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Blätter zur Kirchenchronik 1914-18

der Kirchengemeinde Werlau-Holzfeld



Pfr. Hans-Dieter Brenner, Sommer 2017


Vorwort

Mit seinen Blättern zur Werlauer Kirchenchronik gibt uns Pfr. Rudlof Spieker einen bemerkenswerten Einblick in Leben und Selbstverständnis der Kirchengemeinde vor 100 Jahren - in einer Zeit, in der sich die Ereignisse um den Ersten Weltkrieg und das 400-jährige Reformationsjubiläum niederschlagen.

Das damalige deutschnationale Weltverständnis ist uns heute befremdlich. Dennoch werden im Nachfolgenden die Aufzeichnungen von Pfr. Spieker unverändert und unkommentiert wiedergegeben.


Anmerkungen zur Bearbeitung

Die Blätter liegen uns als Notizen in einer Fassung vor, die von Pfr. Spieker noch nicht vollständig für eine Veröffentlichung bearbeitet war.

So ist z. B. bereits auf BLATT 33 die Fortsetzung des Artikels 'Hunsrücker Wandertage (Fortsetzung)' eingefügt, während der Artikelanfang erst auf BLATT 40 wiedergegeben ist.

Eine im Entwurf unvollständige Ortsangabe "St." wurde auf BLATT 54 zu "St. Goar" ergänzt, da aus anderen Notizen hervorgeht, dass sich die Angabe auf das Reservelazarett im Hotel Lilie in St. Goar beziehen muss. - (siehe dazu auch:
https://www.st-goar.de/325-0-st--goarer-senioren-arbeiten-stadtgeschichte-auf.html ). Hier wird davon berichtet, dass in St. Goar im "früheren Hotel Lilie ... während des ersten Weltkrieges ein Lazarett eingerichtet war".

Auf den Blättern 34 und 50 musste jeweils ein Satz bearbeitet und vervollständigt werden, um den ursprünglich beabsichtigten Sinn herauszustellen.

Im Übrigen haben wir uns der historischen Authentizität willen dazu entschieden, die Blätter möglichst unverändert wiederzugeben. Dabei wurde auch die vor einhundert Jahren übliche Rechtschreibung - mit Einschränkung - beibehalten: Ggf. wurden Buchstabenergänzungen vorgenommen oder offensichtliche Tippfehler korrigiert. Die Schreibweise "ss/ß" wurde "im Zweifelsfall" der heutigen Praxis angeglichen; bei möglichen Missverständnissen wurde der Text auf die heutige Rechtschreibpraxis umgesetzt, Buchstabenauslassungen sind mit Apostroph (') gekennzeichnet.

Der Zeilen- und Seitenumbruch musste jedoch der besseren Lesbarkeit in den aktuellen Medien willen auf *.html-Erfordernisse angepasst werden. Die dadurch verlorengegangenen, ursprünglichen Seitenangaben wurden als Textmarke

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Seiten-Angabe
BLATT-Nummer
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in den fortlaufenden Text platziert, um die Möglichkeit einer Orientierung innerhalb des 80 Seiten umfassenden Textes zu erhalten.

Unser Dank gilt der Enkelin von Pfr. Spieker, Frau Dr. Kirsten Toepffer-Houben, die uns die Aufzeichnungen ihres Großvaters zur Verfügung gestellt hat: "vor vielen Jahren fand ich die Aufzeichnungen meines Großvaters Pastor Rudolf Spieker, der in den Jahren 1914-20 bei Ihnen in der Gemeinde in Werlau tätig war. Als ich nun vor einigen Wochen einem guten Freund, Dr. Georg Kamp, der aus Ihrer Gegend stammt, diese Dokumente zeigte, überzeugte er mich, diese Ihnen zur Verfügung zu stellen. Mein Großvater hat in seiner Zeit in Werlau ein sehr ausführliches Tagebuch geführt und berichtet darin über viele Einzelheiten aus der Gemeinde. Wenn Sie möchten, könnte ich Ihnen die von Herrn Dr. Kamp kopierten Aufzeichnungen überlassen", 21.03.2014.

Ebenfalls danken wir Manuel Hamm, der durch die Vermittlung der EKiR-Archivstelle in Boppard für uns im Jahr 2016 die Transkription vorgenommen hat und dem Evangelischen Stift zu St. Goar, das die dafür erforderlichen Mittel bereitgestellt und so die Weiterbearbeitung ermöglicht hat.

Mein besonderer Dank geht an Klaus Brademann für seine Mitarbeit bei der Endredaktion und den Korrekturen.


Vorbemerkungen zum "Curriculum Vitae"

Pfr. Rudolph Spieker beschreibt in einem Entwurf zu seinem "Curriculum Vitae", dass er im Pfarrhaus in Büchenbeuren und Traben-Trarbach aufgewachsen ist und sein Theologiestudium in "burschenschaftlicher Tradition" an den Universitäten von Halle, Marburg, Utrecht, Straßburg absolviert hat.

Anschließend leistete er einen "Einjährigen Freiwilligen Militärdienst" in Straßburg beim Niedersächsischen Fußartillerie-Regiment Nr. 10.

Noch als Soldat legte er das 1. theologische Examen in Koblenz ab. Die Entlassung als Unteroffizier der Reserve ohne weitere Reserve-Übungen erfolgte wegen des Eintrittes ins Vikariat.

Sein "Lehrvikariat" absolvierte er in Traben-Trarbach, das 2. theologische Examen erfolgte im Mai 1914 in Koblenz.

Im Sommer 1914 war er zum Hilfsdienst in Kamp-Lintfort. Dort feierte er seine Verlobung mit der Tochter des Krefelder Pastors Strack. Bei seiner Ordination wurde ihm - wie damals üblich - von der Kirchenleitung auferlegt, nicht zu heiraten, bevor eine Berufung in eine Pfarrstelle erfolgt sei. Deshalb stellt er sich zur Wahl in die zu der Zeit vakante Pfarrstelle der Evangelischen Kirchengemeinde Werlau/Holzfeld.

Als bei Kriegsausbruch 1914 seine Meldung zum Militärdienst vom Konsistorium mit der Bemerkung "Einstellung mit Waffe nach Wehrordnung ausgeschlossen“ abgelehnt wird., tritt er seine erste Pfarrstelle in Werlau/Holzfeld an und heiratet seine Verlobte Martha Stark aus Krefeld.

Die Aufzeichnungen zur Kirchenchronik 1914-18 der Kirchengemeinde Werlau-Holzfeld von Rudolf Spieker, Pfarrer zu Werlau 1914-1919 sind im Folgenden - wie oben beschrieben - wiedergegeben.

Pfr. Hans-Dieter Brenner, Frühjahr 2017,
Evangelische Kirchengemeinde St. Goar



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Inhalt


DECKBLATT -Inhalts-Übersicht

BLATT 01 - Blätter zur Kirchenchronik 1914-18 - Die Pfarrstelle

BLATT 02 - Allgemeiner Bericht: Wie das Land den Krieg trägt

BLATT 09 - 1917 - Das Gedenkjahr der Reformation

BLATT 09 - I. Die Vorbereitung der Feier. - 1. Im Gottesdienst - a) Die Lieder

BLATT 10 - b) Die Liturgie

BLATT 10 - c) Die Predigt

BLATT 11 - 2. Der Unterricht - a) Konfirmandenunterricht

BLATT 12 - b) Christenlehre

BLATT 13 - 3. Gemeindeabende (Bibelstunden)

BLATT 13 - 4. Gemeindevorträge

BLATT 13 - II. Die Jubelfeier

BLATT 15 - Gemeindefeier zum Reformationsfest am 4. November 1917

BLATT 16 - Unsere Glocken - Ein Blatt aus der Kirchenchronik der Gemeinde Werlau

BLATT 19 - Verkehr mit den Kriegern der Gemeinde - (Gemeindeblatt)

BLATT 25 - Nachrichten aus der Heimatgemeinde - vom August 1916

BLATT 30 - Oktober 1916

BLATT 32 - Aus der Heimat

BLATT 33 - Hunsrücker Wandertage (Fortsetzung) - (!!* - Reihenfolge wie Vorlage)

BLATT 36 - An die Gemeindeglieder im Feld - Werlau, 1. Dezember 1916

BLATT 38 - Werlau, 1. Januar 1917

BLATT 40 - Hunsrücker Wandertage - (!!* - Reihenfolge wie Vorlage)

BLATT 45 - Werlau, 15. April 1917

BLATT 47 - Werlau, den 3. Mai 1917

BLATT 49 - Einfluss der Reformation auf das Familienleben. von Pfarrer Lic. von Nasse (Schluss)

BLATT 50 - Werlau, den 14. Mai 1917

BLATT 54 - Aus Briefen eines ... im Feldlazarett zu St. Goar Gestorbenen (J. B.)

BLATT 56 - Die Kriegsgefangenen

BLATT 58 - Aus Briefen eines Gefangenen

BLATT 60 - Unsere Gefallenen - I. Aus der evangelischen Gemeinde Werlau

BLATT 63 - Gefallen - II. Aus der evangelischen Gemeinde Holzfeld

BLATT 63 - Vermisst aus der evangelischen Gemeinde Werlau

BLATT 64 - Aus dem Dorfe Werlau werden außerdem vermisst

BLATT 64 - Aus dem Dorfe gefallenen (außer den Gemeindegliedern)

BLATT 65 - Zum Gedächtnis - I

BLATT 66 - Zum Gedächtnis - II

BLATT 67 - Kriegsliebesdienst - Kleinkinderbewahrstelle

BLATT 72 - Unterbringung von Stadtkindern während der Kriegszeit in Werlau-Holzfeld

BLATT 72 - I. Die Unterbringung von Kindern

BLATT 74 - II. Die Erfahrungen mit den Kindern

BLATT 75 - Heimarbeit

BLATT 76 - Die letzten Wochen des Krieges - Waffenstillstand, Rückmarsch, Besetzung





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[ Seite I - im Original ohne Seitenzahl-Angabe ]
BLATT 01
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Blätter zur Kirchenchronik 1914-18

der Kirchengemeinde Werlau-Holzfeld



von Rudolf Spieker, Pfarrer zu Werlau 1914-1919





Die Pfarrstelle

Bei Kriegsausbruch war die Pfarrstelle verwaist. Am 21. Juni hatte Pfarrer Zeiler seine Abschiedspredigt gehalten. Die laufenden Amtsgeschäfte besorgte Pfarrer Hartmann - St. Goar. Die Gottesdienste hielt er abwechselnd mit den Amtsbrüdern von Manubach (Fliedner), Oberdiebach (Becker), Steeg (Specht).

Am 23. August 1914 wurde Rudolf Spieker, zuvor Hilfsprediger in Lütfort Kr. Moers, zum Pfarrer gewählt und am 27. September 1914 durch den Superintendenten Martin eingeführt. Text der Antrittspredigt war 2. Kor. 12,9. Amtsbrüder konnten der eigenen Arbeit wegen nicht zugegen sein. Dem Neueingeführten leisteten die Presbyter der Gemeinde bei Kaffee und einem Glase Wein Gesellschaft bis zum Abend. Auch der Lehrer der evangelischen Schule, Krause, der als Unteroffizier bereits im Felde stand und verwundet war, war zugegen.

Am 20. Oktober führte der neue Pfarrer seine junge Gattin in das neue Heim. Die Gemeinde bereitete am bekränzten und mit kleinen Lampen erleuchteten Pfarrhaus einen ernsten und herzlichen Empfang.

Ihm wurden während seiner Werlauer Zeit zwei Kinder geboren: Renate am 24. August 1915 zu Krefeld und Liselotte am 7. Januar 1918 zu Werlau.

Am 20. Juli 1919 hielt Pfarrer Spieker in Holzfeld und Werlau seine Abschiedspredigt über Luk. 15, 25-32 (Abschluss einer Predigtreihe über die Gleichnisse). Er folgte einem Ruf in die Großstadtarbeit (1919-1925 Köln-Ehrenfeld, 1925-1957 Hamburg-Eppendorf). Die Erfahrungen in der Landgemeinde haben ihn durch sein ganzes Amtsleben begleitet und ihm geholfen, die zahlreiche vom Land zugezogene Großstadtbevölkerung, vor allem in Hamburg, besser zu verstehen.

Von der Amtstätigkeit in der Gemeinde Werlau-Holzfeld geben die folgenden Blätter Nachricht.

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[ Seite 1 - im Original ohne Seitenzahl-Angabe ]
BLATT 02
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Allgemeiner Bericht:

Wie das Land den Krieg trägt

(geschrieben für das Jahrbuch der Evangelischen
Gemeinde Krefeld 1916 von Pfarrer Spieker in Werlau).

Als die Mobilmachung ausgesprochen war, läuteten auf den Dörfern die Glocken, und Männer, Frauen und Kinder strömten von den Feldern, wo die reife Ernte stand. Dann ging täglich ein Trupp fort. Am Backhaus sammelten sich die Ausziehenden, Schuljungen mit Fahnen und Liedern gab ihnen das Geleit, auf der Höhe vor dem Dorf rissen sie sich los. Es brach in solchem Augenblick manchmal bei einem alten Bauer eine natürliche Beredsamkeit durch, und er rief im Namen des Dorfes den Scheidenden einen kernhaften Abschiedsgruß nach, durch den es stark hindurchklang, dass sie in einen aufgezwungenen und gerechten Krieg zogen. Dann verschwanden sie hinter der letzten Wegbiegung. Jener Aufbruch und Anfang war überall im Grunde derselbe. Da waren auch Stadt und Land gleich, denn überall war es wie ein Sturm, der durch die Herzen ging. Aber das blieb nicht so. Das Außergewöhnliche kann immer nur kurze Zeit dauern, dann bricht das Frühere wieder ungeschminkt hervor. Es wurde aber im Laufe des Krieges der Gegensatz zwischen Stadt und Land noch viel schärfer, als er im Frieden war. Geradezu eine gereizte Stimmung entstand in der Stadt gegen den Bauern, weil er seine Kartoffeln nicht teuer genug verkaufen könne, verfaulen lasse, als zu angemessenen Preisen auf den Markt zu bringen und notwendige Lebensmittel zurückhalte, bis die Preise hoch genug gestiegen seien. Es sind in der Tat böse, hässliche Dinge vorgekommen, es hat sich grober Eigensinn und Vorteilsucht ohne Maske gezeigt; es hat auch der Bauer sich kaum ein Bild von der Not der Bedürftigen in der Stadt gemacht. Es ist aber manches Wort gesprochen worden, was zu hart war und ungerechtfertigt ist. Es gab auch auf dem Lande ehrenhafte und rechtlich denkende Leute, welche keinen Anteil am jenem unerfreulichen Treiben nahmen. Vor allem ist es keineswegs der Bauer allein, der an jener Entwicklung die Schuld trägt. Es sind schlimmere Schuldiger da.

Diese Zeilen wollen daran erinnern, dass Stadt und Land immer noch unter der gleichen Not stehen. Sie wollen ein Bild davon geben, dass auch das Land am Kriege schwer trägt. Vielleicht helfen sie dazu mit, dass man in der Stadt das Land besser versteht und ihm eine gerechtere Beurteilung widerfahren lässt. Es mag gesagt werden, dass Verhältnisse am Oberrhein zu Grunde gelegt sind. Wer diesen Sommer als Wanderer durch unsere Dörfer kam oder als flüchtiger Sommergast kurz darin weilte, der wunderte sich, dass man auf dem Lande so wenig vom Kriege merke. Es fällt zunächst einmal weg, was in der Stadt den Krieg immer gegenwärtig hält: Öffentlicher Anschlag der Zeitungen, Extrablätter, alles das, was den Menschen in der Stadt immer in nervöser Spannung nach dem neuesten von den Schauplätzen fragen lässt. Aber auch bei einem Sieg ist scheinbar nicht viel Anteilnahme, kein Zusammenströmen der Menschen, kaum Fahnen, sondern Wagen fahren aufs Feld hinaus, Leute gehen gleichmütig, ohne Hast, hinterher, draußen sind alle Felder angebaut, im Dorf spielen Kinder, von den Alten betreut, Hähne krähen, Sonne lacht – ist überhaupt Krieg?

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BLATT 03
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Gott sei Dank, dass man auf dem Lande so wenig vom Kriege merkt, dass man so ruhig beim Kriege ist. Es war nicht immer so. Wir haben lange Wintermonate hinter uns, in denen viel Unruhe in unseren Dörfern war. Unnötige Tränen wurden geweint, um solche, die unverbürgt totgesagt wurden. „In der Stadt“ oder „an der Bahn“ hatte man‘s erfahren. Die ganze Kompanie sei vernichtet, eine andere gefangen. Unheimlich war das Flüstern und Beieinanderstehen. An den langen Winterabenden wurde manche aufregende Nachricht in den Häusern verbreitet, die Lichtnot und die dunklen Stuben vermehrten das Bangen. Dazu regte sich allerlei alter Volksglaube. Das Käuzchen hatte gerufen, der Totenvogel hatte sein ängstliches „Kiritt, kiritt“ geschrien und war dann am Haus entlang gehuscht. „Habt ihr‘s gehört? In der Nachbarschaft wird bald ein Toter sein“. Schreckensbleich steht das Mädchen in der Tür, das die Botschaft von draußen brachte. - In der Nacht ein dumpfes Anschlagen gegen die Hauswand, ein Pochen am Fensterladen, als klopfe ein Finger dagegen, ein dumpfer Fall auf dem Speicher: „Da hat sich etwas angezeigt“! Der Aberglaube sitzt tief in den Herzen, zumal in ungewissen Zeiten, in Kriegsängsten und in der Winternacht, wenn der Sturm durch die Kamine heult, bricht er immer wieder hervor. Es gibt nur zwei Abwehrmittel dagegen: Arbeit und wirklicher Glaube.

Als der milde Frühjahrswind die Täler herabkam, wurde alles klarer, freier, ruhiger bei uns. Die Tiere wurden aus dem Stall gezogen, Egge und Pflug gerüstet und alle wussten: Jetzt gilt‘s! Aber es wird auch nicht aufhören bis zum Herbst. Darüber war viel Seufzen: Wie soll‘s nur werden ohne den Mann oder den Sohn? Wer soll ackern? Wer soll säen? Als nun die Arbeit begann, verstummten die Fragen und die Sorgen auch. Die Arbeit und die frische Luft riss die Menschen von selber in eine zuversichtliche Stimmung hinein. Die Alten und die Kinder führten die Gespanne hinaus, manche Frau hing sich um den Hals den Sack, daraus sie mit festem Schwang den Samen streute. – Horch! Was ist das? Ein dumpfer Laut wie aus der fernen Unterwelt. Wieder! Von Westen her trägt ihn der Wind. Das sind die Kanonen vor Metz und vor Verdun. Am Spätnachmittag, wenn es über dem Wald so klar wird, hört man Schlag auf Schlag. Die Säer haben nicht Zeit zu lauschen, denn bald wird’s Nacht. – Es duftet das Heu aus den Wiesen herauf. In der Frühe kehren Männer und Frauen heim mit Sensen auf der Schulter; als die Nacht noch auf der Erde lag, waren sie ausgezogen, im Frühtau zu mähen. Die Sonne steigt heiß am Morgenhimmel empor, alle müssen sie wieder hinaus, denn die Sonne macht Kriegsarbeit: Was früh unter dem Schnitt sank, ist am Mittag schon gedörrt und soll vor Abend herein. Überall sonnenverbrannte Gesichter unter weißen Tüchern, und frohgemut rufen die Leute sich zu: „Der Herrgott selber hilft Heu machen!“ Es war wie ein erster Lohn der Mühe und eine Ermutigung für den Anfang. – Es kamen Zeiten des Bangens, als ein ewig stahlblauer Himmel lange Wochen hindurch leuchtend über der Erde stand und kein Tropfen fiel, als die Wiesen braun waren, als wären sie versengt, die frischgesetzten Pflanzen die Köpfe hängen ließen und die Erde hart und rissig wurde. Acht Wochen kein Regen! Und eine große Sorge stand auf den Gesichtern geschrieben: Herrgott, was soll werden, wenn du unsere Ernte versengst? – Weißlich schimmert das Korn, nicht golden wie sonst. Viele Halme sind spärlich und mager die Ähren. Was hilft‘s? „Schlaget die Sichel an, die Ernte ist reif.“ Und als die Sense durchs Korn rauschte, da sang sie manchem eine traurige Weise,

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BLATT 04
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von denen, die sie vorm Jahr noch so rüstig geschwungen und die aus Tagen, als die Ernte in Halmen auf den Feldern stand wie jetzt manche Frau hatte im Frühjahr mit Tränen gesät, nun trug sie in bitterem Harm die Garben herein. Aber es war wieder Brot da und der Ertrag war auskömmlich und war geborgen. Als der letzte Wagen mit Garben hereinwankte, atmete der Landmann auf, denn man hatte ihm Sorge gemacht, der Feind plane, die Ernte auf den Feldern mit Brandbomben anzuzünden. – Und nun kam unserem Volk ein Herbst, wie es nicht viele sah. Mit goldenem, lachendem Segen hatten die Bäume sich beladen, tief hingen die Zweige auf die Wege herab. Es grünten die Wiesen, es gab dort auch einen zweiten Schnitt. Braunrot leuchtete der Wald, wie mit Blut übergossen standen die Kirschbäume da und Herbstsonne schien durch duftigen Schleier vom blauen Himmel. Jetzt galt‘s ein Kräfte-Regen wie nie zuvor. Nun musste alles, auch der Letzte gesetzt werden. Nein, die hart arbeitenden Menschen können nicht aufschauen zu der leuchtenden Pracht, schwer keuchend graben sie und heben Lasten von früh bis spät. Im Dunkel noch rollen die Wagen herein, schlurfenden Schrittes auf gekrümmtem Rücken tragen Männer die Säcke ab, es rumpeln die Kartoffeln in den Keller. Da hat mancher Alte geseufzt: „Ach, wär‘ es doch die letzte Nacht!“ Und mehr als einer brach zusammen, völlig verbraucht und zerrieben von dem harten Sommer ohne Sohn und Schwiegersohn. Wir haben manchen deutschen Bauersmann in diesem Herbst zu Grabe getragen, der als ein Opfer der deutschen Heimaterde gestorben ist, auch im Dienste, auch ehrenvoll auf seinem Posten, nicht schlechter als draußen vorm Feind. Das gab der Ernte dieses Jahres ihren schweren Ernst. Viel Fröhlichkeit kam da nicht auf, denn alle wissen, wie teuer die Frucht bezahlt ist.

Das Erntedankfest wurde bei solcher Ernte eine Gedenkfeier edelster Art. Wie wunderbar hatte man in den Wechselfällen eines Erntejahres Gottes schirmende Hand über den Saaten gespürt! Wie dankte man aber auch den Schützern draußen, die sich zu einer festen Mauer um die Fluren gestellt hatten! Und man gedachte der Gefallenen, durch deren Tod Ernte und Brot geweiht sind. Doch auch tröstlich prägen die Weizengarben, die um den Altar standen, Jesus herrliches Wort in aller Herzen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, so bleibt es allein. Wenn es aber erstirbt, so bringt es viele Frucht.“ In vielen Landgemeinden wurde ein Erntedankfestspiel aufgeführt, in dem Frauen und Kinder ihre Gaben zum Altar bringen und in dem ein alter Bauer dieses Tages tiefsten Sinn in die schönen Worte kleidet:

Volk mein Volk, das Brot, das du genossen,
Deine Ernte ist mit Blut begossen.
Auch, es sanken in der Jugendschöne
Unsres Brotes wegen unsere Söhne.
Dass ihr heim die Ernte könntet tragen,
Liegen sie auf blut‘gem Feld erschlagen.
Aller Frieden, alles Freuen,
Alles Blühen, Wachsen und Gedeihen,
Alles Lieben, alles Glück im Maien
Wächst und blühet aus dem Tod der Treuen.
Dass im Undank nicht die Seele rostet,
Oh vergiss es nicht, was es gekostet!
Lass es dir von deinen Alten sagen,
Die nochmal der Arbeit Last getragen,
Eh der Wind sie weht von ihrer Stelle;

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BLATT 05
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Schreib es dir auf deines Hauses Schwelle;
Wenn du schaffst, schreib‘s auf die Arbeitsstätte,
Wenn du schläfst, steht‘s über deinem Bette;
Lehr es täglich deine Kinder beten;
Hab‘s vor Augen auch in deinen Nöten;
Drück‘s mit einem Kreuze dir ins Brot;
Alles Leben ruhet auf dem Tod!“

Man wird dieses Erntefestes gedenken, solange vom Krieg erzählt wird. Man hat darum in manchen Gemeinden den Erntekranz, der sonst den letzten Wagen schmückte, in der Kirche aufgehangen: „als bleibendes Gedächtnis dieses Kriegserntedankfestes, dass noch die Kinder in vielen Jahren davon sagen können; als Ehrenkranz für die Frauen und alten Leute, welche die Ernte eingebracht; als Liebeszeichen für die Kämpfenden; als Denkmal für die Gefallenen, als Siegeszeichen des deutschen Ackers und vor allem zur unverlöschlichen Dank gegen den himmlischen Brotherrn.“

So stand in diesem Sommer unser Landvolk allein durch seine treu verrichtete, schwere Arbeit in engster Verbindung mit dem Kampf unseres Vaterlandes um seinen Bestand.

Das Landvolk nimmt aber auch an den kriegerischen Ereignissen viel unmittelbarer Anteil, als man so auf den ersten Blick annehmen möchte. Es werden viel mehr Zeitungen gelesen als in Friedenszeit. Auch der Landmann, wenn er noch so müde und spät vom Felde kommt, liest genau alle Kriegsnachrichten durch und verfolgt die Ereignisse mit viel eigenem Nachdenken. Ist doch kein Haus, aus dem nicht jemand draußen wäre. Die Briefe der im Felde stehenden sind der Anlass, sich stets mit diesen Dingen zu befassen. Dazu haben merkwürdig viele Häuser das Bedürfnis empfunden, gute Kriegskarten zu besitzen, und so begleiten unsere Leute am Sonntag auch auf den Karten das Vorrücken und den Stellungskampf unserer Heere. Wenn die Leute erzählen: „Er“ steht vor Riga, in Warschau, bei Perthes, vor Ypern, so verbinden sie damit wirkliche geographische Vorstellungen, und es gibt keine Bauersfrau, die nicht wüsste, wo die Champagne, wo Polen oder Galizien läge. Erdkunde lernen sie alle wieder neu und besser und genauer als in der Schule. Denn die Feldbriefe vermitteln Anschauungen von den Verhältnissen, den Bewohnern und der Landschaft der fernen Gegenden, deren Namen in aller Munde sind. So scheint mir der Krieg eine richtige Veränderung in der Bildungsstufe unseres Landvolkes mit sich zu bringen, sofern er den Gesichtskreis bedeutend erweitert.

Der Krieg leistet aber auch ein gut‘ Stück staatsbürgerliche Erziehung auf dem Lande. Der Bauer lebt im Frieden meist etwas abseits von den großen Angelegenheiten des Staates. Die Lebensfragen seines Volkes, soweit sie nicht ihm persönlich betreffen, berühren ihn nicht viel. Das ist im Kriege anders. Tief schneiden die Ernährungsvorschriften, die Bestimmungen über Beschlagnahme und Ablieferung von Getreide in sein Leben ein. Dass diese Bestimmungen zunächst manche Bitterkeit ausgelöst haben, darüber wird sich niemand wundern. War der Bauer doch solches nicht gewohnt und sah das Korn, dass er Gebaut, als sein Eigentum an, seine Mühe und Sorge steckte darin, so war es doch das wenigste, dass ers nach eigenem Willen verwenden konnte. Nun aber schaut ihm der Staat durch seine Vertreter auf die Kornböden und in die Keller. Das war zuerst doch etwas ganz Unerhörtes. Aber die Einsichtigen haben bald begriffen, dass das so sein musste, und alle lernen täglich besser, dass auch die Landbewohner sich dem fügen müssen, was der Krieg für ein ganzes Volk zur Notwendigkeit macht. Auch der Bauer wird durch die Not wirklich

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ein Glied des Ganzen, er wächst in den Staat hinein, den er sonst nur als eine Zwangsmacht außer und über sich ansah.

Viel leichter fügt der Landbewohner sich mit seiner Frömmigkeit in den Krieg. Der Bauer hat einen starken Gerechtigkeitssinn. Wenn eine Familie durch eigene Schuld ins Unglück kommt, lässt er sie eher verhungern, als dass er hilft, auch wenn er sonst ein gutes Herz hat: Sie hat ihr Los verdient und „Recht muss Recht bleiben“. Diesem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn bedeutet der Gedanke ungemein viel, dass wir einen „gerechten“ d. h. einen Notwehr- und Verteidigungskrieg führen. Aus diesem Grunde stellte der Bauer seine Söhne mit einer ruhigen Selbstverständlichkeit in den Dienst des Vaterlandes. Und von hier aus bekommt er auch stets einen starken Antrieb zu guter Zuversicht: Wenn unsere Sache gerecht ist, dann wird uns Gott nicht verlassen. Freilich, je länger der Krieg währt, umso weniger empfinden die Leute auf dem Land, vor allem die Frauen, den Krieg als eine Sache, die wir selber führen und in der Hand haben, vielmehr als eine Schickung, welche über die ganze Welt von Gott verhängt ist. Unter dieser Schickung wird natürlich auch viel geseufzt. Aber der Bauer ist von seinem Zusammenleben mit der Natur, unter Sonnenschein, Hagel und Regen, viel zu sehr daran gewöhnt, von Mächten abhängig zu sein, denen er nicht gebieten kann, als dass er nicht auch die Wechselfälle des Krieges als etwas Unabänderliches hinnimmt, das nun einmal getragen werden muss, wie böse Zeit und schlimme Witterung. Und von seiner Arbeit hat er gelernt, mit langen Fristen zu rechnen; man bedenke, dass die Ernte für 1916 schon längst im Schoß der Erde ruht-, so wartet er geduldig, weil er weiß, die Dinge brauchen Zeit wie die Saat im Acker. Schließlich aber erleben auch die Landleute den Krieg als ein gewaltiges Erziehungswerk Gottes, als Prüfung und Läuterung, ja als Strafe für die Auswüchse der dem Krieg vorangehenden Zeit, die auch auf den Dörfern sich zeigten und über die vor allem die Alten die Köpfe geschüttelt hatten. Viele haben sich damit getröstet, dass es so, wie bisher, nicht mehr habe weitergehen können.

Es lebt also eine starke Zuversicht in unseren Dörfern, die nirgends rührender und ergreifender zum Ausdruck kommt, als wenn die Gemeinde am Abend die alten Choräle oder neuen Kirchenlieder nach alter Weise singt. Es ist wirklich die Arbeit zu Ende, wenn die tiefste Glocke mit hereingebrochener Nacht zur Andacht lade. Dann kommen sie mit Grubenlichtern durch die dunklen Dorfstraßen herauf, ja auch von den Außenposten der Gemeinde durch finsteren Wald, und tröstlich leuchten die erhellten Kirchenfenster in die Finsternis hinaus. Drinnen aber fühlt man wirklich fast die Traulichkeit einer Familie, die in Not und Gefahr zusammengehört. Zu Beginn jeder Andacht singt ein Kinderchor von der Orgelempore herab den Luther’schen Vers:

Verleih uns den Frieden gnädiglich,
Herr Gott, zu unser‘n Zeiten;
Es ist dort ja kein andrer nicht,
Der für uns könnte streiten,
Denn du, unser Gott, alleine.

Wunderbar fällt die alte schöne Weise ins Ohr. Manchmal ist auch eine Geige da oder eine Singstimme, dem Abend zu dienen. Es kommt in diesen Andachten auch die Bibel zur Verlesung, und sie kann in ihrer herrlichen Wucht zur Wirkung kommen, weil die Abschnitte nicht so ängstlich beschränkt zu werden brauchen wie in den Gottesdiensten. Die Stimmen und Zeugnisse der Männer vor 100 Jahren oder ein Lutherwort schließen sich an, auch ein Gedicht aus der Gegenwart. Was freigesprochen wird, strömt an solchem Abend viel persönlicher

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und herzlicher von der Seele als bei dem hellen Licht des Tages. Man meint nach solcher Feier wirklich doppelt im Frieden und in Gottes Hut zur Ruhe sich niederzulegen.

Auch das Land hat schwere Blutopfer bringen müssen. Hier kommt zu dem persönlichen Verlust, der in seiner ganzen Tiefe empfunden wird, noch hinzu, dass die Arbeitskraft, die Stütze des Alters, der Erbe des Hauses dahingerafft ist, das verschärft den Schmerz. Denn die gehäufte Arbeitslast des Krieges, die alle für diese Zeit gern tragen wollen, wenn nur einmal ein Ende kommt, wird den Trauernden nun keine rüstige Manneskraft mehr abnehmen. Hat der Tod wieder einen der Söhne des Dorfes hinweggerissen, so wird durch die tiefe Glocke dieses allen angezeigt, dass jeder zu kurzem Gedenken in seiner Arbeit innehalte. Wenn der erste krasse Schmerz vorüber ist, so wird in der Kirche eine Gedächtnisfeier gehalten. Das wird doch als ein großer Trost empfunden, dass solche in kleineren Verhältnissen für jeden einzelnen möglich ist. So kann doch die ganze Gemeinde ihren Anteil bezeugen. Auch wird damit deutlich zum Ausdruck gebracht, dass der Einzelne, der draußen in der Masse nur Nummer und Zahl bedeuten muss oder allenfalls ein Kamerad ist, den man scheiden sieht wie so viele, daheim in seiner besonderen Art nicht vergessen wird. Wenn es angeht, lässt man den Gefallenen selber durch seine Briefe zur Gemeinde reden und es offenbart sich dabei oftmals ein wunderbar reiches Innenleben, das so nicht vielen bekannt war. Als ein Zeugnis für den Geist unseres Heeres mögen folgende Sätze aus den Briefen eines gefallenen jungen Handwerkers hierhergestellt sein:

...und immer tiefer träumt man sich in die Heimat hinein. Aber bald hört man ein dumpfes Grollen, dann ist es mir, als zöge ein Gewitter über die heimatlichen Fluren, in denen ich glaubte, im Traum in Wirklichkeit zu leben, aber alle Hoffnungen enttäuschend sagten mir diese eisernen Morgengrüße, das ich nicht umgeben von allen Lieben in der Heimat, sondern von einer Welt von Feinden umringt war.“ - „Es ist das Leben hier fast eine vollständige Entsagung, aber für die Menschen, die zurückkehren, eine tiefe Lehre.“ (Er bekennt ein leises Grauen vor den Patrouillengängen ...) „aber ohne Zagen werde ich jeder kommenden Stunde mit dem innigsten Vertrauen auf Gott, der mir zu jeder Arbeit wird beistehen, entgegensehen und die von ihm angewiesene Arbeit mit dem Bewusstsein treuester Pflichterfüllung, ohne zu wanken, angreifen.“

Im Chorraum der Kirche hängen wir für jeden Gefallenen einen grünen Tannenkranz auf mit weißer Schleife, auf der Name, Regiment, Tag und Ort des Todes verzeichnet sind. Diese Kränze sind doch ein sichtbares Erinnerungszeichen, doppelt tröstlich, weil die Angehörigen zum Grabe nicht hingehen können und so doch eine Stätte wissen, welche dem Heimgegangenen geweiht ist. Da sieht man es wohl, dass beim Abendmahl eine Mutter die Schleife vom Kranz des Sohnes ergreift - fühlt sie dabei eine Verbindung mit ihm? - Wir erleben auf dem Lande, dass der Schmerz um die Gefallenen sich in selbst geschaffenem Liede tröstet, das, in der Fassung manchmal ungelenk, durch seine aufrichtige Empfindung zu uns spricht. Wir sehen daran, wie unsere Leute an ihrem Schmerz arbeiten, wie sie ihn zu überwinden trachten. So trauert ein Bauersmann um den gefallenen Gatten seiner Tochter, der ihm ganz besonders nahestand:

Wir gaben das Liebste, Beste
Zum Opfer fürs Vaterland.
Doch von nun an vertrauen wir feste
Auf des Allmächtigen Hand.
Er wird die Wunden heilen

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BLATT 08
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die uns geschlagen von Feindes Hand.
Und der Himmel wird uns vereinen
Mit den Gefall‘nen fürs Vaterland.“

Nach Wochen liegt auf dem Tisch in der Sakristei ein zweites Gedicht, da ist er noch weiter hindurch. So lässt er den Toten reden:

Und wenn ich einst beim Siegereinzug fehle,
Beweint mich nicht, beneidet nur mein Glück!
Lasst sanft mich ruh‘n in Flanderns feuchter Erde
Und wünscht mich nicht in Kampf und Streit zurück.
Ich lass euch ein Weib, drei liebe Kleinen,
Nehmt sie in Sorg‘ und treue Obhut auf,
Denn treu hab‘ ich gekämpft im Schützengraben
Für euch daheim, die ihr den Acker baut.“

So enthüllt sich uns in der Not der Zeit die Seele unseres Volkes in ihrer ganzen Tiefe. Auch das Landvolk trägt schwer am Krieg und durcharbeitet ihn mit ernsten Gedanken. Das Beste aber ist, dass es an ihm mit starker Tat und treuer schwerer Pflichterfüllung teilnimmt. Es legt Zeugnis davon ab, wie unser Volk durch diese Schicksalsjahre sich hindurch- und emporringt.

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[ - neues Blatt - im Original ohne Seitenzahl - ]
BLATT 09
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1917
Das Gedenkjahr der Reformation

Als wir Pfarrer der Synode im November 1916 in Coblenz zur Synodalkonferenz zusammen waren, im gemeinsam die Feier des 400-jährigen Gedenktages der Reformation im folgenden Jahr zu besprechen, stimmten wir alle restlos darin mit dem Generalsuperintendenten D. Klingmann überein: Das ganze Jahr muss ein Gedenkjahr werden, und zwar nicht bloß der Tat Luthers, sondern des ganzen Reformationswerkes. Sonst steht die Feier am 31. Oktober 1917 in der Luft. Es ist einmal eine Gelegenheit, auf breiter Grundlage geschichtliches Verständnis für eine große Frage ins Volk zu tragen. Darum ist die Feier durch das ganze Jahr hindurch vorzubereiten in Lied, Liturgie, Predigt, Unterricht und Gemeindeabenden. Die Richtlinien, die uns das Oberhaupt der rheinischen Kirche in seinem Leitsatz gab, haben wir in Werlau nach dem Masse unserer Mittel und Kräfte treulich zu verwirklichen gesucht.

I. Die Vorbereitung der Feier

1. Im Gottesdienst

a) Die Lieder

Es hat wohl manchen der Gemeinde schon ein Hunger nach neuen Weisen gepackt, wenn er einmal in eine fremde Gemeinde kam und ihm dort festlich ein neuer, unbekannter Choral ans Ohr schlug. Hier bot sich uns nun eine herrliche Gelegenheit, unseren Liederschatz zu erweitern. Schon zu Pfingsten 1916 hatten wir Luthers „Komm Heiliger Geist, Herre Gott“ eingeübt. Jetzt sollte Plan und Zusammenhang in das Singen und Lernen kommen. Jeweils übten in der Schule die Kinder das neue Lied, die Frauen und Mädchen sangen es bei ihren Zusammenkünften, dann wurde nach dem nächsten Gottesdienst der Gemeinde das neue Lied vorgestellt. Ich erzählte einführend etwas über die Entstehung und Geschichte des Liedes, wie z. B. 1525 die Bauern im Bauernkrieg unserem Landesherrn Landgraf Phillip von Hessen im Kampf gegenüberstanden und bis in den blutigen Tod hinein Luthers Pfingstlied sangen: „Komm Heiliger Geist, Herre Gott;“ wie 1527 Leonhard Kayser vom Bischof von Passau verbrannt wurde und die Freunde bat, während man ihn an den Pfahl zum Feuertode band, dies Lied anzustimmen. So soll die Gemeinde zugleich, während sie dies Lied singt, etwas spüren vom heiligen Schauer der Vergangenheit, von Blut und Treue, die an dem Liede haften. Auch wurde versucht, der Gemeinde eine Anschauung zu vermitteln von der Sonderart jeden Liedes, z. B. durch Gegenüberstellung des düstern, schweren, wuchtigen „Mitten wir im Leben sind“ mit dem lichten, sanften „Mit Fried und Freud fahr ich dahin“. Dann wurde vom Kinderchor das neue Lied der Gemeinde vorgetragen und schließlich sang es die Gemeinde selbst. Dank der musikalischen Begabung unserer Werlauer prägten sich die zum Teil schwierigen Weisen bald ein und wurden dann sogleich im nächsten Gottesdienst verwertet. Die Gemeinde ließ sich gerne die Übungen, die nach dem Segen gehalten wurden, gefallen und war mit freudiger Teilnahme bei der Sache. Mit der Auswahl der Lieder richteten wir uns nach der kirchlichen Zeit. So haben wir geübt zu Totensonntag 1916 „Mitten wir im Leben sind“, im Advent 1916 „Nun freut euch liebe Christen gemein“, zu Weihnachten „Gelobet seist du Jesu Christ“, zu Epiphanien 1917 „Mit Fried und Freud“, zu Passion „O wir armen Sünder“, zur Abendmahlsfeier „Gelobet seist du Jesu Christ“, zu Pfingsten neben dem schon erwähnten Pfingstlied Luthers noch „Nun bitten wir den heiligen Geist“, zu Trinitatis „Wir glauben all an einen Gott“. Wie die Übersicht zeigt, wurden in der Hauptsache Lieder von Luther, bisher 9 geübt; - „Verleih uns Frieden“ wird seit Kriegsbeginn gesungen. Doch wurde auch nebenher

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zum Teil auch schon früher, noch andere unbekannte, meist ältere Weisen geübt, so „Nun lob meine Seel den Herrn“ im Hinblick auf das Friedenslied Nr. 465, damit wir es so Gott will einmal mit Kraft anstimmen können, „O Jesu Christ, meins Lebens Licht“ für Beerdigungen – die beiden letzten Lieder waren den ganz Alten der Gemeinde noch bekannt und später in Vergessenheit geraten – „Nun preiset alle (Gott)“, „Nun kommt der Heiden Heiland“, „Dein König kommt in nieder‘n Hüllen“, „Verzage nicht du Häuflein klein“, „Christus der uns selig macht“. So empfängt die Gemeinde auch einst die heimkehrenden Krieger mit einem Liederschatz, den sie in schweren Tagen, wo die besten Männerstimmen fehlten, wo dazu Schwierigkeiten waren mit Organist und Chorleiter, so beträchtlich erweitert hat. Sie gedenkt es noch weiterhin zu tun, und wir dürfen auch darin eine Wirkung der aus der Reformationsfeier empfangenen Anregung erblicken. Zugleich erhellt daraus die Wichtigkeit für den neu eintretenden Pfarrer, den vorhandenen Schatz gangbarer Weisen genau zu kennen und zu pflegen. Zu dem Zweck sei ins Auge gefasst, wenn ich einmal die Gemeinde verlassen soll, eine Aufstellung der gangbaren Weisen in der Sakristei für den Vakanzprediger und den Nachfolger aufzuhängen.

b) Die Liturgie

Das Gedenkjahr der Reformation hat auch die liturgische Gestaltung des Gottesdienstes befruchtet (s. u.). Es wurde von der in der preußischen Agende vorgesehenen liturgischen Freiheit Gebrauch gemacht und statt des Glaubensbekenntnisses der Gesang von „Wir glauben all an einen Gott“ zu Zeiten eingelegt, und zwar in der dorischen Melodie von Nr. 166 – eine liturgische Unvollkommenheit ist bei der Länge des Liedes unvermeidlich; wir beschränkten uns auf die erste Strophe. Als Aufforderung zum Bekenntnis wurde vom Liturgen angesprochen Röm. 1,16. Häufig wurde statt des Glaubensbekenntnisses ein Vaterzeugnis von Luther oder einem anderen Reformator verlesen, z. B. in Verbindung mit einer Predigtreihe über die Gebote aus Luthers Großem Katechismus. Als einfachstes Mittel zur Belebung des Gottesdienstes gilt seit den Anfangszeiten des Protestantismus der Wechselgesang. Wir haben in der Passionsliturgie statt des „Herr erbarme dich“ eingefügt „Christus du Lamm Gottes“ und davon die 1. Strophe den Kindern und Frauen, die 2. den Männern übertragen, während die 3. Von der ganzen Gemeinde gesungen wird. Es ist ein schöner Wetteifer zwischen den so gebildeten Chören entstanden, die ihnen übertragene Strophe recht würdig vorzutragen, besonders war jedermann überrascht von der starken Wirkung des reinen Männergesangs. Einer Anregung von Smend folgend wurde am Karfreitag „O Haupt voll Blut und Wunden“ ohne Orgel gesungen, auch dies scheint wert beibehalten zu werden, da hier der reine Gemeindegesang von tiefergreifender Wirkung ist. Als Danklied nach der Abendmahlfeier wurde eingeführt „Gott sei gelobet und gebenedeit.“

c) Die Predigt

Auch die Predigt diente der Vertiefung der reformatorischen Gedanken. Da die geschichtlichen Vorgänge anderweitig der Gemeinde lebendig gemacht wurden, konnte sich die Predigt auf die Behandlung bestimmter Fragen beschränken, in denen unmittelbar Wort und Tat der Reformatoren in unser heutiges Leben eingreifen. Wir alle, die wir uns in die Gedankenwelt der Reformatoren versenkt haben, haben mit Macht gefühlt, wie das „Sola fide“ eine gewaltige Triebfeder der ganzen reformatorischen Bewegung werden musste, ja es ist manchem Pfarrer wie ein neues Licht aufgegangen. Es musste der Versuch gemacht werden, diese Wahrheit, die erkenntnismäßig ja stets zum eisernen Bestand des Konfirmationsunterrichts gehört hat, ge-

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wissermaßen aus ihrer starren Form zu lösen, sie wieder flüssig zu machen und als neue Lebenskraft in die Herzen hineinzugießen. Es schien das ganz besonders nötig in einer Landgemeinde, wo alles religiös-sittliche Denken sich auf den Gedanken der Gerechtigkeit gründet, den starren Gerechtigkeitsbegriff der Leistung zu erweichen und den Sinn zu öffnen für die empfangene Hingebung im Glauben. Es wurde versucht, die Grundstelle der Reformation Röm. 1, 16-17 in diesem Sinne für die Gemeinde zu neuem Leben zu erwecken. Ich muss gestehen, ich hätte diesem besonderen Gegenstand mehr als eine Predigt widmen müssen, denn da trifft man einmal auf den Punkt, wo bäuerliches Denken und Empfinden in seinem starren Gerechtigkeitssinn den Gedanken der Reformation verhältnismäßig fremd gegenübersteht. Wesentlich leichter war es, dem Bauer die Herrlichkeit der reformatorischen Errungenschaften auf den Gebieten zu zeigen, die seine engste vertraute Welt ausmachen, für seine Arbeit und seine Familien. Da wurde in einer Predigt über die Mönchsgelübde und ihre Lösung gezeigt, wie die Arbeit des Bauern auf dem Acker, der Hausfrau in der Küche damit erst zur rechten Würde erhoben wurde und wie mit der Aufhebung der Klostergelübde das Zusammenleben der Ehegatten und die Familie erst ihre Würde empfangen konnten (Text 2. Tim. 3,5). Die Wiederkehr von Luthers Tauftag (11. Nov.) wurde zum Anlass genommen, von der Erziehung, die Luther selbst erfahren hat und dem Verhältnis Luthers zu seinen Eltern zu sprechen und im Anschluss daran von unseren Erziehungspflichten gegen die Kinder und der Pflicht des Gehorsams und der Ehrfurcht für die Kinder. Eine Predigtreihe über die 10 Gebote, angeregt durch die Äußerung eines Gemeindegliedes „der Krieg macht alle zu Spitzbuben“, gab reichlich Gelegenheit, Luthers großen Katechismus der Gemeinde vertraut zu machen (Wir werden von den tieferen Gründen, die zu dieser Predigtreihe führten, noch zu sprechen haben bei der Frage: Gewissen und Krieg).

2. Der Unterricht

a) Konfirmandenunterricht

Dem Konfirmandenunterricht im engeren Sinne (Vorbereitung auf die Konfirmation) wurde im Winter 16/17 die Einteilung des Heidelberger Katechismus zu Grunde gelegt: Von des Menschen Elend, Erlösung und Dankbarkeit. Den religiösen Anschauungsstoff lieferten Luthers Kämpfe im Kloster und sein Glaubenserlebnis verglichen mit des Paulus Bekenntnissen im Römerbrief. Es wurde den Kindern gezeigt, wie das kirchliche Leben in schreiendem Gegensatz stand zu der Art wie Luther seinen gnädigen Gott fand, hier selbstgefällige Berufung auf die eigenen Leistungen, dort stärkstes Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit, hier leichtfertiges Sichhinwegsetzen über das Schuldbewusstsein, dort tiefster Buß-Ernst, und wie daraus die 95 Sätze entstanden sind. Die Behandlung der Sakramente gab Gelegenheit von Luthers Schrift von der babylonischen Gefangenschaft zu sprechen, vom katholischen Opfergedanken in der Messe aus den Kindern den Aufbau der katholischen Lehren von Priestertum, Kirche und Frömmigkeit zu zeichnen und ihnen daran die Eigenarten unseres evangelischen Frömmigkeitsideals deutlich zu machen. Das von unserem Landesfürsten angeregte Marburger Religionsgespräch führte uns zur edlen Gestalt Zwinglis, im Anschluss daran wurde ihnen die Persönlichkeit Calvins vor Augen gestellt und sie wurden mit den Unterschieden lutherischer und reformierter Kirchenlehre vertraut gemacht. Dabei wurde stets ausgegangen von den heute noch erkennbaren Abweichungen, wie sie dem Kinde entgegentreten, wenn es in die Gemeinden der 4 Täler kommt und damit seine Werlauer Heimat vergleicht. Auch wurde an eine Werlauer Anekdote erinnert: Die Kinder der reformierten Familien, die es auch in Werlau gab, mussten zum Unterricht nach St. Goar. Es sei aber

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vorgekommen, dass sie statt nach St. Goar zu gehen, sich die Zeit in einem Weinberghäuschen im Werlauer Berg vertrieben hätten. Daher bekam dies Häuschen den Spitznamen „die reformiert Schul“, alte Leute wie der Kirchmeister Kuhn haben es unter diesem Namen noch in ihrer Jugend gekannt. Im Sommer 1917 wurde der 3. Artikel zum Angriffspunkt genommen mit ihnen über sichtbare und unsichtbare Kirche gesprochen und im Anschluss an die Apostelgeschichte die Begründung und Entwicklung des christlichen Gemeindelebens dargestellt. Die Besprechung der besonderen mit dem Reformationsjahr zusammenhängenden Fragen wurde der Christenlehre überlassen, für welche der Konfirmandenunterricht gewissermaßen den Hintergrund und die Einführung bot.

b) Christenlehre

Der Gegenstand der Christenlehre „die Entstehung der evangelischen Kirchen“ wurde in 12 Stunden behandelt. Die ersten beiden Stunden gaben in großen Zügen den geschichtlichen Unterbau: Entstehung der katholischen Kirche, des römischen Papsttums, Papst und Kaiser, Zerfall des Papsttums, kirchliche Missstände im ausgehenden Mittelalter, Reformversuche. Die 3. Stunde führte dann in medias res: „Wie Luther sein Evangelium fand“, die 4. zeichnete den Beginn des offenen Kampfes und führte bis zu den großen Hauptschriften, von denen, die von der Freiheit eines Christenmenschen besonders hervorgehoben und ihre beiden Antithesen eingeprägt wurden. Die 5. Stunde streifte nur die äußeren Ereignisse, Worms und Wartburg und war ganz dem Thema gewidmet: Die deutsche Bibel. Die 6. gab einmal ein Prachtstück aus Luthers Leben in allen Einzelheiten zum Besten: Luthers Abstieg von der Wartburg (im schwarzen Bären zu Jena, Heldenbrief von Borna, Rückkehr nach Wittenberg). Die 7. Stunde behandelte die Lösung der Reformation von der Sache der Ritter, Schwarmgeister und Bauern, und war besonders der letzten Frage gewidmet. Es war nicht schwer bei den Landkindern warme Anteilnahme für die trostlose Lage des abhängigen Bauerntums zu gewinnen und für das begreifliche Aufbegehren unter dem furchtbaren Druck. Man merkte zumal bei den erwachsenen Zuhörern, wie Luthers schroffe Wendungen in seinem „harten“ Büchlein erst befremdete, aber die Kinder begannen auch etwas von dem Irrtum der Bauern zu begreifen, welche die Freiheit eines Christenmenschen wirklich verstanden. Die 8. Und 9. Stunde waren der Entstehung und Einrichtung der evangelischen Landeskirchen gewidmet: Kirchenvisitation, Katechismen, Einrichtung der Schulen, deutsche Gottesdienste, insbesondere die ersten deutschen Gesangbücher. Es ergab sich Gelegenheit aus der örtlichen Kirchengeschichte zu zeigen, wie die Umbildung des Gemeindelebens erfolgte. (Das Nähere nach Back II 42-45). 10. Stunde: Luther und Zwingli. Der äußere Entwicklungsgang der Reformation bis 1530. 11. Stunde: Melanchthon. Häusliches und persönliches aus Luthers Leben. Der alte Luther; sein Ende. 12. Stunde: Joh. Calvin und die reformierte Kirche. Die Christlehre wurde bis in den Winter hinein gehalten. Die Kinder haben meist bis zuletzt daran teilgenommen. Ganz ohne schärfere Maßregeln (ich rückte hinter die Eltern, nannte auch wohl Namen der Fehlenden von der Kanzel) ging es nicht ab. Ein kleiner Stamm von 5-10 Erwachsenen nahm regelmäßig teil, Männer fehlten fast ganz.

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3. Gemeindeabende (Bibelstunden)

Luthers Werdegang zum Reformator“ war das Thema, das im Winter 16/17 in wöchentlichen Abendvorträgen auf der Schule behandelt wurde. Der Schulsaal war stets gefüllt. Gerade weil der Stoff in den Grundzügen als bekannt vorausgesetzt werden konnte, so konnte die Gemeinde etwas genauer in die Einzelheiten eigeführt und ihr das durch die neuere Forschung, insbesondere O. Scheel, wesentlich veränderte Bild von Luthers Jugend und Werdegang dargeboten werden.

1. Abend: Luthers Jugend bis zum Eintritt ins Kloster.

2. Abend: Luther im Kloster, Mönchsleben, Glaubenskämpfe.

3. Abend: Luther und der Ablass.

4. Abend: Leipziger Disputation, die Programmschriften von1520, Bannbulle.

5. Abend: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“; hier wurde Gelegenheit genommen, die Gemeinde einmal mit einer einzelnen Schrift Luthers näher bekannt zu machen und sie einzuführen in Luthers eigenste Glaubenswelt.

6. Abend: Der Wormser Reichstag.

4. Gemeindevorträge

Schließlich sollte nach den Besprechungen auf der Synodalkonferenz den Gemeinden die Welt der Reformation in knappen Gesamtdarstellungen von etwa je einer Stunde Dauer dargeboten werden. Um den Ortspfarrer zu entlasten, auch um in die Darbietungen eine größere Mannigfaltigkeit zu bringen, wurde ein Austausch der Synodalpfarrer vorgesehen. Jede Gemeinde konnte auf Grund eines aufgestellten Vortragsplanes sich die Gegenstände und Redner auswählen. In Werlau sprachen:

Lic. von Nasse - Neuenahr über den Einfluss der Reformation auf das Familienleben.

Conrad - Bacharach über Luther als Beter

Goebel - Boppard über Luther und das deutsche evangelische Kirchenlied (vgl. über den Inhalt die Gemeindenachrichten auf der letzten Seite der Heimatglocken).

Die Vorträge fanden am Sonntagnachmittag in der Kirche statt, umrahmt von Gemeindegesang, der letztere auch unter Mitwirkung von einem Kinderchor aus St. Goar (von der höheren Privatschule, deren stellvertretender Leiter ich war). Als im Frühsommer bei der stärker einsetzenden Feldarbeit der Besuch sehr nachließ, wurden, wie in den übrigen Gemeinden der Synode, die Vorträge eingestellt.

II. Die Jubelfeier

Als der 31. Oktober 1917 herannahte, hatte die Gemeinde, Junge wie Alte, einen lebendigen Begriff, was diese Feier bedeutete. Und doch brauchte nicht befürchtet zu werden, dass ihr Luther und das Reformationswerk bis zum Überdruss vorgestellt wurde, dafür hatte sich die Vorbereitung auf die Dauer fast eines Jahres erstreckt und hatte in den letzten Sommermonaten, von der Christenlehre und einigen Predigten abgesehen, ganz geruht. So kam die Gemeinde doch mit frischer Aufnahmefähigkeit und in freudiger Spannung an die Jubelfeier selbst. Die Kirche war festlich geschmückt. Von der Orgelempore hing ein großes Schild, auf dem von einem Tannenkranz umrahmt, in künstlerischen Buchstaben

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(von Frl. Luise Reusch auf Rheinfels freundlichst für die Gemeinde gezeichnet) geschrieben stand: „Eine feste Burg ist unser Gott“. Am Morgen des 31. Oktober war nach einer Schulfeier ein festlicher Kindergottesdienst, zu dem außer den Müttern auch viele Freunde der Kinder gekommen waren. Die Kinder kamen selbst mit Gedichten und Liedern reichlich zu Wort. Der Gemeindegottesdienst war nachmittags um 3 Uhr, damit auch die Bergleute und Beamten der Grube geschlossen daran teilnehmen konnten; sie waren im Hinblick auf die Feier früher entlassen worden. Auch die Holzfelder Gemeinde kam geschlossen herüber. Obwohl es ein Wochentag war, war eine Festgemeinde beisammen, wie ich sie in der Kriegszeit nicht gesehen habe. Die Gottesdienstordnung war im Kirchlichen Amtsblatt gegeben und wurde genau innegehalten, nur das deutsche Tedeum brachten wir noch nicht fertig und sangen dafür am Schluss „Nun danket alle Gott“. Der Predigt war der von Friedrich Wilhelm III. vor 100 Jahren bestimmte Text 1. Kor. 16, 13 „Wachet, stehet im Glauben, seid männlich und seid stark“ zu Grunde gelegt. Wie lebendig wirkte die Schriftlesung im Wechsel mit dem Kernlied der Reformation. Wie rauschte zum Eingang mächtig das „Komm Heiliger Geist, Herre Gott“, wie prächtig wogte und webte wie ein lebendiges Gemeindebekenntnis Luthers herrliches Glaubenslied! Jetzt merkte die Gemeinde, warum sie immer wieder zum Singen angehalten worden war. Es klang eine Fülle von Freudigkeit und lebendiger Anteilnahme durch die Feier hindurch.

Der Sonntag nach dem 31. Oktober war der Nachfeier gewidmet. Am Morgen um 9 Uhr war Gottesdienst in Holzfeld nachmittags um 3 Uhr eine reichgegliederte liturgische Gemeindefeier mit Gesängen des Kinderchores, mit Deklaration von Konfirmanden und Konfirmierten vorgetragen, an die sich ein etwas einstündiger Vortrag anschloss: Luther als Befreier und Erzieher seiner lieben Deutschen. (Die Ordnung der Gemeindefeier ist beigefügt.)

Damit die Feier auch ein reales Ergebnis erziele, sammelte der Pfarrer von Haus zu Haus persönlich eine Reformationsspende ein, bei der ihm in manchem Hause ein „Luthertaler“ blank in Silber, für diese Spende aufgehoben, überreicht wurde. Die Sammlung ergab M 242,10, davon wurden M 200,- dem Rheinischen G.-A.-Verein, 42,10 M dem Rheinischen Hauptverein des Evang. Bundes überwiesen.

Es war während des Krieges viel gesammelt worden, so waren die Leute nicht immer erbaut, wenn man wieder an ihre Türe anklopfte. Ein Bauersmann empfing mich: „wofor wird den schun wiere kollektiert?“ Antwort: für den Gustaf-Adolf-Verein. Bauer: „Dat is ebbes anneres,“ ging hinein und brachte seine Gabe.

Am 4. Dezember 1917 waren es 10 Jahre, dass die Werlauer Kirche geweiht wurde. Es wurde der Tag, obwohl es ein Wochentag war, durch einen Gottesdienst gefeiert und danach des Pfarrers Over, unter dem die Kirche gebaut wurde, durch einen Gruß gedacht. –

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Gemeindefeier zum Reformationsfest
am 4. November 1917

Kinderchor: Ach Gott vom Himmel sieh darein 171, 1+4

Gemeinde: Wär‘ Gott nicht mit uns diese Zeit 176, 1+3

Vorspruch von Herder - Überblick über die Feier


C. F. Meyer: das Lutherlied - A. Hilgert / M. Brück
Luther: aus den 95 Thesen / verschiedene Kinder


Gemeinde: Nun bitten wir den heil. Geist 152, 1-2

Aus: Huttens letzten Tagen - C. F. Meyer:

Das Kindlein von Mainz - Fr. Kuhn I

Die Mainzer Spiesse - Fr. Kuhn

Die deutsche Bibel - G. Scherer


Gemeinde: Erhalt uns Herr bei Deinem Wort 173, 1-2

Luther: Ein neues Lied wir heben an - C. Hilgert, G. Merten

Luther: Sie ist mir lieb die werte Magd - Else Brück

Gemeinde: Nun freut euch lieben Christengemein 259, 1+5

Hans Sachs: Die wittenbergische Nachtigall - Erich Michel

Luther: Von allen Freuden auf Erden - Maria Kappus

Kinderchor: Der Luther geht durch die Lande

Flex: Das Wartburgkreuz - Otto Widel


Vortrag: Luther und die Deutschen.


Gemeinde: Das Wort sie sollen lassen stahn. 172,4


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Unsere Glocken.

Ein Blatt aus der Kirchenchronik der Gemeinde Werlau

In unseren Landgemeinden lebt heute noch eine Erbitterung auf, wenn die Vorgänge bei der Glockenabgabe 1917 ins Gedächtnis kommen. „Mit den Glocken hat man uns Gottes Segen aus dem Dorf gefahren“, sagte im letzten Winter noch ein Bauersmann. Es soll aber auch nicht bitter machen, wenn man erfährt, dass auf dem großen Glockenschlachtfeld zu Call in der Eifel noch manche Glocke, mit leuchtend grünem Edelrost überzogen, tief eingebohrt in den Boden der nassen Wiese, auf welche die Glocken von der Förderbahn abgestürzt wurden, nutzlos lagert und vergeblich ihrer Rückgabe harrt, viel Wind und Wetter die Aufschrift ausgelöscht haben und ihr Ursprungsort nicht festgestellt werden kann! Vergebliche Opfer, seufzt man auch hier. Jedenfalls fällt heute ein rechtfertigendes auf so manches bäuerliche Presbyterium, das mit aller Macht, List und Schlauheit sich dem Ablieferungszwang entgegengestemmt hat- schon damals hätte man dies Verhalten nicht einfach mit den Worten opferscheu und unvaterländisch abtun sollen. Es handelte sich um mehr als um Speck und Eier, es ging um ein Stück der Volksseele, deren fortschreitende Zerstörung sich so furchtbar gerächt hat.

Insbesondere war unserm Geläut mittelbar der schöne Neubau der Kirche zu danken. Er war erneuert worden, als vom alten Geläut „das Bimmelchen“ zersprang, hatte an dem altersschwachen Turm durch seine Schwere bedenkliche Risse entstehen lassen, der Abbruch des Turms zog den zuerst gar nicht vorgesehenen Abbruch und die Erneuerung der Kirche nach sich. Dies Geläut sollte jetzt darangegeben werden – dagegen wehrte sich das Volksempfinden mit aller Macht. Es wurde darum gekämpft, unauffällig aber zäh, wie es der Gegenstand verdiente. Es ist ein Beitrag nicht nur zur Glockengeschichte, sondern zur Heimatchronik des Krieges überhaupt, wie die verschiedenen Mitwirkenden, Presbyterium, Pfarrer, Cummunalstelle, sich in dieser Frage verhalten haben.

1. Gang. Bei der Anmeldung durfte eine Glocke als „Läuteglocke“ eingetragen werden, die der Gemeinde erhalten bleiben sollte. Also wurde die mittlere, die „Mittagsglocke“ versuchsweise als solche eingetragen, ob sie wohl unauffällig als „Läuteglocke“ passieren möchte. Schon ward‘s entdeckt: „Nach § „soundsoviel“ kann für eine Läuteglocke nur eine solche in Frage kommen, die unter den angemeldeten Glocken das geringste Gewicht hat. Die Meldung wird dementsprechend berichtigt“. So war es also hier nichts mit dem freundlichen Hinweis einer sachverständigen höheren Stelle, welche leise zu einer solchen kleinen „Schiebung“ aufgefordert hatte: „Manche Communen sind nicht so engherzig, dass sie sich an die scharfe Bestimmung Läuteglocke - kleinste Glocke halten.“ Der Versuch geschah am untauglichen Objekt.

2. Gang. Er kommt, für unser Empfinden viel zu früh, der Monteur der Glockengießer Firma, die die Glocken geliefert hatte, und will die Glocken abnehmen. Am Abend – am anderen Morgen sollte der Ausbau beginnen, versammelt sich das Presbyterium und ein alter Charakterkopf, der seinerzeit als Vorsteher verhindert hatte, dass die neue Kreisstraße durchs Dorf führte, „weil doch nur die Wirte und Handelsleute Vorteil davon hätten“, wehrte sich mit allem Nachdruck dagegen, dass die Glocken jetzt schon abgeliefert werden sollten. In der Tat schien Zeitgewinn unter allen Umständen vorteilhaft; lag doch über der ganzen Glockenangelegenheit bei den täglich sich überholenden Bestimmungen ein eigentümliches Hell-Dunkel. Vor wenigen Tagen war in der Nachbargemeinde, deren Pfarrer, wie er‘s für seine Pflicht hielt, sich mit Eifer der Sache angenommen hatte,

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ein großes Geläut zerschlagen worden, und am Tage darauf kam vom Konservator der Bescheid: „Geläut unter allen Umständen zu schützen wegen hohen musikalischen Wertes“! Auch verlautete etwas von militärischen Ausbaukommandos, deren Ankunft ruhig abgewartet werden könne. Das Presbyterium wollte lieber dem Monteur seine Fahrtkosten und Zehrung erstatten und das Schicksal der Glocken hinausschieben, als es rettungslos aus der Hand geben. So schickte man den Monteur unverrichteter Sache wieder fort, und die Gemeinde erfreute sich weiter des feierlichen Dreiklanges.

3. Gang. Wochen gehen ins Land. Die Metallmobilmachungsstelle drängt. Es wird mit „verschärften Maßnahmen“ gedroht, „jede Rücksicht soll fallen gelassen werden“. Vor allem droht die Prämie für rechtzeitige Ablieferung zu entschwinden. Das Presbyterium beißt in den sauren Apfel und bestellt den Monteur, der wieder in hiesiger Gegend zu tun hatte, zum zweiten Mal. Er kam in der Woche nach Pfingsten. Der Pfarrer war auf einer mehrtägigen Fußwanderung. Nach seiner Rückkehr mussten voraussichtlich die Glocken abgenommen sein. Als er sich seinem Dorfe näherte, hörte er wie immer friedlich die Turmuhr schlagen. Also denkt er: Die Glocke sollte uns doch bleiben, die Uhr schlägt aber auf die größte! Was hatte das Presbyterium, dem der Pfarrer die Sache vertrauensvoll in die Hände gegeben hatte, gemacht? Es hatte im letzten Augenblick selbstherrlich verfügt: Die große Glocke bleibt hängen, die zwei kleineren geben wir ab! Der Pfarrer meint: Das nimmt nimmer ein gutes Ende. Aber das Presbyterium war um Auskunft nicht verlegen: Im Kreisblatt hatte gestanden, dass nach einer Besprechung einiger Abgeordneter mit der zuständigen militärischen Stelle nur die Hälfte aller Glocken in Betracht komme. Die mittlere und kleinste Glocke zusammen betragen dem Gewicht nach etwa die Hälfte des Geläuts - also genügten die beiden! Und wirklich, es krähte kein Hahn danach. Durch eignen Irrtum hatte die Communalstelle, wie sich nach Jahr und Tag herausstellte und wir später sehen werden, über die abgelieferte zu niedrige Metallmenge ahnungslos den Mantel der Liebe gedeckt. „Freuen sie sich“, schrieb ein Nachbarkollege an den Pfarrer, „dass Ihr Presbyterium so bauernschlau gehandelt hat. Es hat der Gemeinde die große Glocke und die Uhr gerettet.“ Es war ein Glück, dass der Pfarrer auf Reisen war. Die seiner Art oft im Blut liegende - hier tatsächlich, wie wir nachträglich sagen müssen, unangebrachte - Beamtengewissenhaftigkeit hätte sich vielleicht gegen die Bauernlogik zur Wehr gesetzt und der Gemeinde nur Schaden getan. Auch konnte er so der Behörde gegenüber in dem vorkommenden Fall ehrlich und bedauernd die Achsel zucken: Er hatte von nichts gewusst und an der Sache selbst war nichts mehr zu ändern. Die kleineren Glocken waren fort, und die große hing sicher im Turm.

Die kleinere war ganz heruntergeholt, die mittlere auf dem Turm zerschlagen worden. Auf dem Feld hatten die Leute in der Arbeit innegehalten und den gellenden Tönen gelauscht, herzzerreißend seien sie gewesen wie Schmerzensschreie. Am 2. n. Trin. ward die Glockenabschiedsfeier gehalten. Text Luk. 21,3: „Das wird euch widerfahren zu einem Zeugnis.“

Das Nachspiel. Die Gemeinde bekam ihre Vergütung, sie wurde pflichtgetreu und restlos auf Kriegsanleihe gezeichnet und ins Reichsschuldbuch eingetragen, damit es ja recht festliege, die neuen Glocken sollten von den Zinsen angeschafft werden. Da konnte – ein volles Jahr nach der Ablieferung – eine Mitteilung von der Communalstelle, bei der Metallmobilmachungstelle sei bei Nachwiegung der Glocken eine Gewichtsdifferenz von 300 kg festgestellt worden, der

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zu viel gezahlte Betrag von 1350.- M sei der Gemeindekasse zu überweisen! Der Irrtum war an der Communalstelle geschehen und folgende nachträgliche Erklärung hat einige Wahrscheinlichkeit für sich: An der Wiegestelle war das Gewicht mit 300 kg festgestellt und mit 6 Zentner an das Büro gemeldet, dort aber mit 600 kg eingetragen worden. Da der Gemeinde bei der Überweisung der Beträge keine Aufrechnung übersandt worden war, so hatte sie keinen Einblick, wie die Summe sich zusammensetzte, wenn sie auch mit der Höhe seiner Vergütung überaus zufrieden war. Da der Wiegeschein nur eine sehr undeutliche Gewichtsangabe zeigte, deren Lesung strittig war, so einigte man sich auf die Gewichtsangabe, welche von der Glockengießerei gemacht wurde und die Rückzahlung, die sich nun erheblich niedriger stellte, wurde in 2 Raten geleistet. Aber ob die Gemeinde die richtigen Glocken abgeliefert hatte, dem fragte niemand nach.

Die Glocke mit der Inschrift „Friede auf Erden“ ist dahin, die andere mit der Inschrift „den Menschen ein Wohlgefallen“ ist zerschlagen, aber die größte mit der Inschrift „Ehre sei Gott in der Höhe“ ist geblieben – dies prägt sich auch darin aus, was werden musste, damit sie einen Neuguss erfahren: „Das wird euch widerfahren zu einem Zeugnis.“



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Verkehr mit den Kriegern der Gemeinde

(Gemeindeblatt)

Seit Februar 1915 wurde alle 14 Tage die Soldatenausgabe des Christenboten „Durch Krieg zum Sieg“ ins Feld geschickt (Stammt aus Württbg. bei Steinkopf erschienen).

Es meldete sich jedoch das Bedürfnis, auch Gemeindenachrichten an die Kriegsteilnehmer gelangen zu lassen. Zwar stand der Pfarrer mit vielen im Kartenwechsel, zunächst oft unbekannterweise, da der Pfarrer erst nach Kriegsausbruch in die Gemeinde gekommen war. Auch wurden zu bestimmten Anlässen vervielfältigte Briefe hergestellt und ins Feld gesandt. Doch war das ein sehr umständliches und zeitraubendes Verfahren. Ein eigenes Gemeindeblatt wie es Pfarrer Over versucht hatte (mit dem „Gemeindeboten“), erschien zu kostspielig. Da bot sich Gelegenheit bei einem Thüringer Blatt „Heimatglocken“ genannt, jeweils die letzte Seite zu Gemeindenachrichten zu benutzen. Die „Heimatglocken“ erschienen alle 4 Wochen, wurden in jede evangelische Familie geschickt nebst den Exemplaren für die im Feld stehenden Angehörigen. Es war ein Versuch. Die erste Nummer erschien Aug. 16, die letzte Juni 17. Dann stellten wir den Bezug des Blattes ein. Ich bin nicht ohne Schuld daran; ich fand bei den mancherlei Nebenaufgaben der Kriegszeit nicht immer die Muße zu den Berichten. Auch schien mir, als ob die Nachrichten nicht als so persönlich und speziell aus der Heimatgemeinde kommend gewürdigt würden, wie sie gedacht waren. Ich habe eigentlich nie ein Echo der Gemeindenachrichten vernommen. Der übrige Text spiegelte eben nicht die Verhältnisse unserer Jugend wieder. Als die „Heimatglocken“ nicht mehr kamen – was stillschweigend geschah – fragte ihnen keiner nach. Ein Zeichen, dass sie kaum vermisst wurden. Aber das Problem eines lokal gefärbten kirchlichen Blattes, etwa für den Synodalkreis, bleibt noch offen.

Zu Ostern und Weihnachten, einmal auch zu Pfingsten, wurden die nach Inhalt und Ausstattung vorzüglichen Hefte des Ev. Presseverbandes für Württemberg hinausgesandt. Aus demselben Verlag gingen an unsere Krieger hinaus mehrere Nummern der „Kriegshefte zu Schutz und Trutz“.

Weihnachten
1915 erhielt jeder Krieger eine Pfeife und Tabak
1916 das Schäfersche Schmucktestament
1917 ein Buch

Gepackt wurden die Sachen im Frauenverein. Antworten liefen vor allem auf diese greifbaren Gaben hinein, aber auch auf die hektographierten Briefe. Ein Auszug aus der großen Briefsammlung, die ich in Besitz habe, kann zu gelegener Zeit folgen.

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[Seite 2 - im Original ohne Seitenzahl-Angabe]
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Evangelische Gemeinde Werlau, den 1. November 1915

Liebe Kameraden. Am nächsten Sonntag, den 7. November, feiern wir in der Heimatgemeinde das Erntedankfest. An dem Tag sollt auch Ihr in Gedanken bei uns sein, weil wir in Gedanken bei Euch sind. Unsere Herzen sind voll Dank gegen Gott, der uns wieder Brot genug gab. Sie sind aber auch voll Dank gegen Euch, denn in Eurem Schutz ist der Acker bestellt worden. Für unsere Ernte ist viel Blut aus unserer Gemeinde geflossen – so nehmt Ihr draußen zu dem Tag einen herzlichen Dankesgruß, alle die Ihr dem Vaterland fern der Heimat, an was für einem Platz es auch sei, mit der Waffe oder mit dem Spaten dient. Es soll an Eurem Auge die Arbeit dieses Sommers noch einmal vorüberziehen. Was war es vielen so schwer, als der Frühjahrswind die Täler herabfuhr und die Hafersaat begann: Wie soll‘s nur gehen ohne die Väter, Brüder, Söhne? Ostern habe ich über das Wort gepredigt: „die mit Tränen säen...“ und habe gesagt: „Die mit Tränen säen, das sind wir“. Aber es ging doch. Die Arbeit und die frische Luft riss die Menschen in eine zuversichtliche Stimmung hinein. Die Alten und die Kinder führten die Gespanne hinaus, manche Frau ging hinter dem Pflug, hing sich hernach den Sack um den Hals und warf daraus mit festem Schwung den Samen aufs Land. Ja, die Kinder! Sie haben tüchtig herangemusst. Aber geschadet hat‘s nicht. 9-jährige Buben haben schon geackert und haben‘s gut gemacht! Und sie sind ernster und reifer dabei geworden. Ein Bub hat seine Mutter getröstet: „Mutter, lamentier nit! Wir haben immer noch satt zu essen gehabt“. - Hör, was ist das? Dumpf fernes Rollen, Schlag auf Schlag. Das sind die Kanonen von Verdun. Am Spätnachmittag hörten wir sie am meisten. Dann hat jeder an Euch gedacht. So wurde unter dem Rollen des fernen Geschützdonners bei uns das Feld bestellt. - In der Heuernte hat der Himmel selber geholfen. Was in der Frühe gemäht war, war mittags gedörrt. Überall sonnenverbrannte Gesichter und frohgemut riefen die Leute von den Wiesen: „Der Herrgott selber hilft Heu machen.“ Das war schon wie ein erster Lohn für all die Mühe. - Freilich, es kam noch einmal eine Zeit voll Sorge, als 8 Wochen kein Tropfen Regen fiel. Die Wiesen waren braun, wie versengt, die frischgesetzten Pflanzen ließen die Köpfe hängen, die Erde wurde hart und rissig und auf allen Gesicherten stand die Sorge geschrieben: Herrgott, was soll werden, wenn du unsere Ernte verbrennst? - Früh reifte darüber das Korn. „Schlaget die Sichel an, die Ernte ist reif.“ Als die Sense durchs Korn rauschte, sang sie manchem eine traurige Weise von denen, die sie vorm Jahr noch rüstig geschwungen und die auszogen, als die Ernte in Halmen auf den Feldern stand. Manche Frau, die im Frühjahr mit Tränen gesät, trug jetzt auch in bitterem Harm die Garben heim. Aber es war doch wieder Brot da, und als der letzte Wagen hereinschwankte, atmete der Landmann auf: Die Frucht war geborgen, und man brauchte sich keine Gedanken mehr zu machen, der Feind könne die Ernte auf den Feldern mit Brandbomben anzünden. (Die Frucht mehlreich. Der Ertrag war im Einzelnen: Roggen und Gerste mittel, Weizen mittel, auch gut, Hafer gering.) Und dann kam unserem Volk ein Herbst, wie es nicht viele sah. Wir haben auch bei uns doch wieder Trauben geerntet, war‘s auch nicht so reich wie an der Mosel, so lohnte es doch, in den Wingert zu gehen. Und bei der Weinlese an 2 strahlenden Herbsttagen hörte man dort auch wieder Lachen. Tief gründeten die Wiesen, es gab also doch noch

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BLATT 21
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Krummet und die Bäume hatten sich mit einem solchen roten und goldenen Apfelsegen behangen, dass die Äste tief herab zur Erde hingen. Reich hatten auch die Kartoffeln angesetzt und die Futterrüben hatten sich prächtig entwickelt. Jetzt gab‘s ein Kräfteregen wie nie zuvor. Nun musste das letzte hergegeben werden. Viele auf unserem Dorfe gaben auch das Letzte. Mancher Alte hat am Abend mit den schweren Säcken gekeucht: „Ach wär‘ es doch die letzte Nacht.“ Wir haben in den harten Erntesegen unseren treuen Ältesten Kaspar Wagner verloren. Er hatte sich völlig aufgerieben. Auf sein Grab können wir schreiben: „Hier ruht ein deutscher Bauersmann, der im Kriegsjahr sein Leben für die Heimaterde gelassen hat.“ Alle im Dorf trauern dem Mann nach, weil er aufrichtig, ehrenhaft und von ungeschminkter Herzlichkeit war. Am Tag vor seinem Tode haben wir den Obersteiger Zöllner begraben, der uns auch zu früh verlassen hat. Sein Andenken bleibt in vielen Bergmannshäusern und in unserer Gemeinde im Segen. Das Erntefest bekommt in dem Jahr einen schweren Ernst. Denn alle wissen, wie teuer die Frucht bezahlt ist. Es wird aber eine schöne Gedenkfeier werden. Wie wunderbar haben wir in den Wechselfällen eines Jahres Gottes schirmende Hand über unseren Saaten gespürt! So sollt auch Ihr an dem Tag mit uns die Hände falten. Wenn Gott uns so reich gesegnet, so wird er auch weiter seine Deutschen nicht verlassen. Gott walt‘s!

Mit deutschem Gruß!

Spieker, Pfarrer.

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BLATT 22
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Werlau, den 5. Dezember 1915

Liebe Kameraden. Dass wir Euch die „fröhliche Weihnacht“ wieder ins Feld wünschen müssen, tut uns allen weh. Aber Weihnachten sollt Ihr doch auch draußen haben und wissen: Dass wir Eurer herzlich und dankbar gedenken. Darum hat das ganze Dorf, ohne Unterschied des Bekenntnisses, eine freiwillige Sammlung veranstaltet, Gemeinderat und Kriegsverein haben einen Zuschuss gegeben, auch der Erlös für Ähren, von der Schuljugend nach der Ernte auf dem Felde gesammelt, wurde verwandt, um Euch die anliegenden Gaben als Gruß hinauszusenden. Möge die Pfeife Euch über trübe Stunden hinüberhelfen, dem Nichtraucher ist sie doch eine Erinnerung an die II. Weihnacht im Krieg. - Das Fest der Liebe scheint ja schlecht zu dem Kampf der Völker zu passen. Aber dank Gott, dass er wenigstens in unseren Herzen dies helle Licht angezündet hat. Als die Engel die frohe Botschaft verkündigten, haben sie ja auch den Frieden auf Erden noch nicht bringen können. Aber wie einst in der Heiligen Nacht soll die Weihnachtsbotschaft ein Gruß aus einer ewigen Welt sein, deren Lichtglanz am Heiligen Abend durch weite offene Türen auf unsere arme Erde herabfällt. Dann vermag doch eine selige Gewissheit in Eure Herzen zu kommen, wenn auch Eure Fäuste noch um den äußeren Frieden kämpfen müssen. Mit den Tannenzweigen aus dem Werlauer Wald grüßt Euch Eurer Dorf, es wird im Herzen mit Euch vereint das Fest begehen.

i. A. Spieker, Pfarrer.

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BLATT 23
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Werlau, im Frühjahr 1916

Liebe Kameraden. Auf den Feldern Eurer Heimat steht die junge Saat, Lerchen singen in der Luft, über dem Walde liegt ein zarter Hauch, wie grüne Zweige. Und so klar sieht man drüben auf der Nassauer Höhe die Dörfer und Kirchtürme, Burgen und Tannenwälder. Seht, dafür habt Ihr gekämpft und kämpft Ihr immer noch. - Der Landmann sagt, die Saat steht gut. Es ist auch schon Hafer gesät. Eure Frauen und die Alten gehen erholt und neu gestärkt der Arbeit entgegen. Dürfen sie doch auch die gute Zuversicht haben, dass der Sommer nicht so hart werden wird wie der vorige, da in den nächsten Tagen 20 Russen eintreffen werden. Der „Barkersaal“, mit Stacheldraht und Eisenstäben gesichert und mit Betten und Strohsäcken versehen, wartet ihrer. - Die Stimmung im Dorf den Winter hindurch erschien mir ruhiger als im vorigen Jahr, denn es liefen nicht so viele aufregende und unverbürgte Schauergeschichten um, die man von der Front gehört haben wollte. (Ganz gewiss, es ist viel schlimmer, als wir uns vorstellen können, was Ihr durchmachen müsst - aber nichts wird Euch geholfen, wenn sich die Leute mehr ängstigen, als sie es ohnehin schon tun müssen!) Man hört ja gewiss manchen Seufzer, was gut begreiflich ist -unser Dorf hat an der Raiffeisensache ja noch eine ganze besondere schwere Last nebenher. Auch gibt es bei uns Nörgler und Unzufriedene - ich glaube nur, die sind auch ohne Krieg nicht zufrieden! Im Ganzen aber sind die Leute ruhig und gefasst, sagen: Es muss sein, und erkennen an, dass wir auf dem Lande eigentlich nicht klagen dürfen, wenn wir an die Städte denken: Wir haben Kartoffeln, Gemüse, Butter und Eier. - An der Zeichnung der Kriegsanleihe haben unsere Dörfer sich auch beteiligt. Was die Zeiten sich ändern: Eure Frauen und Mütter lernen, was Schuldverschreibungen, Zinsbogen, Reichsschuldbuch für Dinge sind, mehr noch: Geben ihr Geld dem Staat zum Darlehen. Nehmen wir doch alle mehr Anteil an den großen Haushaltungen des Volkes als früher. Ja selbst die Kinder werden in Dinge eingeführt, von denen sie früher keine Ahnung hatten. Die evangelische Schule Werlau hat 1526.- M, die Kath. 1156.- M, die Schule Holzfeld (ev. und kath.) 1050.- M gezeichnet. - Noch ein Zeichen der Zeit: Eure alte evangelische Gemeinde ist unter die Kriegslieferanten gegangen! Liefert aber keine Granaten, sondern bloß friedliche Unterhosen, und der Pfarrer kriegt sie unter die Nase gehalten, ob sie auch gut sind! Das kommt so: Bei uns waren eine ganze Reihe von Familien auf Nebenverdienst angewiesen, manche hatten gar keinen Verdienst und konnten einzeln keine Arbeit kriegen, da das Kriegsbekleidungsamt in Coblenz nur an Innungen Aufträge erteilt. Da wir keine Innung im Ort haben, so hatte die evang. Gemeinde die Lieferungsverträge mit dem Bekleidungsamt abgeschlossen und bis jetzt 680.- M Löhne ausgezahlt. Es hat auch manche Frau, Mutter oder Schwester mitgenäht, um Euch Pakete ins Feld schicken zu können -, denn das Schicken ist auf die Dauer ein teurer Spaß, diese neben der anderen Arbeit sauer verdienten Gaben müssen Euch besonders wertvoll sein.

Auch in diesem Winter wurden außer den Abendgottesdiensten in der Advents- und Passionszeit wieder Kriegsandachten Mittwochabend gehalten, soweit der Petroleumvorrat es erlaubte. An so einem Abend fühlt sich die Gemeinde wirklich wie eine Familie, die in Not und Gefahr zusammengehört. Wir haben da von Herzen für Euch Schutz erfleht und sind auseinander gegangen mit dem Lutherschen

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Vers: „Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott zu unseren Zeiten; es ist doch ja kein anderer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine.“ Das Lied hat eine schöne alte Weise, welche die Gemeinde von dem Kinderchor gelernt hat, wie wir uns überhaupt bemühen, alten Kirchenmelodien wieder Eingang zu verschaffen, so dass Ihr die Eurer Heimkehr – hoffentlich recht bald! – manche neue und doch alte Weise vernehmen werdet. Ja eine Advents- und Passionsandacht wurde besonders verschönt durch Geigenspiel und eine Singstimme.- Die jungen Mädchen und Frauen der Gemeinde, die Überreste des Gesangvereins und die Burschen sind unter Leitung des Lehrers zu einem gemischten Chor zusammengetreten, der nach 14-tägigem Üben schon auf einem vaterländischen Abend mehrere schöne Kirchenlieder vortrug und uns auch in einem Passionsgottesdienst und bei der Konfirmation singen wird.- Der vaterländische Abend (im Februar) war vom Jünglingsverein veranstaltet, der ein Stück aus dem Feldzug in Südwestafrika aufführte - ein Darsteller steckt nun, wenige Wochen danach, auch schon in Feldgrau. Der Ertrag des Abends, etwa 70.- M soll den Grundstock zu einem Denkmal für die Gefallenen aus dem Dorfe bilden (Unser Dorf ist bis jetzt in den schweren Kämpfen um Verdun und bei Dünaburg von Opfern verschont geblieben.). Der Jünglingsverein, der auch von den Turngeräten mal Staub und Rost abgewischt hat, indem er sie (freilich bis jetzt erst einmal) in Gebrauch nahm, und der vor 8 Tagen einen Übungsmarsch nach Fleckertsche-Buchholz machte, hat aus seiner Kasse für Versendung von Schriften an Euch 10,- M gegeben. - Ich sende Euch heute das Evangelium des Lukas. Wenn auch mancher ein Neues Testament mithaben wird, so wird doch diese Schrift mit ihren feinen Zeichnungen Euch erfreuen und Euch Lust machen, ein Evangelium einmal von Anfang bis Ende durchzulesen. Vor allem wird jeder gern sich wieder einmal in die Leidensgeschichte vertiefen (Kap. 22-23), denn es gibt keinen stärkeren Trost in diese Zeit als Christi Leiden. Der Mann hat dazu freiwillig, auch für die anderen gelitten, so wie Ihr an unserer Stelle leidet. Das muss und wird Euch stärken.

Herzliche Grüße!

Euer Spieker, Pfarrer.

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Nachrichten aus der Heimatgemeinde

vom August 1916

Vor einigen Jahren hatten unsere Gemeinden schon einmal ein Gemeindeblatt: Den von Pfarrer Over herausgegebenen „Evangelischen Gemeindeboten für die Gemeinden Werlau und Holzfeld“. Beim Scheiden seines Herausgebers stellte das Blatt sein Erscheinen ein. Der Krieg lässt diesen seinerseits der Gemeinde liebgewordenen Boten wiederaufleben, wenn er auch in veränderter Gestalt vor euch tritt. Als eine Kriegseinrichtung sind diese Blätter gedacht und ihre Herausgabe wird vorerst nur für die Dauer des Krieges beabsichtigt.- Jede Gemeinde fühlt das Bedürfnis, mit den Mitgliedern im Felde Fühlung zu halten, und auch der Pfarrer will Pfarrer für die im Felde stehenden Gemeindeangehörigen sein; ich, der ich im Kriege in die Gemeinde kam, als die meisten schon draußen waren, muss auf diese Weise einen großen Teil meiner Gemeindeglieder ja überhaupt erst kennenlernen. Es wäre schlimm, wenn wir heute, beim Eintritt in das dritte Kriegsjahr, erst diese Verbindung anknüpften. Sie besteht bereits, seit wir im Februar 1915 die Soldatenausgabe des württembergischen Christenboten „Durch Krieg zum Sieg“ ins Feld zu senden begannen. Dies Blatt wurde, wie viele Danksagungen aus dem Feld zeigten, anscheinend mit Freude draußen gelesen. Allein es fehlte darin, glaube ich, doch etwas sehr Wichtiges, wonach die Männer im Felde verlangten: Die Nachrichten aus der engeren Heimatgemeinde. Diese wurden ja gelegentlich dadurch vermittelt, dass der Vervielfältigungskasten des Gesangsvereins – dem Verein sei an dieser Stelle dafür Dank gesagt – herhalten musste, um darauf Briefe an die Kameraden im Feld herzustellen. So haben sie doch das vorige Erntedankfest alle in Gedanken mit uns gefeiert, neben einem persönlichen Gruß zum letzten Weihnachtsfest erhalten und haben zu Ostern gehört, wie es im letzten Winter in unseren Dörfern ausgesehen hat. Jedoch der Raum war bei diesen Briefen immer sehr beschränkt, auch ließen die mannigfachen Aufgaben in und außer der Gemeinde dem Pfarrer nicht oft die Zeit zu der etwas umständlichen eigenständigen Herstellung. Durch das vorliegende Blatt erhalten die Kameraden im Feld hoffentlich regelmäßigere und ausführlichere Nachrichten aus der Heimat. Es wird ihnen durch die eigenen Angehörigen zugesandt; diesen stellt die Gemeinde, so darf man erwarten, das Blatt für ihre Krieger unentgeltlich zur Verfügung. Es darf dann ebenfalls erwartet werden, dass jedes evangelische Haus noch ein Blatt für sich abnehmen und bezahlen wird. Denn die Blätter können, sorgfältig gesammelt, jedem Haus als ein Stück Kriegschronik des Dorfes dienen. Darum bitte ich auch die Krieger im Feld wie die Gemeindeglieder in der Heimat, mir für dies Gemeindeblatt alle Ereignisse, Beobachtungen, Erlebnisse, die der Gemeinde bekannt zu werden verdienen, mitzuteilen. Ferner bitte ich die im Felde Stehenden, selber dem Pfarramt jede Veränderung Ihrer „Anschrift“ (so sagt man deutsch für Adresse) pünktlich anzuzeigen, da auch künftig, wenn die Mittel es erlauben, Schriften zu Trost und Unterhaltung vom Pfarramt aus ins Feld gesandt werden sollen.

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Wenn dies Blatt in euren Händen ist, so haben wir die Schwelle des dritten Kriegsjahres überschritten. Wir überschreiten sie im Dank gegen Gott, der uns bis hierher Kraft gegeben hat, auch das Schwerste und Erschütterndste zu tragen. Er hat unsere Fluren gesegnet und unsere Grenzen behütet, uns beigestanden, herrliche gewaltige Leistungen zu vollbringen, unserem Volk viele tüchtige, einige große Männer und zahllose Helden als Helfer in der Not gesandt. Er hat uns freilich auch hart geprüft, uns in die Tiefe geführt, auch dafür wollen wir ihm danken. Denn er hat uns durch die Not gezwungen, zu dem Grund des Lebens hinabzusteigen, wo die ewigen Wasser rauschen. Wer heute nicht Brunnengräber wird nach den lebendigen Quellen, der muss verdursten. Gott hat gnädig mit uns verfahren, was die Opfer des zweiten Kriegsjahres angeht. In vielen mörderischen und verlustreichen Kämpfen haben unsere Werlauer und Holzfelder daringestanden, und sie haben nur einen aus der Gemeinde gefordert: Johann Berngard, gefallen am 19. September 1915 in Flandern. (Viel schwerer waren unsere Verluste im ersten Kriegsjahre; aus der evangelischen Gemeinde Werlau: gefallen 5, vermisst 2, gefangen 1; aus dem Dorfe Werlau: gefallen 10, vermisst 2, gefangen 2; aus der ev. Gemeinde Holzfeld: niemand). - Wir danken auch unserer treuen Schutzmacht draußen im Felde. Wir gedenken eurer mit heißem Herzen. Wir vergessen nicht, was ihr für uns getan und erlitten habt. Wir bitten euch inständig: werdet nicht müde, bleibt still und stark, der Gott über euch weiß, wohin es hinaus soll mit euch und uns. „Durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein.“ - Dies zweite Kriegsjahr hat uns in der Heimat erst empfinden lassen, was Krieg heißt. Ich brauche denen im Feld nicht Einzelheiten davon erzählen, sie wissen‘s manchmal nur zu genau. Und doch wusste jeder Ernsthafte zugeben: Wir auf unseren Dörfern durften noch nicht klagen, ich habe die meisten noch nicht kennengelernt. In einigen wenigen Häusern, ja da gab‘s bittere Not, aber davon wurde nicht viel und laut geredet; es ist auch geholfen worden, aber es muss noch mehr getan werden und man soll ja nicht die Augen verschließen vor der allernächsten Not, die um uns her ist! Was aber wollen die Beschränkungen, denen alle unterworfen sind, sagen gegen die schweren Leiden und Kämpfe, die an der Front durchzuringen sind. Der Bauer hat es gewiss nicht leicht. In der Zeit der schärfsten Anspannung aller Kräfte musste er viel von seinen Beständen abgeben und wurde selber auf bestimmte Verbrauchsmengen festgelegt, die knapper waren als sein gewohnter Bedarf. Es werden alle 14 Tage 2 Stück Rindvieh aus dem Dorf hinausgeführt, das ist zwar nicht zu viel, aber wer ein Tier aufgezogen hat, hängt an ihm und sieht‘s mit Wehmut aus dem Stall fortgehen (Auch im Kriege ist bei uns auf die Zucht der Tiere erfreulicher Wert gelegt worden, auf das Dorf Werlau kam eine ganze Anzahl von Prämien). Die vielen behördlichen Anfragen und Bestandsaufnahmen sind lästig, die meiste Arbeit davon hat der Vorsteher – man soll ihn deshalb durch bereitwillige und ehrliche Angaben unterstützen und ihm nicht mürrische Gesichter zeigen, wo er nur seine Pflicht tut! Kriegsgefangene haben ja wohl die Arbeit dieses Sommers erleichtert, aber das sind doch nicht die eigenen Leute, sind nicht zu allem geschickt und nicht immer willig. Aber was wollt ihr? Wollt ihr in der Heimat euch beklagen? Es wäre ja ein Unrecht, wenn ein großer Teil des Volkes in ungestörtem Behagen

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dahinlebte, während draußen unerhörte Leiden ertragen werden. Auch die Heimat hat ihr Kriegsjahr durchgemacht, das soll ihre Ehre sein.

Der Kindergarten hat am 15. Mai seine Tore wieder aufgemacht. Die Frauen, die sich um Feld und Wirtschaft selber kümmern müssen, hatten schon, als der Schnee wegging, gefragt, ob er auch in diesem Sommer wieder ins Leben trete. Da aus dem vergangenen Jahr infolge mannigfacher Zuwendung, hauptsächlich von auswärtigen Stellen noch ein ansehnlicher Bestand vorhanden war, konnte man es wagen und darf hoffen, dass er in diesem Sommer im Wesentlichen auf eigenen Füssen stehen wird. Die kleine Gesellschaft spielt nicht mehr unter den Zypressen des alten Kirchhofs und in den leerstehenden Räumen der alten Schule, sondern in dem Saal von Heinrich Brück, wo sonst der Turnverein seine Übungen abhielt. Der Umzug in einen wirklichen Wirtssaal muss den kleinen Buben schon wie ein Anfang größerer Männlichkeit erschienen sein, sagte doch neulich so ein Knirps zu seiner Mutter, die ihn zur Schule schickte: „Wir geh‘n nit meh in die School, mir geh‘n in Brücke Saal“! Dort können die Kinder jederzeit auf die anschließende Wiese hinaus, von der ein ansehnliches Stück als Spielplatz eingezäunt ist. Wenn doch die Väter im Felde ihre Kinder dort sähen, wie sie mit etwa 30 Gespielen den Ringelreihen tanzen, und sie singen hörten vom Grafen Zeppelin, vom lieben Vater im Felde, vom Kaiser und seinen Soldaten, sie hätten ihre Lust daran. Auch im Hinblick auf diese sorglos spielende Kinderschar muss jeder aus dem Dorfe, der im Felde steht, sich sagen: Ja, ich weiß, wofür wir draußen sind! Früh um 8 Uhr kommen die kleinen Gesellen schon mit Schippchen, Eimerchen, einem Butterbrot und höchst ernsthaften Gesichtern in die Obhut von „Tante“ (Katchen Brück), die sie nach einer Mittagspause von 11-3 Uhr am Abend erst gegen 8 entlässt. So können doch die Mütter ruhig und getrost ihrer Arbeit nachgehen.

Die Heuernte hat in diesem Jahr für unsere Dörfer fast 5 Wochen gedauert. Oftmals von Regengüssen unterbrochen schleppte die Arbeit sich hin, das Heu lag oft 8 Tage lang draußen, und wenn am Sonntag einmal die Sonne schien, mussten die Leute aus ihrer wohlverdienten Ruhe hinaus ans Heu, was in solchen außergewöhnlichen Zeiten, wenn die Not wirklich drängt, nicht als Sonntagsentheiligung, sondern als Dienst fürs Vaterland angesehen werden muss. Im vergangenen Jahre ging‘s besser, wie rief man sich da so fröhlich zu: „Der Herrgott selber hilft das Heu machen!“ Und doch ist man auf den Dörfern mit der Heuernte zufrieden. Kam doch die Feuchtigkeit den anderen Feldfrüchten zugute. Kartoffeln und Gemüse stehen überall, wo sie genug Grund unter sich haben, recht gut. Die in diesem Jahre wieder viel angelegten Rapsfelder brachten schönen Ertrag. Vor allem die Körnerfrucht steht so schön wie selten. Wir möchten euch Krieger im Schützengraben jetzt einmal an die Hand nehmen, euch auf die Höhe über dem Dorf führen und euch zeigen: Seht, dafür kämpft ihr! Tief zur Erde neigt, da dies geschrieben wird, der Roggen, schwer von Segen, seine Ähren, goldgelb, saftig und voll steht der Weizen, die Sensen rauschen durch die Frucht, ein blauer Sommerhimmel wölbt sich über die weiß schimmernden Fluren und eine glühende Sonne brennt auf die Scheitel der Schnitter. Wenn auch die Mühe „heiß“ ist, so wallt doch in allen

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Herzen der Dank gegen den reichlich spendenden Geber und fröhliche Zuversicht liegt auf den sonnenverbrannten Gesichtern.

Von Gemeindegliedern wurden in den letzten Kämpfen verwundet: Pionier Wilh. Merg - Holzfeld, Unteroffizier Ad. Schmidt-Prinzenstein, vermisst: Musketier Friedrich Seitel - Holzfeld (S. v. Witwe Seitel), das Eiserne Kreuz erhielt: Reservist Heinr. Brück. Von Dorfgenossen wurden vermisst: Siegfried Meyer, das Eiserne Kreuz erhielt: Ernst Krämer - Holzfeld, verwundet: Clemens Engelmann, Lorenz Pleuel, Wilh. Besmann, Joh. Kring, Peter Karbach - Holzfeld. September 1916.

Am 6. August begingen wir den Jahrestag des Kriegsbeginns mit einer ernsten Gedenkfeier. Das müssen Gesangbuch und Bibel wieder einmal hergeben, was an herrlichen, starken Glaubensworten in ihnen verborgen steckt. Der ganze Gottesdienst war in Liedern, Gebeten, Schriftlesung und Väterzeugnis abgestimmt auf den einen Gedanken: „Dennoch!“ Dementsprechend handelt die Predigt von Psalm 73, 23-26. Dennoch bleibe ich stets bei Dir.“ Unser Volk hat bisher allen Anstürmen der Feinde ein trotziges „dennoch“ entgegengesetzt. Schwere Verluste, gewaltige Kosten, vermehrte Kriegsschrecken, Not und Entbehrung, Rückschläge und Enttäuschungen - sie haben uns nicht niedergeworfen. Unser Volk steht in ungebrochener Kraft am Anfang des 3. Kriegsjahres vor uns. Täglich treffen uns Nachrichten von Tod und Sterben und dennoch behauptet sich das Leben. Mit zusammengebissenen Zähnen tut jeder seine Pflicht, Säen und Ernten, Schaffen in Werkstatt, Maschinenhalle und am Schreibtisch, geht seinen Gang. Tod und Leben ringen miteinander, aber das Leben behält den Sieg, so geht es nach dem alten Lutherschen Ostervers:

Es war ein wunderlicher Krieg,
Da Tod und Leben rangen;
Das Leben, das behält den Sieg,
Es hat den Tod verschlungen.“

Das Dennoch ist zur Tat geworden! Aber solche Leistung eines Volkes wäre unbegreiflich, wenn sie nicht einen starken Rückhalt hätte in der Kraft der Seele; dem äußeren Widerstand hat ein innerer Widerstand entsprochen, das Dennoch der Tat ist verankert in dem Dennoch des Glaubens. Heute Glauben behalten ist kein leichtes Ding. Es scheint manchmal fast, als wäre die Welt ein Tummelplatz böser und grauenhafter Mächte der Zerstörung, als wäre ein Vater über der Welt, in der seine Kinder so furchtbar leiden müssen. Aber darin besteht eben der Glaube, dass er dem äußeren Anschein zum Trotz sein kühnes Dennoch! spricht. Der Glaube klammert sich in schweren und düsteren Lagen fest an die Gewissheit, dass ein Gott ist, und Gottes Platz ist im Kampf wider aller Teufelsmächte an unserer Seite, wenn wir nur nicht von seiner Seite weichen. Das Dennoch ist gerade der Nerv des Glaubens. Solch trotziger Glaube ist wie die Panzerkuppel, an der alle aufschlagenden Wetter versprühen müssen. Der Widerstand, den unsere Seele im Glauben gegen alle unsere Schicksale leistet, ist unentbehrlich. Wird unser Glaube zerbrochen, so zerbricht man unserem Volk das Rückgrat und die Waffen entsinken unseren kraftlos gewordenen Händen. Beharrt unser Glaube nicht mehr steif und trotzig auf seinem „Dennoch“,

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so geht unserm Volk der Nerv seiner Kraft verloren wie dem Simson, da man ihm die Locken schor! Das sind nicht Lehren, die uns Menschen predigen, sondern die Stimme des lebendigen Gottes selber, der aus zwei langen und schweren Kriegsjahren zu uns redet.

Die Gedenkfeier wurde verschönt durch die Mitwirkung des gemischten Chores. Der sang ein ergreifendes Lied zu Ehren der Toten: „Wie sind die Helden gefallen, kämpfend fürs Vaterland.“ Wie ein Rauschen ging es durch die Gemeinde, so war bei diesen Klängen die Bewegung der Herzen zu spüren. - Das wir in der Kriegszeit einen Gemischten Chor auf die Beine bringen konnten, dass er trotz der drängenden Erntearbeit noch diesen Gesang einübte, ist auch ein „Dennoch der Tat“. Er kam nur zustande, weil alle Kräfte, die noch da sind, sich nicht groß bitten ließen, sondern einfach kamen, auch am Abend nach einem langen, heißen Sommertag auf dem Feld, weil besonders die alten Mitglieder des Gesangvereins treu zur Fahne der Frau Musik halten und weil der Lehrer mit frischem, gutem Mut ans Werk ging. Der gemischte Chor hat schon an einem Familienabend im Winter uns durch seine vaterländischen Lieder erfreut; er hat auch bei einer Passionsfeier im Frühjahr bereits mitgewirkt. Wir Deutschen freuen uns, dass wir mitten in Angst und Sorge noch Kraft übrighaben, das Lied zu pflegen. Kraftvergeudung ist das nicht, denn das gesungene Lied gibt wieder Kraft und Stärkung an die Herzen zurück.

Auf der Kreissynode, die am 12. Juli in Koblenz stattfand, wurden wir Pfarrer von der Rheinischen Kirche gebeten, unsere Landgemeinden zu einem wichtigen Werk christlicher Liebestätigkeit im Kriege anzuregen. Wir sollten Häuser ausfindig machen, welche unentgeltlich Kinder aus der Stadt für einige Tage für einige Wochen bei sich aufnehmen wollten. Es wurde vom Westerwald erzählt, dort hatten katholische Bauern 500 Kinder aus Koblenz umsonst bei sich aufgenommen. Später auch wurde berichtet, ganze Extrazüge mit katholischen Kindern hätten Koblenz verlassen, die alle ohne Vergütung in katholischen Familien Aufnahme gefunden hätten. Wir stehen hier jedenfalls vor einem beachtenswerten Werk katholischer Nächstenliebe, dem wir Protestanten die Anerkennung nicht versagen können. Nun, was die katholischen Bauern auf dem Westerwald und in der Eifel fertigbringen, das sollten evangelische Familien bei uns auch können. Wenn es auch bei uns eine andere Sache ist. Wir können nicht sogenannte „gute Werke“, mit denen wir uns die ewige Seligkeit sichern könnten. Wir werden durch die Bergpredigt und Luther angehalten, das Gute zu tun, ohne nach irgendeinem Lohn zu fragen. Es fehlt damit ein starker äußerer Antrieb zu außergewöhnlichen Leistungen; es ist darum auch oft zu bemerken, dass wir nicht so große zahlenmäßige Erfolge aufweisen wie die katholische Kirche. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass die Freiheit, zu der wir im evangelischen Glauben berufen sind, jedem einzelnen die doppelte Pflicht auflädt, uns dieser Freiheit wert zu zeigen und zu beweisen, dass wir darum nicht niedriger von unserer Christenpflicht denken. Evangelische Freiheit soll ja nicht bedeuten, dass einer tun und lassen kann, was er will, sondern dass er sich im Gewissen gebunden und verantwortlich weiß, getreu alles zu erfüllen, was unser Meister von uns fordert. - In Werlau waren nun schon etwa 30 Neuwieder Kinder von dem dortigen Frauenverein gegen ein angemessenes Pflegegeld untergebracht. Da waren natürlich schon viele Betten belegt, und es lag auch die Frage nahe, warum denn nun

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eine Reihe Familien umsonst tun solle, was den anderen vergütet wurde. Als wir aber hörten, dass die evangelische Gemeinde Koblenz schon 3381,- M für die Unterbringung skrofulöser Kinder in Solbädern ausgegeben habe und ihre Mittel für dieses Jahr erschöpft seien, taten sofort eine ganze Anzahl von Häusern ihre Türen auf. Am 21. August wurden von Pfarrer Weber aus Koblenz 8 Mädchen und ein Knabe nach Werlau gebracht und von Rektor Müller 6 Knaben und ein Mädchen nach Holzfeld. Am 4. September werden noch 3 Mädchen in Werlau angenommen werden; vielleicht entschließt sich auch das eine oder andere Haus, in dem bis dahin die Betten der Neuwieder Kinder frei geworden sind, noch einmal ein Kind zu nehmen, weil es sonst zu still im Hause werden möchte und man sich an das muntere Leben der Kinder gewöhnt hat! Wenn diese Aufnahme der Kinder auch unentgeltlich ist – ihren Lohn trägt sie in sich selber: kann es eine bessere Freude geben, als wenn man sieht, wie unsere frische Höhenluft auf den bleichen Gesichtern der Stadtkinder einen frischen Hauch von Gesundheit hervorlockt? Es gibt keine größere Genugtuung, als wenn aus unseren Dörfern eine Schar gesunder deutscher Kinder in die Stadt zurückentlassen wird, die umso besser gerüstet den Entbehrungen entgegengeht, die uns der Winter noch bringen wird. Das heißt auch dem Vaterland einen richtigen Dienst leisten an seinem wertvollsten Gut: Seiner Jungend. Und auch hier gilt Jesu Wort: „Wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.“ -

Dem Reservisten Brück ist es wunderbar ergangen. Als Befehlsempfänger beim Regimentsstab abgelöst, kam er zur Kompanie in die vorderste Linie zurück, machte ein 30-stündiges Trommelfeuer durch, aus dem er, vermutlich verschüttet, mit einer Brustquetschung wieder herauskam. Er liegt jetzt in Behandlung in Aachen und wir dürfen auf die baldige Verlegung in ein der Heimat näher gelegenes Lazarett hoffen. Unteroffizier Adolf Schmidt liegt in Frankfurt am Main. Die rechte Kopfseite ist von einem Granatsplitter getroffen und der linke Arm und das linke Bein sind vorläufig gemeint. Wir wünschen ihm, dass der baldige Gebrauch seiner Glieder ihm wiedergeschenkt werde, wie wir sämtlichen Verwundeten unserer Gemeinde baldige Genesung wünschen. Gefreiter Merten war an der rechten Hand verletzt; er befand sich schon zum Erholungsurlaub zu Hause. - Witwe Seitel aus Holzfeld hat von ihrem Sohn, der als vermisst gemeldet war, einen Brief aus französischer Gefangenschaft erhalten und damit die tröstende Gewissheit, dass er lebt. Ebenso befindet sich das Mitglied der israelitischen Gemeinde in Werlau S. Meyer in Gefangenschaft.

Oktober 1916

Der Anfang des 3. Kriegsjahres hat mir einen 14-tägigen Urlaub gebracht. Lasst mich heute einiges daraus erzählen. Nach ein paar Ruhetagen in Trarbach a. d. Mosel begann ich mit meiner Frau eine Wanderung quer über den Hunsrück zur Nahe. Das erste Wanderziel war der Idarkopf. Von Trarbach aus ging‘s durch das waldige und felsenreiche Tal des schäumenden Kantenbachs. An einer breiten Stelle des Tals liegt das Handwerker-Erholungsheim für die Pro-

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vinzen Rheinland und Westfalen, ein schöner neuer Bau, der in Friedenszeiten vielen, meist städtischen Handwerkern Ruhe und Erholung bot, jetzt Lazarett; in der Glashalle stehen die Betten der Leute, die fest liegen müssen, so haben sie dort stets einen Blick in das schöne Tal. Oberhalb des Dörfchens Kantenbach, das wie ein Schweizerdorf zwischen Felsen und Tannen sich aufbaut, führte uns der Weg durch das breite Fronhofer Tal auf die Hunsrücker Höhe in das Cleinicher Kirchspiel hinein. Das ist eine Gruppe von sauberen, netten Dörfern, die zu der weithin sichtbaren Cleinichen Kirche gehören, alter evangelischer Boden, mit gesundem Wohlstand und besonderen Sitten. Eine Hochzeit im Kirchspiel dauerte im Frieden drei Tage – man sagt ihnen aber auch nach, dass die Enkel noch manchmal davon zu bezahlen gehabt hätten! Bei Herschied, wo wir die Hunsrücker Bahn überschreiten, erreichen wir die Höhe. Dort bietet sich uns der Idar zum ersten Male als ein breiter, mächtiger, waldiger Rücken; an ihn schließt sich eine ganze Anzahl ähnlich geformter Berge, die, meist in der Höhe von 700 m sich haltend, zum Eberskopf überleiten. Wir müssen ins Tal hinab zu den Idar-Mühlen, dann geht’s bergan ins Wildgatter hinein; wir sind im Idar. Nun haben wir für den Rest des Tages den Menschen Lebewohl gesagt. Auf festen Straßen und weichen Waldwegen, durch dunkle Tannen und über sonnige Lichtungen, mit Birken und Farnkraut bestanden, geht der Weg, oftmals von wunderbar klaren Bächlein gekreuzt. Der Wasserreichtum der Idar ist außerordentlich. Alle Dörfer auch in seiner weiteren Umgebung werden von ihm durch ein weitverzweigtes Röhrennetz mit Wasser versorgt. - Mittagsrast an einem einsamen Jagdhaus neben einem tannenumstandenen Waldsee. In der nassen Kiesgrube flammt rasch ein Feuer auf, die Suppe kocht, kaum aufgesetzt, und wir nehmen unter den riesigen Edeltannen, deren grauen Stämme drei Männer kaum umspannen, auf Moos gelagert unser Mahl ein. Man hört nur den Specht und die Bienen und das Rauschen der Bäume. Spätnachmittag geht’s auf den Idarkopf. Dort haben vor einigen Jahren westfälische Pioniere einen hölzernen Turm errichtet, von dem aus wir den Hunsrück unter uns liegen haben. Weit schweift der Blick von den Eifelhöhen im Glanz der untergehenden Sonne bis an den schwachen Umrissen des Donnersberges in der Pfalz, vom Eberskopf bis zum Soonwald und den Höhen bei Oberwesel und Bingen. In weitem Kreis liegen die Dörfer, mir fast alle wohlbekannt von Jugend auf, inmitten gelber Felder, wie Küchlein die Häuser um die Kirchen geschart. Zu unseren Füßen sehen wir den alten, wuchtigen Turm der Hottenbacher Kirche, wo noch vor wenigen Jahren der um unsere Rheinische Kirche hochverdiente D. Hackenberg, dem wir unter vielem anderen unser Gesangbuch zu danken haben, gewirkt hat. Unter den Tannen des alten Friedhofs liegt der „König von Holland“, wie man ihn genannt hat, begraben.

Als die Sonnenstrahlen immer schräger über das graue Steingeröll, die rosige Heide und die jungen Tännchen auf der Höhe fallen, steigen wir ab, während der Abendrauch auf den Dörfern in der Nähe aufsteigt und der Blick sich immer an neuen Bildern in Nähe und Ferne erfreut. Wir kommen durch das hochgelegene Weitersbach und sehen im Tal, aus dem schon die Nebel aufsteigen, unser Nachtquartier, den Flecken Rhaunen liegen. - Am nächsten Morgen wandern wir ein Stück auf der Poststraße nach Kirn. Die mit

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Schiefer beladenen Wagen, die uns begegnen, erinnern daran, dass hier die großen Schieferbrüche in den Tälern am Bundenbach beginnen. Wir verlassen kurz vor dem Dorf die Straße und entdecken uns bald auf einem jäh ins Tal abfallenden, bewaldeten Bergvorsprung, der einst die Altburg trug. Hier hat schon eine römische Befestigung gestanden, wie man aus den dort ausgegrabenen Tonziegeln sehen kann. Von der Burg sind kaum Mauerreste vorhanden. Und doch ist‘s, als ob der Berg mit seinen bewaldeten Wällen und einsamen Rasenplätzen, mit seinem Ausblick ins Mühlental in der Morgenfrühe uns erzählte von den Burggebäuden, die hier gestanden haben und einem freien, tüchtigen Leben, das hier sich abgespielt hat. Gegenüber erheben sich, jenseits des tiefen Tales, die stattlichen Trümmer der Schmidtburg, einer der ältesten des Hunsrücks. Wir überschreiten auf schwankenden Balken den breiten, rauschenden Bach und lagern auf dem halbverschütteten Burggewölben, während überall durch die Fensterhöhlen des großen Burgsaales der Wiesengrund erkennbar ist. (Fortsetzung folgt.)


Aus der Heimat

Es seien Auszüge aus zwei Briefen von Gemeindegliedern an den Unterzeichneten mitgeteilt, die mit erfreulicher Klarheit auch einen Beleg dafür bringen, dass unsere Brüder im Feld unbeirrt durch die unsäglichen Leiden und die ungeahnt lange Dauer des Krieges noch in tapferer und fester Gesinnung verharren, und dass das „Dennoch“, von dem wir in der letzten Nummer sprachen, keine Redensart von uns in der Heimat ist. Gefreiter Scherer schreibt am 12. August: „Ein solches Trommelfeuer, wie wir es vor einigen Tagen bekommen haben, ist unglaublich. Keiner dachte mehr an ein Zurückkommen. Aber trotzdem hat mich der Vater droben noch wohlbewahrt, wo er so viele unserer Kameraden zu sich genommen hat. Aber es ist kein Wunder, wo kein Schützengraben mehr da ist, man liegt nur in den Granattrichtern. Und trotzdem heißt es aushalten ... Die Feinde sind wie die Wilden, aber trotzdem gehen wir nicht mehr zurück. Wie auch unser Kaiser gestern gesagt hat bei der Parade: „Die Garde steht wie eine Mauer.“

Reservist Brück schreibt am 1. August: „Gewiss ist unser Leben hier sehr oft nicht auf Blumen gebettet, gewiss müssen wir durch manche Gefahr hindurch, aber mein himmlischer Vater wird mir auch in Zukunft die nötige Kraft dazu geben, um alles in Geduld und mit der größten Demut zu ertragen. ... Ja er wird auch in der Zukunft mit unserem deutschen Volk sein, damit unsere Feinde nicht die Macht gewinnen über uns, um unser deutsches Vaterland auf die Kniee zu zwingen. Er hat es dich auch unserem deutschen Volk gezeigt, dass wenn er mit einem Volke ist, das letztere nicht niederzuringen ist. Wollte nur Gott, dass endlich einmal auch unsere Feinde zu dem einen klaren Geständnis kämen, damit der schreckliche Krieg beendigt würde. Noch ist die Zeit nicht gekommen.

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Aber die Feinde werden auch in Zukunft an unseren stählernen Mauern zerschellen, ja letztere sind auch fürderhin nicht zu durchbrechen. Die Feinde werden auch endlich einsehen müssen, dass die deutschen Mauern nicht einen Schritt weichen werden, und zum Schluss doch mal zu den Friedensschlüssen kommen.“

Dieser Brief gibt auch eine klare Antwort auf die Frage, warum wir denn eigentlich immer noch kämpfen. Nicht weil wir oder die Regierung oder irgendeine eroberungssüchtige Kriegspartei im Lande es so will. Sondern weil unsere Gegner uns immer noch zerdrücken wollen und noch nicht eingesehen haben, wie doch eigentlich die Kräfte der ringenden Völker sich zueinander verhalten. Der Feind wehrt allein noch dem Frieden, er gibt uns den Frieden nicht, den wir brauchen, wie er den Frieden gebrochen hat im August 1914. Er wird noch einmal zur Einsicht kommen. Über diese ganze Frage habe ich in der letzten Woche in Werlau und Holzfeld in ausführlichen Vortrag gesprochen.

Auf die 5. Kriegsanleihe zeichneten die evangelische Schulkinder in Werlau 1352.- M, in Holzfeld 430.- M; außerdem wurden in Holzfeld beim ev. Lehrer gezeichnet 400.- M, bei mir 2100.- M, darüber 1080.- M von Mitgliedern unserer kirchlichen Vereine. Der Frauenverein hat sein Guthaben von 61.- M auf das Schulsparkassenbuch angelegt. Gefallen: Musketier Ernst Maus, nachdem er die Kämpfe an der Somme glücklich überstanden hatte, in Galizien; Leutnant Fritz Krämer an der rumänischen Grenze beim Landen seines Zeppelins verunglückt.

Vermisst: Musk. Debus vom Prinzenstein bei den Kämpfen in Galizien.

Eisernes Kreuz: Unteroffizier Karl Brück. Am 1. Oktober beging Herr Daniel sein 50. Dienstjubiläum, sein 25. als Beamter auf dem Prinzenstein. Ihm wurde eine Ordensauszeichnung zuteil. Wir gedenken seiner auch hier mit herzlichen Wünschen.

Hunsrücker Wandertage (Fortsetzung)

Wir wenden uns dem Lützelsee an. Der Name bedeutet Kleiner See und bezeichnet einen Gebirgskamm, der durch das tiefeingeschnittene Simmerbachtal vom übrigen Soonwald getrennt ist. Kurz vor der Höhe das Dorf Schneppenbach. Auf freiem Platz inmitten des Dorfs steht die Dreschmaschine, das ganze Dorf arbeitet gemeinsam, in endloser Reihe warten das Dorf hinauf die Wagen, die noch gedroschen werden sollen - so haben wir das Bild der Herbstarbeit noch oft auf der Wanderung gesehen. Beim Teufelsfelsen über dem Dorf erreichen wir den Gebirgskamm und blicken von dort zum ersten Mal ins Nahetal hinunter; viel näher ist uns der Donnersberg gerückt, mächtig ragen aus dem Hahnenbachtal die Felsmassen des Stein-Kallenfels bei Kirn, vor uns liegt auf waldiger Bergnase Schloss Dhaun, das gleichnamige Dorf wie ein Schwalbennest an dem Felsen klebt. Nun geht’s auf seinigen Bergweg über dem Gebirgskamm, herrlich leuchtet und duftet die Heide, weißgrau sind die mächtigen Blöcke, um die der Weg herumführt, und immerwährend haben wir den Ausblick auf die Hunsrücker Hochebene zu unserer Seite. Nach stundenlanger Höhenwanderung fällt im hohen Buchenwald jäh

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das Gebirge hinab, tief unten schäumt und braust der Simmerbach, auf der anderen Seite ragt mächtig die Koppensteiner Höhe, draußen an ihrem Fuß sehen wir die dicken, weißen Türme vom Gemünder Schloss. Wir müssen herunter von der Höhe, kommen in das schön gelegene Dorf Kellenbach mit sehr alter Kirche. Gegen Abend erreichen wir unseren Ruhesitz im Soonwald bei dem Dorfe Seesbach. Von hieraus besuchen wir manchen bedeutsamen und geschichtlich merkwürdigen Punkt der Hunsrücker Höhe. Aus verschiedenen Wanderungen greife ich die auf den Koppenstein heraus. Wir berührten dabei die Dörfer Schwarzenden und Henau, unmittelbar am Wald gelegen, mit herrlichem Blick in das Kelbenbachtal. Wir bemerken dort den überaus reichen Ertrag der Obstbäume aller Art, auch den schönen Stand der Frucht, zumal der Gerste. Mit einer Bauersfrau, die am Mähen war, haben wir uns unterhalten. Der Mann war im Feld; als wir von der Lage der Bauern im Krieg sprachen, klagte sie nur über die Plötzlichkeit und Unstetigkeit der behördlichen Maßnahmen und hat damit wohl das Richtige getroffen. Dabei war sie von Herzen der Überzeugung, dass der Bauer sich heute nicht so aufführen dürfe, als ob er allein auf der Welt wäre, und meinte, bei gerechter Verteilung hätten alle Leute in Deutschland zu essen. Mir hat dieser gesunde Gemeinsinn der Frau richtig wohlgetan, das war doch etwas anderes als das dumme Gerede, die Menschen in der Stadt brauchten nicht zu essen, die arbeiten ja auch nicht! Wir hatten tags zuvor eine Unterhaltung mit einem älteren Bauersmann aus Pferdsfeld, welcher sich so über die Körnerernte äußerte: „Dä Engländer sullt amol das Ernt siehn! Dä will us verhungere lasse - da dumme Kerl!“ Der Mann hatte einen Feldgrauen bei sich, seinen Sohn, dachten wir; allein es war ein fremder Soldat, der keine Heimat habe und den er im Erholungsurlaub 14 Tage bei sich aufgenommen habe. Bei der Arbeit konnte ihm der Mann kaum helfen, da er viel zu sehr herunter war. Der Bauer bedauerte nur, dass er bei dem ungünstigen Wetter an den Sonntagen ihm nicht mehr von ihrer schönen Gegend habe zeigen können. Dieser Zug freiwilliger Opferfreudigkeit ist doch schön und rührend. Wir haben auf unserer ganzen Wanderung von der Mosel bis zur Nahe häufig bei den Leuten auf den Feldern gestanden und mit ihnen gesprochen. Heute wäre es noch schöner, wenn man nicht überall wohnen kann, Fühlung nähme mit den Menschen, welche im tiefsten Herzensgrund dieselben Sorgen haben wie wir! Der Kornertrag wurde uns überall als auskömmlich geschildert: Roggen etwas geringer als im Vorjahr, Gerste gut, Hafer sehr gut. Uns ist aber auch vielerorts der schöne Stand des Hafers aufgefallen. Vor allem trat uns überall eine feste und zuversichtliche Stimmung der Leute entgegen, kaum eine Klage. Mit besonderer Genugtuung wurde begrüßt, als die Nachricht herauskam, dass Hindenburg Generalstabschef geworden sei – bis ins fernste Walddorf ist er der Mann des unbegrenzten Vertrauens. - Doch zurück zum Koppenstein. Hinter dem Dorf Henau lugt der altersgraue Turm schon über die Waldbäume. Wir betraten das Wildgatter und meinen uns zunächst in einem schönen Park zu befinden. Aber kaum sind wir ein paar hundert Schritte gestiegen, da beginnt ein mühseliges Klettern über Geröll, gegen die Höhe werden die Blöcke immer mächtiger. Auf dem Sattel ragen riesige dunkle Tannen, so hoch und stattlich, wie wir sie nirgends wiedergesehen haben. Während wir sie noch bestaunen, raucht es vor uns im Fichtendickicht und dann mit dumpfem Gedröhn den Berg hinab: Ein Rudel Hirsche, das da droben in der Wildnis keinen menschlichen Besuch vermutete.


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Nun müssen wir über die Trümmer einer breiten, halb zerfallenen Sperrmauer durch widerspenstige Dornen und Hecken, dann hinauf auf den höchsten Felsen, die wie eine erstarrte Meereswelle als ein schmaler Grat in großer Längsausdehnung über die hohen Tannen noch hinausragt. Nun sind wir am Ziel, aber das Klettern hat sich auch gelohnt. Es ist der schönste Blick über den Hunsrück, den wir gefunden haben; übersichtlich wie auf einer Landkarte zeigt er das freundliche Nebeneinander von Wäldern, Tälern, Dörfern und Höfen. Zu unseren Füßen Gemünden, überragt von dem Schloss mit seinen wuchtigen Türmen. Weiter zurück auf der Höhe Kirchberg, rechts im Hintergrund Simmern, des Hunsrücks Hauptstadt. Hinter einer Waldecke lugen zwei mächtige Kirchturme hervor: hier grüßt uns zum ersten Mal das Kloster Ravengiersburg. Nun erst kommen wir dazu, den Koppenstein selber in Augenschein zu nehmen. Uns zur Seite auf dem Felsen ragt eine wuchtige Warte ins Land, fünfeckig aus grauen Quadern gefügt, mit der scharfen Kante nach Westen gestellt. Tiefer lag die Burg, auch ehemals ein kleiner Ort mit Stadtrecht, jetzt eine Wildnis mit rot leuchtenden Hagebutten und Ebereschen, schon gelblichen Platanen, blühenden Herbstblumen und verfärbtem Brombeergestrüpp. Vor 100 Jahren hat da oben in einem sauberen Häuschen, das die Frau von Schmidtburg erbaute, ein altes Weiblein von geheimnisvoller Herkunft gehaust, im Volksmund die Jungfrau vom Koppenstein geheißen. Wenn Besucher heraufgestiegen, so brachte sie ihnen Blumen. Zumal den jungen Paaren reichte sie einen Strauß und begleitete die Gabe mit guten Lehren und Mahnungen, Liebe und Treue in hohen Ehren zu halten. Und wenn am 18. Oktober von Gemünden der Festzug mit Liedern und Fackeln heraufkam und das Feuer in mächtiger Flamme zum Gedächtnis der Leipziger Schlacht aus dem Turm schlug, dann trat die Alte zwischen Fels und Gemäuer hervor, vom Feuer hell beschienen und wie ein Geist anzusehen. In einer kalten Januarnacht fand man sie tot in ihrer Hütte. Verlassen liegt seitdem die alte Burg.

Die Tore guckt noch immer
Weit in det Land eraus,
Unn nitt der ärigst Storem
Riecht ebbes an em aus.
Rottmann.

Wir steigen nach der Gemünder Seite ab, beschauen den malerisch gelegenen Flecken mit seiner rauschenden Wehr, auch die evangelische Kirche, weil sie ein Werk desselben Baumeisters ist, der unsre Werlauer Kirche errichtet hat. Am Abend geht’s im Schein des Mondlichts auf der Eckweilerer Poststraße zurück über die Höhe. - Am nächsten Morgen nehmen wir Abschied von unserer Waldherberge, während die Gäste noch im tiefsten Schlummer liegen. Noch einmal enthüllt der Wald uns seine ganze geheimnisvolle Schönheit, da die ersten Sonnenstrahlen durch die Zweige auf das Moos fallen, die Gräser von Tauperlen blitzen und der blaue Herbsthimmel über unserem Haupte sich klärt. Wir wandern auf stillen Pfaden, auf denen wir höchstens ein paar Waldarbeitern begegnen, die am Baumschälen sind, sehen das äsende Rotwild, berühren auf der vorderen Soonwaldhöhe ein paar einsame Häuschen am Abhang der Wildburg aber sonst stört kein Mensch die feierliche Abgeschiedenheit des Waldes. Während wir zu Tal schreiten, zieht etwas wie Wehmut durch unser Herz, dass wir jetzt den Waldfrieden mit seiner wundersamen Stille und Feierstimmung hinter uns lassen, und von selber drängt sich das Lied auf unsre Lippen, das schließt: „Lebe wohl, schirm dich Gott, du deutscher Wald!“

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Eisernes Kreuz: Unteroffizier Adolf Schmidt-Prinzenstein; seine Lähmung der linken Körperhälfte ist erfreulicherweise geschwunden.


An die Gemeindeglieder im Feld

Werlau, 1. Dezember 1916

Diese Zeilen sollen Euch den Gruß Eurer Heimatgemeinde zum Christfest bringen, Euch unsres treuen Gedenkens und Dankes versichern, wollen Euch für den Augenblick vergessen lassen die vielen hundert oder tausend Meilen, die Euch von uns trennen und möchten Euch gerne das Bild der Heimat zur Christnacht vor die Seele stellen.

Also folgt mir in dieser Stunde auf die Rheinhöhe, schaut da unten in der Mulde Eure Heimatdörfer liegen, wohlbehütet von Eurer Wacht. Horch, da fängt in den Gründen ein dumpfes Dröhnen an, die tiefen Glocken von St. Goar und Wellmich läuten den Heiligen Abend ein. Nun fallen auch die Glocken der Höhe ein, hell klingen die Glöcklein von Biebernheim und Holzfeld, und voller und kräftiger das Werlauer Geläut – die Glocken der Heimat tragen ihren altvertrauten Klang über die nächtlichen Ströme und Gebirge und Ebenen hinaus zu ihren Söhnen im Feld, in Lazaretten, in Kasernen und künden ihnen: Die Heilige Nacht begann. Nun wird’s in den Dörfern lebendig, viel kleine Lichter seht Ihr aus den Häusern kommen, dunkle Gestalten wandern in ihrem Schein durch krumme, bucklige Dorfgassen, alle zu einem Ziel, der Kirche zu. Die hat auch ihre Lichter entzündet und ihr freundlicher Schein fällt in die dunkle Nacht hinaus. Wie still liegen um die Kirche die Gräber, hell leuchten aus dem Dunkel die Grabsteine, schweigend stehen Fichten und Cypressen, über Kirchendach und Turm wölbt sich feierlich der sternbesäte Himmel. Nun gehen wir mit den Andächtigen hinein in den traulichen Raum, Tannenduft schlägt uns entgegen und wie in jedem Jahr ragt da neben dem Altar die Fichte aus dem Heimatwald. Geschmückt mit Glöckchen und silbernen Ketten. Nur fehlen die Lichter – der Krieg lässt keine mehr übrig. Was tut‘s? Leuchten und strahlen nicht viel Kinderaugen noch heller als die Kerzen am Baum? Aber die Krippe steht hell durchleuchtet wie immer auf dem Altar. Maria mit dem Kindlein, die Hirten, Ochs und Esel im Stall, und bei ihrem Anblick empfinden wir wieder, was der enge Stall von Bethlehem für eine Seligkeit umschließt:

Das ewige Licht geht da hinein,
Gibt der Welt ein‘ neuen Schein;
Es leuchtet wohl mitten in der Nacht
Und uns der Lichtes Kinder macht.

Nun hebt die Orgel an, leise und sanft, Kinderstimmen fallen ein, zart und duftig weht‘s durch den Raum: Es ist ein Ros‘ entsprungen von einer Wurzel zart. Und nun löst es sich ab in lebendigem Wechsel: Kinderzeugnis in Wort und Lied, uralte Weissagung vom Davidsspross, dem Friedensbringer und Seligmacher, bei dessen Kommen die blutgetränkten Kriegskleider in die Flammen geworfen werden und ein Friede ohne Ende anhebt, die Freudenbotschaft des Engels, der vom Himmel hoch die gute neue Mär den armen Menschen bringt; treuherzig laden die Stimmen der Kleinsten

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ein: Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all, ohne Fehl und Anstoß sagen sie den Großen die alle liebe Geschichte auf, die anhebt mit dem Gebot, das vom Kaiser Augustus ausging, und endet mit der Engel Lobgesang: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! -

Zwar ist die Welt immer noch voll Kampf und Streit, dumpf rollt auch in der Christnacht der Ton der Geschütze über die Höhen der Heimat, und wir denken Eurer mit Schmerzen, die Ihr fern von Euren Lieben in Gräben und Löchern liegt, vielleicht in unterirdischem Raum, in Scheune oder zerschossener Kirche die Weihnacht begeht. Und doch bringt die Nacht einen Frieden und eine Stille in unser Herz, die von allem Lärm in der Welt nicht gestört werden. Der einzige Lichtpunkt in der Menschheitsgeschichte, die mit Blut und Stahl geschrieben ist, ist jenes Kind in der Krippe, das heranwuchs zu dem Mann von Nazareth, der uns Worte tiefen Friedens für unsere Seelen gab, uns Vergebung aller Sünden verhieß, der uns am Kreuz den Todesfrieden und den Eingang in seine ewige Welt eröffnete. Ja, das Licht leuchtet wohl mitten in der Nacht, denen, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, es ist, als würden die Türen des hellen Himmelsaales aufgerissen und als würden wir der seligen Gewissheit inne: Wir sind doch Bürger einer ewigen Welt, wie dunkel auch unsere Wallfahrt hienieden sei. Hört doch, wie mächtig und gewaltig ruft Euch unser Luther den Trost der Weihnacht gerade in diese eiserne Zeit in Euer Herz:

Was kann Euch tun die Sund und Tod?
Ihr habt mit Euch den wahren Gott.
Lasst zürnen Teufel und die Höll,
Gottes Sohn ist worden Eur‘ Gesell
Zuletzt müsst Ihr doch haben recht,
Ihr seid nun worden Gottes Geschlecht,
Des danket Gott in Ewigkeit,
Geduldig, fröhlich allezeit.

Die Heimatgemeinde sendet Euch auch in diesem Jahr ein äußeres Zeichen ihres treuen Gedenkens. Das Neue Testament mit Psalmen soll ein bleibendes Erinnerungszeichen an Eure dritte Kriegsweihnacht sein. Da habt Ihr alle Weihnachtsklänge beisammen, könnt Euch in stiller Stunde selber vertiefen in den nie ausgelesenen schlichten Bericht von des Heillands Geburt Luc. 2, in die tiefsinnige Betrachtung über die Menschwerdung des Gottessohnes Joh. 1, der Licht und Leben spendet seinen Brüdern. Die schöne Dresdner Ausgabe mit den zum Teil recht guten Bildern Fr. Schäfers soll Euch Lust machen, in dem Buch recht viel zu lesen. So schwere Notzeiten, wie die gegenwärtige, machen die Herzen aufnahmefähig für den starken Trost des göttlichen Wortes. Vielleicht kommt für manchen nie wieder die Gelegenheit, so vertraut mit den herrlichen Schriften des Neuen Testaments zu werden, wie gerade jetzt. Der treffliche Regierungs- und Schulrat Landfermann in Koblenz, der als Student in der Zeit, als man die für die deutsche Einheit begeisterten Jünglinge verfolgte, lange Monate auf Festung saß, bekannte oft, dass er in dieser Zeit, als man ihm kein anderes Buch als die Bibel ließ, seine Vertrautheit mit ihrem Inhalt für sein Leben danke. Möchte es bei manchem von Euch auch so sein.

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Die Gabe konnte beschafft werden aus dem Ergebnis einer Sammlung die unter den Evangelischen unserer Dörfer abgehalten wurde und über deren Erträge hier quittiert sei: Werlau 76,95 M, Holzfeld 11,10 M, Prinzenstein 12,- M, insgesamt 100,05 M, zu denen noch hinzukommt die Sammlung bei einer liturgischen Feier am Erntedankfest im Betrag von 10,20 M. Die Opferwilligkeit der Heimat hat noch nicht nachgelassen. Eine Sammlung, die auf Veranlassung des stellv. komm. Generals und des Oberpräsidenten überall im Rheinland abgehalten wurde, um die gesamten Rheinregimenter mit Weihnachtsgaben zu versehen, ergab (am 14. Nov.) in unserer Gemeinde 116,60 M, die Spende für die Kriegsgefangenen am 10. Juli 93,55 M. Alle diese Gaben sind von unseren jungen Mädchen eingesammelt worden, die unermüdlich und tapfer immer wieder mit ihrer Liste in den wohlbekannten blauen Umschlag sich auf den Weg machten und kein Haus verschonten. Am Totenfest haben wir wieder der Gefallenen gedacht und die verwelkten Kränze im Chor der Kirche erneuert. Zum Gedächtnis an den zuletzt gefallenen Ernst Maus (16. Sept. bei Halicz) sei ein Auszug seines letzten Briefes hierhergesetzt:

Liebe Eltern und Geschwister. Ich kann Euch mit Freuden mitteilen, dass wir von der Somme abgelöst sind, welch ein Glück! Ich bin mit Gottes Hilfe noch einmal glücklich mit dem Leben davongekommen, aber viele meiner Kameraden sind dort den Heldentod gestorben. Ich denke aber, dass sich die Engländer samt den Schwarzen bald die Hörner abgestoßen haben, denn ein Durchkommen ist für sie unmöglich, da der deutsche Geist unverwüstlich ist. Hier sind wir in einer schönen ausgebauten Stellung, und ich habe die Hoffnung, den Krieg hier zu verbringen, damit ich dereinst wieder zu Euch in die schöne Heimat zurückkehren kann ... Ich denke jeden Tag an Euch, dass jetzt wieder die harte Zeit beginnt, die Zeit der Ernte ...“ Er hat die liebe Heimat nicht mehr sehen dürfen, denn der Tag der „Ernte“ kam ihm rasch und unvermittelt.

Werlau, 1. Januar 1917.

Nun liegt auch die dritte Kriegsweihnacht schon hinter uns. Es war für uns alle ein Atemholen vor vielleicht noch schwereren Anstrengungen. Wir haben gelernt, das Fest ganz innerlich zu feiern, und auch erkannt, dass das Beste an dem Fest der wunderbare Trost für unser Herz ist. Doch haben wir auch in diesem Jahr gemeint, dem Auge und Ohr der Kinder und auch der großen Leute müsse etwas dargeboten werden, und haben deshalb eine Christfeier besonderer Art gehalten; von der will ich den Feldgrauen erzählen - vielleicht schildert mir der eine oder andere, wie Ihr draußen den hl. Abend verbracht habt, damit ich‘s der Heimatgemeinde wieder weitergeben kann. Unsere Schulkinder haben ein Krippenspiel aufgeführt. Das ist nicht etwas Neumodisches, sondern etwas sehr Altes. Dieser Spiele hat es in vergangenen Jahrhunderten seit dem Mittelalter in Deutschland gegeben. Da haben am Weihnachtsabend die Kinder die heilige Geschichte aufgeführt, dadurch wurden die Gestalten der Weihnachtsgeschichte den Leuten recht vertraut und die Kinder lebten sich mit Leib und Seele in die Geschichte hinein. Das Spiel, das wir aufführten, stammte aus dem Erzgebirge und gab recht getreulich die Art der alten Krippenspiele wieder.

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In festlichem Zuge kamen zwölf Jungfrauen in weißen Kleidern mit Kränzchen im Haar in die Kirche hineingeschritten und nahmen, während sie sangen „Tochter Zion, freue dich“, Aufstellung an der Seite vom Chor. Sie stellten das gläubige Gottesvolk dar, sprachen von Israels alter Hoffnung und begleiteten mit Weissagungssprüchen die weitere Handlung. Nun sah man die Hirten auf dem Felde, mit großen Stäben, Hirtentaschen und grauem Gewand, auch sie voll Erwartung großer Dinge, bis einer der ihren von Bethlehem kommt mit froher Kunde. Er erzählt von der Schätzung und dem Gedränge und wie ein armes Paar ihm aufgefallen sei, das sei von barschen Wirten von Tür zu Tür gewiesen worden und habe schließlich in einem Stall Unterkunft gefunden. Dies arme Paar entstamme dem edlen Davidshaus, es belebt sich die Hoffnung: „Die Wurzel Davids soll wieder ergrünen!“ Da heller Lichtschein und leises liebliches Getön, die Hirten fallen vor Andacht und Schrecken nieder: Unsichtbar singt von der Orgel eine Stimme die frohe Botschaft „Vom Himmel hoch da komm ich her, ich bring euch gute neue Mär“. Nach kurzer Beratung machen die Hirten sich auf nach Bethlehem. Dort sitzen Maria und Joseph um die Krippe, die mit Tannenreisig geschmückt war und aus der ein Lichterkranz einen hellen Schein auf die Gesichter und Gestalten um die Krippe warf, und danken Gott für das Wunder, das ihnen widerfahren ist. Nun kommen die Hirten und bringen dem Kindlein ihre Gaben, Lamm, Hirtenstab und Schalmei und singen dem Kinde das alte Krippenlied: „Nun singt und seid froh“, dann kommt eine große Kinderschar herein, es sind die Kleinsten vom Kindergottesdienst, so recht von Herzen und ohne viel Kunst: „Ihr Kinderlein kommet“! Und schauen alle neugierig und andächtig in die Krippe hinein. Das war nun gar schön rührend anzusehen, der große brennende Baum – es hat also doch noch zu Kerzen gelangt – stand wie ein treuer Wächter zur Seite, in der Mitte des Chores die Krippe mit den Lichtern, um sie geschart und nur einen schmalen Ausblick der Gemeinde offenhaltend, die Kinderschar. Mächtig setzen dann Orgel und Gemeinde ein mit dem Choral: „Dies ist der Tag den Gott gemacht.“ In einem zweiten Teil ward die Reise der Weisen, die als Vertreter der Heidenwelt nach Bethlehem kommen, dargestellt. Da gab es nun für Kinderaugen viel zu staunen an den roten und blauen Königsmänteln, goldenen Kronen und kostbaren Schätzen. Alle sind bis zum Schluss aufmerksam und andachtsvoll der Handlung gefolgt, denn die Kinder haben wirklich sehr würdig und schön die heilige Geschichte dargestellt. - Am Mittag vor der Aufführung wurde das Dorf in nicht geringe Aufregung versetzt durch den Brand der Scheune von Wolpert. Weil jeder, auch Frauen und Mädchen beim Löschen half, wurde das Wohnhaus und das anschließende Gebäude gerettet. Es war schön, dass das ganze Dorf seine Teilnahme an der arg gestörten Weihnachtsfreude durch eine Sammlung für die vom Brand betroffene Familie bezeugte, die 161,30 M ergab. -

Am letzten Abend des Jahres war der Kirchenraum von einer gewaltigen Menge erfüllt. Es drängte einen Jeden, am Ende dieses inhaltsreichen, schweren Jahres noch einmal vor den Allmächtigen zu treten. Auch für unsere Gemeinde war‘s ein schweres Jahr, die Arbeit im Sommer war noch härter als im Jahr 15, der helfenden Hände weniger, auch die Kräfte matter, und von draußen die Botschaften erzählten wohl von manchem herrlichen Sieg aber auch von grimmigen Feinden und endlosem Ringen, welches die Herzen oft bangen und erzittern ließ.

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Und doch sind wir noch nicht am Ende mit unserer Kraft und unserem Mut, wir spüren darin die Wirkung dessen, der die müden Hände stärkt und die strauchelnden Kniee festmacht, und bitten Euch im Felde auch inständig: Lasset Euch von den Entbehrungen und der langen Kriegsdauer nicht unterkriegen, wollet jetzt, wo der Feind so schnöde unsere dargebotene Hand zurückstößt, ihm mit eisernen Willen und zusammengebissenen Zähnen zeigen, was ein zum Äußersten entschlossenes Volk vermag. „Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, so sehet auf und erhebt eure Häupter, darum dass sich eure Erlösung nahet.“ Das sei der Neujahrswunsch, den wir euch hinaussenden.

Auf dem Feld der Ehre gefallen: 2

Ernst Maus am 16. September bei Halicz in Galizien.

Philipp Heeb aus Holzfeld am 14. Dezember an der Somme. Er wurde am 7. Dezember schwer verwundet und starb im Feldlazarett. Am Morgen des 24. Dezember hielten wir unter dem Christbaum für ihn die Gedächtnisfeier.
In Gefangenschaft geriet: Fritz Seitel aus Holzfeld.

Vermisst: Wilhelm Debus vom Prinzenstein. Wir haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass er sich in russischer Gefangenschaft befindet.

Die Verluste im Felde sind wohl schwer und schmerzlich, wenn wir den einzelnen Fall ins Auge fassen, Wenn wir sie vergleichen mit den Verlusten anderer Gemeinden oder unseren eigenen 14/15 so müssen wir dankbar anerkennen, dass Gott gnädig mit uns verfahren ist und seine schützende Hand treulich über viele Gemeindeglieder gehalten hat.


Hunsrücker Wandertage

Auf der breiten Hochfläche, die dem Zug der Soonwaldhöhe vorgelagert ist, liegt die einsame Nunkirche inmitten alter mächtiger Linden; sie gehört, wie der weite Platz dabei, auf dem früher der berühmte Nunkircher Markt gehalten wurde, zum abseits liegenden Dorfe Sargenroth. Der wuchtige Turm mit den Rundbogenfenstern lässt uns erkennen, dass wir eine der ältesten Kirchen des Hunsrücks vor uns haben. Sie schaut wie ein Wahrzeichen der Hunsrücker Höhe in die Lande, aus weiter Ferne entdeckt man immer wieder die weiße, hellleuchtende Kirche inmitten der kugeligen Bäume. Nahe der Nunkirche erhebt sich der Hunsrücker Bismarkturm.

Nun lenken wir unsere Schritte zu dem tiefer gelegenen Ravensgiersburg. Das ist ein Dorf im Tal der Simmer, überragt von dem wuchtigen Bau der alten Klosterkirche. Schon von weitem grüßen den Wanderer die zwei wuchtigen Türme, welche den von herrlicher Baukunst gezierten Eingang schirmen. Hier lagen einst die weitläufigen Baulichkeiten eins alten Klosters. Doch ehe auf dem Felsenvorsprung das Kloster mit einer Kirche sich erhob, ragten auf ihm die Warten einer Burg empor, welche dem Grafen Berthold gehörte, einem auf dem Hunsrück und in den Tälern der Mosel und des Rheins reich begüterten Manne. Derselbe übergab, da seine Ehe kinderlos war und er seinen Besitz nicht an eine zahlreiche, weitläufige Verwandtschaft wollte fallen lassen, sein ganzes irdisches Gut in die Hände des Erzbischofs von Mainz, damit er aus diesem Gut ein Kloster errichte und so viel Mönche dort sammle,

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als von den Erträgen leben könnten. Denn er dachte in den unruhigen Zeiten der Kämpfe Heinrichs IV mit dem Papsttum nicht besser für sein Seelenheil sorgen zu können. Der Besitz des Klosters wurde noch vermehrt durch zahlreiche Schenkungen und Vermächtnisse, die dem Kloster von Geistlichen und Rittern, ganzen Gemeinden und Einzelnen aus ihrer Mitte zu Teil wurden. An die Schenkung war meist die Bedingung geknüpft, dass der Stifter jährlich an einem feierlichen Totenamt gedacht wurde. Mancher Rittersmann, der in jungen Jahren das Kloster kräftig heimsuchte und zur Ader gelassen hat, hat bei herannahendem Lebensende, wenn er sonst keinen Besitz mehr hatte, dem Kloster wenigstens Ross und Harnisch vermacht, um sich einen guten Eingang in die Himmelswelt zu sichern. So war Ravengiersburg eins der begütertsten Klöster im heutigen Rheinland geworden. Nicht nur die ganze Gemarkung der jetzigen Gemeinde Ravengiersburg mit Äckern, Wiesen, Weideplätzen war Klostereigentum. Es besaß ausgedehnte Waldungen im Soon, ergiebige Fischteiche und außer vielen Gütern auf dem ganzen Hunsrück ungleich wertvollere Besitzungen in den schon früh sorgfältig angebauten Tälern des Rheins, der Nahe und Mosel. Längs des Rheins hatte das Kloster Güter zu Steeg, Ober-Diebach, Manubach, Lorch, Trechtingshausen und Bingen. In Steeg hielten alljährlich die Ratspersonen auf dem Klosterhof einen stattlichen Schmaus. Das „Imbs“ begann schon morgens um 10 Uhr und dauerte bis in die Nacht, alsdann fanden sich noch Steeger Schützen ein, die, wenn sie die halbe Nacht, wie der alte Bericht sagt, geschlemmt hatten, dann noch einen Schlaftrunk verlangten, der in ihrer Sprache die Herrgottsgebühr hieß. Die zum Kloster gehörigen Leibeigenen, d. h. unfreie Bauern hatten kein so hartes Los, als man sich gemeinhin denkt. Sie bekamen aus dem ausgedehnten Waldungen des Klosters ihr ganzes Bau-, Nutz- und Brennholz meist um ein Geringes oder ganz umsonst und hatten die Nutznießung des Weidelandes. Die Lasten und Abgaben waren nicht allzu drückend. Daher kommt das Wort: „Unter dem Krummstab (nämlich des Abtes) ist gut Wohnen.“ - Was taten nun die Mönche des Klosters? Sie verrichteten die vorgeschriebenen Andachtsübungen und hatten die zahlreichen gestifteten Messen zu halten. Es fehlte ihnen aber ein eigentlicher Seelsorgebezirk, in dem sie die Alten und Kranken hätten besuchen müssen. Hätten sie noch wenigstens sonn- und feiertags nach dem Hochamt die zusammengeströmte Menge durch eine Predigt zu erbauen gehabt! Aber die Predigt brachte dem Volke erst die Bettelorden. So führten sie eigentlich ein recht eigensüchtiges, geistliches Dasein, das niemandem zugutekam und wir können auch hier wieder den Segen erblicken, den Luthers Kampf gegen die Klostergelübde gebracht hat. Wieviel geistliche Kraft lag doch in manchen Klöstern brach, die fruchtbar am Aufbau des Volkes hätten mitarbeiten können. Von den Ravengiersburger Mönchen hören wir auch nicht, dass sie, wie anderswo die Mönche, die Kinder zur Schule gesammelt hätten oder im Umkreis ihres Klosters den Ackerbau zu verbessern, Obstbaumzucht zu verbreiten bemüht gewesen wären.

Das Kloster lag in stiller Abgeschiedenheit auf dem Felsen über der rauschenden Simmer, während das Dorf sich an seinem Fuß schmiegt und der Blick durch ernste Waldhöhen begrenzt ist. Von der alten Kirche ist nur noch das Portal mit den zwei wuchtigen Türmen vorhanden; der Sturm hat im letzten Frühjahr den Helm des südlichen Turmes abgedeckt, er wird aber vor Winter

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gedeckt worden sein. Die Kirche ist neueren Ursprungs ... Wenn auch die Klostergebäude verschwunden sind, so liegt der Bau doch immer noch gebieterisch und ernst über dem malerischen Wiesentälchen und lässt den Wanderer immer wieder rückwärts schauen zu dem schönen Baudenkmale aus der Hunsrücker Vergangenheit. Bemerkenswert ist in Ravengiersburg noch die kleine evangelische Kirche, die mit dem alten Bau auf dem Felsen nicht in Wettbewerb treten kann und will, aber doch in ihrer schlichten Zweckmäßigkeit den freundlichsten Eindruck hinterlässt. Wir wanderten das vielgewundene Wiesental hinauf, bis wir zur Hauptstadt des alten Herzogtums Simmern kamen. Warum ich das alles so ausführlich erzählt habe? Weil ich damit die Gemeindeglieder im Feld grüßen möchte, denn ich habe auf der nun schon fast ein halbes Jahr zurückliegenden Wanderung oft an sie gedacht und manchmal gewünscht, ihr Herz würde sich auch einmal stärken können an den herrlichen Bildern der Hunsrücker Höhe, von denen ich nur einen schwachen Eindruck mit meinen Worten erwecken kann. Der Gemeinde daheim aber soll der Bericht die weitere Heimat in ihrer Schönheit und mit ihrer fesselnden Vergangenheit näher bringen helfen.

Nun aber noch einige Beobachtungen und Vergleiche zur Gegenwart, die wir beim Wandern angestellt haben und die, wenn auch verspätet, doch noch gut und nützlich mitzuteilen sind. Da sind uns zunächst bei vielen Hunsrückdörfern die Wasserwerke aufgefallen. Dörfer, die sicher viel ärmer sind als Werlau haben, draußen im Walde ihren Hochbehälter stehen, meist mit einer stattlichen und gezierten Stirnseite, die dem Besucher Ortsnamen, Jahreszahl der Errichtung und manchmal auch einen kurzen Spruch zu lesen gibt. In einer Bürgermeisterei hat der Bürgermeister seinen Bauern sogar gezeigt, dass er Latein kann, und lauter lateinische Sprüche anbringen lassen! In diesen stattlichen Werken, besonders in Kelenbach, fiel uns das auf, wie die Anlage aus dem Gedenkjahr 1913 stammte, kommen Stolz und Selbstbewusstsein der Dorfgemeinde zum Ausdruck und der Wanderer lernt achten, was ein rechter Gemeinsinn zu schaffen im Stande ist.- (Fortsetzung folgt).

Seit Neujahr halten wir an den Mittwoch-Abenden wieder Bibelstunden auf der Schule, da die Kirche zumal in der kalten Zeit, sich zur Kriegsandacht wie im ersten und zweiten Kriegswinter nicht mehr recht füllen will. An diesen Abenden lassen wir stückweise das Leben Luthers an uns vorüberziehen. Es ist in seinen Einzelheiten dem deutschen Volk viel zu wenig bekannt und wir vermögen uns auch dadurch aufzurichten, dass wir diesem Manne näherkommen und seine kernige Art, seinen tapferen Glauben, seinen prächtigen Humor, seinen gesunden Blick für die Wirklichkeit, sein Zartes, fast kindliches Gemüt auf uns wirken lassen wir doch auch wissen, um wen und was es sich bei diesem Gedächtnis handelt. Es wird darum auch hier die Bitte ausgesprochen, dass die Männer sich dort noch zahlreicher einfinden mögen. Denn sie geht der Mann Luther doch besonders an.

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In der Januarnummer des Gemeindeboten hatte ich die Bitte ausgesprochen, von den Kriegern möge der eine oder andere der Heimatgemeinde einmal berichten, wie sie denn draußen Weihnachten gefeiert hätten. Darauf ist nun von Oberheizer Julius Jost ein sehr anschaulicher Bericht über ihre Weihnachtsfeier an Bord eingelaufen, der hier vollständig wiedergegeben werden soll:

Dieses Jahr haben wir eine Weihnacht erlebt, wie fast nie zuvor. In diesem Kriege war es die erste Weihnacht, die wir in einem deutschen Hafen verleben konnten. Da wir bisher immer an der Front waren, entweder vor dem Finnischen oder Rigaischen Meerbusen, war nie Zeit, um Weihnachten zu halten. Dafür sollte sie dieses Jahr schöner werden. Zwei Tage hatten wir Vorbereitung zum Fest. Das ganze Schiff wurde mit Tannengrün geschmückt und Säcke aus buntem Papier zusammengebracht, wie Sterne, Körbe, Ketten und was alles gemacht wurde. Wir hatten unser Back – so heißt der Tisch, wo wir dransitzen, mit 13 Mann – großartig geschmückt. Jeder wollte was Schöneres bringen als der andere. Ein Kamerad hatte einen Stern gemacht, welcher von allen bewundert wurde. Auch hatten wir von einem großen Pappdeckel ein Schild gemacht: einen Leuchtturm und in dessen Strahlen unsre Backbezeichnung E20 eingeschnitten; um den Leuchtturm stand: „Ein fröhliches Weihnachtsfest wünschen wir allen Kameraden.“ Mit buntem Seidenpapier wurde es hinterklebt und eine Lampe dahinter gehenkt, so dass es sichtbar war. Wegen dieses Schildes bekamen wir von unserem höheren Vorgesetzten eine Belobigung. Nun kam der Heilige Abend. Morgens gründlich „Rein-Schiff“ und mittags um 3 Uhr begann die Feier mit einem Kirchgang an Bord, wozu die Angehörigen der Besatzung, soweit sie in der Nähe wohnten, eingeladen waren und auch erschienen. Kurz vor dem Kirchgang kam dann auch unser Kommandant. Wir hatten einen Altar gebaut, worüber die Kriegsflagge hing, auf jeder Seite stand ein brennender Tannenbaum. Unser 1. Offizier ging an den Altar, wir sangen das Lied „Stille Nacht“, wozu unsere Bordkapelle uns begleitete, dann las der 1. Offizier die Weihnachtsgeschichte vor, hielt eine kurze aber kernige Ansprache und zum Schluss sangen wir „O du fröhliche“. So ein Kirchgang an Bord ist ja was Anderes als an Land, weil bei uns alles, ob Katholisch oder Evangelisch, zusammengeht. Darüber wunderten sich auch die Angehörigen. Nach dem Kirchgang hieß es dann: „Alle Mann an die Backen, der Kommandant geht durchs Schiff.“ An jeder Back ging er dann vorüber, wünschte uns allen fröhliche Weihnachten und bewunderte, dass alles in so einer kurzen Zeit geschmückt war. Dann wurden die Geschenke verteilt und jede Wache zündete ihren Weihnachtsbaum an. 14 Tage vorher war eine Kommission gewählt worden, die musste alles besorgen. Nun war jeder gespannt, als er die Sachen auf der Back liegen sah. „Was werde ich denn wohl bekommen?“ dachte jeder. Aber alle waren sehr zufrieden. Ich will kurz meinen Teil, was ich alles bekam, aufzählen: Vom Kommando bekam ich die beiden Bilder „der letzte Mann“ und „der letzte Gruß“, Zigarren, Äpfel, Konfekt, von der Stadt Augsburg eine Taschenlampe, ein Zigarrenetui, Zigarren, Zigaretten, Briefpapier und auch Konfekt. So reich wurden aber alle bei uns an Bord beschenkt. Es bekam jeder etwas, aber immer was Anderes. Einer bekam eine Uhr, der andere ein Album, alles verschieden. Als jeder sein Geschenk hatte, war bei uns „Backen und Backen“, d. h. Essen. Dafür war auch gut gesorgt worden. Wir hatten uns im Frühjahr kleine Schweine gekauft, die waren jetzt groß und wurden geschlachtet. Jeder Mann bekam eine ganze Wurst, was man in dieser Zeit gar

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nicht gewohnt ist; hat aber allen vorzüglich geschmeckt. Dann hatten wir frei und konnten uns unterhalten bis 12 Uhr. 2-3 Backen taten sich zusammen, tranken ein Fass Bier und alle Instrumente, was jeder spielen konnte, wurden herbeigeholt, es wurde gesungen und gescherzt, aber alles der Zeit entsprechend. Um 12 Uhr gingen wir durchs Schiff, wünschten unseren Offizieren, Deckoffizieren und der ganzen Besatzung ein fröhliches Weihnachtsfest. Dann ward es Zeit zu schlafen, die geliebte Hängematte wurde geholt, und ruhig war‘s im Schiff. Es hat nun ein jeder wohl nachgedacht: wie werden sie in der Heimat wohl Weihnachten feiern? Darüber schlief man ein, bis am anderen Morgen der Feldwebel durchs Schiff ging und sein „Reise, Reise“ unzählige Male rief - das ist unser Weckruf - da stand man auf, um wieder Weihnachten zu feiern. Morgens war wieder Kirchgang und mittags bekam eine Wache Urlaub; wir hatten Wache. Dafür durften wir am 2. Feiertag an Land gehen. Damit sind unsere Weihnachten zu Ende. Dann ging es wieder mit frischer Kraft an die Arbeit, damit das Schiff wieder frontbereit wird. - Sehr geehrter Herr Pfarrer, habe Ihnen kurz meine diesjährigen Weihnachten niedergeschrieben, soweit es in meinen Kräften steht. Die Leute werden doch auch mal gern so eine Marine-Weihnachtsfeier lesen.“-

Ja das werden sie gewiss, und sie sagen dem fleißigen Berichterstatter von der Wasserkante ihren besten Dank!

Am Mittwoch dem 7. Februar hatten wir in Werlau einen schönen Vortrag von Herrn Pfarrer Rodewald aus Irmenbach über die Mission in Ostasien. Wir waren schon im vergangenen Winter mit den Arbeiten des Allgemeinen Evang.-Protestantischen Missionsvereins in unseren ostasiatischen Schutzgebiet bekannt geworden, als ich von der Belagerung von Tsingtau in einer Kriegsandacht erzählte und berichtete, wie Missionare zum Teil mit der Waffe mitkämpften, zum Teil als Seelsorger tätig waren, und die Missionsärzte und -Schwestern sich bemühten, im Faber-Hospital die Verwundeten zu pflegen und den Obdachlosen in den Missionsgebäuden eine Unterkunft zu verschaffen. Der Vortrag führte uns hauptsächlich nach Japan, wo heute noch die Missionare des Allg. Ev.-Prot. Mv. Eine ungehinderte Tätigkeit entfalten dürfen, auch bei den Internierten von Tsingtau freien Zugang haben und wertvolle Dienste als Übermittler von Nachrichten an die Angehörigen in der Heimat leisten. Der Vortragende gab uns durch Erzeugnisse japanischen Gewerbefleißes und Handfertigkeit, die er mitgebracht hatte, einen Begriff, dass wir es bei den Japanern mit einem Volk von sehr alter, hochentwickelter Civilisation zu tun haben, bei dem die Mission natürlich mit anderen Mitteln arbeiten muss als bei Negerstämmen in Afrika. Das Christentum findet in Japan besonders bei den Gebildeten Eingang, die oft europäische Erziehung genossen haben. Der Vortragende zeigte uns an Beispielen, wie das Christentum es in Japan fertigbringt, die Frauen, die eine sehr untergeordnete Stellung einnehmen, auf eine menschenwürdige Stufe zu heben und wie z. B. eine Frau, die Christin geworden ist, ihren Mann, einen Oberlehrer, dazu bringt, ihre Frauenwürde anzuerkennen und schließlich selber zur christlichen Religion überzutreten. Wir bringen den Japanern das Evangelium Jesu, weil dort neben der höchstentwickelten Civilisation vor allem in der Ehe und Stellung der Frau menschenunwürdige Zustände herrschen. Wir halten als Christen die Missionsarbeit für unsere Pflicht, obwohl die Japaner

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unsere Feinde sind. Daneben halten wir es für die Zukunft des deutschen Einflusses in der Welt nicht für unwichtig, ob an den japanischen und chinesischen Schulen und Hochschulen deutsche oder englische und amerikanische Lehrkräfte tätig sind. - Besondere Freude erweckten die japanischen Sachen, die nach dem Vortrag vorgezeigt wurden: Schuhe für Regen und schönes Wetter, Bücher, Schreibzeug, das einem Malkasten gleicht, weil die Japaner die Buchstaben mit einem Pinsel malen, Sonnenschirme aus Papier, sogar ein geschnitzter Götze. Großen Jubel bei Kindern und Erwachsenen löste eine japanische Puppe aus; man hatte also auch für zwei Stunden einmal die ganze Kriegsnot vergessen. Die Sammlung ergab 7.80 Mark. -

Im Reformationsjubeljahr findet eine Reihe von Vorträgen statt. Nur der erste kann hier noch angezeigt werden:

Sonntag, den 18. März, nachm. 5 Uhr in der Kirche:
Pfarrer Lic. von Nasse aus Neuenahr:
„Welchen Einfluss hat die Reformation auf das Familienleben gehabt?“


Werlau, 15. April 1917

Der Gemeindebote hat diesmal lange auf sich warten lassen. Die Schuld liegt am Pfarrer. Konfirmation und Osterarbeit, gleich nach Ostern Mitarbeit in Kriegswirtschaftsfragen und Kriegsanleihe ließen nicht die Ruhe finden, die Feder zu ergreifen für einen beschaulichen Gemeindebericht. In unserer Gemeinde wurden 10 Kinder konfirmiert. Am Nachmittag des Palmsonntags wurden vom Werlauer Pfarrer auch die Biebernheimer Kinder (15) konfirmiert. - In anderen Jahren standen wir an Ostern schon mitten in der Feldarbeit. Dieses Jahr hat uns die Witterung weit zurückgeworfen. Die erste Hälfte des April brachte uns bei scharfer Osterluft noch Schnee und Frost, so dass auf dem Felde noch gar nichts zu machen war. An sonnigen Tagen wurde wohl schon im Weinberg gearbeitet, bei der Arbeit sind im kalten Wind oft die Hände erstarrt. So blicken wir alle manchmal mit schwerer Sorge auf unsere kahlen Felder, welche sonst um diese Zeit von Gespannen und arbeitenden Menschen fröhlich belebt waren. Aber gerade der Bauer lernt bei seiner Arbeit geduldig zu sein, er weiß, da draußen in der Natur lässt sich nichts erzwingen, man muss abwarten. Stellt doch der Jakobusbrief den Bauern als ein Vorbild, an dem man Geduld lernen könne, den christlichen Brüdern vor Augen: „Siehe, ein Ackermann wartet auf die köstliche Frucht der Erde und ist geduldig darüber, dass sie empfange Frühregen und Spätregen. Seid ihr auch geduldig und stärket eure Herzen, denn die Zukunft des Herrn ist nahe.“ Ja, starke Herzen verlangt die Zeit von allen; Gott gebe, dass die Zukunft, da der Völkerhirte vereinigt, was sich getrennt hat, nahe sei! Aber ebenso wie Geduld, so hat die Feldarbeit auch immer schon Vertrauen gepredigt. Was ist‘s denn anderes als Vertrauenssache, wenn du in diesem Jahr für das nächste säst? Da glaubst du an die gütige, segnende Kraft der Mutter Erde, dass sie auch in diesem Erntejahr ihre Schuldigkeit tue. Wir wollen auch heute bei allem Warten Vertrauen haben, der Gott, der unsere Kraft aus so vielen Riesenschlachten ungebrochen hat hervorgehen lassen, der wird eure Mühe auf den Feldern schon nicht zu Schanden machen und seine Sonne scheinen lassen und warme Witterung senden, wenn‘s Zeit ist.- Unsere Gemeinde hat in der Nacht vom 15. zum 16. April ein schwerer Verlust betroffen: In der gleichen Nacht starben Jakob Lenhart und

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Peter Vollrath, beide einander verschwägert. Der Tod des Letzteren hat uns allen ergreifend vor Augen geführt, was für euch draußen sich von selbst versteht: „Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen.“ Am 13. April hat er noch im Weinberg die Reben geschnitten - aber da stand der Mann mit der scharfen Hippe schon hinter ihm. Der Verlust dieses Mannes, der noch in voller Rüstigkeit stand, betrifft nicht nur seine Familie, sondern bei der Knappheit der Arbeitskräfte das Dorf. Denn auch bei uns daheim ist jede Hand und jeder Arm wertvoll und fast unentbehrlich. Jakob Lenhart hat ein langes Krankenlager gehabt. Er hatte vor allem die letzte Zeit bei seinem Kehlkopfleiden schwer mit Atemnot zu ringen. Für ihn kam der Tod als Freund und Erlöser. Er hat seinerzeit beim Kirchbau sich ein schönes Denkmal gesetzt, als er der Gemeinde das schöne Fenster im Chor schenkte, das einen Christus, von Reben und Weizenähren umrahmt, darstellt. Beide waren Mitglieder kirchlicher Körperschaften, J. Lenhart als Ältester (Ersatzmann für Kaspar Wagner), P. Vollrath als Mitglied der größeren Gemeindevertretung (Ersatzmann für Philipp Michel 3). Für beide sind also wieder Ersatzwahlen vorzunehmen. -

Der Krieg greift uns jetzt auch an die Ausrüstungsstücke unserer Kirche. Die dem Beschauer zugewandte Zinnpfeifen (sogen. Prospektpfeifen) waren schon seit längerer Zeit beschlagnahmt und sollten eigentlich bis 1. April schon abgeliefert sein. Allein der Orgelbauer kam in unserer Gegend mit der Arbeit nicht so rasch voran. Beim Spiel der Orgel wird man das Fehlen der Pfeifen nicht so sehr merken, in Holzfeld gar nicht, da die Pfeifen nur zur Zierde dienten. Nun gilt es aber auch Abschied nehmen von den Glocken, und das wird uns schon empfindlicher treffen. In Werlau haben uns die neuen Glocken gewissermaßen zur neuen Kirche verholfen und nun sollen sie so rasch davon. Zwar eine Glocke wird jeder Gemeinde vorläufig noch bleiben, in Werlau die mittlere und in Holzfeld die größere (wenn uns das bewilligt wird), damit sie als Läuteglocke diene, bis Ersatz aus Gussstahl beschafft ist. Gegen die Abnahme sagen wir kein Wort, es gereicht unseren Gotteshäusern zur Ehre, wenn sie in diesem schweren Kampf um Herd und Heimat auch ihren Beitrag zum Siege gegeben haben.

Um Herd und Heimat geht dieser Kampf“, davon ging auch Pfarrer Lic. von Nasse aus, als er uns am 18. März in der Kirche seinen schönen Vortrag hielt über den Einfluss der Reformation auf das Familienleben. Nicht als ob die Reformation das Familienleben erst begründet hätte, seine Wurzeln liegen schon in Blut und Neigung und in dem alten Gotteswort: „Was Gott zusammengeführt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.“ Die Wertschätzung dieses hohen Gutes verbindet uns auch mit unseren katholischen Glaubensgenossen. Und doch hat erst die Reformation Luthers ihm die sittliche Würde gegeben. Die Beziehungen der Geschlechter zueinander gelten der katholischen Kirche als etwas Unreines und Unheiliges. Darum muss der Priester ehelos leben, damit er aus der niederen Welt in göttliche Höhe erhoben sei. Darum erklärt die kath. Kirche die Ehe für ein Sakrament, weil sie zu ihrer Heiligung besondere Gnade bedarf. Nach ihrer Auffassung erwirbt man im Mönchtum das höhere Verdienst. Luthers Schrift über die Mönchgelübde hat das 4. Gebot wieder voll in seine Rechte eingesetzt, er hat diese Schrift seinem

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Vater gewidmet, der ihm einst nach seinem eigenmächtigen Eintritt ins Kloster entgegengehalten hatte: „Hast du nicht gehört, dass man Eltern soll gehorsam sein?“ Luther weist darauf hin, das eheloses Leben gar keine besondere Heiligkeit erfordert, braucht doch der Mönch sich keine Sorge um die Erhaltung seines Hausstandes zu machen. Dagegen fängt der Ehestand an mit Sorge und verlangt Glauben. Luther hat für seine Person erst 1525 die Folgerungen aus seinem Standpunkt gezogen, als er, entgegen den schweren Bedenken seiner Freunde Schurf und Melanchthon, welch letzterer sogar der Feier fernblieb, die Ehe mit Catharina von Bora einging. Trotzdem entsprang aus der Verbindung des Mönchs mit der entlaufenen Nonne Segen für das ganze deutsche Volk. Nicht schwärmerische Leidenschaft trieb ihn zu diesem Schritt, sondern es war der Ehestand selbst, den er auch für seine Person heiligen wollte. Er war seiner Käthe herzlich zugetan. Obwohl nicht zum Haushalt erzogen, war sie ihm doch eine gute Hausfrau, und sie hatte es in dem Hause Luthers mit all seinen Tischgenossen und Gästen nicht leicht. Die Briefe Luthers an seine Gattin zeugen von tiefer, frommer Herzensgemeinschaft. Oftmals klingt ein heller Ton des Humors durch sie hindurch: die Weiber seien sehr beredt, und was sie nicht mit Wohlredenheit ausrichten, das bringen sie mit Weinen fertig. Sollte er noch einmal freien, so wolle er sich ein gehorsam‘ Weib aus Stein hauen! Wie kindlich er zu seinen Kindern reden konnte, zeigt uns sein Brief an seinen Sohn Hans von der Feste Coburg, der in allen Lesebüchern steht. Er trauert an der Bahre von seinem Lenchen und klagt, welch Wunderding es sei, sie in Frieden zu wissen und doch so traurig zu sein. Im Kreise der Seinen spielt er die Laute, der Anblick der Blumen und Bäume im Garten liefert ihm Gleichnisse für seine Predigt, in der Hausandacht legt er den Hausgenossen das Evangelium dar. Auch in der Ehe war Luther ein Heiliger, aber er gibt darin das Vorbild eines rechten christlichen Hausstandes.

Luther hat das deutsche evangelische Pfarrhaus begründet. Die sittlichen Zustände in den Häusern der Pfarrherrn waren vorher nicht gut, die Kirche duldete unerlaubte Verbindungen und wilde Ehen, um Schlimmeres zu verhüten. Das wurde jetzt anders, fortan steht der Pfarrer selbst als Familienvater der Gemeinde gegenüber, kann ganz anders an allen Nöten und Sorgen des Familienlebens teilnehmen. Eine Fülle von hervorragenden Männern hat das evangelische Pfarrhaus dem deutschen Volk geschenkt. - (Schluss folgt).

Eingegangene Gaben: Für Kriegsbeihilfen an Bedürftige
von den Konfirmanden 31,- M, von Frau H. K. 2,- M. Besten Dank!


Werlau, den 3. Mai 1917

Heute endlich bietet sich Gelegenheit, einen schon aus dem Februar stammenden Bericht des Musketiers Adam Jost über die Kämpfe an der Aa mitzuteilen, den ich schon darum der Gemeinde nicht vorenthalten will, weil einem dieser Brief zum Bewusstsein bringt, was unsere Krieger in russischer Winterkälte ausgestanden haben. Er schrieb mir damals: „Wir wurden am 28. Dezember in unserer schönen Dünastellung abgelöst und kamen in Armee-Reserve nach Mitau, wo wir zwei Tage bleiben. Dort hörten wir fürchterlichen Kanonendonner. Wir

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dachten: Wenn wir da nur nicht hinbrauchen; aber am Abend ging es schon los. Sechs Stunden Eilmarsch mit Gepäck; als wir ans Ziel kamen, hatten die Russen unsere Stellung besetzt. Da haben wir die erste Nacht im Freien zugebracht. Am Morgen kamen wir an eine andere Stelle, eine Stunde weiter links, dort standen wir bei unseren Geschützen. Uns wurde gesagt, die vordere Linie sei von uns besetzt, nur im Walde trieben sich einzelne, versprengte Russen herum, die sollten mit Patrouillen aufgesucht werden. So standen wir bis des Abends 12 ½ Uhr bis an die Knie im Schnee in unbekanntem Gelände.

Da gab‘s ein mörderisches Feuer, wir hatten Spaß und dachten, jetzt kriegen wir die versprengten Russen, aber die Sache kam anders. Die Russen kamen regimenterweise an, und wir standen bei den Geschützen mit einem Zug von der Kompanie. Wir haben einen heftigen Kampf gehabt. Unsere Artillerie hat auf 20-30 Meter mit Kartätschen in die dichten Kolonnen hineingefeuert, aber die Stellung zu halten war unmöglich. Wir mussten zurück, den Russen fielen 34 Geschütze in die Hände, verschiedene hatte unsere Artillerie noch gesprengt. Dann lagen wir noch vier Tage und fünf Nächte im Freien unter Tannenreisig, bei 25-28 Grad Kälte. Viele Leute mussten zum Lazarett wegen erfrorener Füße. In dieser Stellung haben die Russen noch verschiedene Mal versucht, durchzukommen, wurden aber mit blutigen Köpfen und schweren Verlusten zurückgewiesen. Von hier aus kamen wir zwei Tage in Quartiere weiter zurück, mussten schon wieder vor, blieben 3 Tage und 3 Nächte in Stellung, dann wurden wir ganz abgelöst, weil wir zu viel Leute verloren hatten ... Bin Gott sei Dank glücklich davongekommen, nur hatte ich die Füße etwas erfroren.“

Dieselben Kämpfe hat der Wehrmann Heinrich Wilbert mitgemacht. Er schreibt darüber, ebenfalls im Februar:

Wir haben in dem neuen Jahre schon viel ausstehen müssen. Wir lagen 8 Tage im Gefecht bei 26 Grad Kälte, im Schnee Tag und Nacht. Wir dachten nicht mehr, dass man noch mal nach Haus kommen könnte. Aber Gott hat uns wieder mal in seiner Hand, es geht jetzt wieder besser.“

Glücklicherweise liegt dieser schwere Winter hinter unseren Kriegern und auch hinter uns. Fast über Nacht kam endlich der Frühling. Auf den Wiesen blühen Veilchen und Schlüsselblumen, Buchfink und Drossel singen um die Wette und die Menschen haben ganz andere Gesichter bekommen. Das macht: Die Arbeit geht voran, alle Kräfte regen sich, darüber schwinden die Sorgen von selber.

In unseren Gemeinden sind nun auch schon die ersten Sommergäste eingezogen, blasse Crefelder Kinder, die sich bei uns rote Backen holen sollen, in Werlau 14, in Holzfeld 7. In Holzschuhen, Klumpen genannt, klappern sie über die Straße daher, wenn man‘s nicht schon in ihrer Sprache merkte, so sähe man daran, dass die Buben und Mädel vom Niederrhein sind. Das Herz tat einem weh, als sie ankamen; so dünn waren die Ärmchen, so hohl die Gesichter. Manche waren in der ersten Zeit gar nicht vom Ofen wegzubringen, so wenig Blut hatten sie. Wenn man die Kinder sah, fiel einem erst auf, was unsre Kinder auf dem Dorf für gutaussehende, gesunde Brocken sind. So helfen diese Stadtkinder auch

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dazu, dass wir hier eine Anschauung kriegen von der Not in den Städten. Es ist nicht übertrieben, was sie erzählen, wie spärlich es hergeht bei ihnen zuhause und wie mühsam sie an alles drankommen - ihre runden, staunenden Augen, mit denen sie die vollen Schüsseln verschlingen, die zur Tür hereinkommen, sagen euch ja genug.

Wir geben uns der Hoffnung hin, dass noch manches Haus, das bisher keine Kinder genommen hat, sich ihnen künftig öffnen wird. Es gibt heute für die Landbevölkerung kein besseres vaterländisches Werk, als Deutschland helfen, seine Jugend gesund und kräftig zu erhalten.

Es wachsen doch in den Gärten bald allerhand Gemüse und die Hühner legen doch ganz wacker, da wird es mit dem fortschreitenden Jahre auch wieder leichter, Kinder aufzunehmen. Auch der Frauenverein Neuwied schaut wieder sehnsüchtig auf Werlau, dass ihm so manches Jahr seine Kinder im Sommer herausgepflegt hat.


Einfluss der Reformation auf das Familienleben
von Pfarrer Lic. von Nasse (Schluss)

Die Reformation verhalf dem Familienleben zu größerer Verinnerlichung. Im katholischen Familienleben regiert die äußerliche Gesetzlichkeit des Priesters in die innersten, zartesten Angelegenheiten, welche nach evangelischer Auffassung die Eheleute selbst zu entscheiden haben. Wie schön spricht das Bismark einmal aus in einem Brief an seine Braut, dass Eheleute einander erziehen und sich gegenseitig Beichtiger sein sollen; seine Braut ist ihm eine Waldrose, die er von Moos und Dornen reinigen will. Das Weihnachtsfest mit all seiner Innigkeit der Familienfeier ist evangelischen Ursprungs. Luthers besonderen Einfluss zeigt sein schönes Lied „Vom Himmel hoch“ aus dem Jahre 1535. Das Erbe der Reformation auf dem Gebiet des Familienlebens ist in der Gegenwart schwer bedroht. Die Hausandacht, bei der im Frieden des Abends der Hausvater die Seinen um das Bibelwort versammelt, ist im Schwinden. Vergnügungssucht, Wohnungsnot, berechnender, rücksichtsloser Geschäftsgeist haben in der neuesten Zeit eine erschreckliche Abnahme der Geburten zur Folge gehabt. (Im Jahre 1870 kamen auf 1000 Einwohner noch 40 Geburten, im Jahre 1914 noch 29.) Es ist Aufgabe des guten, christlichen Willens, hier Wandel zu schaffen. Das Reformationsjubiläum soll uns die Pflichten, die hier liegen, ernst und nachdrücklich zum Bewusstsein führe. Es sollte alle christlichen Familien willig machen, der Hausandacht in den Häusern wieder Eingang zu verschaffen, damit das deutsche Gotteswort wieder die Grundlage des christlichen Hausstandes werde.“

Das ist in kurzen Zügen der Inhalt des schönen, beherzigenswerten Vortrags, dem wir nur viel mehr Zuhörer aus der Gemeinde gewünscht hätten. Aber an demselben Nachmittag wurde ja in St. Goar Theater gespielt!

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Es geht doch nicht an, in Werlau die altgewohnte Mittagsglocke in Holzfeld die größere der beiden zu behalten; es werden uns nur die kleinsten Glocken belassen.

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Leider ist‘s mit der Christenlehre auch in diesem Sommer schlecht bestellt. Ich muss an jedem Sonntag, an dem ich nicht in Holzfeld bin, nach Biebernheim. Dieser Dienst muss jetzt vorgehen und wir wollen der Nachbargemeinde ja gern aushelfen, zumal ich besonders mit Rücksicht auf die Vertretung reklamiert bin. Ob nach Pfingsten die Christenlehre in der Gemeinde, soweit sie das will, weiter angeboten wird, müssen wir mal sehen.

Am 22. April haben wir wieder einen Vortrag gehabt über „Luther als Beter“ von Pfarrer Conrad. Darüber soll in nächster Nummer berichtet werden.

Leider sind durch die letzten Kämpfe zwei Häuser unserer Gemeinde in großer Sorge und Unruhe versetzt worden. Aus den Kämpfen bei Arras wird Grenadier Peter Scher, aus den Kämpfen in der Campagne Maschinengewehr-Schütze Heinrich May als vermisst gemeldet. Es darf aber von beiden gehofft werden, dass sie in englische bzw. in französische Gefangenschaft geraten sind. Wir wünschen den Eltern von Herzen, das die schreckliche Zeit der Ungewissheit recht bald durch ein Lebenszeichen der Söhne beendigt werde.

Bei Schluss der Nummer kommt die Nachricht, dass Fritz Scherer, Unteroffizier in einem Inf. Reg., in den Kämpfen bei Arras gefallen ist. Er war nun bei allem dabei seit Herbst 1914. Wie oft haben Eltern und Geschwister sich schon um ihn sorgen müssen, wie erschüttert jetzt die Nachricht!

Werlau, den 14. Mai 1917

Luther und das deutsche evangelische Kirchenlied“ lautete das Thema, über das Herr Pfarrer Goebel aus Boppard am 6. Mai bei uns sprach. Dieser Vortrag war uns ganz besonders willkommen, bemühen wir uns doch seit Herbst vergangenen Jahres, den Liedern und Weisen Luthers, die in Vergessenheit geraten waren, in unserer Gemeinde Eingang zu verschaffen. Die Kinder in der Schule, die Frauen, jungen Mädchen und Burschen in den Vereinen haben die Lieder zuerst eingeübt. Dann bleibt die Gemeinde nach dem Segen zurück, das neue Lied wird kurz nach seinem Inhalt und besonderer Eigenart besprochen, der Kinderchor sagt es vor, damit die Weise der Gemeinde ins Ohr fällt und Lust zum Nachsingen erweckt und dann beginnt die Gemeinde das Lied zu üben. Die Werlauer sind musikalisch, die Lieder gehen daher verhältnismäßig rasch und können schon bald im Gottesdienst angestimmt werden. Unsre Gottesdienste werden leicht eintönig, wenn man immer wieder auf dieselben, oft gesungenen Weisen zurückgreifen muss. Es ist daher gut, wenn in unseren Kirchenhallen wieder alte, längst vergessene gewaltige Klänge erschallen, wie sie aus Luthers Liedern entgegenbrausen. Unseren Gottesdiensten wird dadurch sozusagen frisches Blut zugeführt, zumal wenn sie frisch, lebendig, freudig gesungen werden. Zwar will uns das noch nicht ganz glücken, wir fallen immer wieder trotz mancher guten Anläufe in die träg sich dahinschleppende, einschläfernde „Sonntagsnachmittagsweis“

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zurück. Da muss also die natürliche Trägheit überwunden werden. Wir versuchen das, indem wir die Kinderstimmen kräftig führen lassen. Es soll uns auch nicht verdrießen, wenn das Singen dadurch manchmal ungemütlich wird. Wir müssen alles daran setzten, dass wir es schaffen. Es meint vielleicht mancher, da brächten wir ein ganz weltliches, ungeistliches Singen in die Kirche, und Gott könne man nur preisen in langsamen, getragenen Gesängen. Aber unser Gott fährt doch auch im Sturm und Wetter daher, nicht bloß im sanften stillen Säuseln! Die Lieder fordern uns oft selber dazu auf, dass sie frisch und freudig gesungen werden. Wort und Weise sollen doch zusammenpassen. Wenn man singt:

Davon ich allzeit fröhlich sei,
Zu springen, singen immer frei (Nr. 60, Vers 14) oder
Nun freut euch, lieben Christgemein,
Und lasst uns fröhlich springen (Nr. 259, 15)

Worte also, in denen der alte Tanzreigen der Kinder um die Krippe nachklingt, da muss es doch mit Leben und Freudigkeit durch den Raum klingen, sonst macht man ja durch sein Singen den Inhalt des Liedes unkenntlich. Ein Lied wie „Mitten wir im Leben sind“ (474) drängenden, beschwörenden Anrufen „Heiliger Herr Gott, heiliger starker Gott, heiliger barmherziger Heiland, du einiger Gott“ - langgezogen und geschleppt, wird es geradezu unerträglich. Gott wird mit diesen Anrufen doch bestürmt, bedrängt, das muss man auch aus dem Singen heraushören. Wir müssen nach Pfingsten an ein großes, schweres Stück herangehen, an das deutsche Tedeum „Herr Gott, dich loben wir“ (Nr. 2). Wir wollen sehen, dass wir das Lied bis zum 31. Oktober zwingen. Dazu müssen alle musikalischen Kräfte, Frauen, Jungfrauen, die wenigen Stützen vom Gesangsverein, die noch da sind, mithelfen. Nun sieh das Lied einmal an: Wenn wir das langsam singen wollten, ging ja fast ein ganzer Gottesdienst drauf. Nein, das Lied muss, wie der um die Belebung unseres evangelischen Kirchengesangs hochverdiente Superintendent D. Nelle gesagt hat, mit Feuer gesungen werden. Seine Zeilen müssen dahinbrausen, „schneller wie Adler und stärker wie die Löwen“ im Siegeslauf, Triumphgeschrei. Lies dich einmal in den Text hinein, wie der dahinstürmt:

Dein göttlich Macht und Herrlichkeit
geht über Himmel und Erde weit.
Des heiligen zwölf Boten Zahl
und die lieben Propheten all,
die treuen Märtyrer allzumal
loben dich, Herr, mit großem Schall.

Also auch die Alten unter uns, denen das raschere Singen Mühe macht, sollten es willig begrüßen, sollten einsehen, dass es keine willkürliche Neuerung oder Laune ist, sondern dass darin die lebhafte innere Anteilnahme der Gemeinde am Gottesdienst zum Ausdruck kommt. - Hier setzt Luthers Verdienst um das Kirchenlied ein: Er hat der Gemeinde zu ihrem Recht im Gottesdienst verholfen. Den vor Luther war der Gemeindegesang aus dem Gottesdienst verbannt. Es sangen die Priester und der Chor ihre lateinischen Messegesänge, die Gemeinde fiel meist nur ein mit einem Kyrileis, nahm sonst nicht tätigen Anteil. Ja, es gab wohl vor

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Luther geistliche Volkslieder, wir erinnern nur an die schönen, sinnigen Marienlieder, auf die wir in der Adventszeit gern hinweisen, aber die sang man nicht in der Kirche. Da war es Luthers Tat, dass er das allgemeine Priestertum aller Gläubigen (vgl. 1. Petri 2,9) wieder auf den Leuchter stellte, dass es jedermann sehen konnte. „Ein Schuster, ein Schmied, ein Bauer, ein Jeglicher hat seines Handwerke Amt und Werk, und doch sind alle gleich geweihte Priester und Bischöfe“, schreibt er in der Schrift an den Adel. „Über das sind wir Priester; das ist noch viel mehr: Denn König sein, darum weil das Priestertum uns würdig macht, vor Gott zu treten und für andere zu bitten“, heißt es in der Freiheit eines Christenmenschen. Auf dies allgemeine Priestertum aller Gläubigen gründet sich das Recht der Gemeinde, selber im Gottesdienst ihre Bitten vor Gott zu tragen. Und um dieses neuerkannte, reformatorischen Grundsatzes willen ruft Luther nach Liederdichtern, die für die Gemeinde deutsche Kirchengesänge schaffen sollen. Allein von allen, die er aufgefordert hatte, stellt nur einer sich ein, Paul Speratus mit dem Lied „Es ist das Heil uns kommen her“ (260). Da tritt Luther selber auf den Plan, sozusagen aus Not wird er ein Dichter, und doch war hier keine Frage, dass er der rechte Mann sei. Ein äußeres Ereignis gab den Anstoß. Am 1. Juli 1523 wurden in Brüssel zwei junge Glaubensgenossen Luthers, die sich zur evangelischen Lehre bekannt hatten, von den Dominikanermönchen verbrannt. Ihr Tod erschütterte Luther tief, weckte Zorn über die Freveltat, aber auch freudige Genugtuung, dass das neuentdeckte Evangelium auch seine ersten Blutzeugen gefunden habe. Er jubelte, dass auch ihr Tod die evangelische Sache stärken muss:

Die Aachen will nicht lassen ab:
Sie staubt in allen Landen;
Hie hilft kein Bach, Loch, Grub noch Grab:
Sie macht den Feind zu Schanden.
Die er im Leben durch den Mord
Zu schweigen hat gerungen,
Die muss er tot an allem Ort
Mit aller Stimm und Zungen
Gar fröhlich lassen singen.

Und obwohl ihm doch ein gleiches Schicksal drohen konnte, ist er für die Zukunft nur voll guter Zuversicht:

Der Sommer ist hart vor der Tür
Der Winter ist vergangen;
Die zarten Blümlein gehen herfür.
Der das hat angefangen,
Der wird es wohl vollenden.

Wer solchen Klang fand, der war ein wirklicher Dichter. Noch im selben Jahr hat Hans Sachs Luther begrüßt als die „Wittenbergisch Nachtigall“. - Von den einzelnen Liedern Luthers zu sprechen tut nicht Not. Wir haben‘s zum Teil getan, wo wir sie neu eingeübt haben und werden‘s bei dieser Gelegenheit noch tun. Wie viel Luthers Lieder zur Ausbreitung der Reformation beigetragen haben, zeigt das Beispiel der Gemeinde Meldorf, wo, wie man sagt, der neue Glaube mit dem Liede „Auch Gott vom Himmel sich darein“ (171) sich in die Gemeinde hineingesungen hat. Und Luther war nicht nur Dichter, er war auch Komponist. Uns allen ist der rührende Zug aus seiner Jugend bekannt, wie er als Knabe in Eisenach vor den Türen Brot sang. Die Laute lernte er spielen,

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als er durch eine Verwundung am Schenkel zu unfreiwilliger Muße verurteilt war. Da hat er seinen Bund mit Frau Musika geschlossen, von der er rühmt: „In Summa, die edle Musika ist nach Gottes Wort der höchste Schatz auf Erden. Sie regiert alle Gedanken, Sinn, Herz und Mut. Willst du einen Betrübten fröhlich machen, einen rohen, wilden Menschen zäumen, dass er gelinde werde, einem Zaghaftigen einen Mut machen, einen Hoffärtigen demütigen und dergleichen, was kann besser dazu dienen, denn diese hohe, treue und edle Kunst?“

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Aus Briefen

eines am 19. September 1915
im Feldlazarett zu St. Goar Gestorbenen (J. B.)

Trier 3. Mai 1915

Was aber nicht zu ändern ist, das ist der Schicksalsstunde dieser schweren Zeit entgegenzuschreiten. Soeben haben wir Kaffee erhalten dazu trocken Brot in düsteren Baracken ist unsere Kost, aber nicht dürft ihr denken, dass es mir nicht recht passen würde für mich: Es hat mir sehr gut geschmeckt. Wenn nun, meine Lieben, das Schicksal es so bestimmt haben sollte, dass ich die Teuren in der lieben Heimat - was mein sehnlichster Wunsch gewesen wäre - nicht mehr sehen sollte, so möchtet Ihr alle Gott befohlen sein und mein letzter Wunsch ist: Lasst Euch das Herz nicht schwer werden. Wenn ich sollte mit hinausziehen, so bangt nicht um mich, denn einmal, meine Lieben, muss doch von dieser Erde geschieden werden, wenn auch früher oder später. Aber ehe noch die letzte Stunde geschlagen haben sollte, so wollen wir uns gegenseitig - wenn auch das geringste vorgekommen ist, wo wir wohl öfters gegenseitig hätten können manches verhindern - verzeihen und in dieser Hinsicht vergangenes nicht mehr gedenken. Auch ich werde nicht verzagen, obwohl es ein schwerer Gang ist - wo es doch gilt, das Wohl der Lieben in der teuren Heimat zu erringen, was das eine ist, was mich aufrechterhält.

1. Juni (nun rückt er aus):

Wenn ich sollte nicht mehr wiederkehren, dann lege ich mein kleines Anteil, welches mir an irdischem Gut zugetan ist, Vater, dir in die Hände.

Gent 17. Mai (an den Vater):

Lebt in Frieden und teilt gemeinsam Freud und Leid - mich braucht ihr bei allem nicht in Betracht zu ziehen. Denn sollte ich wiederkehren, dann wird es ohne Zweifel sein, dass ein Weg für mich zu finden ist. Ich möchte euch, wenn es sollte, mein Leben auf dem Schlachtfeld, was nicht unmöglich sein kann, lassen, in Frieden vereint wissen, denn es würde mein Sterben selbst erleichtern. Dann meine Lieben, lasst es Euch nicht so schwer werden, und traut auf Gott, indem dass er die Geschicke lenkt.

26. Juni (an Bruder H.)

Ehe ich am heutigen Abend in den Graben rücke, will ich Deiner, lieber Bruder, noch einmal gedenken, denn wer kann wissen, ob es morgen noch gestattet ist. Darum ist mir jede Minute, in der ich an Euch und Dich denken darf, wert und köstlich und möge Gott geben, dass ich Euch noch oft schreiben dürfe.

12. Juli

und immer tiefer träumt man sich in die Heimat hinein. Aber bald hört man ein dumpfes Grollen - dann ist es mir, als zöge ein Gewitter über die heimatlichen Fluren, in denen ich glaubte, im Traum in Wirklichkeit zu leben. Aber enttäuscht aller Hoffnungen sagten wir diese eisernen Morgengrüße, dass ich nicht umgeben von all dem Lieben in der Heimat, sondern von einer Welt von Feinden umringt war.

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[im Original ohne Seitenzahl-Angabe]
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16. Juli

Gerne will ich warten, wenn es auch noch lange dauert, auf die Zeit, wie man wieder nach der Heimat zurückkehren darf.

22. Juli (an Bruder H.)

Wenn ich an jenem Abend Tränen tiefen Sehnens leise die Wangen herabrollen fühlte, so hätte mich sicher Dein Bild, in welchem du mir die liebe Heimat noch einmal vor Augen stelltest, dazu bewogen. Und an sorglose Zeiten, welche ich einst verleben durfte in glücklicher Kinderzeit erinnerte mich der liebe Name meines lieben Schwesterchens Johanne ... In solchen Stunden der Empfindung muss man wohl seine ganze Kraft einsetzen, um treu der Fahne zu folgen. - Es ist das Leben hier fast eine vollständige Entsagung, aber für die Menschen, welche zurückkehren, eine tiefe Lehre ... Solange sich ein Mensch nicht über mich aufregt, hegt er noch keine Liebe zu mir, und so ist es auch in Beziehungen zu Eltern und Geschwistern.

28. Juli

wenn ich nicht wieder zu euch zurückkehre, werde ich es wissen, ihm in brüderlichem Dank zu lehren ... Dann ist noch für mich ein lastender Gedanke, dass ich Euch bei so arbeitsschwachen Kräften in so schwerer Arbeit allein weiß, aber Gott der Herr wird Euch eure Arbeit lohnen.

3. August (Patrouillengänge)

... aber ohne Zagen werde ich jeder kommenden Stunde mit dem innigsten Vertrauen auf Gott, der mir zu jeder Arbeit wird beistehen, entgegensehen, und die von ihm angewiesene Arbeit mit dem Bewusstsein treuester Pflichterfüllung ohne zu wanken angreifen.

22. August (mit kleinem Granatsplitter, den Achselklappe und Rock abhielten):

In dem nur ein kleiner Flecken sichtbar ist, hatte ich Gott, der mich bis hierher behütete, besonders zu danken, aber auch Ihr werdet das Gleiche mit mir tun.

28. August (an Bruder H.):

Eiserne Grüße der Geschütze ... Tagelang Stiefel voll Wasser ... will nicht über mein Schicksal, weil nur Gott unser Führer ist und auch nur sein kann, keine Klage laut werden lassen. Wenn er (ein anderer Bruder) was ich ja sehr bedauere, den Weg zu Euch nicht findet, so muss ich sehen, dass auch mein Schreiben an ihn wertlos gewesen ist, und bedaure sehr, das er in den doch so sehr geringen Verhältnissen den Übermut hegt, mit ernsten Absichten dem Wunsch seines Herzens entgegen zu ringen und kann nicht verstehen, wo er doch auch im Kriege gewesen, dass er nicht zum rechten Einsehen kommen will ... so wäre es doch mein einziger Wunsch, dass er recht bald auf friedlichem Wege mit euch stünde und wenn ... sie es nicht verstehen Euch zu lohnen, so werde ich, wenn ich wiederkehren darf, Euch alles wieder ins richtige Gleise eintreten lassen.

11. September

Jetzt rücken wieder 12 schwere Tage für mich heran (in dem Graben). Möge Gott mir auch in diesen Tagen wieder zur Seite stehen.

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[im Original ohne Seitenzahl-Angabe]
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Die Kriegsgefangenen

Es gerieten in Kriegsgefangenschaft aus dem Dorfe Werlau:

Wehrmann Philipp Michel ev. 1914 in Frankr. Zurück X. 18
Musk. Johann Markus, kath. Febr. 1915 in Polen zur. 10.18
Res. Peter Knab kath.
Musk. Siegfried Mayer isr.
Schütze Heinrich May ev. + in Gefangenschaft. 4. Sep. 15
Musk. Heinrich Kuhn ev., 8. Aug. 18, engl. Gefangenschaft
Musk. Gottfried Lang ev., Sept. 18, engl. Gefangenschaft

Am 8. August 1918 kehrte der erste Werlauer aus der Kriegsgefangenschaft heim, Johann Markus, in russischer Gefangenschaft seit Februar 1915. Nachdem seit November vorigen Jahres keine Nachricht mehr von ihm eingetroffen war, wurde er fast schon als tot betrauert, bis er vor kurzem von einer deutschen Feldpoststation aus seine Rückkehr meldete. Das ganze Dorf nahm an seiner Heimkehr Anteil. Vom „Stein“ herunter waren die Häuser beflaggt, so reich wie bei keinem Sieg - man hat noch gar nicht gewusst, dass die Werlauer so viele Fahnen haben - vor dem Wohnhaus war ein grünes Laubgewinde aufgestellt. Es war aber auch ein bewegender Anblick, als der Mann in seinem feldgrauen Rock mit einem Blumenstrauß in der Hand, geleitet von Mutter und Schwester, umgeben von einer Schar weißgekleideter Kinder, empfangen von fast allen Dorfgenossen, nun endlich vor dem väterlichen Haus stand, dem dies Jahr so große Veränderungen gebracht hat, (der Vater im Januar tödlich verunglückt, der einzige Bruder im Mai gefallen). Im Namen des Dorfes dankte der Ortspfarrer dem Heimgekehrten für das, was er in der Gefangenschaft für die Heimat ertragen hat, die Kinder sangen zum Gruß „Im schönsten Wiesengrund steht meiner Heimat Haus“. Unter den Umstehenden aber sah man es in manchem Gesicht zucken, denn diese Wiederkehr griff denen doppelt ans Herz, die keine Wiederkehr ihrer Lieben erhoffen durften. Jeder aber, der dies ergreifende Bild aus dem Dorfleben im Krieg in sich aufgenommen hat, sollte wieder spüren: Es gibt doch nichts Teureres als die Heimat, und wenn man auch für sie entbehren und sich plagen und vielleicht auch einmal sein Brot trocken essen muss, so steh‘n wir doch auf unserer Heimatscholle, hören heimische Laute an unser Ohr schlagen und müssten uns schämen, wenn wir unsere heimkehrenden Gefangenen nichts als Unzufriedenheit und Klage sollten hören lassen.

Als Zweiter aus dem Dorfe, als erster von der ev. Gemeinde, kehrte der Wehrmann Philipp Michel heim am ... 10.1918. Der Empfang hat sich ähnlich abgespielt wie oben. Leider war ich nicht zugegen, da ich kurz zuvor in Urlaub ging. Die Begrüßungsansprache hielt der Lehrer Hottenbacher aus St. Goar. Der Männergesangsverein war zum ersten Mal seit der Vorkriegszeit wieder zusammengetreten und sang ihm ein Willkommen der Heimat zu. Diese Heimkehr war besonders ergreifend, weil der Heimgekehrte Weib und Sohn nach 4-jähriger Trennung wiedersah und ein nach dem Auszug der Krieger (10.14) geborenes Töchterlein vorfand, das den Vater noch nie von Angesicht gesehen hatte. Die Erlebnisse des

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[im Original ohne Seitenzahl-Angabe]
BLATT 57
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Mannes verdienen besondere Aufzeichnung (nach seinen Erzählungen oder besser noch von ihm selbst).

Aus der Gemeinde Holzfeld gerieten in Kriegsgefangenschaft

Peter Theis engl. Bruder von Frau A. Wilbert
Friedrich Seitel Franz Sohn von Witwe Seitel
Karl Klös, engl. Sohn v. Kirchmeister Klös, 12. Komp. Res. I.R87 III.Btll. Am 3.X.1918 gefangen, kaum 4 Wochen nach dem Ehrentod seines älteren, einzigen Bruders.

Heute am 17. Juni 1919 kommt die Nachricht, dass wieder ein Kriegsgefangener unserer Gemeinde in Feindesland gestorben ist: Heinrich Kuhn Sohn v. Wagner Kuhn, geb. 20. Febr. 1888 in Werlau, verheiratet mit Lina, geb. Jost, Vater eines Kindleins von 18 Monaten. Ein Kamerad schreibt seiner Frau, dass er am 24. Mai in einem Lazarett in Rastford, Kent, England, an einer Lungenerkrankung gestorben ist. Schon seit einiger Zeit sind seine Briefe von fremder Hand geschrieben, angeblich, weil er eine Verletzung an der rechten Hand hatte. Der letzte Brief vom 22. Mai trug einige Zeilen von seiner eigenen Hand. Man glaubte seiner Angabe nicht und ahnte nichts Gutes. So viel man vermuten kann, ist der große, starke Mann langsam an ungenügender Ernährung und zehrendem Heimweh zu Grunde gegangen. Er schrieb in einem Brief, er sei stark abgemagert, fast ein Skelett. Im Mai hat er die ersten Nachrichten von zu Hause erhalten: Eine Karte, 2 Briefe; von den zahlreichen Paketen, die von der eigenen und der Familie seiner Frau geschickt wurden, nur 2-3. Es ist empörend, zu erleben, wie man unsere jungen Menschen in Gefangenschaft seelisch und körperlich dahinsiechen lässt. Wo bleibt die Menschlichkeit des Verbandes?

Im Spätherbst wurde eine Sammlung für die Kriegsgefangenen veranstaltet; sie ergab 159,50 M. Weil die Versendung von Paketen damals sehr unsicher war, Bücher auch nicht unmittelbar versandt werden durften, so wurde das Rote Kreuz in Cöln gebeten, ein Buch zukommen zu lassen. Eine Bestätigung, ob ein Gefangener die Pakete erhalten hat, liegt bis heute noch nicht vor.

Der Sonntag Laetare, der 30. März 1919, wurde dem Gedächtnis und der Fürbitte für unsere Kriegsgefangenen gewidmet. Text Hebr. 13,3. Als Hauptlied Gottfried Arnolds „O Durchbrecher aller Bande“. Nr. 313


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[im Original ohne Seitenzahl-Angabe]
BLATT 58
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Aus Briefen eines Gefangenen

Ihr werdet wohl auch bald denken, ich müsste jetzt bald mal genug bestellt haben, weil doch jeder Brief und jede Karte lautet: Schickt mir das und schickt mir das. Aber liebe Eltern, weil ich nur auf Eure Güte und Barmherzigkeit angewiesen bin, so werdet Ihr mir verzeihen können, wenn ich öfter schreibe, schickt mir dieses oder jenes. Ich bin jetzt über 2 Jahr hier und die Zeit ist mir wie die doppelte vorgekommen. Und jetzt wird mir der Winter, welchem ich mit Grauen entgegengehe, noch länger und unerbittlicher vorkommen. Aber hoffentlich geht auch er vorüber und das Frühjahr werden wir, so Gott will, zu Hause sein dürfen.“

Seine Tätigkeit: Arbeitet in einem Laubwald. Arbeit selber sei zum Aushalten - wäre aber lieber daheim und hülfe bei der Ernte. Nasskaltes Wetter, ewiges Einerlei - Aushalten ist die Losung. Derselbe Beruf bleibt wie zu Anfang einsam und langweilig.

So müssen wir uns doch in unser Los schicken, schließlich erwarten wir ja eine baldige Erlösung“. Lässt später durchblicken, dass in der Gefahrenzone: „Luft nicht ganz sauber, Bekannte habe ich keine, von denen man einmal ein heimisches Wort hörte.“ Traum: Er säße daheim auf dem Kirschbaum.

Seelenzustand: Ersehnt das Ende des jammervollen Zustandes, „wieder als Mensch behandelt zu werden. Aber es kann nicht sein und ich werde meine Last noch länger tragen müssen, es muss doch ein Ende geben.“

Manchmal der Verzweiflung nahe, aber man muss sein Los mit Geduld tragen: „Wir sind halt Gefangene.“

Sehnsucht, „dass man mal wieder ein freies Leben führen kann, denn dieses kriegt der nervenstärkste Mensch zum Überdruss, aber es bleibt ja sonst nichts übrig als aushalten, und wenn Gott will, geht es auch.“

April 18: „Mein Befinden ist augenblicklich nicht zum Besten, darum müssen wir die tägliche Losung sein lassen: lerne leiden ohne zu klagen. Unsere Arbeit ist immer noch im Walde und werde daher auch im Walde mein Leben beenden.“ Hofft, das Friede bald Erlösung bringe.

Nun noch eines ihr Lieben: Da wir nun heute schon das zweite Pfingstfest hier feiern müssen, so ist mir, wenn ich an das vergangene Leben zurückdenke, alles wie ein Traum, welcher nur einen winzigen Schimmer von Erinnerung zurückließ. Gerade am heutigen Tage fällt es mir sehr schwer, mich in mein Los zu fügen, wenn ich an der Vergangenheit schöne Tage gedenke, obwohl ich ja nur eine spärliche Jugend genossen habe, was doch nur eines Menschen einmaliges Leben ist, die Jugend. Aber unsere Hoffnung ist doch Tag und Nacht, dass wir bald von diesem ewigen Einerlei erlöst werden und unser Schicksal



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[im Original ohne Seitenzahl-Angabe]
BLATT 59
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mit Geschick in Geduld tragen, solange ich weiß, was Ihr an mir getan habt und noch tun werdet, solange ich mich in dieser Lage befinde, Außerdem bin ich Mine noch grenzenlosen Dank schuldig für ihre Aufopferung, die sie mir gegenüber zeigt, indem sie mir mein Leben hier erleichtern hilft, aber darum darf ich auch Paula nicht vergessen, sie hat mich ja auch schon mit manchem Brief erfreut. Nochmals herzlichen Dank für Eure Wohltat, die Ihr mir bis jetzt erwiesen habt.“


Im letzten Brief 4. August 18: „Wird nun für mich auch die Stunde bald schlagen, wo ich in Werlau Einzug halten darf, wenn auch nicht mit Ruhmesglanz, dann doch bei Euch mit Freude.“

Die erste Nachricht von seinem Tode war das Wort „décedé“ auf mehreren zurückkommenden Briefen im Dezember 18, das mir der Vater des Verstorbenen zitternd vor Augen hielt, ich solle ihm dies eine Wort übersetzen. Dies Wort blieb bis zum Mai 19 die einzige Nachricht. Da kam endlich nach mehrfachen Anfragen durchs Rote Kreuz ein Auszug aus dem Sterberegister des genannten Hospitals. Aber auch nicht amtlich von einer französischen Behörde und ohne jede Angabe über die Todesursache. Warum kein Brief, keine Zeile von einem Kameraden? Erlitt er bei Arbeiten im Feuerbereich eine schwere Verwundung?


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[Seite 1 - im Original ohne Seitenzahl-Angabe]
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Unsere Gefallenen

I. Aus der evangelischen Gemeinde Werlau

1914

1. Fritz Michel, im Res. Inf. Reg. 68, gefallen am 26. September 1914 begraben bei Hurlus (Champagne). Geb. … in Werlau, Sohn v + Wirt... Michel. Bruder des seit 1914 gefangenen Wirtes Philipp Michel. War bei Kriegsausbruch Monteur in Eisenberg in der Pfalz. Unverheiratet.

2. Gustav Wagner, Reservist in Pion.Reg. 30, gefallen am 19. November 1914, begraben am Wald von Apremont, Einzelgrab. Unser Gemeindeglied Res. Christian Karbach aus Holzfeld (Stiefsohn v. Dav. Friedrich) hat ihn bestatten helfen und sein Grab geschmückt. Geb. 2. August 1889 als Sohn des Bergmannes Ludwig Wagner. War bei Kriegsausbruch Bergmann in Werlau. Unverheiratet. Mutter ist Witwe. 5 Kinder stehen im Feld. Für Gustav Wagner und Fritz Michel wurde eine gemeinsame Gedenkfeier in der Frühe des Totensonntages 1914 gehalten.

3. Peter Müller … im Res. Jäg. Btl. 24, gefallen am 26. November 1914 bei Moorslede (getroffen von einer Stahlblende am Geburtstag seines ältesten Töchterchens, 4 Wochen nach dem Abschied von seinen Lieben), im Einzelgrab beigesetzt, das auch genau nach der Lage bezeichnet war, dann nach dem Friedhof von Moorslede überführt, aber dort nicht mehr auffindbar. Geb. 16. Febr. 1888 in Werlau als Sohn Philipp Karl Müller IV. Verheiratete sich am 9. August 1911 mit Katharine Phil. Elise Kraemer. Hinterlässt eine Witwe und 3 Kinder. Gedächtnis in der Adventsandacht am Abend des 9. Dez. 1914, Text Luc. 4, 16-22. Zu seinem Gedächtnis die 2 beigefügten Gedichte seines Schwiegervaters Phil. H. Kraener (+ X.18 an der Grippe). „Fern von der Heimat“, „Und wenn ich einst beim Siegereinzug fehle“.

1915

4. Lorenz Hilgert ... im Inf. Reg. 69, gefallen am 14. Febr. 1915
begraben bei Perthes, 2 Tage vor Beginn der „Winterschlacht in der Champagne“. Sein Feldwebel nennt ihn einen der Besten in der Komp., durch seine Treue und seinen Mut sei er den Kameraden ein Vorbild gewesen, durch seine friedliebende Gesinnung den Gefährten ein Freund, Streit hat er nicht aufkommen lassen. Geb. 19. Jan. 1885 in Werlau als Sohn des Bergmanns Jakob Hilgert. Verheiratete sich am 18. April 1910 mit Frieda geb. Mudersbach, hinterlässt Witwe und 3 Knaben, von denen der jüngste nach seinem Tode zur Welt kam.

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Lebt im Gedächtnis der Gemeinde fort durch sein schönes Hornblasen. Gedenkfeier am 3. März 1915, Text 2. Kor. 1, 5.

5. Christian Petry … im Res. Inf. Reg. 237, gefallen am 7. Mai 1915 vor Ypern am 1. Tag, als er im Schützengraben war. Zwischen grünen Büschen in einem Garten begraben, das Grab wurde von Joh. Bengard im Sommer 15 besucht. Geb. am 8. Nov. 1891 in Werlau als Sohn des Schusters Franz Petry. Unverheiratet, stand bis zu seiner Einberufung in Frühjahr 15 seiner verwitweten Mutter zur Seite. Am Himmelfahrtstag, als es zur Kirche läutete, kam die Todesnachricht. Am 1. Pfingsttag Nachm. War die Gedenkfeier. Text Matth. 25, 36.

6. Johann Bengard … im Res. Inf. Reg. 238. Am 19. Sept. 1915 seiner vor Ypern erlittenen Verletzung erlegen im Feldlazarett zu Staden. Begraben... Geb. am 26. Jan 1889 in Werlau als Sohn des Schreiners Peter Bengard. Unverheiratet, arbeitet als geschickter Schreiner und Zeichner in der Werkstatt seines Vaters. Seine Briefe sind ein rührendes Zeugnis dafür, welch zarte und tiefe Empfindung bei den Männern, die draußen dem harten Schwertwerk obliegen müssen, zu finden ist (Ein Auszug aus den Briefen liegt bei). Gedenkfeier am Abend des 29. Sept. Text Joh. 13, 15.

7. Ernst Maus, Musketier im Res. Inf. Reg. 65, gefallen am 16. Sept. 1916 bei einem Sturmangriff vor Halicz in Galizien. Mitkämpfer der Somme-Schlacht. Hat aus ihr die Zuversicht mitgenommen, „dass die Engländer und Schwarzen sich bald die Hörner abgestoßen haben, denn ein Durchkommen ist für sie nicht möglich, da der deutsche Geist unverwüstlich ist.“

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Geb. 8. März 1895 als Sohn von Adam Maus in Werlau. Stand bis zu seiner Einberufung seiner Eltern zur Seite. Gedächtnis im Gottesdienst am 15. Okt. 1916. Text Ev. des vorhergehenden Sonntags Luk. 7, 11-17. 1917.

8. Fritz Scherer, Unteroff. Im Inf. Reg. 25 Inh. des E.K. II., gefallen am 24. April 1917, seinem 24. Geburtstag, bei Roeux an der Seite seines Freundes, doch konnten ihn die Unseren nicht mehr bergen, da sie zurückmussten. Seit dem 1. Kriegsjahr im Felde. 1915 in den Kämpfen bei Arras um die Lorettohöhe, Souchez und Neuville „Schlimmer wird es wohl nicht mehr bei uns werden.“ Hofft auf baldige siegreiche Wendung. Im Dez. 1916 schaut er auf 3 abgeschlagene Offensiven an der Somme seit Juli zurück, an denen er als Kompaniemelder teilgenommen hat. „Wir sind diesmal alle so fertig, wie wir es noch nie waren.“ Im April 1917 wieder bei Arras, schreibt im Vorgefühl schwerer Tage: „Es ist noch dunkel, wo wir eingesetzt werden; wir müssen wieder auf Gott vertrauen, er allein kann uns helfen.“ Freundeshand setzt ihm in Worten treuer Kameradschaft ein schönes Denkmal, Vorgesetzte und Kameraden rufen ihm Worte warmer Anerkennung und ehrender Auszeichnung nach. Geb. 24. April 1893 als Sohn des Bergmanns G. Peter Scherer in Werlau; ging bis zu Kriegsausbruch mit seinem Vater auf die Grube. Gedenkfeier am Nachm. des 1. Pfingsttages. Text Joh. 14, 16. 1918

9. Gottfried Scherer, Schütze im Inf. Reg. 30 am ... Juli 1918 durch Lungenschuss schwer verwundet in den Kämpfen zwischen Aisne und Marne, bis 20. Juli im Feldlazarett 31 zu Juvigny, von wo die Nachrichten des Lazarettpfarrers und San. Offiziers ernst, doch nicht hoffnungslos lauteten. Auf dem Transport nach der Heimat im Kriegslazarett 3 in St. Quentin seiner Verwundung erlegen am 23. Juli, am 24. auf dem St. Martin-Soldatenfriedhof zu St. Quentin bestattet. Wenige Tage nach der telegr. Todesnachricht traf noch aus dem Feldlazarett ein Brief des San. Unteroff. ein, der ihn gerettet auf der Fahrt nach Deutschland glaubt: „Sie sehen, dass wir ihn so ganz leidlich dem Tode abgerungen haben.“ Geb. am 17. Juni 1899 als Sohn des Ackerers Heinr. Scherer zu Werlau. Auf der Post in St. Goar beschäftigt. Der Jüngste unter den Gefallenen. Seine Briefe lassen erkennen, wie die Seele eines so jungen Menschen den Leiden und Entbehrungen des Feldes noch nicht gewachsen ist. Gedenkfeier am Gedenktag des Kriegsanfangs, 4. Aug. 1918, Text Spr. 23, 26.

10. Gottlieb Wagner. Schütze im Inf. Reg. 170 gef. 5. Okt. 1918 in schweren Tankkämpfen gegen die Amerikaner in den Argonnen, so starb und ruht er in derselben Erde wie sein Bruder (Nr. 2) Im Heeresdienst seit Herbst 1917, im Felde seit Juli 18, Ende Sept. bereits mit dem EK II Klasse ausgezeichnet.

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Geb. 4. Febr. 1899 in Werlau als jüngster Sohn des Bergmanns Ludwig Wagner und Johanna geb. Pfau. Mitkonfirmand des Gottfried Scherer (9) und mit ihm durch treue Freundschaft verbunden. Tief erschüttert hat ihn dessen Tod. Bis zum Eintritt ins Heer unterhielt er seine Mutter, die 6 Söhne während des Krieges im Heer stehen hatte und am Beginn und am Ende einen opfern musste. Gedenkfeier am Totensonntag 1918 im Gottesdienst. Am selben Tag wurde der letzte Überlebende Mitkonfirmand W. Seitel in Holzfeld, ein Opfer der Kriegsseuche, zur letzten Ruhe gebracht. So hat der Krieg die Konfirmanden eines ganzen Jahrganges dahingerafft.

Gefallen

II. Aus der evangelischen Gemeinde Holzfeld

1.Philipp Heeb, Pionier, geb. 1. Febr. 1895 in Holzfeld als Sohn von Wilh. Heeb und Anna Gertrud geb. Karbach. Maschinist auf Rheinschiff. Juli 1915 ins Heer eingetreten, ins Feld gerückt im Dez. 15. Er nahm teil an den Kämpfen zwischen Arras und Lille, sowie an der Somme-Schlacht. Am 8. Dez. 16 schwer verwundet, starb am 14. im Feldlazarett und wurde am 15. auf dem Ehrenfriedhof zu Montecourt beigesetzt. Die Gedenkfeier wurde am 24. Dez. in der Kirche zu Holzfeld gehalten. Text Joh. 6, 20

2. Wilhelm Klös, Unteroff., Inf. Reg. 477, geb. 23. Jan 1893 in Holzfeld als Sohn von Christ. Klös und Katharin geb. Gewehr, Landwirt. Seit Herbst 14 Soldat, im Feld seit 20. März 15. Immer im Westen, immer an der Front, selten an ruhigen Stellen. Nie krank und nie verwundet trotz Teilnahme an den schwersten Kämpfen. Schrieb nie von den Gefahren, klagte auch nie. Erhielt im Juni 18 E/K I, gef. Am 6. Sept. 18. Gedenkfeier in der Holzfelder Kirche am 29. Sept. 18, Text Jak. 5, 7-8.


Vermisst aus der evangelischen Gemeinde Werlau:

1. Philipp Eckard, Reservist im Inf. Reg. 28, vermisst seit 6. Sept. 14 in den Kämpfen bei Vitry le Francois (Rückzug a. d. Marne). Geb. als Sohn des Ackerers Phil. Eckard in Werlau. Verheiratet sich mit Anna Elisabeth geb. Nocher 1913 aus Fornich. Wohnte im elterl. Hause zu Werlau. Er hinterlässt seine Gattin und ein Töchterchen.

2. Philipp Merten, im Inf. Reg. 25, vermisst seit 9. Sept. 14 bei Dompremy. Geb. am 24. Mai 1882 als Sohn des Ackerers und Steigers Friedr. Merten. Verheiratete sich am 22. Febr. 1910 mit Marta Maus. Die Ehe blieb kinderlos. Am Totensonntag 15 haben wir der beiden im Gottesdienst gedacht und Ehrenkränze für sie aufgehängt.

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3. Wilhelm Debus, Musketier Inf. Reg. 129, 10. Komp. vermisst seit 5. Sept. 1916 nordöstlich von Halicz. Geb. 28. Jan. 1895 in Wiesbaden als Sohn des Bahnwärters Debus, jetzt wohnhaft in Prinzenstein. Ein Kamerad will genau gesehen haben, dass er unverwundet in russ. Gefangenschaft geriet (Ein öffentliches Gedenken unterblieb auf Wunsch der Angehörigen.).

4. Peter Scherer, Grenadier im Garde Gren. Reg. 5, vermisst seit 12. April 17 bei Arras. Geb. 21. Mai 1892 in Werlau.

Aus dem Dorfe Werlau werden ausserdem vermisst:

1. Musketier Kaas, kath.

2. Musketier Peter Bröder, kath. Inf. Reg. 18 geb. 6. Jan. 1898, vermisst seit 22. Sept. 1917 zwischen Reims und Verdun.

Aus dem Dorfe gefallen (außer den Gemeindegliedern):

1. Leutnant Fritz Krämer (ev. freie Gemeinde) Sohn des Vorstehers der freien Gemeinde, 5. Sept. 1916 verunglückt im Zeppelin bei einer Fahrt nach Bukarest.

2. Wehrmann Wilhelm Bröder, kath. + 26. Sept. 1914, Kath.

3. Pionier Jos. Schmitz, kath. + 1. Jan. 1915

4. Ers. Res. Wilhelm Hamann, Kath. + 16. Juni 1915

5. Pionier Wilhelm Markus, kath.

Israeliten:

6. Leopold Gamaliel, isr. + 6 Jan. 1915

7. Gustav Meyer isr. + 17. Juli 1915

8. Siegmund Meyer isr. (Brüder)

9. Adler, isr. suchte infolge nervöser Depression, die er im Felde erlitten, vom Lazarett aus den Tod in den Wellen des Rheins.


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[im Original ohne Seitenzahl-Angabe]
BLATT 65
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Zum Gedächtnis - I

Fern von der Heimat Fern von uns allen
Ist er als Held Bei Moorlede gefallen.


Ich habe ihn Nachts begleitet
Auf seinem Abschiedsgang
Und unter Gottbefohlen
Hat er mir gedrückt die Hand.


Ihr alle, Ihr dürft euch freuen,
Wenn heimkehren der Sieger Rhein.
Wir aber werden weinen
Im stillen Kämmerlein.

Denn wir gaben das Liebste, Beste Zum Opfer fürs Vaterland.
Doch von nun an vertrauen wir feste
Auf des Allmächtigen Hand.


Er wird die Wunden heilen,
Die uns geschlagen von Feindes Hand,
Und der Himmel wird uns vereinen
Mit den Gefallenen fürs Vaterland.


Ph. H. Kraemer + 1914


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[im Original ohne Seitenzahl-Angabe]
BLATT 66
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Zum Gedächtnis - II

1.
Und wenn ich einst beim Siegereinzug fehle
Beweint mich nicht, beneidet nur mein Glück.
Lasst sanft mich ruh‘n in Flanderns feuchter Erde
Und wünscht mich nicht in Kampf und Streit zurück.

2.
Ich lasse euch ein Weib, drei liebe Kleine,
Nehmt sie in Sorg und treue Obhut auf.
Denn treu hab‘ ich gekämpft im Schützengraben
Für euch daheim, die ihr den Acker baut.

3.
Die linke Schläfe war das Ziel gewesen,
Da mich hin traf des Feindes Schrapnell.
Und lautlos sank ich in die Knie zusammen
Den Heldentod, doch ach, es war zu schnell.

4.
Und wackre vierundzwanziger Jäger,
Die gruben mir ein schönes Einzelgrab,
Mit grünen Tannen war es ausgeschlagen,
Ganz in der Näh‘, wo ich gestritten hab.

5.
Dort will ich ruhen nun und friedlich schlafen
In fremdem Land, mit fremden Sand bedeckt.
Bis einst wird die Posaune hell erschallen,
Die alle Krieger aus den Gräbern weckt.

6.
Dann kommen wir in großen hellen Haufen
Mit Palmen statt der Büchse in der Hand,
Dann wird man keinen Sturmangriff mehr laufen.
Wir ziehen friedlich heim ins Vaterland.

7.
Drum wenn ich einst beim Siegereinzug fehle,
Beweint mich nicht, beneidet mir mein Glück.
Vergesst der tränenreichen Abschiedsstunden,
Denn groß ist der gefallene Krieger Glück.


Geschrieben zum Trost für mich und die Meinen
1915
Ph. H. Kraemer, Schwiegervater des Gefallenen



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[Seite 1 - im Original ohne Seitenzahl-Angabe]
BLATT 67
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Kriegsliebesdienst
Kleinkinderbewahrstelle

Es war im Frühjahr 1915 vorauszusehen, dass bei der kommenden Sommer- und Herbstzeit die Frauen der Gemeinde ganz außerordentliches würden zu leisten haben, da im Winter noch viele arbeitsfähige Männer zum Heeresdienst eingezogen wurden, welche im Herbst 1914 hatten mit anpacken können. So würden die Frauen schon am Morgen aufs Feld hinaus müssen - aber was wird aus den Kindern, die noch nicht die Schule besuchen? Die ganz kleinen mochten ja vielleicht im Wagen mit hinausgefahren werden und draußen bei der Arbeit richtig am Feldrain stehen - aber die Gesellschaft, die schon laufen konnte? Nahm die Mutter sie mit, so musste sie stets ein Auge auf die Kleinen haben, und sie verlor die Zeit für ihre Arbeit. Und vielleicht fällt ein Kind in Sense oder Sichel, die im Gras oder Heu niedergelegt sind. Zu Hause aber hatte die Großmutter zu kochen, für das Vieh zu sorgen, war auch nicht immer mehr schnellfüßig genug, um der kleinen Gesellschaft nachzulaufen, wenn sie etwas Gefährliches anzustellen drohte. In vielen Häusern fehlte auch diese Aufsicht. So drängt sich ganz von selber der Gedanke auf, die kleinen Kinder zu sammeln und unter gemeinsame Aufsicht zu stellen. Diesen Erwägungen begegnete eine Anregung der Kgl. Regierung in Coblenz, welche unter Hinweis auf einen Aufsatz von Frau Pastor Haarberk ähnliche Gedanken entwickelte und mitteilte, der Bonner Ausschuss für hauswirtschaftliche Kriegshilfe sei bereit, eine Kinderbewahrstelle mit Geldmitteln zu unterstützen.

Einige Schwierigkeiten schien die Frage zu bereiten, wer bei den Kleinen die Aufsicht führen sollte. Denn die Anstellung einer ausgebildeten Kindergärtnerin schien zu große Kosten zu versuchen. Da erbot sich ein 18-jähriges Mädchen aus dem Dorf, Katharina Brück, sich in die Aufgabe hineinzuarbeiten. Ihr wurden täglich 2 ältere Mädchen der Oberstufe beigegeben, welche ihr beistehen sollten, die Schar zu unterhalten und zu beaufsichtigen. Es mag gleich gesagt werden, dass Katharina Brück, nachdem sie die ersten Schrecken über die zügellose Gesellschaft überwunden hatte, sich sehr nett in ihren neuen Beruf hineinfand, eine himmlische Geduld mit den kleinen Schreihälsen an den Tag legte und ganz reizend mit ihnen zu spielen wusste. So war kein Grund vorhanden, als der Bonner Ausschuss für Hauswirtschaftliche Kriegshilfe, die unentgeltliche Anstellung einer ausgebildeten Kindergärtnerin anbot, einen Wechsel eintreten zu lassen. Den Schulmädchen, welche für ihre Hilfeleistung den Vormittag frei bekamen, war diese Betätigung bei den Kleinen recht lehrreich, den Umgang mit Kindern mögen die künftigen Mütter kaum früh genug erlernen.

Da im Dorfe kein geeigneter Spielplatz ist, so wurde ein Teil des alten Kirchhofs durch einen widerstandsfähigen Zaun mit verschließbarer Tür abgegrenzt, ein Sandhaufen dort aufgeschüttet, die Cypressen und Tannen von Pfarrer Pfenders Grab spendeten Schatten. Es hatte etwas Rührendes, die Kinder mit ihren Schippchen und Eimerchen auf den Grabeinfassungen sitzen zu sehen. Da die Gräber an jener Stelle längst von Gras über-

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[ - Seite 2 - ]
BLATT 68
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wachsen waren, so gab es für die Wahl des Platzes keine Bedenken. Zugleich war es ein freundlicher Gedanke, dass die munteren Kinderfüßchen so sorglos über den Häuptern entschlafener Geschlechter umhertrampelten. Bei Regenwetter und an den kühleren Herbsttagen bot ein großer, auch heizbarer Raum der leerstehenden Lehrerwohnung der Kinderschar Aufnahme.

Im Anfang der Heuernte, am 14. Juni, wurde die Bewahrstelle eröffnet. Sie war in erster Linie für die Kinder der Kriegsteilnehmer gedacht, wurde auch wohl ausschließlich von diesen besucht. Auch die Kinder zweier Gefallener spielten hier fröhlich und ahnungslos unter den Gefährten. Die Einrichtung diente natürlich dem ganzen Dorfe, ein Unterschied des Bekenntnisses wurde nicht gemacht. Die Zahl der täglichen Besucher war meist etwa 30, das Alter war 2-5 Jahre. Morgens von 8-11, nachmittags von 3-½7 wurden sie beaufsichtigt. Bei einer Masernerkrankung schmolz die Schar kürzere Zeit stark zusammen, jedoch brauchte die Bewahrstelle nicht geschlossen zu werden. Ein großer Teil konnte auf dem Sandhaufen spielend sich selbst überlassen werden, andere machten mit Katharina Reigenspiele, lernten kleine Lieder, scharten sich um sie, wenn sie Märchen erzählte. An schönen Tagen reihte sich auch die ganze Gesellschaft an einem Stück wie eine Perlenschnur auf und wandelte durchs Dorf auf die gemähten Wiesen oder unter den großen Eichbaum am Kreuzweg. Wenn dann irgendwo etwas Gras vertrampelt war, dann wurde auf die „Verwahrschul“ geschimpft. Nur bei ganz wenigen Kindern kostete die Unterbringung einige Kämpfe, die meisten gingen stolz des Morgens mit ihrem Spielgerät zum Kirchhof, genauso wichtig und ernsthaft wie die Großen zur Schule. Die Mütter lernten die Einrichtung sehr bald schätzen. Nicht bloß, dass sie ihre Kinder wohlverwahrt wussten - merkten auch bald, wie wohltuend es sei, dass die Kinder sich an gewisse Ordnung und etwas mehr Gehorsam, als oft zu Hause verlangt wurde, gewöhnten. Am 6. November als die Ernte geborgen war, wurde die Bewahrstelle aufgehoben. Sie war als eine Kriegserntehilfe gedacht und hat diesen Zweck erfüllt. Vielleicht ist aber bei den Müttern doch der Wunsch rege geworden, auch in künftigen Erntesommern diese Annehmlichkeit wieder zu genießen und es ist damit vielleicht der Einrichtung einer Kleinkinderschule, die jeweils im Frühjahr ihre Türe öffnet und im Spätherbst wieder schließt, wirksam vorgearbeitet.

Der Bonner Ausschuss für hauswirtschaftliche Kriegshilfe verdient besonderen Dank für seine lebhafte Teilnahme an dem Werk. Dass er die Anstellung einer Kindergärtnerin anbot, ist schon erwähnt. Außerdem leistete er einen Zuschuss von 100,-- M. Der Evangelische kirchliche Hilfsverein im Rheinland überwies der Werlauer Frauenhilfe 150,-- M, welche ebenfalls der Bewahrstelle zugutekamen. Es wurden außerdem Beihilfen gewährt: Vom Kreis St. Goar 50,-- M, von der bürgerl. Gemeinde Werlau 30,-- M und aus freiwilligen wöchentlichen Beiträgen der Mütter wurden 50,47 M gesammelt.

Zusammenstellung Einnahme:

Ausschuss für hauswirtsch. Kriegshilfe .. 100.-- M
Ev. kirchl. Hilfsverein ................. 150.-- M


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[Seite 3 - im Original ohne Seitenzahl-Angabe]
BLATT 69
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Übertrag ................................ 250.-- M
Kreis St. Goar ........................... 50.-- M
bürgerliche Gemeinde Werlau .............. 30.-- M
freiw. Beiträge .......................... 50.47 M

Summe der Einnahmen ..................... 380.47 M

Die Ausgabe belief sich auf ............. 242.57 M

bleibt Bestand .......................... 137.90 M


Dieser Bestand mag als Grundstock für die Einrichtung einer Kleinkinderschule im oben erwähnten Sinne dienen. Zunächst mag er die Fortführung des Werkes sichern, wenn wir einen neuen Kriegssommer zu durchleben haben. -

Im Frühjahr 1916 wurde die Bewahrstelle wiedereröffnet. Da sich doch nach den Erfahrungen des 1. Jahres Bedenken gegen die Wiederbenutzung des alten Friedhofs geltend machten, so mieteten wir den Saal der Wirtschaft Phil. Nik. Brück mit einem Teil der dahinter gelegenen Wiese. So war für die Unterbringung, zumal auch bei schlechtem Wetter, besser gesorgt als im Vorjahr. Die Beteiligung betrug durchschnittlich 30-40 Kinder. Die Leitung hatte wieder Fräulein K. Brück, die auf Grund ihrer Erfahrungen im Jahr vorher ihre Aufgabe in recht erfreulicher Weise löste. Bis zum 1. Nov. blieb die Bewahrstelle geöffnet. Mit Hilfe des Bestandes aus dem Vorjahr konnte die Einrichtung mit 158,50 M auf Grund der festen wöchentlichen Beiträge sich selbst erhalten. (Pro Woche und Kind 0,20 M, bei mehr Kindern billiger). Ein kleiner Fehlbetrag konnte anderweitig gedeckt werden.

Im Frühjahr 1917 ging die Bewahrstelle leider nach kurzer Eröffnung ganz ein. Es wurde feste Anmeldung der Kinder für das ganze Sommerhalbjahr verlangt und eine kleine Erhöhung des Beitrages (um 5 Pfg. die Woche) - diese und die feste Organisation passte vielen Müttern nicht und es kamen nur 12 Anmeldungen. Diese Zahl war natürlich zu gering, um dafür eine besoldete Kraft einzustellen. Leider war für diesen Sommer Frl. Brück für die Bewahrstelle nicht zu gewinnen, da sie in dem Reserve-Lazarett Lilie in St. Goar eine Tätigkeit übernommen hatte. Frau Hilgert (Tochter v. Witwe Henn) war bereit und ohne Frage auch geeignet, die Aufsicht zu führen. Möglich, dass dieser Wechsel auch dazu beitrug, das Interesse für die Sache erkalten zu lassen. Es ist aber auch bei anderen Unternehmen (z. B. Krankenpflege- verein) hervorgetreten, dass die Gemeindeglieder für eine neue Sache Feuer und Flamme sind und nach einigen Jahren, wenn sie des Dinges gewohnt sind, die Teilnahme verlieren.

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[im Original ohne Seitenzahl-Angabe]
BLATT 70
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Kinder ....... Alter ................. Eltern


.1. Ernst .....“ 11. Juli 1911, 5 J.

.2. Helene ....“ 25. Okt. 1912, 3½ ... J.Jakob Isidor - jüd.

.3. Heinrich ..“ .3. März 1912, 4 J... Heinrich Wilbert - ev.

.4. Lina ......“ 24. Apr. 1911, 5 J.

.5. Marta .....“ 16. Feb. 1914, 2 J... Phil. Gräf - ev.

.6. Otto ......“ 25. Dez. 1913, 2 ½ .. J.Heinrich Brück - ev.

.7. Hermann ...“ 24. Feb. 1913, 3 J .. Jakob Hilgert - ev.

.8. Hulda .....“ .4. Jan. 1912, 4 J.

.9. Ilse ......“ 26. Aug. 1913, 3 J .. Adolf Stein - ev.

10. Wilhelm ...“ .8. Nov. 1912, 3½ J . Georg Kasp. Müller I ev.

11. Albrecht ..“ 12. Juli 1913, 3 J .. Albrecht Mudersbach, ev.

12. Alwine ....“ 20. Juli 1912, 4 J .. Friedrich Mühringer, ev.

13. Elfriede ..“ 12. Nov. 1910, 5½ J

14. Walter ....“ 12. Nov. 1911, 4½ J

15. Sopie .....“ .9. Nov. 1912, 3½ J . Jakob Hilgert - ev.

16. Albert ....“ .4. Nov. 1913, 2½ J . Karl Scherer - ev.

17. Hermann ...“ 12. Juni 1911, 5 J .. Kaspar Brück - ev.

18. Alfred ....“ 30. Sep. 1910, 6 J .. Jakob Scherer - ev.

19. Alma ......“ 26. Nov. 1911, 4½ J .

20. Erna ......“ 30. Jan. 1913, 3 J .. Witw.Pet. Müller - ev.

21. Thia ......“ .5. Aug. 1912, 4 J .. Peter Beck - kath.

22. Karoline ..“ .5. Juni 1911, 5 J .. Georg Müller - ev.

23. Theresa ...“ .5 J.

24. Katharina ........................ Clemens Engelmann - kath.

25. Otto ......“ .8. Juni 1911, 5 J.

26. Robert ....“ 18. Okt. 1913, 2½ J . Witw. Lorenz Hilgert ev.

27. Else ......“ 21. Feb. 1911, 5 J .. August Vohl - ev.

28. Frieda ....“ 29. Sep. 1911, 5 J ..

29. Karl ......“ .2. Aug. 1913, 3 J .. Karl Jakoby - ev.

30. Martha ....“ 9. Juni 1912, 3 J .. Joseph Gottschald - jüd.

31. Frieda ....“ .8. März 1911, 5 J ..

32. Alfred ... “ .2. Juli 1913, 3 J .. Wtw. Adolf Adler - jüd.

33. Walter ....“ 16. Juli 1912, 4 J .. Franz Kuhn - ev.

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[im Original ohne Seitenzahl-Angabe]
BLATT 71
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34. Heinrich ..“ 21. Dez. 1911, 4 J ..

35. Alfred ....“ 28. Sep. 1913, 2½ J . Anton Müller - ev.

36. Erwin .....“ 22. Dez. 1912, 3½ J . Christ. Petry - ev.

37. Margarete .“ .1. März 1911, 5 J ..

38. Erwin .....“ .6. Apr. 1912, 4 J ..

39. Laurentius “ 14. Okt. 1913, 2½ J . Eduard Schmitz - ev.

40. Elisabeth .“ .5. Okt. 1914, 1 J, 8 Mon - Joh. Funda ev. Frei

(kommt mit Marta)


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[im Original ohne Seitenzahl-Angabe]
BLATT 72
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Unterbringung von Stadtkindern

während der Kriegszeit in Werlau-Holzfeld


Herkunft
/ Knaben / Mädchen / Gesamtzahl / Alter / Pflegesatz / Aufenth.Dauer / Vermittlung

1916

Neuwied ... ? ...... ? ........ 30 ..... ? .. - ........ / Deutsch ev. Frauenbund
........................................................ Ortsgruppe Neuwied

Coblenz ... 7 ..... 15 ........ 22 .... 9-12 / unentgeldl / Pfr Weber, ev. Gemeinde

1917

Crefeld .. 28 ..... 39 ........ 67 ... 10-15 ... 1.50 .. 2 Gruppen v. Je 4 Wochen
........................................................ Pfr. Starck u.Wewer ev. Gem.

Neuwied .. 13 ..... 18 ........ 31 .... 9-12 ... 1.50 .. 2 Gruppen v. Je 4 Wochen
........................................................ Frauenbund

1918

Barmen ... - .......13 ........ 13 .... 9-12 ... 1. - .. 3 Monate / Dr. Schött
........................................................ Rheinfrauenhilfe

Reydt ... - ........ 4 ......... 4 ... 10-13 ... 1. - .. ? Ob. Bürgermeister - kath.
........................................................ Kinder bei Kath. Leuten in
........................................................ Holzfeld

Crefeld . 6 ........ 5 ........ 11 ... 10-16 ... 1. - .. 3 Mon Pfr. Starck
a) Pfr. Starck ......................................... 2 Konfirmanden
b) Privat ...................................... 2. - .. 4 Wochen - die übrigen durch
........................................................
eig. Vermittlung

Neuwied ... 7 ...... 7 ......................... 1.50 .. Frauenbund

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Gesamtzahl ................... 185



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[Seite I - im Original ohne Seitenzahl-Angabe]
BLATT 73
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I. Die Unterbringung von Kindern

Schon vor dem Krieg wurden von der Ortsgruppe des deutsch-ev. Frauenbundes in Neuwied alljährlich Kinder nach Werlau zur Erholung geschickt und von den Leuten gern aufgenommen, z. Teil um dadurch eine Kleinigkeit zu verdienen. Zum ersten Mal wurde die Einrichtung einer Ferienkolonie zu einem Zweig der pfarramtlichen Tätigkeit im August 1916, als Pfr. Weber um die unentgeltliche Aufnahme von Coblenzer Kindern bat. Die Leute wollten erst nicht einsehen, warum sie die Kinder unentgeltlich nehmen sollten, als sie aber hörten, dass die ev. Gemeinde Coblenz ihre Mittel durch Unterbringung von skrofulösen Kindern in Bad Kreuznach erschöpft habe, begann sie sich für dies Werk reiner Nächstenliebe an den bedürftigen Kindern einer Gemeinde der Synode zu erwärmen. Erwägungen, ein gutes Werk im kath. Sinne zu vollbringen, dessen Lohn nicht ausbleibe, haben mitgespielt.

Im Jahre 1917 geschah die Unterbringung der Neuwieder Kinder ebenfalls durch die Hand des Pfarramtes. Den Hauptteil der Pflegestellen erhielt die evgl. Gemeinde Crefeld, zu der durch meinen Schwiegervater Pfr. Starck eine persönliche Beziehung bestand. Es wäre das Natürliche gewesen, dass im Jahre 1918 die einmal angeknüpfte Beziehung mit Crefeld fortgeführt worden wäre, zumal die Leute mit den Crefelder Kindern die bisher besten Erfahrungen gemacht und zu ihnen ein gutes Zutrauen gefasst hatten. Aber da musste die Sache „verorganisiert“ werden: der deutsche Bürokratismus trat dazwischen. Das ganze Rheinland wurde in Aussendungs- und Aufnahmebezirke eingeteilt, eine Maßregel, die am Beginn der Arbeit 1915 oder 16 heilsam ja notwendig gewesen wäre und von mir auch vermisst wurde, welche jetzt aber alle selbstgesponnenen Fäden und gewachsenen Verbindungen zerschnitt. Unser Kreis wurde für die evgl. Kinder der Stadt Barmen, für die kathol. der Stadt Reydt zugewiesen. Zuerst sollte das Pflegegeld 0.50 M betragen, sodann wurde es auf meine Vorstellung hin, um es annähernd mit dem Vorjahr in Einklang zu bringen, auf 1.- M erhöht. Das Ergebnis der Werbearbeit, die sorgfältig von Haus zu Haus durch den Pfarrer persönlich vorgenommen wurde und die oft für 2-3 Stellen Reinertrag einen Nachmittag kostete, war dann auch geringer als im Vorjahr. Doch mögen auch die stärker empfundenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten mitgespielt haben. Jedenfalls waren die zu überwindenden Widerstände von Jahr zu Jahr grösser, etwa gemachte schlechte Erfahrungen wurden einem entgegengestellt und damit häufig die Ablehnung begründet. Im Allgemeinen kann man sagen, dass immer mehr die reichen Bauernfamilien sich von der Sache zurückzogen und sie den mittleren überließen: es war daran nicht viel zu verdienen! Unterstützt wurde die Werbung 1918 durch einen aufklärenden Vortrag von Rektor Schrey aus Barmen über die Notlage der Stadt, der wirklich erschütternd wirkte. Eine störende Quertreiberei verdient Erwähnung: Nachdem wir 1918 uns schweren Herzens der verfügten Organisation angeschlossen hatten, lässt der kath. Pfarrer Greber von Coblenz M.d.R., durch die Ortsschelle bekannt machen, dass er Kinder zu 2.- M pro Tag unterzubringen suche! Mit Recht fragten unsere Leute, warum sie so dumm sein sollten und Barmer Kinder zu 1.- M nehmen. Auf eine Beschwerde beim Rhein. Prov. Ausschuss - der Landrat erklärte sich in der Sache für machtlos - kam dann statt einer klaren Missbilligung des Vorgehens von Pfr. Greber eine Erklärung, die das illoyale Verhalten des Abg. verschleierte: Er werbe nur innerhalb des „Vereins christl. Hilfe“ - davon hatte aber in seinem Anschreiben an den Ortsvorsteher nichts gestanden. Immerhin fügte sich Greber jetzt auch der Organisation.

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[ - Seite 2 - ]
BLATT 74
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Erschwerend wirkte bei der Unterbringung die ganze Zwangswirtschaft. Die Kinder brachten zunächst Brotkarten mit, aber unsere Leute waren nicht gewohnt, beim Bäcker Brot zu kaufen, es war lästig, auch eine unnötige Ausgabe, wo sie selber Getreide hatten. Endlich gelang es, beim Landrat die Ausstellung von Zusatzmehlkarten für die Kinder zu erwirken.


II. Die Erfahrungen mit den Kindern

Die erste Schwierigkeit bereitete regelmäßig das Heimweh. Am 2. Tag nach der Ankunft standen oft 2-3 heulende Kinder bei mir im Hausgang, begleitet von leichtlebigeren Kameraden und Pflegemüttern, die an ihnen herumtrösteten. Einige, die es gar nicht durchbissen, mussten heimgeschickt werden. Manche schrieben sofort nach Hause und es gab unverständliche Eltern, die dann persönlich das Kind abholten. In einem Fall bekam der Vater 3 Tage nach der Heimkehr mit dem Kinde wieder Reue und wollte es wiederbringen! Es zeigte sich, dass die sanitäre Voruntersuchung der Kinder gar nicht genau genug genommen werden konnte. Bei einem Kinde brach am 2. Tag Diphtherie aus, er wurde mit rührender Aufopferung von den Pflegeeltern (Schlosser Michel Witwe) gepflegt. Bei vielen Kindern haben die Leute einen wochenlangen Kampf gegen die Verlausung geführt. Bettnässer waren oft darunter, es waren häufig sonst sehr nette Kinder, auch aus besserem Bürgerstand, die an diesen Krankheiten litten. (Kinder aus sehr geringen Verhältnissen konnten schon wegen Mangels an Kleidern und Wäsche nicht ausgeschickt werden - eine große soziale Härte!) Auch in anderer Hinsicht zeigte sich, dass die Vorbereitung der Kinder auf die ländlichen Verhältnisse sehr genau genommen werden musste. Manche Kinder haben angestoßen durch Naserümpfen und abfällige Bemerkungen über „dreckige Bauernwirtschaft“. Unter allen Umständen zu vermeiden ist es, Geschwister in verschiedenen Häusern unterzubringen, das gab in einem Fall böse „Zwischenträgerei“. Sehr wunderten sich die Pflegeeltern eines unentgeltlich aufgenommenen Kindes, als dieses ihnen sagte, seine Eltern seien so froh, dass er auf dem Lande untergebracht sei, nun könnten sie auch besser ins Kino gehen! Im Allgemeinen wirkte die Unterbringung von Kindern günstig auf das Verhältnis von Stadt und Land. Unsere Leute haben an den Kindern bei ihrer Ankunft doch mit Schrecken gesehen, wie groß die Not in der Stadt sein müsse. Viele hatten Arme und Beine wie Stöckchen. Ein Junge fror bei warmem Wetter infolge Unterernährung und wich nicht vom Herd. Viele haben sich hier in den ersten Tagen überfressen. Blühend und frisch sahen alle aus beim Abschied, auch die Armseligsten hatten doch einen Hauch neuen Lebens mitbekommen. Gewichtszunahmen bis zu 20 Pfund in 6 Wochen kamen vor! 7-8 Pfund war der Durchschnitt. Manche Kinder wurden in den Ferien, auch zu Weihnachten, von ihren Pflegeeltern wieder eingeladen. Geschenke wurden ausgetauscht. Die Barmer Kinder besuchten hier die Schule und den Konfirmationsunterricht. Sie übertrafen unsere Landkinder an geist. Beweglichkeit und Kenntnissen. Für die Feldarbeit waren die meisten Kinder zu schwach, viele hatten kein Geschick, einige waren zu faul. Einige Knaben haben mit Feuereifer und Geschick gefahren, Heu gemacht usw. Die Mädchen machten sich meistens in den Häusern nützlich und ernteten auch damit volle Zufriedenheit. Aus Düsseldorf wurden auch erholungsbedürftige Fabrikarbeiterinnen hier untergebracht, mit denen beste Erfahrungen gemacht wurden.

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[im Original ohne Seitenzahl-Angabe]
BLATT 75
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Heimarbeit

Im Herbst 1915 stellte sich das Bedürfnis heraus, für mehrere Frauen aus dem Dorfe Gelegenheit zu Verdienst im Winter zu beschaffen. Die am Orte befindliche Kunstlederfabrik konnte nur in sehr beschränktem Masse Heimarbeit auslegen, der vaterländische Frauenverein in Coblenz, bei dessen Ausgabestelle in der städtischen Festhalle einige Frauen der Gemeinde sich mehrfach Sandsäcke zum Nähen abgeholt hatten, verweigerte das Kriegsbekleidungsamt des VIII. Armeekorps in Coblenz die Abgabe an Auswärtige. Was schließlich noch in Frage kam, mit Einzelpersonen Lieferverträge abzuschließen, wurde eingestellt. So kamen mehrfach Frauen, welche in Coblenz Arbeit gesucht hatten, traurig und unverrichteter Sache wieder heim. Da das Kriegsbekleidungsamt jedoch sich bereit erklärt hatte, an einen Verein, Innung oder dergl. Heimarbeit abzugeben, so sprang die evangelische Gemeinde ein und schloss am 20. Oktober 1915 erstmalig einen Liefervertrag mit dem Kriegsbekleidungsamt des VIII. Armeekorps auf Anfertigung von Körper- Unterhosen, zurückgesandt im Febr. 1919. Als Sicherheit für die übersandten Zuschnitte hinterlegte die Gemeinde ein Staatspapier im Werte von M 200,- (Schuldverschreibung und Zinsregen). Der Gemeinde sollen für das fertige Stück M. 1,05 gezahlt werden, als Lohnanteil für die Arbeiterin sind M 0,85 festgesetzt. Der Gewinnanteil der Gemeinde dient dazu, die Auslage für Fracht, Feuer- und Einbruchdiebstahlversicherung, wenn möglich auch für die Zutaten zu decken. Die Ausgabe der Zuschnitte erfolgte alle 14 Tage durch die Pfarrfrau in der ev. Schule.

In der Folge erwies sich die Einrichtung als immer notwendiger, sie wurde für einige Familien die einzige Verdienstquelle. Die Zahl der Heimarbeiterinnen musste nach ganz bestimmten Gesichtspunkten, die von der Handwerkskammer in Coblenz vorgeschrieben wurden, beschränkt, auch oftmals die Arbeit gestreckt werden. Und doch ließen sich kurze Pausen, in denen keine Arbeit vorlag, nicht vermeiden. Es konnte im weiterem Verlauf an Löhnen gezahlt werden für Unterhosen 1,05 zuletzt M 1,10, für Halsbinden M 0,14, M 0,15, M 0,20 das Stück. So hatten fleißige Frauen doch oft einen Tagesverdienst von 5-6 M, wobei sie ihre Hausarbeit notdürftig versehen konnten. Die Fürsorgestelle bekam Aufträge bis in den Oktober 1918. Das Erlöschen derselben brachte über die Familien, die fast ganz davon abhängig waren, schwere Sorgen. Erst nach längeren Unterhandlungen gelang es, die Civilgemeinde zu einer „Arbeitslosenfürsorge“, die in diesem Fall wirklich am Platz war, zu bewegen. So lernte dadurch auch die Civil- wie die Kirchgemeinde erst würdigen, dass der Armenfürsorge durch die Heimarbeit erhebliche Lasten abgenommen waren. Während des Bestehens der Fürsorgestelle wurden an Löhnen ausgezahlt: M 7681.29. Die Verwaltung der Fürsorgestelle brachte ziemlich viel Schreibwerk mit sich (beim Verkehr mit einer militär. Stelle unvermeidlich), hatte aber die schöne Befriedigung im Gefolge, dass den bedürftigen Familien der Gemeinde wirklich geholfen wurde, in anderem Umfang und in besserer Weise als es mit Unterstützungen hätte geschehen können.


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[Seite I - im Original ohne Seitenzahl-Angabe]
BLATT 76
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Die letzten Wochen des Krieges

Waffenstillstand, Rückmarsch, Besetzung

Als ich am 17. Oktober 1918 mit meiner Frau und meinen 2 Kindern aus kurzem Urlaub heimkehrend in St. Goar auf dem Bahnhof eintraf, brachte der Fuhrmann, der uns abholte, aus dem Dorf lauter Hiobsbotschaften: Die Grippe sei fast über Nacht ausgebrochen, in jedem Haus liege wenigstens ein Kranker, in mehreren Häusern sei überhaupt niemand mehr auf den Beinen, in den letzten Tagen seien 6 Todesfälle vorgekommen. Das war eine traurige Rückkehr, aber wir hatten doch auch die Empfindung, gerade jetzt zur rechten Stunde heimgekehrt zu sein. Unter den Todesfällen erschütterte mich besonders das plötzliche Abscheiden Philipp Heinrich Kraemers, eines Mannes, der zwar Anfang der 50er, doch noch in voller Rüstigkeit stand und in mancher Hinsicht unter den Dorfbewohnern hervortrat. Mit einer starken, ursprünglichen Redegabe ausgestattet, trat er manchmal in öffentlichen Versammlungen wirtschaftlicher und politischer Art hervor; seinem Schmerz um den ihm sehr nahestehenden Schwiegersohn, Peter Müller (gef. 1914) gab er in ungekünstelten Versen Ausdruck, mit denen er sich das Leid von der Seele schrieb und die bezeugen - ich konnte ihre allmähliche Entstehung beobachten - wie er mit seinem Schmerz und seinem Sinn rang. Er war Rechner des unglücklichen, in Konkurs geratenen Raiffeisenvereins. - Auch ein Kriegsgefangener, griechisch-katholischer Russe, war der Grippe zum Opfer gefallen, er wurde von dem gerade anwesenden kath. Geistlichen aus St. Goar gelegentlich einer kath. Beerdigung mit bestattet. Glücklicherweise verlief die Grippe in den allermeisten Fällen gutartig; sehr herb war für den Betriebsführer der Zeche der Verlust seiner jungen Frau, Tochter des verst. Presbyters Kaspar Wagner, mit der er ein Jahr in glücklicher Ehe gelebt und die ihm vor wenigen Wochen ein Knäblein geschenkt hatte. Auch in unserem Dorf konnte man beobachten, was von anderen Gemeinden berichtet wurde, dass die Grippe-Epidemie auf die Gemüter einen tieferen, erschütternderen Eindruck gemacht hat als die zu Gewohnheit gewordene Kriegszeit. Das Verlangen nach einem Trost war mächtig geworden.- Am 20. Oktober wurde unter großer Beteiligung der Gemeinde der außerordentliche Landesbettag gehalten.- Text: Jes. 26, 20. Das lawinenartige Abrollen der Ereignisse in der inneren und äußeren Politik brachte auch auf unser Dorf die Leute in lebhafteste Erregung. Am 7. November hatte ich die Dorfgenossen zur Aussprache über die politische Lage auf den Schulsaal eingeladen. Vereinzelt traten Stimmen der Kritik an dem bisherigen System hervor *; ungebrochen war der Sinn für die Reichseinheit - war er jetzt vielleicht erst erwachsen? - und es wurde von manchem älteren Mann mit Nachdruck ausgesprochen: wir wollen einen Kaiser haben! Im gleichen Sinne äußerte sich das Presbyterium in seiner Sitzung am folgenden Tage. Aber da lag das Ultimatum der Sozialdemokratie bereits vor und die Versammlung konnte nur ihrer Trauer über das nun als sicher zu erwartende Ausscheiden des Kaisers Ausdruck geben.

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* insbesondere die Überzeugung, dass wichtige Gelegenheiten zu einem früheren Friedensschluss versäumt seien.

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Am 23. November wurde das Dorf zum ersten Mal stärker mit heimkehrenden deutschen Truppen belegt und von da ab gab ein Truppenteil dem anderen die Türe in die Hand: Div. Brückentrain 5, ein Teil des Generalkommandos der Armeegruppe Kleist, Fuhrp. Kol 710, Res. Pi. Bttl. 33, Res. Feld Art. Reg. 54, eine Pi. Park. Komp. und Teile des Landsturmbttls, zuletzt ein bayr. Korps. Brückentrain. Die Truppen kamen durch die südliche Eifel, hatten wohl alle bei Alf-Bullay die Mosel überschritten und zogen nun über Kartellen teils durchs Gründelbachtal teils über die Karbacher Höhe. Die Haltung der Truppen war durchweg erfreulich, das Verhältnis der Mannschaft zu Offizieren meist gut, die meisten Truppen hatten auf die Einrichtung eines Soldatenrates verzichtet, bei den Pionieren waren Offiziere in den Soldatenrat gewählt, nur bei einer Fuhrparkkol. hatte der Führer, ein Feldw. Leutnant., völlig die Leitung an den Soldatenrat abgegeben. Die Truppen fanden in der Gemeinde herzliche Aufnahme. Ich freute mich der herzerfrischenden Aussprache mit manchem kernigen Offizier und Mann, und so hat der Austausch mit deutschen Brüdern an allen Landesteilen auch in der Gemeinde belebend gewirkt. Unterdes kehrten auch nach und nach die aus dem Dorf stammenden Krieger heim, die Freude über ihre Wiederkehr überstrahlte die Trauer über den Zusammenbruch unseres Vaterlandes. Nur ganz vereinzelt rühmt sich dieser oder jener seiner Sympathie mit den Mächten des Umsturzes, trug ein rotes Abzeichen zur Schau; an der Post wurde von Matrosen aus dem Nachbardorf die schwarz-weiß-rote Fahne heruntergerissen. Als in Coblenz Heeresbestände und herrenloses Gut verschleudert wurden, fuhren auch einige Werlauer mehrfach hin und statteten sich jedes Mal reichlich aus, darunter solche, die während des großen Krieges nicht Soldaten waren. So wurden die letzten Ausläufer der sozialistischen Sturzwelle auch bis hierher verspürt.-

Weil bei dem drückenden Ernst der Zeit eine öffentliche Festveranstaltung zu Ehren der heimgekehrten Krieger sich von selbst verbot, andererseits aber die Kämpfer doch nicht ohne jedes Wort der Begrüßung in der Gemeinde untertauchen sollten, so beschloss das Presbyterium einen Begrüßungsgottesdienst für die heimgekehrten Gemeindeglieder zu halten und gab die Anregung, dass dieser Gottesdienst einheitlich in der ganzen Synode am 2. Advent dem 8. Dezember 1918 stattfinden sollte. Bis dahin waren die meisten Kriegsteilnehmer zurück und die feindliche Besatzung noch nicht eingezogen, so dass uns die nötige Bewegungsfreiheit blieb. Zum letzten Mal wehten vom Kirchturm und Pfarrhaus die schwarz-weiß-roten Fahnen im Wind, zum letzten Mal trugen die Kriegsteilnehmer, die sich auf dem Pfarrhof versammelten, den feldgrauen Rock, freilich ohne Waffen, zum letzten Mal ihre Orden. Unter Vorantritt des Presbyteriums ging es in langem Zuge zu Zwei und Zwei in die Kirche. Der Eingang, die Empore und die Säulen waren bekränzt, Kränze bezeichneten die den Kriegern eingeräumten Ehrenplätze. Die Lieder waren 12,1-3, 17,9-11, 172,3 5,1-2; Predigttext war Jeremia 31, 2. Eröffnet ward die Begrüßungsansprache mit einem Gedicht von Rudolf Herzog, das in diesen Tagen in der Kölnischen Zeitung erschienen war:

Heimkehrer, keine Kirchenglocken dröhnen,
Kein Mädchenkranz schlingt euch den Rosenreigen,
Kein Festpokal bringt Dank den Heldensöhnen,
Ihr kommt zur Nacht- die Heimat liegt im Schweigen.
Das wundgeriss‘ne Herz in Bann geschlagen,
Den Mund, der oft euch sang, vom Weh erbittert;
Er quält sich ab, er will ein Wort euch sagen,
Bis „Heimat“- „Heimat“ von den Lippen zittert.

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Greift auf das Wort! Es ist das tiefste Danken
Für euch, der Heimat blutende Bekenner.
Ihr kommt zur Nacht, still wie der Arzt zum Kranken,
Und in den Morgen wachsen - deutsche Männer.

Eine Gemeinsame Abendmahlsfeier, die mit dem schönen Abendmahlsgesang Luthers schloss mit 223,3, vereinigt die Heimgekehrten mit ihren Angehörigen und besiegelt ihre Rückkehr in den Schoss der Heimat.

Zwei Tage nach dieser Feier, bei der wir zum letzten Mal als deutsche Brüder und Schwestern „unter uns“ waren, zogen Amerikaner hier ein. Es war der 10. Dezember. Unter den Klängen einer blechernen Musik, die dazu noch „Heil dir im Siegerkranz“ spielte (doch wohl kaum „God save the King“!) mit wehenden Fahnen, kamen sie über die Karbacher Höhe an Holzf. vorbei das Dorf herunter. Der Pfarrhof bedeckte sich mit riesigen Wagen, Pferde stampften, Reiter in ihren roten Lederkollern fluchten in uns fremden Lauten, es war, als ob ein Stück aus Wild-West bei uns aufgeführt werden sollte. Die Fahnen wurden rechts und links an der Pfarrhaustreppe aufgepflanzt. Der Oberst mit dem Regimentsstab und dem Geschäftszimmer nahm im Pfarrhaus Quartier. Der Oberst, ein schlanker, noch jugendlicher Herr, schritt stracks am Hausherrn vorüber, als wäre er Luft, warf seine Ledermappe auf den Schreibtisch im Studierzimmer, als ob er damit Besitz ergreife. Er hat aber beim Abschied persönlich in höflichen Worten der Hausfrau seinen Dank für das ihm und seinen Leuten gewährte Quartier ausgesprochen. Die Leute betrugen sich sehr ordentlich. Unter dem Personal des Geschäftszimmers waren mehrere Studenten, die z. T. in Deutschland studiert hatten. Sie seien, sagten sie, in den Krieg gezogen, wegen Belgien und Polen und weil Deutschland die ganze Welt erobern wollte! Auch im Dorf, das sehr stark belegt war, war man durchweg mit der Haltung der Truppen zufrieden. Was sie sich von den Dorfbewohnern geben ließen, haben sie fürstlich bezahlt. Ausrüstung und Verpflegung der Truppe war glänzend, wir dachten mit tiefer Wehmut aber auch mit Bewunderung daran, mit welch kümmerlicher Ausstattung und kärglicher Verpflegung unsere Leute in der letzten Zeit diesem Gegner gegenübergestanden hatten. Am 13. Dezember zogen die Amerikaner ab.

Am Tag vor Heiligabend, dem 23. Dezember, kamen die ersten Franzosen. Das Auftreten der Quartiermacher war herrenmäßig und rücksichtslos. Auf etwa 4 Uhr war das Eintreffen der Truppe gemeldet. Die männliche Bewohnerschaft des Dorfes bis zu 48 Jahren war dazu an den Bachübergang im Orte bestellt. Ich wurde im Auftrag eines Offiziers persönlich um meine Anwesenheit gebeten und ging arglos hin, weil ich dachte, es gäbe Anweisungen über unser Verhalten. Es kam aber ganz anders. Wir wurden an der Straße in einer Linie zu einem Gliede aufgestellt, uns gegenüber nahmen zwei Gruppen im Stahlhelm mit aufgepflanztem Bajonett Aufstellung, als die Spitze des 1. Bataillons auftauchte, wurde der Befehl gegeben „Hut ab“- und so standen etwa 100 Männer, die zum großen Teil im Krieg gewesen waren, mit entblößtem Haupt im Regen bis der letzte Mann des Bataillons vorüber war. Gegenüber hielt der Kommandeur mit seinem Stabe. Nach kurzer Pause rückte das II. Bataillon an, es vollzog sich dieselbe Demütigung. Zähneknirschend, unter stillen Flüchen, unterwarfen wir uns dem Zwang, Widerstand wäre Dummheit gewesen. Etwa 1500 Mann waren im Dorf eingerückt, 2 Bataillone des abgesessenen 8. Kürassierregiments. Im Pfarrhaus war eine Offiziersküche eingerichtet, es aßen dort 15 Offiziere, in der Küche wirtschafteten 6 Köche, der Kommandeur und ein Arzt schliefen bei uns. Die Scheune stand voll Pferde, in der Waschküche lagen 8 Mann auf Stroh, das Haus stand Tag und Nacht offen für Befehlsempfänger. Auf jedes Haus im Dorf kamen 10-20 Mann. Da war kein Huhn oder Kaninchen mehr sicher.

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Bezahlung wurde oft gar nicht oder zu einem lächerlich niedrigen Preis geboten. Aber auch Stiefel, Gamaschen, Uhren wurden gestohlen. Selbst die Opferbüchse in der Kirche wurde am 1. Feiertag von einem Franzosen ausgeleert und der Inhalt mitgenommen. Das einzige Zimmer im Pfarrhaus, das uns noch geblieben war, in dem auch der Christbaum stand - einen Rest deutscher Weihnacht hatten wir uns dahin geflüchtet - wurde nicht leer von Klageführern. Am Abend des ersten Feiertages hatte ich eine Unterredung mit dem Kommandeur. Ich legte ihm die Fälle vor, in denen Leute aus dem Dorf bestohlen waren, wies auch auf die Mitnahme der Kollekte hin und bat ihn, auf seine Leute dementsprechend hinzuwirken, da doch ein Waffenstillstand abgeschlossen sei. Der Offizier entgegnete mir, es sei noch kein Friede, sondern noch Kriegszustand. Das Verhalten der Deutschen in Belgien und Frankreich habe alle Moral des Krieges vernichtet. Sie hätten im Großen begangen, was hier im Kleinen geschehen sei. Aus seiner eigenen Familie wies er Fälle nach, in denen die Deutschen sich an fremdem Gut vergriffen hätten. Ich erklärte ihm, dass wir Deutschen solche Vorkommnisse nicht minder missbilligten als er, dass wir aber doch diese „Kriegsmoral“, wenn sie einmal eingerissen sein sollte, nicht verewigen dürften. Der Offizier versprach Abhilfe und entschädigte zunächst die Kirche mit dem doppelten Betrag der Kollekte, den ich angegeben hatte. Dann untersuchte er persönlich in jedem Hause, das ich ihm angegeben hatte, den Fall und erreichte vielfach die Rückgabe der entwendeten Gegenstände. Für diejenigen, denen ihr Eigentum nicht zurückerstattet werden konnte, gab er mir am Abend vor dem Abmarsch eine Pauschalsumme, die nach dem Abzug verteilt werden sollte. Also er hat sich wohl, nicht ohne Absicht, als korrekter Cavalier gezeigt. Am 27. Dezember zog die Truppe ab. Das Dorf atmete auf, die Hühner wurden wieder aus ihren Ställen gelassen, wo sie zur Sicherheit eingesperrt gehalten worden waren, sie gackerten, die Hähne schlugen vor Freude mit den Flügeln und überall begann in den Häusern großes Reinemachen. Es war, als ob alle von einem bösen Traum erwachten.- In diesen bösen Tagen hatte sich die Kirche als rechte Zufluchtsstätte erwiesen. Es gab selten ergreifendere Weihnachtsgottesdienste, die wir unter den Augen unserer Feinde hielten. Auch der Christbaum war nicht vergessen.

Am 30. Dezember kam neue Einquartierung, die aber viel gesitteter und freundlicher auftrat. Sie behauptete, ihre Vorgänger seien berüchtigt gewesen. Das Neujahr blieb sie bei uns. Dann wurden wir frei bis Ende Januar. Ein kleines Kommando, hauptsächlich zur Pflege der zahlreich in der Scheune untergebrachten Pferde, wurde ins Dorf gelegt. Die Leute waren mit ihrer Haltung sehr zufrieden. Mitte März wurde die Belegung vermehrt durch einen Pionier-Brücken-Train. Das Pfarrhaus, kurze Zeit wieder Sitz eines Offizierskasinos, wurde nach 8 Tagen auf Antrag, der sich nur auf die Küche erstreckte, ganz geräumt.

In der Schule wurde seit Februar französischer Unterricht auf höheren Befehl eingeführt. In kurzer Zeit haben sich unsere Leute zahlreiche französische Brocken angeeignet, so dass sie sich mit den Franzosen in einer Mischsprache hinreichend verständigen konnten. Von der weiblichen Jugend wurde leider nicht immer dem Feinde gegenüber die Zurückhaltung geübt, die am Platze gewesen wäre. Es wurde wenigstens durch Zusammenwirken der kirchlichen Vertretungen mit den Wirten erreicht, dass im Dorf nicht, wie auf allen kath. Dörfern des Umkreises, Tanzmusik stattfand, bei der es unausbleiblich war, dass unsere Mädel auch mit dem Feind tanzten. Wenn unsere weibliche Jugend hie und da auswärts Entschädigung suchte, so ist das für sie wenig ehrenvoll, wir konnten‘s nicht hindern.



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Transkription - Manuel Hamm, 2016

Lektorat - Klaus Brademann, 2017

Html-Übertragung - Pfr. Hans-Dieter Brenner, 2017


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Nachbemerkungen zum "Curriculum Vitae"

In weiteren Aufzeichnungen berichtet Pfr. Rudolph Spieker in Anmerkungen zu seinem "Curriculum Vitae", dass er in seiner Werlauer Zeit verschiedenen Nebentätigkeiten nachgegangen ist.

So war er während der Betreuung der Welrlauer Pfarrstelle noch als Religionslehrer an 2 Volks- und Lanteinlehrer an der Privatschule in St. Goar tätig und organisierte "Arbeitsbeschaffung für Erwerbslose" durch Kriegsbekleidungsamt in Kolbelnz. In der Gemeinde setzte er musikalische Akzente mit Luther-Liedern und engagierte sich mit Vorträgem im Kollgementeam der Pfarrer aus den Nachbargemeinden, hielt Leseabende im Pfarrhaus mit Kolleginnen und "Kriegsdienst im Reservelazarett".

1919 wechselt Pfr. Rudolph Spieker nach Köln-Ehrenfeld und 1925 nach Hamburg-Eppendorff.

Nach seinem Ruhestandseintritt 1957 unternahm er Anschungs-Reisen ins südliche Italien und befasste er sich mit Studien zu Antike und frühem Christentum.


Pfr. Hans-Dieter Brenner, Frühjahr 2017,
Evangelische Kirchengemeinde St. Goar

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