt worden sein, lesen wir doch, daß der im Jahre 1604 uns gebaute Gemeindesaal auf dem Rathaus ausdrücklich für Tanz und Hochzeiten mit bestimmt wurde.
Die Konfirmation fand am Sonntag vor Pfingsten statt. Sie scheint in Werlau zur gleichen Zeit, wie in den anderen hessischen Landen eingeführt zu sein. Die Vorbereitung auf dieselbe fand in besonderem pfarramtlichen Unterricht statt. Es handelte sich dabei besonders um die Einprägung des kleinen lutherischen Katechismus. Derslebe blieb in Werlau im Gebrauch, auch als man 1607 den neuen sog. kasselschen Katechismus, mit reformierten Lehrtypus, in Hessen einführte; noch 1619 mußte der Superintendent die Einführung desselben befehlen, aber ohne Erfolg. Im 19 Jahrhundert unterrichtete Pfarrer Wagner nach dem von Dr. F. A. Kremmacher bearbeiteten Katechismus; später war auch einige Zeit eine Ausgabe des kleinen Katechismus von Hannisch in Gebrauch, bis man wieder zum einfachen Luthertext zurückkehrte.
Der Konfirmation ging eine öffentliche Prüfung (Vorstellung der Kinder) am Mittwoch vorher oder auch unmittelbar am Konfirmationstage voran. Seit dem Jahre 1857 wird am Palmsonntag konfirmiert. Die Prüfung wurde bis 1867 an demselben Tage, bis 98 am Mittwoch vorher und jetzt am Sonntag Judica in besonderem Nachmittagsgottesdienst abgehalten.
Die Christenlehre, an der auch die Konfirmierten 2 Jahre teilnehmen mußten, besteht seit den ersten Tagen der Reformation. Es scheint aber mit der Zeit Unregelmäßigkeiten im Besuche desselben eingetreten zu sein auch wird Klage geführt über mangelnde Teil-

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nahme der Gemeinde. Bei einer Kirchenvisitation 1849 muß der Superintendent daran erinnern, daß es ratsam sei, wenn die reformierte Jugend 2 Jahre lang die Christenlehre besuche. Es ward das zur Regel und wird jetzt den Konfirmanden zur Pflicht gemacht. So lange jedoch die Gemeinde dieser Einrichtung, die zur Jugenderziehung so nötig ist, nicht die nötige Teilnahme entgegenbringt, namentlich nicht selbst fleißig die Christenlehre besucht, wird diese Einrichtung von unserer Jugend als ein lästiger Zwang empfunden werden.
Die Beerdigungen wurden vielfach infolge der beträchtlichen Kosten die nicht nur durch die Stolgebühren, sondern durch die übliche Bewirtung des Trauergefolges entstanden, beim Abendgeläute stille vollzogen. Anfangs des vorigen Jahrhunderts suchten die Pfarrer diese Sitte, auf Veranlassung der Behörde hin zu beseitigen, in dem sie unter Umständen selbst auf die Stolgebühren verzichteten und auch die sog. Leichenimbser möglichst zu beseitigen bestrebt waren.
Die öffentlichen Beerdigungen wurden, wie heute noch, in der Weise vollzogen, daß der Pfarrer mit den Schulkindern und Lehrer die Leiche am Sterbehause abholte und zum Kirchhof geleitete. Nach der Liturgischen Feier am Grabe fand ein Trauergottesdienst in der Kirche statt. Die äußeren Angelegenheiten ordnete die Nachbarschaft. Das Dorf wr in 2 Nachbarschaften, welche unter je einem Nachbarschaftsmeister standen, geteilt. Die Mitglieder desselben waren verpflichtet der Reihe nach das Grab herzustellen, den Sarg zu tragen und das Geleite zu geben. Versäumnis wurde mit Geld bestraft. Nichtmitglieder mußten, wenn sie die Hülfe der Nachbarschaft in Anspruch nahmen 2 Thlr. zahlen. Am Ende des Jahres kamen die Mitglieder in Zylinder u. Trauerkleidung zusammen und das eingegangene Geld wurde vertrunken, eine Feier, die oft zu häßlichen Ausschreitungen führte. Deshalb verwandte man später, wie noch heute das Geld zu gemeinnützigen Zwecken.
Der Kirchhof der Gemeinde lag um die Kirche herum. Er wurde bis zur Revolutionszeit von beiden Konfessionen benutzt. Seit jener Zeit trugen aber die Katholiken ihre Toten auf den kathol. Kirchhof nach St. Goar. Als dieser 1857 polizeilich geschlossen wurde, beerdigte man auch die Katholiken wieder auf dem hiesigen Kirchhof. Man gestattete ihnen sogar das kirchliche Geläute, das gegen Bezahlung vom evang. Küster vollzogen wird. Dagegen gab namens des kath. Kirchenvorstandes des Pastor die schriftliche Er-

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klärung ab, daß die katholischen Mitbürger aus diesem Zugeständnis keinerlei Recht und Anspruch erheben wollten.
Im Jahre 1892 wurde der Kirchhof durch Verfügung der Regierung der evangelischen Gemeinde genommen und der Civilgemeinde übertragen, es ist jedoch im Grundbuch die auf demselben ruhende Last, daß der Pfarrer des Graswuchs auf dem Kirchhofe zu eigen hat, eingetragen. Nachdem ein neuer Kirchhof angelegt ist, wird der alte Kirchhof wohl wieder in Besitz und Verwaltung der früheren Besitzerin zurückgegeben werden.
Es ist zu verstehen, daß über die eigentliche Seelsorge sich kaum Nachrichten erhalten haben. Nur in den Visitationsprotokollen finden wir wiederholt den Hinweis auf die Zweckmäßigkeit regelmäßiger Hausbesuche.
Jetzt ist das kirchliche Leben durch die Bildung von Jungfrauen und Frauenvereinen, welche der »Frauenhülfe« angegliedert sind und einen Jünglingsverein belebt. In den Wintermonaten versammeln sich diese Vereine in dem Gemeindesaal zur Erbauung und Unterhaltung und suchen auch der Gemeinde durch Armen und Krankenpflege (wir haben eine durch die Frauenhülfe ausgebildete Helferin) sowie durch Vorträge etc. an den Gemeindeabenden zu dienen.
Eine innere Stärkung und Entwickelung des Gemeindelebens tut not. Wer die geschichtliche Darstellung verfolgt, wird es verstehen, daß das kirchliche Leben bei uns eine äußere Förmlichkeit erhalten hat und zur guten Eingewöhnung geworden ist. Wir wollen uns dieser guten Sitte freuen und sie pflegen, aber zur Form muß der volle Inhalt, zu der Gewöhnung die bewußte und gewollte Beteiligung kommen. Zu selbständigen, ihres evangelischen Glaubens gewissen Christen müssen wir heranreifen. An der Lösung dieser Aufgabe muß jedes Gemeindeglied mitarbeiten durch treue Arbeit an sich selbst, eine Arbeit, zu der der Herr der Kirche seinen Geist verheißen hat, denen, die darum bitten.



5. Teil. Die Schule

Am 12 Januar 1560 fragten die Vorsteher und die Ältesten der Kirche von Werlau das Gericht, »was einem Schulmeister und Glöckner jährlich an Freiheiten und Einkommen gebühret und was darum Recht sei wie alters.« Durch dieses Gerichtsweistum hören wir zum ersten Male etwas von dem Bestehen einer Schule in unserer Gemeinde. Diese wird aber als eine von alters bestehende Einrichtung bezeichnet. Zugleich ersehen wir, daß dieselbe eine

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Pfarrschule war und als solche sich eng an die Kirche anschloß. Es geht aber auch aus diesem Weißtum hervor, daß früher das Glöckneramt von dem Schulamt getrennt war. Ein Glöckner oder custos wird schon in dem Visitationsprotokoll des Archidiakonates Carden vom Jahre 1457 erwähnt; Item custos dabot vinum, pullum et lumina. Einen Lehrer wird aber erst die Reformation der Gemeinde gebracht haben.
Das Schuleinkommen setzte sich aus dem Glöcknergehalt, Naturalienlieferungen und Spolien zusammen. So bekam der Schuldiener 6 Gulden, die früher der Glöckner bezogen, er hatte das Waidrecht für 2 Kühe und 2 Schweine. Dazu erhielt er 1 Glockengarbe von jedem Verheirateten, 1 Glockenbrot zu erheben Martine, 1 Malter Glockenkorn aus der Zehntenscheuer. Aus dem Kirchengefälle bezog er jährlich 11 Gulden 6 Alben und bei Beerdigungen standen ihm 15 Caselsche Alpen zu, wenn geläutet wurde, sonst 1 1/2 Alben. Von Holzfeld bezog er den Gesang zu führen 4 Gulden, alt, leichtes Geld und ein paar Schuhe, dazu von jeder Haushaltung eine Glockengarbe. Obgleich die Stelle als die lutherische Schulstelle bezeichnet wird waren auch die katholischen Einwohner zur Lieferung verpflichtet.

Der Dienst des Lehrers bestand nicht nur im Schulhalten und dem Glöckner und Kantordienst, sondern er mußte auch alle Jahre einem Bürgermeister die jährlich einkommenden Gelder erheben, wofür er an den jährlichen Zehrungskosten sein Teil hatte, wie vor alters.

Über die Art der Vorbildung und den Unterricht hören wir in älterer Zeit nichts. Ein des Lesens und Schreibens kundiger Handwerker oder ähnliche Personen werden den Unterricht erteilt haben, der sich auf Rechnen, Lesen und Schreiben und das Einpauken des Katechismus beschränkte.

Das Schulhaus war wohl mit dem Gemeindehause verbunden, wenigstens hören wir, daß nach dem Brande des Jahres 1688, bei welchem auch die Schule zerstört wurde, etwa 1710 am Kirchhof ein Haus gebaut wurde, daß im unteren Teile Backhaus der Gemeinde war und darüber die Lehrerwohnung bestehend aus 2 Kammern und einer Wohnstube und einer größeren zur Information der Jugend geeigneten Stube enthielt. Als diese, weil über dem offenen Backhaus gelegen, sich nicht gut erwärmen ließ, wurde 1751 im Unterstock ein anderes Schulzimmer gebaut, während das obere Zimmer dem Lehrer zum Gebrauch überlassen wurde.
Die Besetzung der Schulstelle geschah in der Weise, daß

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Pfarrer und Gemeinde 2 Männer vorschlugen, von denen der Inspektor einen ernannte.
Der erste Lehrer, der uns mit Namen genannt wird ist Peter Steinmetz, welcher um die Mitte des 18. Jahrhunderts an der Schule tätig war.
Sein Nachfolger, Johann Christian Krumbholz wurde 1761 wegen allerlei Unordentlichkeiten und es folgte ihm der Lehrer von Biebernheim, Johann Friedrich Michel. Von seiner Hand rührt ein altes Tauf und Sterberegister, welches vom Jahre 1774 an geführt ist, wahrscheinlich um der Stolgebühren willen. In diesem schreibt Michel von sich selbst: 1738 den 15. April bin ich Joh. Friedr. Michel gebohren. Mein Vatter war Georg Phil. Michel, Gerichtsschöffe dahier gestorben 1758. Meine Mutter Anna Margaretha eine geborene Barin. Meine Frau Anna Elisabetha, eine geborene Petry ist gebohren den 18. May 1746. Ihr Vatter war der Joh. Phil. Petry Müller in der Gründelbach, die Mutter Maria, Elisbetha geborene Pabstin von Biebernheim.
1760 den 20. Febr. bin ich auf die Schul nach Biebernheim gekommen. 1761, den 5. Okt. bin ich von Biebernheim abgerufen worden und ich wurde bestelt an die Gemeinde Werlau vor ihren Schullehrer. 1765, den 26. Nov. habe ich Hochzeit gemacht.
Eine andere interesante Notiz mag noch folgen: 1805, den 10. Oktober hat es den Mittag angefangen zu regnen, wo bey Schneeflocken vermischt waren, und der Vogelsgibel (Fleckertshöhe) kurz alles um uns herum war mit Schnee bedeckt, 1 Fuß hoch und dabey hart gefrohren. Den 11. Oktober noch kälter mit einem kalten Nordwind. Den 12. war es nicht besser, die Trauben im Weinberg waren noch nicht reif und sind verfroren und zum Teil haben die Weinstöcke voll gehangen. Dieses war ein großer Verlust vor uns doch wollen wir ausrufen: was Gott thut das ist wohlgethan. Die Trauben sind zum Teil all hängen geblieben und etliche haben etwas abgemacht. Ich hätte 4 Ohm können machen, habe aber keinen Birkel nach Hause gebracht, und habe alles hängen gelassen an den Stöcken.
Mit dem April 1808 hören seine Eintragungen auf, sodaß wir wohl annehmen können, daß er in dieser Zeit entweder gestorben ist oder sein Amt niedergelegt hat. Aus seiner Zeit (vom Jahre 1772) finden wir auch eine Spezifikation der Schulbesoldung. Darnach betrug das Stelleneinkommen damals 79 Thlr. 17 Kreuzer. Die Zahl der Schulkinder war ca. 45. Jedes Schulkind mußte 30 Kr. Schulgeld bezahlen. Auch mußten die Kinder im Winter das Holz zum Heizen des Schullokals mitbringen.

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Michel hatte allerlei Unannehmlichkeiten wegen seiner Wohnung und der Schulstube zu ertragen. Die im unteren Teil des Gemeindehauses gelegene Schulstube war infolge des anstoßenden Backofens sehr feucht und dunstig, auch zu eng und dunkel, sodaß der Pfarrer in einem Bericht dieselbe als im höchsten Grade ungesund bezeichnet, weswegen schwächliche Kinder im Winter kränkeln und der Schulmeister wahrscheinlich aus dieser Ursache schon verschiedene Krankheiten ausgehalten hat. Der alte Raum, welcher infolge des Unterbaus heizbar geworden war, aber als Gemeindesaal benutzt wurde, sollte wieder zum Schulzimmer hergerichtet werden, der untere Raum aber für Gemeindeversammlungen gebraucht werden. Dabei kam ein anderer Mißstand zur Sprache. Wie mitgeteilt war das obere Zimmer dem Lehrer zur Verfügung gestellt worden, nach und nach aber ward er aus demselben verdrängt, in dem die Gemeinde es für ihre Versammlungen und die hochzeitlichen Tanzvergnügen, Versteigerungen etc. benutzte. Dazu führte der Eingang durch des Lehrers Küche, welche derselbe bei solchen Gelegenheiten ausräumen mußte. Neben der Belästigung und Störung war der Lehrer also nicht einmal Herr in seiner Wohnung und mußte oft Nächte lang sein Haus offen stehen lassen. Dem Lehrer Michel war auch im Jahre 1790 ein Schuladjunkt beigegeben. Es war der spätere Nachfolger desselben Greiff.
Bis 1822 war derselbe tätig und wurde dann pensioniert. Im Jahre 1809 wurde das Einkommen der Schulstelle geregelt und gebessert, dadurch, daß 155 Frcs. für den Lehrer aus der Gemeindekasse gezahlt wurden. Allerdings kam ihm davon nur ein geringer Teil zu, da auffälliger Weise der kath. Lehrer von St. Goar 75 Frcs. dieser Besoldung bezog, weil ihm die kathol. Kinder aus Werlau, zum Teil wider Willen der Eltern, überwiesen worden waren, deren Zahl aber durch aus nicht im Verhältnis zu der Entschädigung stand. Vergeblich erstrebte die Gemeinde eine gerechtere Verteilung an. Nach der Schulkompetenz des Jahres 1823 ergab das Einkommen Zusammen 276 Thlr. und 40 Kr. Jedes der etwa 80 Kinder zahlte damals 1 Thlr. Schulgeld. Im Jahre 1823 wurde auch ein neues Schulhaus gebaut, das heute noch als Gemeindehaus im Gebrauch ist.
Bei seiner Pensionierung kam Greiff in bittere Not. Er mußte das Schulhaus räumen und bekam 8 Frcs. Pension, wofür er den Glöckner und Küsterdienst noch leisten mußte. Etwas besser wurde es, als ihm sein Nachfolger von seinem Gehalt 60 Frcs. abgeben mußte, zu denen die Gemeinde noch 20 Frcs. hinzufügte.
Hehner aus Badenhard war von 1822 an Greiffs Gehülfe.

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Um diesen in etwa für den Ausfall der 60 Frcs. zu entschädigen machte die Gemeinde noch einmal den Versuch, die nach St. Goar zu zahlenden 75 Frcs. dem eigenen Lehrer zuzuwenden aber ohne Erfolg. Erst 1847 ward den kathol. Kindern der Besuch der Werlauer Schule wieder gestattet, während sie zum Religionsunterricht nach St. Goar gingen.
Damals war Wilhelm Winterhagen Lehrer. Geboren am 1. Nov. 1803 war er von 1839 - 52 in Werlau tätig. Er erreicvhte die Ablösung der Glockengarben gegen eine Entschädigung von 51 Thlr. 3 Sgr. Da durch Aufnahme der kathol. Kinder die Schülerzahl über 100 stieg, wurde ein Hülfslehrer Schneider angestellt und die Schule geteilt. Lehrer Winterhagen starb 1871 als Lehrer in Monzingen a. d. Nahe.
Sein Nachfolger, Peter Kaspar 54 - 56 kümmerte sich so wenig um die Schule des Hülfslehrers, daß es zu den schlimmsten Anstritten in der Klasse kam. Diese Zustände und zugleich die Fertigstellung des neuen evangelischen Schulhauses, das 1853 erbaut wurde, machten die Anstellung eines zweiten Lehrers nötig. So wurden 1856 die katholischen und evangelischen Schüler getrennt und das alte Schulhaus den ersteren überlassen. Der erste kath. Lehrer war Schirmer.
Damals war Kilz Lehrer an der evangelischen Schule. Derselbe bekleidete bis zum Jahre 1876 die Lehrerstelle. Während seiner Wirksamkeit gelang es dem Pfarrer Günther in Holzfeld eine Privatschule einzurichten (1868), für Holzfeld eine Erleichterung für Werlau eine Vereinfachung, da ca. 25 Kinder weniger zu unterrichten waren. Auch für den Lehrer war es kein Nachteil, da die Holzfelder ihren Beitrag zum Gehalt fortzahlen mußten.
Im Jahre 1875 wurde in Werlau die Simultanschule eingerichtet, an welcher Lehrer Kilz die erste, Lehrer Schmitt die zweite Klasse hatte. Es war das ein Versuch, das ungleiche Verhältnis der bis dahin getrennten Schulklassen (ca. 85 gegen ca. 35 Kinder) auszugleichen. Man richtete ein Dreiklassensystem mit 2 Lehrkräften ein, indem Mittel und Unterstufe vom 2., Oberstufe vom 1. Lehrer unterrichtet wurden. Da aber weder die Evangelischen noch die Katholischen mit dem Erfolg zufrieden waren, auch die Zahl der evangel. Schüler zurückging, wurden die Simultanschulen im Jahre 1886 auf Antrag des Gemeinderates wieder aufgelöst und das 1853 neu erbaute Schulhaus der evangel. Schule zugewiesen; da aber die Schülerzahl noch immer beträchtlich hoch war, (ca. 80 - 90) wurde die Halbtagsschule eingerichtet.
Im Jahre 1886 wurde der Lehrer Kilz pensioniert, - er

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starb schon am 29. Sept. 1886 - und es folgte ihm der Lehrer Schuch, welcher bis 1890 den 1. Juli die Stelle versah.
Sein Nachfolger war Julius Hoffmann, welcher am 15. Mai 1892 nach Winningen versetzt wurde. Die vakante Stelle wurde von dem Lehrer Hottenbacher, der damals in Holzfeld war, mit bedient, bis am 1. August desselben Jahres derselbe in Werlau angestellt wurde. Im Jahre 1897 wurden die Küsterdienste von dem Schuldienst getrennt und die Schulstelle mit der Organistenstelle organisch verbunden. Nur das Abholen der Leichen bei Beerdigungen durch den Lehrer mit den schulkindern erinnert noch an den alten Kantordienst.
Lehrer Hottenbacher ward 1900 an die Schule nach St. Goar gewählt. Im Oktober ward dem Schulamtskandidat Kohl die Stelle in Werlau übertragen. Aber nur bis Oktober 1901 blieb er in dem Dienst. Von November 1901 bis Januar 1902 war der Schulamtskandidat Himmelreich als Schulverwalter tätig, und nach dessen Versetzung kam der noch hier tätige Schulamtskandidat Alfred Boesser nach Werlau.
Die Aufsicht über die Schule wurde bis zur französichen Zeit von dem Inspektor zu St. Goar geführt, dem der Pfarer als Ortsschulinspektor unterstellt war. Die Aufsicht durch den Pfarrer als Ortsschulinspektor im Nebenamte ist von der preußischen Regierung beibehalten, dagegen hat man die Kreisschulinspektoren in die Hände von Fachmännern gelegt. Nicht an der Ortsschulinspektion, sondern an dem Geiste der Liebe und des Vertrauens, an der rechten Erkenntnis der gemeinsamen großen Erziehungsaufgaben, welche Kirche und Schule haben, hängt der Erfolg eines gesegneten Zusammenwirkens von Schule und Kirche. Lehrer und Pfarrer, mögen sie sich immer dieser großen Aufgaben bewußt bleiben, mögen sie immer in einem Sinn und Geiste arbeiten, dann dient die Schule der Gemeinde, dann hilft sie Gottes Reich bauen.

Anhang: Die Lehrer der katholischen Schule waren: 56 - Okt. 57 Schirmer 58 - 62 Joras 62 - 63 Verwaltung 63 - 68 Müller 69 - 70 Verwaltung 71 - 73 Capitain 73 - 74 Verwaltung 75 - 77 Schmitt 78 - 79 Verwaltung 79 - 1097 (*) Herrmann Wilms. Einweihung des katholischen Schulhauses.

*) vermutlich Zahlendreher - richtig müßte es wohl heißen : "1907" (-ß-)

Innerhalb von 28 Jahren waren also 10 Lehrkräfte an der Schule tätig. Das Bild der letzten 10 Jahre an der evangelischen Schule ist nicht günstiger. Wohin soll es mit der Erziehung unserer Jugend kommen, wenn dieselbe so oft in andere Hände übergeht!


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6. Zur Weihe ( 4. Dez. 1907 )

Nun ist vollendet das stolze Gebäu,
Laut kündet's ihr Glocken den Landen !
Gar freundlich hat sich erhoben und neu,
Wo das alte Kirchlein gestanden,
Ein Gotteshaus hoch, ein Gotteshaus hehr :
Dem Herrn im Himmel sei Preis und Ehr !
Ihn wollen wir dankbar loben.

Gegründet und fest in dem Fundament
Steht es mit Mauern und Turme;
Hoch ragt es empor zum Firmament
Und wird's auch umbrauset vom Sturme, -
Gebaut ist es stark, gebaut ist es gut;
Und steht in des treuen Gottes Hut;
Ihm sei unser Werk befohlen.

Stolz reckt sich und hoch der Turm in die Luft,
Ein Zeigefinger nach oben.
Von seiner Zinne die Glocke ruft,
Sie mahnet zum Beten und Loben.
Und wenn sie einzieht, die fromme Gemein
So soll dieses Haus ein Bethaus sein
Dich Vater im Himmel zu preisen.

Mög fest wie dies's Haus auch gläubiger Sinn
Und Gottesfurcht stehn in den Herzen !
Mög frommes Gebet nach oben zieh'n,
Gott suchen in Freuden und Schmerzen.
Mög Segen strömen von dem Altar,
Von der Kanzel ertönen rein und wahr
Dein Wort, die Speise der Seelen !

Dich preisen wir Herr, daß in mancher Gefahr,
Du bewahrt hast Gesellen und Meister !
Mit Deinem Schutz wache immerdar
Ob uns allen, Du Herrscher der Geister.
O segne dies's Haus und diese Gemein,
Ja segne alle die aus und ein
Hier ziehen, Dich Vater zu suchen. -

So hebet alle die Herzen empor
Den Vater im Himmel zu preisen;
Das vollendet wir sehen das Schiff und das Chor,
Lobt ihn in fröhlichen Weisen !
Nun pranget Sein Haus in heiliger Zier.
Wir fühlen's, der Dank, o Herr gebührt Dir.
Gelobt sei Dein Name ! Amen.



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(-ß- / - Rev 2003)

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